Flint in Michigan: Eine ehemalige Autoindustriestadt in den USA sucht mit Rückbau eine neue Zukunft
In Flint, Michigan, befand sich einst die wichtigste Produktionsstätte von General Motors. Die Stadt gilt als Wiege des amerikanischen Sozialsystems: 1937 setzten die GM-Arbeiter dort die Anerkennung der Gewerkschaft United Auto Workers durch. Gute Gehälter, großzügige Krankenzuschüsse und Renten: Zehntausende haben von der Autowirtschaft in Flint gelebt. So auch die Familie von Deborah Dunbar. Schon ihre Mutter arbeitete in den Fabriken. Und die hatte der Tochter auch einst davon abgeraten, aufs College zu gehen. "Ich kenne keinen, der freiwillig auf eine Stelle in der Industrie verzichtet hätte" , erzählt Deborah, "wir gehörten alle zur Mittelklasse" .
Das Blatt wendete sich in den 80er Jahren. Damals begannen die asiatischen Konkurrenten, General Motors die Kunden abzunehmen. Die darauf folgenden Kürzungswellen traf Flint besonders hart: Von den einst 80.000 Autojobs sind heute nur noch ein paar Tausend übrig. Mehr als ein Viertel der Stadtbevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Kriminalität gehört zur Tagesordnung. "Du siehst hier überall kleine Altäre für die Ermordeten in den Straßen" , beklagt Deborah.
Wer kann, schaut, dass er wegkommt. Die Einwohnerzahl hat sich inzwischen auf 110.000 halbiert. Dan Kildee will etwas tun, statt aufzugeben. Der 51-jährige steuert seinen weißen Chevy Blazer zur Ostseite der Stadt, die die Einwohner das "Tal des Todes" getauft haben, weil sich dort Drogensüchtige, Prostituierte und Kriminelle niedergelassen haben. An der Jane Avenue macht Kildee vor einem Holzhaus halt, in dem er aufgewachsen ist. Es ist umgeben von ausgebrannten Gebäuden und Gärten, in denen Unkraut wuchert. Kurzes Schlucken, dann sagt er: "Es sieht hier genauso aus wie in der Lower Ninth Ward von New Orleans - das ist unser Katastrophensturm, eine Art Zeitlupen-Katrina."
Häuser-Abriss
Dan Kildee ist in dem Landkreis, zu dem Flint gehört, für die Finanzen zuständig. 2002 gründete der Politiker eine sogenannte "Landbank" , die Immobilien übernimmt, nachdem die Besitzer weggezogen und Steuern schuldig geblieben sind. Landbanken sind in den USA nichts Ungewöhnliches. Doch was Kildee und sein Team machen, ist revolutionär: Statt zu versuchen, die 5500 Parzellen wieder zu verkaufen, bieten sie den Besitzern neue Heime in besseren Vierteln an und lassen die Häuser in den schlechten Gegenden abreißen. Unweit der Jane Avenue beißen sich die Greifer eines Baggers in einen vermorschten Bungalow. Kildee ist im Begriff, das 88 Quadratkilometer große Flint um fast die Hälfte zu verkleinern. "Wir Amerikaner sind besessen von der Idee, dass größer gleich besser ist" , sinnt er, "aber ich glaube, dass eine kleinere Stadt eine bessere sein kann."
Daniel Okrent sieht das genauso. Der Journalist dokumentiert im Auftrag des Wochenmagazins Time den Fall der US-Autoindustrie und hat alle Zahlen bei der Hand. Flint habe über 40 Prozent an Steueraufkommen verloren und ein Defizit von 15 Millionen Dollar angehäuft. Der planvolle Rückbau, so Okrent, sei folglich auch aus fiskalischen Gründen zwingend: "Durch die Verkleinerung kann alleine bei der Grundversorgung 100 Millionen Dollar im Jahr eingespart werden" , schätzt er.
Zentrumssanierung
Mit dem Geld, das bislang für Müllabfuhr und Straßenbeleuchtung in den abgerissenen Vierteln ausgegeben wurde, wird nun das einstmals verlassene Zentrum von Flint saniert. Selbst das historische Durant Hotel, nach dem Gründer von General Motors benannt, erstrahlt nach 30 Jahren Leerstand wieder in neuem Glanz. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Häuserpreise aus. Zum ersten Mal seit langem finden sich Immobilienkäufer in Flint. Okrent warnt jedoch, dass es mit dem Rückbau alleine nicht getan sei. "Es gilt auch, sich endlich von den verfehlten, industriellen Monokulturen zu lösen" , sagt er.
Die Arbeitslosenrate ist doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. An ein Comeback von General Motors will hier keiner glauben. Dennoch herrscht zum ersten Mal seit langem wieder so etwas wie Aufbruchsstimmung. Harry Ryan ist an der East Side wohnen geblieben. Auf den durch die Stadt geräumten Parzellen hat er einen Schrebergarten angelegt, der ihn das ganze Jahr über ernährt. "Ich habe Saatblatt- und Zuckererbsen, grüne und gelbe Bohnen" , sagt er voller Stolz, "es ist erfüllend, diesem so lange verwahrlosten Land ein nützliches Gesicht zu geben!" (Beatrice Uerlings aus Flint, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2009)