Lesefähigkeit

Der "Briefkasten" in unserem Gehirn

25. November 2009, 17:01
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    foto: ap/kirsty wigglesworth

    "Letterbox" (Briefkasten) - so nennt der Wissenschaftler Stanislas Dehaene jenen unteren Teil der linken Gehirnhälfte, der für die Lesefähigkeit verantwortlich ist.

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    Das menschliche Gehirn in seiner modernen Form ist rund 200.000 Jahre alt - das Lesen jedoch nur rund 5.000 Jahre.

Warum wir erst seit relativ kurzer Zeit lesen, obwohl unser Gehirn dazu schon lange Zeit fähig war und wie das Gehirn das Lesen "gelernt" hat

Über die Geschichte des Lesens lernt heute jedes Schulkind: Von piktographischen Zeichen, die einfach nur den Gegenstand abbildeten, über die Keilschrift der Sumerer bis zur heutigen Wissens- bzw. Informationsgesellschaft. Die Phönizier entwickelten das Alphabet, die Griechen veränderten es passend zu ihrer Sprache und fügten die Vokale hinzu.

All das passierte innerhalb von wenigen tausend Jahren, das Lesen selbst ist rund 5.000 Jahre alt. Das Gehirn in seiner heutigen Form besteht aber seit rund 200.000 Jahren, wie der "NewScientist" unlängst in einem Bericht erwähnte. Warum also haben wir erst so spät mit dem Lesen begonnen, wenn die Voraussetzungen dafür längst gegeben waren?

"Lese-Hot-Spot" im Gehirn

Eine mögliche Erklärung liefert der französische Neurowissenschafter Stanislas Dehaene in seinem neuen Buch "Reading in the Brain. The science of evolution of a human invention". Dem Wissenschaftler zufolge findet das Lesen in allen Gehirnen auf dieselbe Art und Weise und am gleichen Ort statt. Den menschlichen Gehirnen ist also - bis auf ein paar Millimeter Unterschied - ein "Lese-Hot-Spot" gemeinsam. Dehaene bezeichnet diese Art Zentrum des Lesens, das sich ganz unten in der linken Gehirnhälfte befindet, als "Letterbox" (Briefkasten).

Tiere aufspüren

In der kognitiven Neurowissenschaft geht man üblicherweise davon aus, dass jene Teile des Gehirns, die für eine gewisse Funktion bestimmt sind, sich entwickelt haben, um die Reproduktion zu unterstützen. Die "Letterbox", so der Buchautor, könne jedoch nicht eine solche Adaption sein. Der Grund: Das Lesen sei, im Gegensatz zu neurologischen Fähigkeiten wie Sprache, eine relativ neue "Erfindung". Die Schlussfolgerung: Jener Teil des Gehirns, der für das Lesen zuständig ist, wurde ursprünglich für eine andere Aufgabe entwickelt, später aber auch noch dem Lesen zugeteilt. Die ursprüngliche Aufgabe der "Letterbox" sei etwa das Aufspüren von Tieren gewesen, so der Autor. "Die Architektur des menschlichen Gehirns gehorcht strengen genetischen Bedingungen, aber einige der Verbindungen haben sich dazu entwickelt, Veränderungen zuzulassen", so Daehaene.

Gehirn interpretiert Muster

Auch Jürgen Sandkühler vom Zentrum für Gehirnforschung der Meduni Wien interpretiert die Entstehung des Lesens ähnlich: Das Gehirn habe eine uralte Fähigkeit zu lernen und Muster zu interpretieren, zum Beispiel um Mimik zu deuten oder Spuren zu suchen." Nicht das Lesen, sondern die Schrift sei der entscheidende Schritt gewesen. "Lesen ist die Folge des Schreibens", so Sandkühler. Die Schrift werde vom Gehirn interpretiert wie andere Muster auch. Was genau beim Lesen im Gehirn vorgehe, sei eine sehr komplexe Angelegenheit, Sandkühler spricht sogar von einem "Mysterium". Die Forschung darüber sei eine noch sehr junge Wissenschaft.

