Die Sieger heißen: Barroso, Brown, die USA

Thomas Mayer, DER STANDARD, 22. November 2009 20:26
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Nach den Entscheidungen beim EU-Gipfel darüber, wer ständiger Präsident und EU-Außenminister wird, lässt sich jetzt etwas konkreter abschätzen, welchen Weg die Union mit dem Vertrag von Lissabon einschlagen wird.

Die Wahl von Herman Van Rompuy und Catherine Ashton markiert zunächst sicher  einen schwachen Beginn für eine Außen- und Sicherheitspolitik, die ja zu den Hauptversprechungen dieses Vertrages gehören. Gemessen an dem, was uns die Reformer in den vergangenen Jahren alles erzählt haben, wie wichtig doch eine "nach außen starke Union" mit Lissabon wäre, muss man sich schon fragen: Mehr hatten wir nicht zu bieten?

Warum? Ganz einfach. Die Staats- und Regierungschefs haben zwei Novizen aufgestellt haben, die mit dem, was sie leisten sollen, bisher wenig bis nichts zu tun hatten. Und es stehen nun auch zwei Politiker an der Spitze Europas, die sich noch nie einer Wahl durch die Bürger gestellt haben. Das sind aber fatale Handicaps in Zeiten, in denen ständig von Bürgernähe und Transparenz sonntagsgeredet wird.

In der Umkehrprobe lässt sich sagen: Gewonnen haben durch diese schwache Kür drei ganz andere Kaliber, die alle drei aus unterschiedlichen Gründen nicht gerade für ein starkes, integriertes Europa stehen: Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der britische Premierminister Gordon Brown und die USA bzw. das vom anglo-amerikanischen Duo dominierte transatlantische Bündnis Nato.

Nicht ganz zufällig strahlte Barroso beim EU-Gipfel geradezu vor Glück. Neben den beiden Neuen erscheint er wie ein Schwergewicht, obwohl er das in den vergangenen fünf Jahren gegenüber den nationalen Interessen der Staaten nicht war. Bei aller Kritik an seinem Stil muss man aber festhalten: Barroso ist ein überzeugter Europäer. Die neue Situation könnte sogar ihm helfen, sich öffentlich stärker zu profilieren. EU-interne Konkurrenz hat er nicht zu befürchten.

Washington schweigt und genießt

Und Gordon Brown hat überhaupt den Vogel abgeschossen: Sein perfekter Poker endet mit dem Ergebnis, dass der ewige Gegenspieler Tony Blair doch nicht zum Zug kam, mit Ashton aber eine absolut loyale Parteigängerin von Labour und Brown an eine der wirklich entscheidenden Positionen in Europa rückte. Ausgerechnet die Briten, die der Union sonst fast nur Prügel vor die Füße geworfen haben, wenig zur Integration beitrugen! Man muss schon sagen: Chapeau! Browns Stäbe haben die Ausgangssituation perfekt analysiert, bis hin zum Detail, dass Europas Sozialdemokraten in ihrer derzeitigen Formschwäche beinahe alles akzeptiert hätten, um Blair zu verhindern und den Außenministerposten zu ergattern, und dass das konservative Duo Merkel/Sarkozy dem nichts entgegensetzen würde.

Der dritte indirekte Sieger, die Regierung in Washington, kann schweigen und genießen. Eine Emanzipation durch die Europäer müssen sie jetzt so bald nicht befürchten, dafür wird allein schon Whitehall, das britische Außenministerium, mit seinem gestärkten Einfluss in Brüssel sorgen. Es wird zu beobachten sein, aus welchem Land die Schlüsselposten in Europas Diplomatie kommen werden.

Zurück zur neuen Führung: Ashton wie auch Rompuy mögen reizende Personen sein. Mit dem belgischen Premierminister habe ich in den zehn Monaten seiner Amtszeit persönlich noch nie gesprochen, mit Frau Ashton schon. Über sie lässt sich sagen: Sie ist eine sehr aufmerksame, zuvorkommende Person, sachlich, eher zurückhaltend im Wesen, aber keine sehr überzeugende Rednerin.

