Mahmud und die Caudillos

23. November 2009 19:13

Präsident Ahmadi-Nejad auf Tour: Kleiner Rundgang durch die bündnispolitische Programmatik lateinamerikanischer Staatschefs - Von Stephan Grigat

Der iranische Präsident verreist gerne. Die vom Revolutionsführer Ajatollah Khomeini unmissverständlich formulierten globalen Ambitionen der iranischen Revolution übersetzt Ahmadi-Nejadheute in eine gleichermaßen pragmatische wie ideologisch motivierte und leider auch einigermaßen erfolgreiche Bündnispolitik. Derzeit hält er sich in Lateinamerika auf, um bei Brasiliens Präsident Lula da Silva vorstellig zu werden, Boliviens Evo Morales zu besuchen und seinem engen Vertrauten Hugo Chavez in Venezuela eine Visite abzustatten.

Die neuen Helden der lateinamerikanischen Linken stehen an vorderster Front einer Art Solidaritätsbewegung mit dem iranischen Regime. In den vergangenen Jahren war Ahmadi-Nejad zu der Amtseinführung Daniel Ortegas und des ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa geladen. Die Ex-Sandinisten in Nicaragua haben zahlreiche Kooperationsabkommen mit der islamischen Diktatur geschlossen. Bolivien erhielt von Ahmadi-Nejad das Versprechen, den verarmten Andenstaat mit Milliardeninvestitionen zu unterstützen. Fidel Castro beschwor stets das antiimperialistische Bündnis mit den Mullahs und hinterlässt seinen Nachfolgern eine enge Allianz mit dem iranischen Regime: "Gemeinsam können Iran und Kuba Amerika in die Knie zwingen!" Kein Wunder, dass auch einer der populärsten Unterstützer Castros nicht zurückstehen wollte: Schon vor zwei Jahren ließ Diego Maradona den iranischen Chefdiplomaten in Buenos Aires wissen: "Ich will Ahmadi-Nejad treffen!"

Chavez gehört bereits zu den Stammgästen des iranischen Präsidenten. Es geht dabei keineswegs nur um ein taktisches Bündnis, bei dem es den südamerikanischen Antiimperialisten egal sein könnte, ob nun Ahmadi-Nejad oder die Clique um Mousavi und Rafsandjani im Iran das Sagen hat. In der Abschlusserklärung des diesjährigen Gipfeltreffens der Bolivarianischen Allianz für die Völker unseres Amerika proklamierten Venezuela, Bolivien und sieben weitere links orientierte Staaten ihre volle "Unterstützung der Islamischen Revolution im Iran und der Regierung des Präsidenten Ahmadi-Nejad". Sie stellten sich damit nicht nur auf die Seite des Regimes, sondern der aggressivsten Fraktion des Regimes. Chavez war einer der ersten ausländischen Staatschefs, die Ahmadi-Nejad nach der Farce der Präsidentschaftswahlen im Juni zum Wahlsieg gratulierten. Aber auch Brasilien, das nicht zur Allianz gehört, betrachtet Ahamdi-Nejad als den legitimen Machthaber im Iran, und Präsident Lula da Silva verglich die iranische Freiheitsbewegung mit enttäuschten Fußballfans, die ein Ergebnis partout nicht akzeptieren wollen und anfangen zu randalieren.

Gemeinsame Feindbilder

Venezuela und Kuba waren in der Vergangenheit neben Syrien die einzigen Länder, die das iranische Atomprogramm bei den Vereinten Nationen offensiv verteidigt haben. Es existieren zahlreiche Hinweise auf intensive Aktivitäten der als verlängerter Arm des iranischen Regimes agierenden Hisbollah in Südamerika. Israelische Berichte verdächtigen Bolivien und Venezuela, Uran an das iranische Regime zu liefern. Und Brasiliens Annäherung an Teheran, die sich ökonomisch in einer Verdoppelung der Exporte in den Iran in den letzten fünf Jahren ausdrückt, wird in westlichen Hauptstädten auch auf Grund des brasilianischen Atomprogramms, das mit maßgeblicher deutscher Hilfe in den Zeiten der Militärdiktatur begonnen wurde, mit Sorge betrachtet.

Der lateinamerikanische "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", wie er in seiner rabiaten Ausprägung von Chavez und in seiner weichgespülten Variante von Lula repräsentiert wird, hat mit dem radikal aufklärerischen und konsequent westlichen Humanismus eines Karl Marx so wenig zu schaffen, dass ihm selbst ein islamischer Apokalyptiker wie Ahmadi-Nejad einiges abgewinnen kann.