Lesen hängt von der Schrift ab

Dietmar Röhm vom Fachbereich Linguistik der Universität Salzburg erklärt, dass man zumindest über die visuelle Verarbeitung beim Lesevorgang schon viel wisse: Es gibt bestimmte Areale im Gehirn, in denen Wortformen abgelegt sind. Es gehe um die Zuordnung zu Inhalten - dass dies gerade anhand von Buchstaben passierte, sei reiner Zufall. Eine genaue Zeitangabe, wie alt das Lesen sei, hält er nicht für sinnvoll: Denn beim Lesen könne die prinzipielle Fähigkeit dazu zwar schon lange bestehen, es gehe aber darum, diese auch zu nutzen. Auch Röhm ist der Meinung, dass das Lesen hauptsächlich von der Entwicklung Schrift abhängig sei: "Wäre die Schrift früher erfunden worden, hätten wir auch früher lesen können." (red, derStandard.at, 25. 11. 2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 45
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M0hammed
01
29.11.2009, 13:33
Das Mysterium ist, daß viele Lesen können, aber trotzdem nichts verstehen!

Die Information über die Form der Schuhe, hat Aussagekraft über die drinnen steckenden Füße.

Das ist bei Text ganz anders, aber schlichte Gemüter bemerken das nicht.

Walter Tiefenthaler
00
denen gegenueber...

...stehen millionen von naturnahen menschen, die zwar verstehen, aber nicht lesen koennen.

werwolfi
00
28.11.2009, 22:58

"Wäre die Schrift früher erfunden worden, hätten wir auch früher lesen können."

naja. das argument fällt in etwa in den bereich "wenn meine oma 4 räder hätte, wäre sie ein autobus".

die frage stellt sich nämlich, warum denn nicht früher jemand schrift für notwendig erachtet hat.

die abkehr vom nomadentum und die daraus folgenden probleme, in immer größeren gesellschaften gewisse dinge aufzeichnen zu müssen, waren da sicher ein wesentlicher faktor.
und das "aufspüren von tieren" war ja dann nicht mehr so wichtig. :o)

Walter Tiefenthaler
00
was wiederum zum schluss fuehrt...

...um wieviel besser muss das gedaechtnis dieser menschen gewesen sein?

werwolfi
01
28.11.2009, 22:56

"Jener Teil des Gehirns, der für das Lesen zuständig ist, wurde ursprünglich für eine andere Aufgabe entwickelt, später aber auch noch dem Lesen zugeteilt. Die ursprüngliche Aufgabe der "Letterbox" sei etwa das Aufspüren von Tieren gewesen,"

mit anderen worten: seit der mensch liest, ist er ständig auf der suche nach seinen viechern... so sind vermutlich die konzepte "besitz" und "zaun" entstanden ;o))

Bonobo
05
28.11.2009, 00:52
Nur shcalue Letue knnöen lseen ?

Ich knnote nhcit guablen, dass ich tsatächilch vetrsheen kötnne, was ich
hrie lsee. Die phnämoenlae Kfrat des mschenilchen Gseiets bewrikt luat
Utnersuhcugnen an der Uinvertsität Cmabrigde, dass es kniee Rlole spliet, in
wcheler Riheenfgloe die Bcahstuben in eniem Wort sheetn. Wtichig ist nur,
dass der etsre und der lzette Bcutshbae an der rgtihcein Sletle snid. Der
Rset knan vlöilg drhccuinenaedr sein und man knan es iemmr ncoh pbrolemols
lseen. Das kmomt dhear, dsas der mcehlihcsne Vrtsenad nhcit jeedn Bcutshbaen
für scih lesit, sdnoren das Wrot als Gzaens. Etsruanlcih, nhcit whar?

Und ich dhacte iemmr, Rhcetshcriebnug sei whictig! Jzett knönen Sie aleln
erzhläen, dsas das nhcit simtmt!!!!

;-)

Walter Tiefenthaler
00
es gibt unterscheidliche methoden des lesen lernens...

