Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs flossen rund 580 Milliarden in die Region, dennoch konnte sie gegenüber Westeuropa kaum aufholen
Wien - Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind nach Berechnungen des Consulters Roland Berger insgesamt rund 580 Mrd. Euro nach Mittel- und Osteuropa (CEE) geflossen, 60 Prozent davon nach Russland, Polen und Tschechien. Dennoch konnte die Region in den vergangenen zwei Jahrzehnten gegenüber Westeuropa wirtschaftlich kaum aufholen. Bis zum Jahr 2020 werde Osteuropa diesen Abstand nicht verringern, meinte Vladimir Preveden, Südosteuropa-Experte bei Roland Berger, am Mittwochabend im Rahmen des "CE Business Club" in der Erste Bank in Wien.
Preveden rechnet damit, dass die Region wirtschaftlich in diesem Zeitraum an Bedeutung verlieren werde. Kleinere Staaten würden zunehmend als Subregion gesehen, etwa Slowenien, Tschechien, die Slowakei und Ungarn als Zentraleuropa. Sie würden sich auch in Zukunft deutlich unterschiedlich entwicklen. Bisher konnte Polen am meisten von der Ostöffnung profitieren: Ende 2008 erwirtschaftete das Land 177 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus dem Jahr 1989. Damit entwickelte sich das knapp 40-Millionen-Einwohner zählende Land besser als Österreich (158 Prozent) und die Slowakei (157 Prozent). Andererseits haben Serbien und die Ukraine heute sogar eine deutlich geringere Wirtschaftskraft als vor 20 Jahren.
Deutlicher Verlust an sozialer Sicherheit
Mit dem BIP-Zuwachs in den meisten Ländern ging jedoch auch ein deutlicher Verlust an sozialer Sicherheit einher. Die Arbeitslosigkeit stieg von nahezu Null in kommunistischen Zeiten 1995 auf über 10 Prozent. 2008 sank die Arbeitslosenrate auf durchschnittlich 8,4 Prozent. Aufgrund der Wirtschaftskrise sind aber auch in Osteuropa die Arbeitslosenzahlen teilweise deutlich im Ansteigen. Außerdem werde die Region immer stärker mit einer fortschreitenden Überalterung der Gesellschaft und Abwanderung konfrontiert, so Preveden.
Darüber hinaus werde sich Osteuropa auch künftig von der Abhängigkeit von ausländischen Investitionen und internationalen Institutionen nicht lösen. Obwohl die Staatsverschuldung im Vergleich zu Westeuropa relativ niedrig sei, ist die gesamte Auslandsverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt deutlich im Steigen. Strukturreformen würden auch in Zukunft nur auf Druck der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) erfolgen, glaubt der Roland-Berger-Experte. Nach seiner Ansicht wird Russland als Investor mit Fokus auf den Energiebereich im CEE-Raum, aber auch in Westeuropa eine größere Rolle spielen.
Abhängigkeit vom Westen
Für Ulrich Schmidt, Geschäftsführer der Beiersdorf CEE Holding, hat die Finanzkrise offengelegt, wie stark die Abhängigkeit Osteuropas vom Westen ist. "Ich bin froh, dass die Blase geplatzt ist", so Schmidt, der damit unter anderem auf die teilweise hohen Immobilienpreise und knapp werdenden Arbeitskräfte in einigen Ballungsräumen der Region anspielte.
Mobilkom-Austria-Finanzvorstand Dino Dogan betonte, dass man vor der Krise "sehr erfolgreich war" und nun noch immer "erfolgreich ist". "Wir jammern auf hohem Niveau." Dass der Ost-Boom eine Erfolgsgeschichte sei, könne man an der vor rund zehn Jahren getätigten Greenfield-Investition, der Gründung der mobilkom-Tochter VIPnet, in Kroatien sehen. Rund 800 Mio. Euro wurden für Investitionen aufgewendet. Heute arbeiten rund 1.100 Mitarbeiter in Kroatien, die einen wesentlichen Beitrag für die Wertschöpfung im Land und auch für die Mobilkom Gewinne erwirtschaften. (APA)