Reportage

GM-Paradestadt schrumpft sich gesund

23. November 2009, 17:49

Flint in Michigan: Eine ehemalige Autoindustriestadt in den USA sucht mit Rückbau eine neue Zukunft

In Flint, Michigan, befand sich einst die wichtigste Produktionsstätte von General Motors. Die Stadt gilt als Wiege des amerikanischen Sozialsystems: 1937 setzten die GM-Arbeiter dort die Anerkennung der Gewerkschaft United Auto Workers durch. Gute Gehälter, großzügige Krankenzuschüsse und Renten: Zehntausende haben von der Autowirtschaft in Flint gelebt. So auch die Familie von Deborah Dunbar. Schon ihre Mutter arbeitete in den Fabriken. Und die hatte der Tochter auch einst davon abgeraten, aufs College zu gehen. "Ich kenne keinen, der freiwillig auf eine Stelle in der Industrie verzichtet hätte" , erzählt Deborah, "wir gehörten alle zur Mittelklasse" .

Das Blatt wendete sich in den 80er Jahren. Damals begannen die asiatischen Konkurrenten, General Motors die Kunden abzunehmen. Die darauf folgenden Kürzungswellen traf Flint besonders hart: Von den einst 80.000 Autojobs sind heute nur noch ein paar Tausend übrig. Mehr als ein Viertel der Stadtbevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Kriminalität gehört zur Tagesordnung. "Du siehst hier überall kleine Altäre für die Ermordeten in den Straßen" , beklagt Deborah.

Wer kann, schaut, dass er wegkommt. Die Einwohnerzahl hat sich inzwischen auf 110.000 halbiert. Dan Kildee will etwas tun, statt aufzugeben. Der 51-jährige steuert seinen weißen Chevy Blazer zur Ostseite der Stadt, die die Einwohner das "Tal des Todes" getauft haben, weil sich dort Drogensüchtige, Prostituierte und Kriminelle niedergelassen haben. An der Jane Avenue macht Kildee vor einem Holzhaus halt, in dem er aufgewachsen ist. Es ist umgeben von ausgebrannten Gebäuden und Gärten, in denen Unkraut wuchert. Kurzes Schlucken, dann sagt er: "Es sieht hier genauso aus wie in der Lower Ninth Ward von New Orleans - das ist unser Katastrophensturm, eine Art Zeitlupen-Katrina."

Häuser-Abriss

Dan Kildee ist in dem Landkreis, zu dem Flint gehört, für die Finanzen zuständig. 2002 gründete der Politiker eine sogenannte "Landbank" , die Immobilien übernimmt, nachdem die Besitzer weggezogen und Steuern schuldig geblieben sind. Landbanken sind in den USA nichts Ungewöhnliches. Doch was Kildee und sein Team machen, ist revolutionär: Statt zu versuchen, die 5500 Parzellen wieder zu verkaufen, bieten sie den Besitzern neue Heime in besseren Vierteln an und lassen die Häuser in den schlechten Gegenden abreißen. Unweit der Jane Avenue beißen sich die Greifer eines Baggers in einen vermorschten Bungalow. Kildee ist im Begriff, das 88 Quadratkilometer große Flint um fast die Hälfte zu verkleinern. "Wir Amerikaner sind besessen von der Idee, dass größer gleich besser ist" , sinnt er, "aber ich glaube, dass eine kleinere Stadt eine bessere sein kann."

Daniel Okrent sieht das genauso. Der Journalist dokumentiert im Auftrag des Wochenmagazins Time den Fall der US-Autoindustrie und hat alle Zahlen bei der Hand. Flint habe über 40 Prozent an Steueraufkommen verloren und ein Defizit von 15 Millionen Dollar angehäuft. Der planvolle Rückbau, so Okrent, sei folglich auch aus fiskalischen Gründen zwingend: "Durch die Verkleinerung kann alleine bei der Grundversorgung 100 Millionen Dollar im Jahr eingespart werden" , schätzt er.

