derStandard.atMeinungKolumnenBernd Marin

23.11.2009 17:03

"Sozialmarkt"-Wirtschaft
Wie sie funktioniert, wem sie was nützt. Und was sie von mehr oder minder "sozialer Marktwirtschaft" unterscheidet.

Zur wirksamen Bekämpfung von Sekundärschwarzmärkten* wird ein SOMA-Einkaufspass ausgestellt, auf Basis von Einkommensnachweis, Passfoto, Meldezettel und Lichtbildausweis. Der Soma-Pass ist im Geschäft vorzuweisen und wird pro Einkauf registriert. Er berechtigt zu höchstens drei Einkäufen pro Woche zu maximal acht Euro pro Einkauf: das klingt sehr wenig, entspricht aber angesichts der rein "symbolischen" Preisstruktur in Soma-Geschäften einem Einkaufsrahmen von drei Mal rund 25 bis 80, d.h. 75 bis 240 Euro wöchentlich.

In Wien Neustiftgasse etwa stehen vor Geschäftsbeginn um 10 Uhr zwischen 80 und 150, vor Feiertagen bis zu 500 Personen um preisgünstige Waren an. Es gibt eigene, verkürzte Warteschlangen für Schwangere, Mütter mit Kleinkindern, alte Menschen und solche mit Behinderungen. Das Informationsmaterial ist vielsprachig, zwei Drittel der Kunden sind Migrantinnen.

Im größten Soma Österreichs, 400 Quadratmeter Verkaufs- und zusätzliche 600 Quadratmeter Geschäfts- und Lagerfläche arbeiten sieben fest Beschäftigte, sieben Trainingskräfte, 20 sogenannte "TransitmitarbeiterInnen" im Übergang zum ersten Arbeitsmarkt sowie zwei Freiwillige (in Linz 20 Freiwillige und 24 Angestellte, in Salzburg - eine seltene Ausnahme - ausschließlich Freiwillige).

Die Mitarbeiter/Innen tragen Handschuhe, Kopfbedeckung und sind um ein "adrettes Bild" bemüht, frische Kleidung wird vom Arbeitgeber bereitgestellt. Man arbeitet wie überall eng mit dem jeweiligen Marktamt in der strengen Kontrolle der Hygienestandards und Verkaufspolitik bei abgelaufenen Waren zusammen.

Der Wert an Kaufkraftsteigerung in den Soma-Märkten entspricht theoretisch einer maximalen "Ersparnis" zwischen ca. 3.700 und 12.480 Euro jährlich - wobei die Kaufkraftparität vor allem durch das Sortiment beschränkt und wie dieses "unberechenbar" ist. Das ist fast so viel wie die künftige bedarfsorientierte Mindestsicherung; für Menschen mit Einkommen unterhalb der Armutsgrenze (12 x 893 €), die zu einer Soma-Einkaufskarte berechtigt sind, bei voller Nutzung praktisch eine Verdoppelung ihrer Kaufkraft und damit ganz gewaltig weniger alltägliche Mühsal.

Diese Sozialmarkt-Wirtschaft ist das genaue Gegenteil des winner-takes-all Lotterie- und Raff-Kapitalismus, wo Leistung und Erfolg zunehmend auseinandertreten und persönliche Anstrengung demoralisiert wird. Die neuen Sozialinitiativen wie Wiener Tafel oder Soma folgen umgekehrt einer turning-all-into-winners Strategie: Die Wirtschaft erspart sich hohe Lagerhaltungs- und ökologisch problematische Entsorgungskosten, Unternehmen steigern ihre Imagewerte und die Loyalität der Mitarbeiter zum Arbeitgeber durch soziales Engagement, es gibt eine hohe "Umwegrentabilität" für Sponsoren, Partner, Lieferanten und sonstigen Unterstützer; die Umwelt wird geschont; arme Menschen werden direkt (Soma) oder indirekt über wohltätige Einrichtungen (Wiener Tafel) konkret bei der Bewältigung ihrer materiellen Alltagsnöte unterstützt; Armut wirksam bekämpft und sozialer Ausgleich durch Umverteilung konfliktfrei (pareto-optimal) geschaffen. (Bernd Marin, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2009)

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* Siehe STANDARD 29.9.2009

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