Wohin solche Allianzen noch führen werden, lässt sich heute kaum sagen. Sicher ist nur, dass sie angesichts der gemeinsamen Feindbilder nicht so überraschend sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Während Chavez seinem iranischen Freund nacheifert, das Vorgehen des jüdischen Staates gegen die vom Iran aufgebaute Hisbollah allen Ernstes mit dem nationalsozialistischen Massenmord gleichsetzt und zu Jahresbeginn den israelischen Botschafter aus dem Land schmiss, versucht da Silva sich ganz ähnlich wie die österreichische Politik als ehrlicher Makler zu positionieren, der mit allen gut kann und deshalb kürzlich auch dem israelischen Präsidenten Shimon Peres einen netten Empfang bereitet hat.

Notorische Hofierungsprosa

Nichts desto trotz hatte sich da Silva bei der diesjährigen UN-Generalversammlung für das Ajatollah-Regime stark gemacht, Iran als "großartigen Partner" bezeichnet, dessen Nuklearprogramm verteidigt - und sich damit gegen die UN-Beschlüsse gestellt, die unmissverständlich einen Stopp der Urananreicherung im Iran fordern.

Es ist nachvollziehbar, warum das bedrängte iranische Regime, das zu Hause mit einer ausdauernden Fundamentalopposition und im Westen mit einer anhaltenden, wenn auch bisher leider fruchtlosen Debatte über verschärfte Sanktionen konfrontiert ist, nach neuen Bündnispartnern Ausschau hält. Völlig unverständlich ist hingegen, dass große Teile der europäischen Linken - man denke etwa an die notorische Hofierungsprosa von Lafontaine und seiner PDS-Nachfolgepartei -, die ihrem Selbstverständnis nach doch einmal angetreten war, den Gedanken der allgemeinen Emanzipation zu verwirklichen, weiterhin den lateinamerikanischen Freunden des antisemitischen Schwulenhassers und Misogyns Ahmadi-Nejad die Treue halten.(DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2009)

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien und Mitherausgeber von "Der Iran - Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer".

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    Posting 1 bis 25 von 197
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    GWS
     
    24.11.2009 20:24

    Die Liebe mancher westeuropäischer Linken zu klerikalfaschistischen Diktaturen im Nahen und Mittleren Osten kann ich auch nicht verstehen.

    Die Achse Südamerika-Teheran muss man aber differenzierter betrachten - nachdem Südamerika jahrzehntelang von US-gestützten Folterregimes (die oftmals mit massiver US-Hilfe demokratische Regierungen gestürzt haben) unterdrückt und ausgebeutet wurde, ist es wohl nachvollziehbar, dass man sich nun mit Gegnern der USA zusammentut. Das ist klassische "Realpolitik" - der Feind meines Feindes ist mein Freund. Diese Prinzip sollte doch gerade Westeuropäern und US-Amerikanern vertraut sein. Ob es klug ist, ist eine andere Frage.

    Und Lula mit Chavez zu vergleichen, ist eines "Politikwissenschafter" unwürdig

    diamant
     
    25.11.2009 08:15
    Das US- Geheimdienste ihre Finger tief in den

    inneren Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten hatten ist unbestritten.
    Ich zweifle aber an dem Mythos das dort 'demokratiasche' Regime gestuerzt wurden.
    Es wurde mehr oder weniger erfolgreich versucht ungenehme Autokraten durch genehme Autokraten zu ersetzen.
    Im Kontext des Kalten Krieges und der notorischen Instabilitaet in der Region auch nicht ganz unverstaendlich.

    bixente uhudla
     
    25.11.2009 22:31

    in chile ist definitiv eine demokratisch gewählter präsident (allende) gestürtzt worden und durch einen faschisten(pinochet) ersetzt worden...mit vollster unterstützung des cia

    und gerade deswegen kann ich es nicht nachvollziehen,warum man sich mit einem der um nix besser ist als pinochet(ahmadinejad) verbrüdert

    Timagoras
     
    25.11.2009 09:45
    "Ich zweifle aber an dem Mythos das dort 'demokratiasche' Regime gestuerzt wurden."


    also das halte ich nicht für einen mythos.

    es gibt genügend beispiele für umstürze oder putsche, bei denen us-regierungen bzw. CIA direkt die finger im spiel hatten.
    prominentestes (aber nicht einziges) beispiel ist wohl Chile 1973.

    diamant
     
    25.11.2009 10:25
    Meine Eingabe war, wie 'demokratisch' war das Chile von 1973?