Zentrumssanierung

Mit dem Geld, das bislang für Müllabfuhr und Straßenbeleuchtung in den abgerissenen Vierteln ausgegeben wurde, wird nun das einstmals verlassene Zentrum von Flint saniert. Selbst das historische Durant Hotel, nach dem Gründer von General Motors benannt, erstrahlt nach 30 Jahren Leerstand wieder in neuem Glanz. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Häuserpreise aus. Zum ersten Mal seit langem finden sich Immobilienkäufer in Flint. Okrent warnt jedoch, dass es mit dem Rückbau alleine nicht getan sei. "Es gilt auch, sich endlich von den verfehlten, industriellen Monokulturen zu lösen" , sagt er.

Die Arbeitslosenrate ist doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. An ein Comeback von General Motors will hier keiner glauben. Dennoch herrscht zum ersten Mal seit langem wieder so etwas wie Aufbruchsstimmung. Harry Ryan ist an der East Side wohnen geblieben. Auf den durch die Stadt geräumten Parzellen hat er einen Schrebergarten angelegt, der ihn das ganze Jahr über ernährt. "Ich habe Saatblatt- und Zuckererbsen, grüne und gelbe Bohnen" , sagt er voller Stolz, "es ist erfüllend, diesem so lange verwahrlosten Land ein nützliches Gesicht zu geben!" (Beatrice Uerlings aus Flint, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
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Süffisant
00
24.11.2009, 12:19
ueber schrumpfende staedte.....

http://www.shrinkingcities.com/

Vier exemplarische Untersuchungsstandorte: Detroit (USA), Ivanovo (RUS), Manchester / Liverpool (GB) und Halle / Leipzig (D)

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
00
24.11.2009, 13:08

Man sieht hier bereits an der Aufzählung was für Städte hier betroffen sind. Ob nun Detroit, Manchester oder Liverpool, alles sind sie ehemalige Industrie- und Arbeiterstädte. Aufgrund der Entwicklungen in den letzten 30-40 Jahren kann man heute sagen, dass eben jene Blue Collar Schicht sich im schweren Rückgang befindet. Die gelernten Kräfte werden immer mehr obsolet (ob nun durch Maschinen oder Marktveränderungen) und nur die etwas höher gebildeten bleiben erhalten. So sterben natürlich ganze Städte aus, die hauptsächlich von solchen Menschen bewohnt werden.

Die Idee mit dem geregelten Rückbau von Flint ist natürlich eine gute. So kann die Stadt gesundschrumpfen und neue Menschen und Betriebe können sich ansiedeln.

franz der freie
 
01
24.11.2009, 09:20
klingt alles sehr gesund> für amerikanische verhältnisse.

sonst: eine sterbende stadt, die nicht versteht, wie ihr geschieht.

So Ren
00
24.11.2009, 12:03

vergleiche mit Eisenerz.....kleinerer Maßstab, gleiche Vorgehensweise

Erruh
01
24.11.2009, 08:47

das ist aber einer von den ludolfs. :-)

Michael Holzermayr2
11
24.11.2009, 08:42
Offenbar hat niemand hier

Roger and Me von M. Moore gesehen.
Sehen vor dem Posten!

Lethawae
00
24.11.2009, 11:23

Den hat vermutlich jeder gesehen.

Jürgen Mayer
42
24.11.2009, 02:30
Und wo ist Michael Moore jetzt?

Das macht die Werbung Robert Misiks für ihn nur noch fragwürdiger für mich

baal der asoziale
02
24.11.2009, 10:15

Michael Moore ist ganz sicher für den Nierdergang der amerikanischen Autoindustrie verantwortlich...

Jürgen Mayer
00
24.11.2009, 15:06
Ich sprach

von Populismus, nicht von AutoherstellerInnen, oder deren ZulieferInnen :-)

tyrol_dude
41
24.11.2009, 08:01
warum?

michael moore hat in jedem seiner filme, seit bowling for columbine den sozialabbau von flint dokumentiert und davor gewarnt.

Jürgen Mayer
00
24.11.2009, 15:03

:-)

jMor
 
12
24.11.2009, 07:08

Michael Moore ist also Schuld an allem?

under ground
00
24.11.2009, 06:52

warum?

