Ethnomedizin

Andere Länder, andere Schmerzen

24. November 2009 17:22

Nicht nur sprachliche, sondern auch kulturelle Hindernisse tun sich im Spitalsalltag auf

Hamburg/Wien - Wenn Patienten südländischer Abstammung über Schmerzen klagen, aber nicht genau sagen können, wo es wehtut, fällt von Ärzten manchmal dafür abschätzig der Begriff "Türkenbauch" . Die Ethnomedizin arbeitet Vorurteilen wie diesen entgegen. Sie widmet sich den Verschiedenheiten im Umgang mit Krankheiten und deren Symptomen in anderen Kulturkreisen und den daraus resultierenden Erschwernissen für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

Ekkehard Schröder von der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin in Hamburg warnt davor, jegliche Ungereimtheiten im Verhalten eines Patienten dessen kultureller Prägung zuzuschreiben. "Dass es überall weh tut, sagen zum Beispiel auch Kinder, wenn sie sich noch nicht genau ausdrücken können" , sagt er. Man solle sich daher fragen, ob die unspezifische Darstellung von Schmerzen viel mehr daher rühre, dass die Person sich in der Sprache nicht so gut ausdrücken könne. Man bedenke: "Schon Männer und Frauen erleben Schmerzen unterschiedlich."

Krankheiten können sich aber sehr wohl anders darstellen, weil in manchen Fällen je nach Kultur und Sprache andere Symptome benannt werden. Das Symptom "niedriger Blutdruck" etwa sei laut Schröder rein im deutschsprachigen Raum bekannt.

Yvonne Schaffler vom Unit Ethnomedizin an der Med-Uni Wien erwähnt andere Probleme, die im Spital auftauchen können: So sei es etwa bei türkischen Familien üblich, dass viele Angehörige gemeinsam jemandem Krankenbesuche abstatten, da diese Besuche "im Islam eine wichtigere Rolle spielen" . Oft werde dabei auch Essen mitgebracht. Beides könne bei anderen Patienten auf Unverständnis stoßen.

Außerdem sollten Ärzte mit Patienten islamischen Glaubens neben etwaiger Probleme mit dem Menüplan die Frage klären, ob alkoholhaltige Medikamente für sie ein Problem darstellen. Der Glaube verbiete ihnen die Einnahme von Alkohol, in Notfällen sei sie aber erlaubt, erklärt Schaffler. Das Hauptproblem bei der Behandlung von Patienten mit sprachlichen und kulturellen Unterschieden ist nach Schafflers Einschätzung aber, "dass es sehr an Zeit mangelt." (Gudrun Springer, DER STANDARD - Printausgabe, 25. November 2009)

Kommentar posten
17 Postings
Madame Haram
27.11.2009 11:07
By the way:

Das mit den alkoholhältigen Medikamenten ist doch wohl ein Scherz, oder?
Entweder man begibt sich bei "den Ungläubigen" in Behandlung oder man lässt sich von Allah heilen. So einfach ist das.

Bezeichnend auch, dass der Artikel sehr schnell wieder bei Türken und Moslems landet.

Madame Haram
27.11.2009 11:03
"Andere Länder, andere Schmerzen"

Tja, nur sind es eben die Migranten, die sich in diesem Fall in einem "anderen Land" befnden.

Und da sich bestimmte Sitten auch bei gutem Willen nicht miteinander kombinieren lassen (z.B. Ruhe im Krankenzimmer vs. Menschenaufläufe im Krankenzimmer) würde ich doch meinen, dass in Ö eben österr. Sitten Vorrang haben sollten.

Topfenbaby
26.11.2009 04:31
So - und jetzt sehen wir uns dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen an

Man stelle sich vor, was los wäre, wenn ein Ethnomediziner sich spezifisch um autothone Ösis kümmerte. Dann hagelte es Vorwürfe des R.issms seitens div. Organisation wie Zara, davon kann man mit Sicherheit ausgehen.

Güle, güle Hojaç Bey!
 
28.11.2009 17:14
wenn ein Ethnomediziner sich spezifisch um autothone Ösis kümmerte

Wohl kaum.
Denn praktischerweise ist das überwiegend der Fall, am Land, wo der Viechdoktor, wenn das Kalberl da ist, auch noch im Vorbeigehen dem Bauern den Zehennagel zieht wo vorher die tragerte Kuh vor Aufregung draufgetreten ist.

el locombiano
25.11.2009 18:33
Das Symptom "niedriger Blutdruck" etwa sei laut Schröder rein im deutschsprachigen Raum bekannt.

Naja, meine Frau jammert auch gelegentlich über "niedrigen Brutdruck", nur nennt sie das dann halt "pressão baixa"

super cat
27.01.2010 19:31

Low blood pressure (und high blood pressure) sind im englischen Sprachraum auch gängig. Habe mich über die Aussage - das gäbe es nur im deutschen Sprachraum - auch sehr gewundert.

hans wurst
 
24.11.2009 21:49
wir werden uns noch mal schee ärgern

über unsere überbordende Toleranz.