    Wobei Chile ja nebem Argentinien noch eines der wenigen Laender der Region war wo es zeitweise ja wirklich eine Art 'Demokratie' gab.
    In den meisten Laender bestand die 'Demokratie' ja wie bekannt nur auf dem Papier......

    Ernst Guevara
    25.11.2009 12:49
    Sie haben scheinbar wenig ahnung von lateinamerika

    chile war bis zum putsch 1973 das vorzeigeland für demokratie in lateinamerika. allende versuchte das experiment, den sozialismus auf demokratischem weg zu erreichen. anders als zb in cuba wurden die institutionen des bürgerlichen staates nicht tangiert. der mythos, dass allende nicht demokratisch gewesen sei, kommt von den faschisten, die damit nachträglich ihren putsch rechtfertigen mussten. bezeichnend ist auch, dass sie argentinien, wo im letzten jahrhundert alle paar jahre das militär geputscht hat, für demokratisch halten.

    dekorhippe
    24.11.2009 21:36
    100% agree

    v.a. wenn man sich ansieht, mit wem lula in seiner freizeit fischen geht....

    http://www.google.com/hostednew... SJD8Dt59ug

    karl radek1
    24.11.2009 19:14
    Ein Lehrbeauftragter der Politikwiisenschaft mit so wenig differenzierungsvermögen


    Kann der gute Herr nicht unterscheiden zwischen
    religiösem Antijudaismus, rassischem Antisemitismus uns antiimperialistischem Antizionismus?
    Das ist wohl Teil des kleinen Einmaleins der Politik.
    Wer hat den an die uni gehievt? Der US-Botschafter?


    dekorhippe
    24.11.2009 21:34
    Kann der gute Herr nicht unterscheiden zwischen religiösem Antijudaismus, rassischem Antisemitismus uns antiimperialistischem Antizionismus?

    selbst für einen politwissenschafter sind die grenzen zwischen diesen strömungen in der realität viel zu fließend, v.a. weil sie, obwohl prinzipiell klar voneinander zu trennen, von den jeweiligen proponenten gerne großzügig gezogen werden um trotz argumenten erster und zweiter art noch in der dritten gruppe zu landen...

    Tschurndorf
    24.11.2009 20:59
    der herr karl würde dann wohl sagen,

    entschuldigen sie herr jud, seins froh, die straße haben sie jetzt antiimperialistisch antizionistisch putzen müssen, und eh nicht rassisch antisemtiisch?

    Timagoras
     
    24.11.2009 20:29
    "Kann der gute Herr nicht unterscheiden zwischen religiösem Antijudaismus, rassischem Antisemitismus uns antiimperialistischem Antizionismus?"


    und Sie sind der meinung, ein kennzeichen für "antiimperialistischem Antizionismus" sei es, den holocaust zu leugnen bzw. "holocaustkonferenzen" (mit dem ziel, diesen zu relativieren oder zu leugnen) abzuhalten und dazu europäische neonadsis und rechtsrextreme einzuladen?

    Carlito336
    24.11.2009 18:56
    Kann mir jemand erklären,


    warum jetzt die Rechten die Linke missionieren wollen?
    Von wem haben sie diesen Auftrag?
    Jedenfalls viel Glück.
    Doch bevor sie wieder einen funktionierenden Imperialismus instand setzen, fährt der Zug der Geschichte über sie hinweg.


    Unterschichtler
    25.11.2009 12:09

    Der Autor des Artikels ist kein Rechter, er bezeichnet sich soweit ich weiß sogar als Kommunist.

    egal9
    09.01.2012 11:55

    Nein, Grigat ist ein Hardliner der sogenannten Antideutschen.

    Das ist eine rechtsradikale prozionistische und proamerikanische(!) und neokonservative Strömung, die sich unter dem Label "Anti-Antisemitismus" in der Linken eingenistet hat und versucht sie von innen heraus zu zerstören.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Step... schaftler)

    Die Antideutschen führen nicht nur Krieg gegen traditionell Linke, sondern brechen auch mit diversen Positionen. So sind die AD zB ausgesprochen kriegsbefürwortend (Afghanistan, Irak, Iran)...