Redwraithvienna
06
23.11.2009, 23:58
Wenn man sich anschaut ...

wie teilweise die grossen handels und industriezentren des MA und der frühen Neuzeit heute ausschauen bzw das diese komplett aufgelassen wurden sollte man sich an dem eigentlich auch nicht stossen.

Städe und industrien boomen und verfallen. Die Frage ist blos weint man dem nach oder versucht man das beste draus zu machen.

Benno vanBommel
82
23.11.2009, 20:55
tja,

so kommts wenn man den "freien markt", wo jeder jeden schlucken u verdrängen kann, nicht zügelt. er reguliert sich keineswegs von selbst. die die sich durchsetzen sind immer die billig-massenware-produzenten. mit dem produzierten schrott u den verursachten arbeitslosen kann sich dann der rest d bevölkerung rumschlagen. den gewinn streifen die konzernchefs ein. der markt gehört vernünftig geregelt!! dann kann kein unternehmen mehr mit abwanderung drohen.

Ivan Bukov
00
24.11.2009, 10:04

Leider kam in diesem Fall der Schrott aus Flint...

value
 
12
24.11.2009, 09:18

Was in Flint abgebaut, wurde in anderen Regionen der Erde wieder aufgebaut.
Ganz so kurzsichtig darf man das nicht betrachten.
Manche Ökonomen würden sogar so weit gehen zu sagen das so ein Rückschlag der USA-Wirtschaft weniger schadet als es zb. der japanischen bringt.

Von daher, gobal gesehen, nicht mal schlecht.

Das bei solchen Spielchen immer zig Menschen die Verlierer sind, die das wohl gar nicht lustig finden, zurecht, ist so hart es auch klingen mag, ein trauriges Einzelschicksal aber unbedeutend für die breite Masse.
Sicherlich nicht für die Toten durch Drogendelikte und Armut.

Jingoist
06
24.11.2009, 00:43
Das ist natürlich ein ziemlicher Mist,

was du da zusammen schreibst. Dem "freien Markt" die Schuld dafür zu geben, dass GM zu viele, zu schlechte Autos gebaut hat, die sich einfach nicht verkaufen liesen , ist absurd. Wie stellst du dir bitte eine Regulierung vor? Gesetzlich verordneter Kaufzwang für Autos von GM? Überhaupt nur mehr ein einziger (natürlich verstaatlicher) Autobauer? Trabant 2.0? Danke, wirklich nicht!

somit verbleiben wir...
00
24.11.2009, 11:56

wer nix weis, für den ist immer der freie markt schuld. oder der bankmanager. oder der kapitalist. oder neoliberal :)

Dante Alighieri
22
23.11.2009, 23:33

Da gehts ja nicht um Abwanderung sondern um enorme Überkapazitäten und darum nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. Das Gute ist dass die Leute dann wenigstens auch woanders hin ziehen und in einer anderen Industrie ihr Glück suchen statt, wie in der Obersteiermark etwa, dort zu bleiben wo es keine Jobs mehr gibt und zu jammern.

Redwraithvienna
04
23.11.2009, 23:57
Wollte gerade sagen

das mich Flint irgendwie an Eisenerz erinnert.

Nur das Eisenerz noch weniger chancen hatte da es komplett vom Erzberg abhänig war und es dort auch sonst keine anderen Industrien oder ähnliches gab.

Die Lösung ... also das schrumpfen, ist ja die gleiche.

Jürgen Mayer
00
24.11.2009, 02:31
Es ist auch wie Eisenerz

und ich wohne in der Nähe davon, nur ist Flint (eigentlich) viel viel größer

nachtschatten
08
23.11.2009, 19:56
ein wenig - dieser artikel, michael moors erster film dreht sich übrigens um seine heimatstadt, flint, michigan

der film heißt roger & me und ist imho sein bester film.

Jürgen Mayer
03
24.11.2009, 02:33
Es ist sein einzig ansehbarer Film

aus meiner Sicht. Umso schlimmer alles

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