Van Rompuy, der studierte Philosoph und streng gläubige Katholik, wirkt beim Zuhören fast ein wenig verschroben. Aber auch er soll ein ausgesprochen feinsinniger, ruhiger gebildeter Gesprächspartner sein, wie Kollegen berichten. Wenn er sagte, dass seine persönliche Meinung nicht zählt im Kreise der Regierungschefs, sondern es darum gehe, einen Kompromiss herzustellen und zu vermitteln, dann meint er das wirklich so. Da könnte man auch gleich einen Notar hinsetzen.

Spitzenamt als Lernjob?

Nun mahnen einige ständig: Gebt den beiden doch Zeit. Sie mögen, wie Angela Merkel sagte, "in ihre Ämter erst noch hineinwachsen".

Das mag schon alles so sein. Aber das ist ja gleichzeitig auch das Verrückte daran. Eine Feststellung wie die von Merkel bedeutet ja übersetzt nichts anders, als dass Van Rompuy und Ashton die Schuhe, die sie sich anziehen, um ein paar Numern zu groß sind. Das kann aber wohl nicht der Zweck der Übung sein. Es kann ja nicht sein, dass man die mächtigsten Ämter Europas an Menschen vergibt, die nicht ausreichend getestet sind, ob sie dem auch gewachsen sind. Von der fatalen Wirklung eines solchen Vorgehens auf die Bürger einmal ganz abgesehen.

Bei Ashton ist dieser Mangel gravierender als bei Rompuy. Er hat eher einen repräsentativen Job, mit den 27 Regierungschefs und dem Kommissionspräsidenten als Hauptgegenüber.

Aber Ashtons im wahrsten Sinn des Wortes neuer Beruf ist ein außenpolitischer Hardcore-Job. Sie muss mit allen Schuften und Bösewichten dieser Welt umgehen, mit allen Krisen, muss Entscheidungen über Krieg und Frieden mitverantworten und vorbereiten, von Afghanistan bis Afrika oder Nahost, sollte also bereits entsprechende Erfahrung haben. Abgesehen von einem geradezu unmenschlichen Reisepensum, dem sie gewachsen sein muss, hätte man auch gerne gewusst, wie es um ihre Managementfähigkeiten in diplomatischen Diensten aussieht. Denn eine ihrer vielen Aufgaben ist der Aufbau des größten diplomatischen Corps der Welt, mit 8000 Diplomaten in fünf Jahren. Aber sie hat noch nie in einem Außenministerium gearbeitet.

Man muss also sehr gutwillig und gutgläubig sein, um diese Entscheidungen für passabel zu erachten. Kritisch betrachtet zeigt sich in ihnen aber, wie wenig die meisten Regierungschefs derzeit mit der Idee des gemeinsamen Europa anfangen können. Denn auch wenn es um Ämter geht: So ganz kann man die Person von der Aufgabe, die sie hat, eben nicht trennen. Aber das scheint auch im Zug der Zeit zu liegen: Die meisten politischen Entscheidungen werden heute "ganz pragmatisch" getroffen. Man fragt gar nicht mehr, was sinnvoll wäre und wer geeignet, sondern sucht sofort danach, was geht oder nicht geht. Letztlich steckt dahinter ein falsch verstandener Begriff von Kompromiss. Gute Kompromisse liegen im Ausgleich von Interessen, aber nicht in der Zerstörung jeglichen Anspruchs. Sonst hat man es mit inhaltsleeren Entscheidungen zu tun.

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Friedrich Gruber
28.11.2009 22:50
Dass die USA

ein "schwaches Europa" wollen ist schon eine gewagte These voller antiamerikanischer Ideologie, in der die Amerikaner als eingefleischte Feinde der Europäer gesehen werden - also eine Fortsetzung des Kalten Kriegs aus alter ostblockischer Sicht. Angeblich schwache Leute an der EU-Spitze würden in Washington heimliche Freude auslösen ist unfassbar seltsam - ums vornehm auszudrücken. Unsere Meinungsmacher sollten endlich zur realpolitischen Erekenntnis zurückfinden, dass die USA nicht als Feinde oder Gegner, sondern als Partner der EU gesehen werden - sonst verliert die Europa den Anschluss an die neue Entwicklung der Welt.

Claus_W
30.11.2009 12:53
und bitte...