    Unterschichtler
    09.01.2012 18:46

    Abgesehen davon, dass es wenig bringt auf einen zwei Jahre alten Beitrag zu antworten - natürlich sind Antideutsche eine linksradikale Strömung. Ich verstehe, dass es Kommunisten gibt, die ungern mit diesen in einen Topf geworfen werden. Dennoch ändert es nichts an den Fakten. Eine Bewegung, die Staat und Nation wie auch Antisemitismus und Nationalismus ablehnt, kann keine rechtsradikale sein. Und ebenso wenig solidarisieren sich Rechtsradikale mit Israel und den USA oder fordern gar den Kommunismus ein. All dies trifft auf die Antideutschen zu. Es handelt sich um eine linksradikale Strömung, auch wenn sie viele Standpunkte der traditionellen Linken kritisiert. Das kann man doch nicht ernsthaft bestreiten.

    miss chicken
    24.11.2009 18:51
    Ja, manche sind gezeichnet von Trauer

    Aber die Zeiten eines Schahs und eines Pinochets sind definitiv passè.
    Das sollten auch Ewiggestrige zur Kenntnis nehmen.

    der Rabe
    24.11.2009 18:26
    und wieder erhebt ein kalter krieger sein haupt


    solange solche leute auf der uni bleiben, ist der schaden begrenzt.
    aber in seriösen zeitungen so ewiggestrigen linkenhassern eine bühne bieten, das steht dem Standard nich so gut.

    MarioV
    24.11.2009 16:21

    Ob sich der Iran am Ende die Atombombe sicherheitshalber in einer geschützten Werkstätte in Südamerika bauen lässt?
    Zu weit weg, um von Israel bombardiert zu werden.

    wieso auch nicht
    24.11.2009 15:23

    Die heutige Linke hat keine Ahnung von Marx/Engels. Zitat aus dem Anti-Dühring: "Die alten Gemeinwesen, wo sie fortbestanden, bilden seit Jahrtausenden die Grundlage der rohesten Staatsform, der orientalischen Despotie, von Indien bis Rußland. Nur wo sie sich auflösten, sind die Völker aus sich selbst weiter vorangeschritten, und ihr nächster ökonomischer Fortschritt bestand in der Steigerung und Fortbildung der Produktion [...]"

    Versteht ihr das Ava Tar und Co? Nein! Ihr kapiert Marx und Engels nicht, habt sie nie gelesen. Ihr hasst nur blind den Westen! Ihr hasst die USA, an deren Präsidenten Lincoln Marx 1864 schrieb: "wir wünschen dem amerikanischen Volk Glück zu Ihrer mit großer Majorität erfolgten Wiederwahl"

    Protagoras v. Abdera
    24.11.2009 15:07
    Stephan Grigat ist auch Sympathisant der "Stop the Bomb"-Kampagne, die für eine präventive Bombardierung des Irans eintritt

    Erfreulicherweise hat er sich in diesem Kommentar von seiner abseits jeder gesellschaftlichen Praxis betriebenen essentialistischen "Ideologiekritik" abgewendet, die jede Kritik an Israel konsequent als Antisemitismus übersetzt. Man muss ihm zugute halten, dass er hier versucht zu differenzieren. Allerdings ist das Bündnis linker Politiker Lateinamerikas mit dem Iran tatsächlich nicht mehr als ein taktisches (welches ich persönlich für falsch halte), dass nur im Kontext der aggressiven Politik der USA südlich des Rio Grande verstanden werden kann (Kolumbien). Daran ändern weder Pauschalurteile etwas (Lula ist z.B. ein klassischer Sozialdemokrat, kein Marxist) noch Verschwörungstheorien (etwa Islamisten im Dreiländereck von Iguazu).

    bixente uhudla
     
    24.11.2009 21:19

    lemanden,der wie ahmadinejad,die creme der holcoustleugner zu einer konferenz einlädt,nehme ich nicht an daß es ihm bloß um "israelkritik" geht...

    Protagoras v. Abdera
    25.11.2009 16:25
    Die Welt erschöpft sich nicht in Ahmadinejad

    bixente uhudla
     
    25.11.2009 22:33

    aber gerade um den geht es im bericht auf dem sich die postings hier beziehen bzw. beziehen sollten...

    Protagoras v. Abdera
    26.11.2009 14:58
    Man kann sich auch die Freiheit nehmen, über Berichte und postings hinauszudenken

    G e o r g
    24.11.2009 16:24

    Naja, Stop the Bomb als Gruppe tritt nicht für eine präventive Bombardierung ein, sondern Benny Morris auf einer Stop the Bomb-Veranstaltung, was auch dort nicht unwidersprochen blieb.
    Ansonsten stimme ich dir zu.

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