UNISTANDARD-Interview

"Trennung von Forschung und Lehre"

26. November 2009, 10:57

Der neue Uni-Kollektivvertrag trennt zwischen Elite-Forschern und Lehrenden - Für die Forschung muss der Nachwuchs die Freizeit opfern, so der Politologe Thomas Schmidinger

UniStandard: Wo liegen die größten Knackpunkte des neuen Uni-Kollektivvertrags, der seit Oktober gilt?

Schmidinger: Wir Lektoren kritisieren vor allem die eingeführten "Senior Lecturers". Sie sind im KV (Kollektivvertrag, Anm.) unklar definiert, nämlich ohne festgelegtes Arbeitsausmaß, als "Personen, die überwiegend in der Lehre eingesetzt werden". An der Uni Wien wird derzeit verhandelt. Das Rektorat plant einen Lehrumfang von 13 bis 16 Wochenstunden plus Vorbereitungszeit. Es ist nicht vorgesehen, dass "Senior Lecturers" auch forschen. Sollte das umgesetzt werden, kommt es zur Trennung von Forschung und Lehre.

UniStandard: Heißt das für die Studenten weniger Qualität?

Schmidinger: Wenn die Lektoren alle ersetzt werden, ja. Im Moment sind Lektoren auch außeruniversitär tätig und bringen Inputs aus der Forschung und Praxis an die Unis. Durch das Einstellen von "Senior Lecturers" wird die Vielfalt der Inhalte zurückgehen und weniger Spezialisierungen angeboten werden.

UniStandard: Wird Österreich als Forschungsstandort unattraktiver?

Schmidinger: Es gibt eine Teilung durch die parallele Einführung von "Senior Scientists" und "Senior Lecturers". Es soll also Lehrende geben und elitäre Forscher, mit denen man internationale Erfolge erzielen will. Aber woher kommen die Nachwuchsforscher, wenn die Lehre vernachlässigt wird?

UniStandard: Wie wird im KV mit dem Nachwuchs umgegangen? Schmidinger: Predoc-Stellen waren früher Vollzeitanstellungen. Die Hälfte der Stunden konnte für die Dissertation verwendet werden. Im neuen KV werden diese Stellen zwar besser bezahlt. Doch an der Uni Wien wurde das Arbeitspensum auf 30 Stunden reduziert, davon stehen nur noch zehn Stunden für die Dissertation zur Verfügung. Die restlichen 20 Stunden sind für Verwaltung und Lehre kalkuliert. Die Uni hat so den Spielraum genutzt, um Verbesserungen, die es im KV gebe, zu unterlaufen.

UniStandard: Ist ein Streik geplant?

Schmidinger: Die Idee steht im Raum. Die Frage ist aber, wie man einen Streik so organisieren kann, dass er nicht nur Lehrenden und Studierenden schadet, sondern jenen wehtut, bei denen man etwas erreichen möchte. (Sophie Niedenzu, DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2009)

 

Zur Person

Thomas Schmidinger (35) ist Lektor für Politikwissenschaft in Wien und Präsident der "Institutsgruppe Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen".

Schön
01
26.11.2009, 21:00
Das ist weniger ein Problem des KV

als vielmehr der eigenwilligen Interpretation vieler Bestimmungen durch die Rektoren. Senior lecturers sind als Nachfolgemodell sog. Vertragslehrer, wie es sie hauptsächlich an den Kunstunis gibt, zu verstehen. Wenn also Personen, die in Forschung UND Lehre tätig sind, solche Verträge erhalten sollen, ist das ganz einfach falsch. Merkwürdig auch: Wenn das bisher bei Lektor(inn)en so gewesen sein soll, dann wurde § 109 UG verletzt, denn Kettenverträge sind nur bei Tätigkeiten in Forschungsprojekten ODER ausschließlich in der Lehre tätigen erlaubt.

SRW
01
26.11.2009, 19:41
an der WU das gleiche...

die WU hat das stundenausmaß f studienassistentInnen in ausbildung auf 3/4 reduziert... die müssen jetzt in ihrer freizeit an ihrer diss arbeiten. eine aushöhlung des KV!

Shanajio
01
27.11.2009, 10:47

Das ist überall so. Auch der FWF hat diese Denkweise übernommen.

Ich verstehe das wirklich nicht. Gerade in den Ingenieurswissenschaften, wo nicht nur die gute Idee sondern auch deren Umsetzung wichtig ist, brauchen die Professoren gute Dissertanten um erfolgreich zu sein. Sicher gibt es viele Studenten die sich nach dem Abschluss des Magisterstudiums eine Dissertation überlegen, aber wahrscheinlich wegen dieser Arbeitsbedingungen sich dagegen entscheiden.

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