...was für einen "Anschluss an die Entwicklung der Welt"...? Wenn wir den "Anschluss" an die derzeitige Entwicklung der Welt verlieren können wir sowas von dermaßen froh sein, oder finden Sie die derzeit voranschreitende Privatisierung von Öffentlichem Eigentum, die voranschreitende Überwachung und Zerstörung der Umwelt als erstrebenswert? Denn so interprätiere ich Ihre Aussage "sonst verliert die Europa den Anschluss an die neue Entwicklung der Welt." Also wir sollten uns schon bewusst werden an was wir uns da "Anschliesen" sonst feiern wir den Aschluss an etwas was ich nicht allen wünsche.

Claus_W
30.11.2009 12:50

Es stimmt schon, dass diese Aussage sehr seltsam ist und es zu hinterfragen ist weit "anti" Amerikanisch diese Meinung eingefärbt ist. Jedoch durfen Sie nicht vergessen das es den USA doch bitte nicht um "Friede, Freude, Eierkuchen" geht sondern um MACHT und da ist es natürlich von Vorteil wenn die Interessen der USA IRGENDWIE durchgebracht werden. Auch in der EU versuchen die USA Ihre Macht zu etablieren, nur halt auf freundliche Art und Weiße. Es stecken aber immer Machtinteressen hinter der Politik, also bitte lassen Sie Sich nicht von der USA "blenden" das Sie unsere "Freunde" sind... Was Sie als "Partner" bezeichnen, würde ich als "hinterrücks die Interessen einreden" bezeichnen...

Schwarz Grün
23.11.2009 17:40
wenn man wirklich starke persönlichkeiten an der EU Spitze will ....

muss man eine direktwahl durchführen bzw. die einzelnen partein bei der EU wahl mit konkreten kandidaten für rats- und/oder kommissionspräsident antreten .....

Claus_W
30.11.2009 12:55
bitte um Ergänzung...

...die Einführung einer direkten, basisdemokratischen Wahl. Außerdem sollten die Kandidaten jederzeit Abwählbar sein, bei jeder Entscheidung muss die Basis gefragt werden und mit eingeschlossen werden in den Prozess der Entscheidungsfindung.

Sehr schön zu sehen bei den Studentenprotesten....

m3a
23.11.2009 16:54
guter artikel, falsche schlüsse

die regierungschefs in europa haben ihre interessen schon durchgesetzt und die lösung die sie getroffen haben ist ein ausgleich ihrer interessen. ihr interesse besteht ja darin auf jeden fall keine macht zu verlieren. regierungschefs in der eu sind wie landeshauptleute in österreich. absolut falsch positioniert.

so wird das nichts mit der eu, aber den briten dafür den schwarzen peter zuzuschieben ist dann doch etwas zu billig.
und das der herr barosso nicht umbedingt einen gegenspieler von weltformat haben will? wen wunderts. wir kriegen halt nur den präsidenten den wir wählen... ups; wir haben ja gar nicht wählen dürfen?

potz
23.11.2009 16:31

Mayer ist offensichtlich noch immer ein bisschen eingeschnappt, dass es nicht Gusenbauer geworden ist. oder?

Claus_W
30.11.2009 12:56

Bitte erklären Sie Ihren Kommentar, ich verstehe den nicht ganz... wer ist Mayer ...?

Schwarz Grün
23.11.2009 16:58
eigentlich ist dieser kommentar ein bisserl naiv ....

wer, ausser dem autor, hat realistischer weise annehmen können, dass sich merkel, sarko und brown auf jemand einigen, die/der ein stärkeres profil haben, als sie selber .....?

und wenn, gäbe es so jemanden wirklich .... ?

also wenn man von warmen eislutschern träumt, muss man nachher halt jammern, wenn sich der traum zum gatsch wird ...

StandardLeser2
23.11.2009 15:11
die geheimgehaltene Gemeinsamkeit der Kandidaten

Ein italienischer Abgeordneter lässt bei seiner Rede die Bombe platzen und fragt offen, warum alle Kandidaten für EU Spitzenpositionen Mitglieder bei Bilderberg und bei der Trilateralen Kommission sind:


http://www.youtube.com/watch?v=0... r_embedded

Claus_W
30.11.2009 13:24

Danke für diesen wichtige Information!

diamant
 
23.11.2009 15:46
Ja sakra, darf er denn das ueberhaupt?

no ja
23.11.2009 15:03
der kleinste gemeinsame nenner

und das zeigt wieder wie schwach die "eu" politisch wirklich ist, wenn bei solchen positionen training on the job angesagt ist.

