Von einem, den seine Liebe zum Slawischen zum erfolgreichen Ost-Unternehmer machte. Und was er dabei zwischen Krakau und Kiew, zwischen Ljubljana und Cluj gelernt hat.
Wien - Solche Geschichten passieren im neuen Mitteleuropa. Geschichten, die man sich noch vor 25 Jahren nicht hätte träumen lassen. Zum Abendessen des polnischen Präsidenten für seinen österreichischen Gast sind, wie bei solchen Anlässen üblich, Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien geladen. An einem der Tische klopft einer dem anderen auf die Schulter. Vor knapp 40 Jahren sind sie einander zuletzt begegnet, als Gymnasiasten. Jetzt ist der eine erfolgreicher Unternehmer und der andere Journalist. Ihr Interesse an Ostmitteleuropa hat sie beruflich dorthin gebracht, wo sie jetzt sind. Und an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt zusammengeführt. Ein Zufall höherer Ordnung sozusagen.
Gerhard Glinzerer ist geschäftsführender Gesellschafter des österreichischen Unternehmens Herz, eines führenden Erzeugers umweltfreundlicher Heizanlagen, Armaturen, Regelventilen und anderer Spezialapparaturen in diesem Bereich. Die Firma wurde 1896 von den Familien Gebauer und Lehrner in der Herzgasse in Wien-Favoriten gegründet. Daher der Name, der wiederum auf den Armenarzt und Philanthropen Rudolf Herz (1813- 73) verweist.
Glinzerers Interesse am Slawischen wurde in seiner obersteirischen Heimat angeregt. Der Name seines Geburtsorts Graßnitz ist, wie bei vielen anderen topografischen Bezeichnungen, slawischen Ursprungs: Chrastnica (Eichental). Das nahe Aflenz geht auf das slawische "ablanica" (Apfelbaum, Apfelbaumgarten) zurück. "Ich weiß nicht, was die Kärntner haben. Für uns Obersteirer ist es kein Problem, in slawischen Dörfern zu leben", schmunzelt Glinzerer.
Nach der Matura führte ihn seine Slawophilie zum Studium ins polnische Krakau. Danach stieg er bei der Montana des Wiener Industriellen Karl Kahane ein. Just im Wendejahr 1989 ergab sich die Gelegenheit eines Management-Buy-in bei Herz. Glinzerer griff zu.
Gruß aus Lemberg
Heute beschäftigt sein Unternehmen 1400 Mitarbeiter in Österreich, Polen, Slowenien und Rumänien. Die Produkte werden in weltweit 70 Länder verkauft. Eines der wichtigsten Absatzgebiete ist der postsowjetische Raum. Eine von zahlreichen Tochtergesellschaften unterhält Herz im westukrainischen Lemberg, heute Lwiw. Auf dem Höhepunkt der Schweinegrippe-Epidemie, die inzwischen wieder abklingt, zeigte das Team humorvoll Moral und schickte obiges Foto nach Wien - ein Bild von tieferer Symbolkraft angesichts der politischen und wirtschaftlichen Krise in der Ukraine.
Fünf Jahre nach der Orangen Revolution, die so viele Hoffnungen geweckt hatte, wendeten sich die jungen Leute, großteils gut ausgebildet, angewidert von der Politik ab, schildert Glinzerer seine Eindrücke aus vielen persönlichen Begegnungen. Als Honorarprofessor hält er Vorlesungen über Haustechnik in Kiew und der Krim-Metropole Simferopol.
Der EU wirft der Ost-Unternehmer Ideenlosigkeit vor angesichts der starken Europa-Orientierung der Mehrheit der Ukrainer. Die "Östliche Partnerschaft" werde der strategischen Bedeutung der Ukraine nicht gerecht. Auch Österreich trete trotz der historischen Bindungen zur Westukraine nicht in Erscheinung - in starkem Kontrast zur Verklärung der Monarchie vor allem in Lemberg: "Ich weiß nicht, wie viele Franz-Joseph-Porträts dort herumhängen."
Eine Nostalgie ganz anderer Art ortet Glinzerer aufgrund seiner Erfahrungen in Slowenien, das gemeinhin als Musterschüler unter den EU-Neulingen gilt: Die Slowenen hätten sich noch nicht ganz von der "Selbstverwaltungsideologie" des titoistischen Jugoslawien gelöst. Seine Mitarbeiter klagten auch über ein hohes Maß an Bürokratie. Zugleich leide das Land am Abbröckeln seiner Mittlerfunktion zwischen Mitteleuropa und Balkan.
In ihrer Arbeits- und Lebenseinstellung seien die Slowenen etwa den Steirern vergleichbar: "Ordentlich, fleißig, auch als Facharbeiter gut; nicht besonders fantasievoll, aber super lässig."
Ganz anders die Verhältnisse im EU-Land Rumänien: Die von der Ceauºescu-Diktatur geprägte ältere Generation sei nicht mehr zu ändern. Viele Junge, vor allem die gut ausgebildeten, gehen ins Ausland. Was übrig bleibt, ist das Mittelmaß.
Kreative Verwertung
Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Die Firma verteilt neue Arbeitskleidung. Am nächsten Tag kommen die meisten Beschäftigten weiter in ihrer alten, abgerissenen Kluft in den Betrieb. Und die neue Arbeitskleidung taucht zwei Tage später auf dem Flohmarkt auf. Bis sich in Rumänien allgemein europäische Standards durchsetzen, "wird noch einiges Wasser die Donau hinunterrinnen", meint Glinzerer.
Mentalitätsunterschiede gibt es freilich auch dort, wo schon europäische Normalität herrscht. Bei Betriebsbesuchen des Firmenchefs zeigen sie sich beispielsweise so: "Die Slowenin arbeitet ohne Reaktion weiter. Die Polin hört mit der Arbeit auf und lächelt mich an, bis ich vorbei bin." (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2009)