...sie spielen hier auf die ganzheitsmethode an, die sich in den letzten drei jahrzehnten durchgesetzt hat (und die dem phaenomen der legasthenie neue dimensionen eroeffnete). bei anderen lesetechniken funktioniert das von ihnen angegebene phaenomen nur bedingt. rechtschreibung ist ein kodex, der darauf abzielt gemeinsame standards zu implementieren, die eine allgemeine verstaendlichkeit einer sprache sicherstellen. in diesem sinne ist ihre rechtschreibung voellig korrekt, sie haben dieser nur ein standardisiertes kriterium hinzugefuegt.

rothschild
00
1.12.2009, 21:09


schicken sie mal ihre kinder mit diesem argument zum nexten deutschaufsatz. mal sehen was die lehrperson dazu sagt :)

Franz Kohlegger
00
29.11.2009, 17:13
Wissenschaftsversuch im Netz

Ich habe die Ganzheitsmethode nie gelernt ... und gann den Text dennoch lesen. Es liegt also nicht daran wie man das Lesen gelernt hat. Ich postuliere sogar (ohne Wissen!!) das Gegenteil: "Ganzheitmethodisten" haben beim Lesen mehr Schierigkeiten als ich, da mein Hirn die Buchstaben einzeln erkennt und dann in ein Wort umsetzt. Wer Buchstaben nicht einzeln liest erkennt eventuell (Vermutung!) das Wort von vorneherein nicht.

M0hammed
00
29.11.2009, 13:38
Sie sprechen die Folgen der Ganzheistmethode an, in der die Kinder blitzarig lesen lernten aber keine Ahnung von Rechtschreibung bekahmen.

Aber Danke für die Erinnerung.

Ist ähnlich der Mengenlehre, eine feine Sache aber von den Lehrern vergeigt.

Ich glaube das lag daran, daß noch Heute in den Kindern der Glaube verbreitet wird, 9 und 9 ergibt 18 obwohl 9h gemeint ist.

Lösungsmengen abschätzen zu lernen hilft immer und sich exakt zu informieren auch!

werwolfi
00

"keine Ahnung von Rechtschreibung bekahmen."

"bekahmen" ist gut ;o)

Francis Scott
00
28.11.2009, 15:34

naja, versuchen Sie das mal mit richtig langen worten. das gehirn kann natürlich eine menge erstaunliches leisten, aber dieses beispiel ist eben auch nur ein akt der problemlösung, der seine grenzen hat.

und für das thema nicht sehr relevant ;)

werwolfi
00

tja, das ist aber auch so eine sprachspezialität im deutschen, dass man beliebig lange zusammengesetzte wörter bauen kann, die aber i.a. nicht mehr wirklich sinnvoll oder brauchbar sind.

für alle in der praxis relevanten wortlängen funktioniert es wunderbar, wie der obige text beweist.

Walter Tiefenthaler
00
sagen sie nicht....

...dass das mit donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitaensanwaerter nicht funktioniert?

Christiane Amanpour
 
00
26.11.2009, 19:18
Lesen ist nur EINE Form der Mustererkennung, Schrift ist ein fest-gelegtes Muster aus kodierten Zeichen

Mustererkennung gibt es bei vielen Tieren, bei den Primaten und beim Menschen so und so.

Der Artikel bietet ein selten verwirrendes Gestammel, über das Anthropologen, Neurologen, Linguisten, Semiotiker u.v.m. herzlich lachen können.

Eine seriöse wissenschaftliche Berichterstattung würde die Anatomie der "Letterbox" präzisieren & recherchieren, ob es vergleichende Studien zur Hirnstruktur von schriftlosen Kulturen & Schriftkulturen gibt.

(Da es nur mehr wenig schriftlose Kulturen gibt, ist das klarerweise schwierig. Aber - wer weiß - vielleicht hat jemand das erforscht. Die interviewten Wissenschafter wissen das vielleicht.)

her wig
02
26.11.2009, 17:20

Der Mensch ist das einzige Tier dass sich die Spuren zu seinem Fressen selber legt.

