Die Latte für Heinz Fischer liegt hoch: Es geht nicht nur um die Wiederwahl
Immerhin versuchte der Bundespräsident originell zu sein, indem er neue Kommunikationskanäle nutzte: Heinz Fischer gab die Nachricht seiner Wiederkandidatur über Videobotschaft und Internet bekannt. Das war insofern eine gelungene Überraschung, als alle damit gerechnet hatten, Fischer würde sein Antreten bei der Vorstellung seines Buches (wegweisender Titel: Heinz Fischer - Die Biographie) am kommenden Donnerstag verlautbaren. So wird die Buchpräsentation im Musensaal der Albertina aber bereits der erste Wahlkampfauftritt.
Die Wahlkampfmaschinerie um Heinz Fischer ist längst angelaufen, und auch am Montag blieb nichts dem Zufall überlassen. Dem Internet wurde zwar ein Vorsprung gewährt, aber nur minimal: Die Fischer-Fans in Facebook erfuhren um 10.45 Uhr von der Neuigkeit, der Rest der Welt dann eine Viertelstunde später herkömmlich via Presseaussendung. Damit vergrätzte man auch jene vorwiegend ältere Wählerschaft nicht, denen Internet, Facebook und Youtube nicht so geläufig sind. Soll es ja noch geben.
Auch sonst war alles fein arrangiert: Im digital gefilmten Präsidentenvideo gerät auf dem Schreibtisch ein Bilderrahmen mit Baby in den Blickpunkt. Für alle, die sich fragen sollten, wer das Baby ist, teilte die Präsidentschaftskanzlei vorausblickend und ungefragt mit: Fischers Enkerl, vor wenigen Monaten geboren, Anna ihr Name. Auch andere Details erfährt die möglicherweise noch unentschlossene Wählerschaft am ersten Tag des präsidentiellen Werbens: "Zur Stärkung hat der Bundespräsident immer Obst - in diesem Fall Äpfel - und ein paar Mannerschnitten oder andere Süßigkeiten auf seinem Schreibtisch."
Die Schnitten liegen übrigens gleich neben dem Kompendium zum österreichischen Bundes-Verfassungsrecht, wie dankenswerterweise mitgeteilt wird. Damit ist der Wahlkampf schon gelaufen, diesen Vorsprung holt kein Gegenkandidat mehr auf - so g'scheit und doch auch menschlich, der Herr Bundespräsident.
In der ÖVP sprechen viele gute Gründe für einen eigenen Kandidaten, aber letztendlich spricht alles dagegen, wenn man nur verlieren kann. Mit Erwin Pröll, dem niederösterreichischen "Wahlkampf-Eber" , ist der Volkspartei ein zugkräftiger Kandidat abhandengekommen. Dem ist in letzter Sekunde eingefallen, dass er sich doch um sein Bundesland kümmern muss - und so seinem Neffen vielleicht die Tür zum Kanzleramt offen hält. Das ist keine gewagte Prognose: Die ÖVP wird auf einen Kandidaten verzichten. Nur um die SPÖ zu sekkieren und dennoch zu verlieren - das zahlt sich nicht aus. Die ÖVP wird versuchen, anderswo ein Rumoren zu erzeugen und entsprechend Aufmerksamkeit zu lukrieren.
Das würde jetzt Raum für einen Kandidaten der Opposition lassen, die Grünen überlegen noch, ebenso die Freiheitlichen, aber beide scheinen in ihrem Personalstand noch nicht fündig geworden zu sein. Sei's drum, es wäre Folklore, im besten Fall ein politisches Statement, aber in keinem Fall ein Kandidat, eine Kandidatin mit Chancen.
Fischer wird an anderen Parametern zu messen sein. Die 52,4 Prozent vom letzten Mal müssten leicht zu schaffen sein. Erst recht, wenn sonst niemand antritt. Schwieriger wird es, wenn man weiter zurückdenkt - etwa an Rudolf Kirchschläger und jene 80 Prozent, die er 1980 bei seinem zweiten Antreten erhielt. Damit war klar, dass Kirchschläger der Präsident des Volkes und aller Österreicher war, jenseits der Parteien.
Genau das will die ÖVP Fischer aber nicht zugestehen, deshalb mobilisiert sie gegen ihn. Damit heißt sein Gegner ÖVP, und die Latte liegt hoch: Beim Wert eines Rudolf Kirchschläger, oder, wie Fischer es formuliert, bei einer "rot-weiß-roten Unterstützung". (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2009)