Interview-Verträge und warum man die unterschreiben muss. Oder auch nicht.
User Pareidolic hat im Forum unter der Rammstein-Geschichte nebenan folgenden Kommentar gepostet: "Diese ganze Aufregung über den "Zensor" und "zusammengestrichene" Zitate
rutscht ein wenig ins Lächerliche wenn man sich klar darüber wird dass dieses
Zusammenstreichen und selektive Freigeben unverbindliche Wünsche des Managements
darstellen. Nichts hindert den Standard daran auf diese Wünsche nicht einzugehen
und das Interview in der originalen, nicht freigegebenen Version zu
veröffentlichen. Sich wortreich über die Zensur zu beschweren, und sich
dann doch freiwillig (aus dem Wunsch nach gutem Klima mit dem Management) daran
zu halten erscheint ein wenig melodramatisch."
Ich habe darufhin das hier geantwortet: "seit wann regelt man "unverbindliche wünsche" vertraglich, weil sonst nix interview? das müssen Sie nicht wissen,
sollten dann aber auch nicht so tun als ob, gru flu"
Woraufhin Pareidolic folgende Frage postete: "Seit wann lassen sich Journalisten ihre Arbeit über solche Verträge einschränken? Ist
so ein Vertrag überhaupt durchsetzbar? Es tut mir leid wenn meine Kritik das
falsche Faktum getroffen hat, in dem Fall muss ich sie ändern auf: Warum
unterschreibt ein Journalist ohne Not so einen Vertrag? Ist er auf generell
bekanntlich eher nichts sagende Interviews tatsächlich so angewiesen dass er
sich dafür freiwillig in seiner journalistischen Freiheit einschränken lässt?
Mir ist die Problematik der Freigabe bzw Autorisierung ursprünglich von
politischen Interviews bekannt, besteht dort auch die Gefahr dass Politiker in
Zukunft solche Verträge verlangen bevor sie etwas von sich geben? Wenn's doch
offenbar so gut funktioniert."
Legitime Fragen, die ich mir auch gestellt habe und die sich im zur Diskussion stehenden Fall eigentlich darauf herunterbrechen lassen: Wovor haben Rammstein so Angst?
Das ließ sich in dem Interview mit Kruspe, das im Übrigen in netter Atmosphäre verlief, nicht beantworten. Zumal die Antworten, wenn auch nicht alle von besonders originellen Geistesblitzen erleuchtet, mir keinen Grund gaben, zu glauben, hier würde nachher die Hälfte der ohnehin harmlosen Aussagen herausgestrichen. Das ist schon sehr kapriziös, und im Pop durchaus nicht Usus. Die meisten Musiker und Bands sind ja froh, wenn sich überhaupt jemand für sie interessiert. Mir ist das zum ersten Mal passiert, dass mir ein derartiger Vertrag vorgelegt wurde.
Die Frage, warum man den unterschreibt, lässt sich einmal so beantworten: Rammstein sind wegen dem Wirbel um ihr neues Album ein Thema. Like it or not. Siehe dazu auch Zeitungen wie die Süddeutsche, in der vergangenen Freitag die Seite 3 Rammstein zugedacht war. Und wenn da das Angebot kommt, mit den ach so großen Tabubrechern über Provokation und Zensur und Absicht und Wirkung zu sprechen, dann nimmt man das wahr. Alles andere wäre eine journalistische Fehleinschätzung. Deshalb schluckt man zur Not diese Krot.
Ich bestand dann vor Ort auf einigen Änderungen in dem Vertrag, was natürlich Probleme verursacht hat. Letztlich habe ich ihn auch gar nicht unterschrieben. Nicht weil ich so ein Held bin, sondern weil das in dem allgemeinen Trubel untergegangen ist. Dennoch zählt, laut Auskunft der Standard-Rechtsanwältin, schon eine mündliche Zusage - die ich nicht gegeben habe - als bindend. Gibt es darüber keine Übereinkunft, gibt es kein Interview.
Es kam dennoch zustande, aber nachdem die sogenannte "Freigabe der Zitate", die defacto einer Zensur gleichkam, erfolgt war, habe ich beschlossen, eben aus den Resten und dem Erlebten eine Geschichte zu machen. Das Konzert verkam da zur Nebensache. Zu aufgelegt war der Umstand, dass sich Rammstein als Zensur-Opfer (wohl-)fühlen, und dabei im Wesentlichen dasselbe machen.
Hätte ich das Interview im O-Ton abgedruckt, wäre das klagbar gewesen. Mit welchen Erfolgsaussichten weiß ich nicht. Und ob Rammstein sich diese Blöße geben würden? Nun, vielleicht. Immerhin geben sich sich ja auch die Blöße, getane Aussagen zurückzuziehen, wie es - um auch das zu beantworten - auch bei vielen Politikern Unsitte ist.
Man könnte das Charakterbild nennen, ich hab es "Eine Begegenung" genannt.
(23. 11. 2009, derStandard.at, Karl Fluch)
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