Bedenken bei "Medikamenten mit Alkohol" - ein so ein Schmarrn!

Und dass ich nicht 15 Verwandte in ein 4-Bett-Zimmer während der ganzen Besuchszeit lasse, gebietet mir der Respekt vor den anderen Patienten, und nicht irgendwelche religiösen Komplimente die "eine wichtige Rolle spielen".

santamonica
25.11.2009 00:12
auf dieses böse posting bleibt mir leider nur eine frage: sie sind wohl im leben etwas zu kurz gekommen? meine mutter hat sich im krankenhaus prächtig mit einer türkin verstanden... auch mit deren besuchern

hans wurst
 
25.11.2009 08:05

dann versetz dich mal in die Lage eines kranken Menschen auf der Internen, der Ruhe braucht und täglich 10 Besucher in seinem Zimmer vorfindet.

Pleasureboat ***
22.01.2010 14:11

das kann man dann ja auch freundlich kundtun wenn´s einen stört, oder?

ich versteh die ganze aufregung um den artikel hier generell nicht, da wird doch nirgends gesagt dass man das hinnehmen muss! sondern lediglich auf die manchmal kulturell bedingten hintergründe für anderes verhalten/anderen umgang/andere bezeichnung von schmerzen und krankheiten hingewiesen.

mein gott, wie man sich aufregen kann über sowas... ich bin mir sicher wenn ich im ausland in einem krankenhaus bin verhalt ich mich in deren augen auch komisch, na dann bin ich froh wenn´s mir wer sagt anstatt mich anzukeifen.

Güle, güle Hojaç Bey!
 
24.11.2009 23:42
Die still und verbissen vor sich hin leidende westliche Monade...

... wird aber beim nächsten Besuch von den 15 Verwandten wenn sie sich nur ein bisschen sozial abenteuern traut und einen oder 2 von den 15 anspricht, beim nächsten Besuch ebenso mit dem Yoghurt- Nudelsalat bedacht wie beim 1. Besuch nur der eigene Opa. Sprich: was ursprünglich Störungen waren, könnten sich als dem Heilungsprozess förderlicher Sozialkontakt erweisen.

hans wurst
 
25.11.2009 08:06

das stimmt schon, glaub ich sofort, sind ja an sich ein freundliches Volk, so meine bisherigen Erfharungen.
Doch im Krankenhaus gibts irgendwo auch Grenzen, was die Maximalanzahl an Leuten betrifft die man aushält wenns einem nicht gut geht. Und hier wird oft nicht Rücksicht genommen.

Güle, güle Hojaç Bey!
 
28.11.2009 17:18
Stimmt auch.

Manchen Patienten ist sogar der eigene Besuch zu viel, wenn der daherkommt und ihn mit häuslichen Problemen vollsudert, wie zB. die Waschmaschine ist hin und keiner da, der sie repariert.
Das hat aber nichts mit der Anzahl der Besucher zu tun, sondern mit der Qualität des Besuches.

s. gonzales
24.11.2009 22:16
Alkohol in Medikamenten

Alkohol in Medikamenten ist aber sehr wohl ein Risiko für Alkoholiker, bzw. Ex-Alkoholiker, da bereits winzige Mengen davon einen Rückfall verursachen können. Auch Babys sollte man davon verschonen!

hans wurst
 
25.11.2009 08:08

die Rede ist hier nicht von Alkoholikern, sondern von Leuten die aus religiösen Gründen Alkohol ablehnen und daher die winzigen Mengen in den Medikamenten nicht einnehmen wollen. Das ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten.

Bei den restlichen von Ihnen aufgezählten Gruppen bin ich bei Ihnen.

Güle, güle Hojaç Bey!
 
24.11.2009 23:49
Alkohol in Medikamenten ist aber sehr wohl ein Risiko für Alkoholiker

Das ist kein Argument für wackere Streiter gegen den Antialkoholismus bei Religionen. Was dem Abstinenzler verboten ist, soll dem Muslim mit moralischer Gewalt eingeflösst werden, damit ihnen endlich klar wird, was es heisst, ein echder Ösdereier, ein dechter Ösdoricher, hicks, duliöh... sssuu sssein, Brost.

Juwlius1
25.11.2009 14:49

Man kann leicht aus religiösen Gründen alkoholhaltige Medikamente ablehnen - weil es wahrscheinlich eh nicht wirklich lebensbedrohlich wird.
Sollte aber das Leben davon abhängen, und sind noch dazu Minderjährige im Spiel, für die die Eltern die Erlaubnis verweigern - was dann? Dass Gott schon weiß, was er tut, darauf würde ich lieben nicht bauen.

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