Staberl
23.11.2009 14:59
Das ganze Werkel...

..muß sowieso erst eingefahren werden - mit welchen Piloten, ist im Moment eher unwichtig. Wesentlich ist, dass der Motor irgendwann einmal wirklich rund läuft. Dann erst kann man das Ding auch gekonnt chauffieren - in zehn, fünfzehn Jahren.

Heiner Müller
23.11.2009 10:33
Zur Entwicklung dieser beiden Position

wird man ohnedies Jahre (wenn nicht Jahrzehnte) benötigen. Die 2 1/2 Jahre Funktionsperiode vom Rompuy werden da sicherlich nicht ausreichen. Und wenn man dann mit dem Zwischenstand nicht zufrieden ist, wird man auch wieder jemand anderen finden. Allerdings müssen sich dann genauso wieder mindestens 27 Staats- u. Regierungschefs zusammenraufen, womit polarisierende Kandidaten wie Blair und Schüssel immer schlechte Karten haben werden.

SchelmWahnsinn
23.11.2009 12:06

Ich muss mich wirklich wundern. Wieso wird Schüssel hier als "polarisierend" beschrieben? Schüssel ist das Paradeexemplar eines bescheidenen Verwalters und guten Moderators. Wenn man Van Rompuy nach ein paar Monaten gegen Schüssel tauscht, würde niemand einen Unterschied bemerken. Schüssel war ja (laut österreichischen Medien) Merkels Favorit. Schoßhündchen wäre ein anderer Ausdruck. Merkozy wollten einen unsichtbaren Verwalter. Ob nun Van Rompuy oder Schüssel... das wäre letztlich egal gewesen.

Teleobjektiv1
23.11.2009 14:17

Der Name Schüssel ist für viele in der EU untrennbar mit dem Namen Haider verbunden und damit verbrannt. Ähnliche Probleme hatte D'Alema mit seiner kommunistischen Vergangenheit und Blair als Bush's Poodle. Egal, ob man dies im Land der sieben Zwerge hinter den sieben Bergen so zur Kenntnis nehmen will oder nicht.

Heiner Müller
23.11.2009 12:30
Na ja

in jemandem, dem im Jahre 2000 der gesamte europäische Rat das Mißtrauen ausgesprochen hat, dem alle damals 14 weiteren Mitglieder der EU die bilateralen Beziehungen suspendiert haben, jetzt pötzlich ein Integrationsfigur zu sehen, scheint mir ja doch etwas illusorisch zu sein.

SchelmWahnsinn
23.11.2009 20:20

Ich darf Ihnen mitteilen, dass man das in Deutschland im Großen und Ganzen nicht mehr so sieht. Diese Episode ist vergessen oder wird zumindest nicht mehr mit der Person Schüssel in Verbindung gebracht (sofern man mit dem Namen *überhaupt* was anfangen kann). Ich persönlich verbinde mit Schüssel einen konservativen, langweiligen aber harmlosen Biedermann. Aber ich definiere ja auch die Person Blair nicht über GW Bush. Das muss halt jeder selber wissen.

Schwarz Grün
23.11.2009 17:00
naja, zumindest die 14 hat er geeint, oder? ;-)

Graf Bobby
23.11.2009 13:59

danach kräht wirklich kein Hahn mehr....

zimbo
 
23.11.2009 09:35
Enttäuscht über unerfüllte Großmachtsphantasien ?

zimbo
 
23.11.2009 09:25
Und wer hat den Barroso oder die F.W. gewählt ?

sokra
23.11.2009 10:32
?

Den Barroso hat das Parlament und die Staaten gewählt... und jetzt?

Blind Peoples Porn
24.11.2009 11:23
die Staaten?!?

wie darf man sich das vostellen? haben die 27 Staaten je einen stimmzettel ausfuellen duerfen? aber wie haben die Staaten bloss in die Wahlkabinen gepasst?!?
diese Wahl ist genau so "transparent" wie die papstwahl, ein wunder das gar kein weisser rauch ueber den Elfenbein-Turm zu Bruessel aufgestiegen ist!!!

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