Obwohl, so ganz stimmt das nicht, Ameisen beispielsweise tun das auch (vgl. Ameisenalgorithmus).

Oder ist der Mensch das einzige Raubtier das Spuren legt um andere Tiere für seine Zwecke zu verführen?

Nein, wieder nicht. Schon Blumen locken Bienen an, um sie dann zum Bestäuben einzusetzen.

Ach verdammt. Schon wieder gescheitert bei der Suche nach der Missing Difference.

werwolfi
00
28.11.2009, 22:59

blumen sind raubtiere?

wusst ich gar nicht... ;oP

Francis Scott
00
28.11.2009, 15:30

blumen locken gar nichts an, dazu bräuchten sie bewusstsein.
und jetzt bitte ich Sie, "bewusstsein" für mich klar zu definieren ;)

mirror
00
2.12.2009, 18:33
Blumen verfügen sogar über mehrere Arten von Bewußtsein.

Es wäre wohl sehr eingeengt, irgendwelchen Wesenheiten Bewusstsein abzusprechen, wo doch alles, was ist, Bewusstsein in unendlich vielen verschiedenen Weisen ist.
Blumen haben Bewusstseinsdimensionen, so auch das menschliche Wesen. Die nicht materielle Welt in der Form, wie wir sie mitunter benutzen, bietet eine unendliche Reihe weiterer Bewusstseinsmöglichkeiten. Hiervon machen sie spätestens in ihren körperlichen Schlafzuständen miterfahrenden Gebrauch.
Mit ihren grundsätzlich vorhandenen Metasinnen können Sie sogar ganz einfach das Bewußtsein von diversen Wesenheiten wahrnehmen. Dazu brauchen Sie lediglich ihre eigenen Möglichkeiten zuerst zu entdecken. Da gibt es sehr, sehr viel!

Merksatz: Es ist alles anders, als Du DENKST. ;)

alte frau
00
26.11.2009, 18:21

dass du daran scheiterst, heißt nicht, dass es sie nicht gibt. kein mensch wird vernünftigerweise daran zweifeln können, dass es einen unterschied zwischen ihm und tieren gibt.

her wig
00
26.11.2009, 20:47

Natürlich kenne ich den Unterschied: die Krone der Schöpfung hat die Fähigkeiten aller Tiere in sich vereint - besser gesagt, der Mensch als Repräsentant Gottes verfügt über alle Mächte, während Tiere und andere minderwertige Geschöpfe nur über Teile davon verfügen können. Aber erklären Sie das einmal diesen verbohrten Wissenschaftlern, die lassen sich vom offensichtlichen nicht überzeugen.

der bunte faschist
10
26.11.2009, 14:42
"Wäre die Schrift früher erfunden worden, hätten wir auch früher lesen können."


Aha. Wunderbar.

gastrosoph
00
26.11.2009, 10:09
Mysterium?

Schon bei frühen Hominidenwar die ausgeprägte Kunst des Erkennens von Fußspuren - des sprichwörtlichen Lesens einer Fährte lebensnotwendig. Da die Schrift in jeder Kultur aus Bildern hervorgegangen ist - die japanischen Kanji etwa gehen auf chinesische Begriffs- und Bildsymbole zurück, und auch die Buchstaben unseres Alphabets bildeten einst konkrete Gegenstände ab, besteht offenbar von Anfang an eine besonders enge Beziehung zwischen diesen Zeichen und dem Lesen.

GAGA3
00
26.11.2009, 10:02

Ich könnte mir vorstellen, dass sich das Schreiben von Zahlen früher entwickelt hat, als die Leseschrift; vielleicht hat man auch nur Stricherl gemacht. Jedenfalls muss man Berechnungen auch lesen können.

Guybrush Threepwood
01
26.11.2009, 09:56
"Wäre die Schrift früher erfunden worden, hätten wir auch früher lesen können."


Einfach nur genial, dieser Satz!

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