Gerechtigkeit für Google!

22. November 2009, 18:22
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Die radikale Kritik von österreichischen Autoren und Verlegern an der geplanten Online-Bibliothek des Software-Riesen beruht auf einem Missverständnis - Von Leonhard Dobusch

Nun kommt es also doch nicht so "schlimm", wie mancherseits befürchtet: Die vergangene Woche beschlossene Neufassung des "Google Book Settlements" hat zur Folge, dass in dem geplanten digitalen Buchangebot von Google fast alle deutschsprachigen Werke außen vor bleiben, und dürfte bei Österreichs Autoren und Verlagen wohl auf große Zustimmung stoßen, hatte doch die Wiener Schriftstellerin Marlene Streeruwitz zuvor beklagt, Google greife mit der Digitalisierung von Büchern in ihre "Persönlichkeitsrechte" ein.

Der Grazer Autor Clemens Setz wiederum sah in Google einen "psychotischen Riesenkonzern", den es in Schranken zu weisen gelte. Und die österreichische Verwertungsgesellschaft der Autoren und Verleger Literar-Mechana bezichtigte Google in einer Stellungnahme an die Europäische Kommission gar "der größten Urheberrechtsverletzung in der Geschichte des Urheberrechts".

Ist es so, dass sich mit Google ein Konzern des geistigen Erbes der Menschheit bemächtigt, um schamlos Profit daraus zu schlagen? Gilt es, unsere Bücher vor dem Zugriff eines bösen US-Monopolisten zu beschützen? - Keineswegs. Dass deutschsprachige Bücher nunmehr außen vor bleiben, ist tatsächlich alles andere als ein Grund zur Freude. Womit wir es zu tun haben, sind Kollateralschäden eines längst nicht mehr zeitgemäßen Urheberrechts, mit Panikmache einiger Autoren und Verleger sowie einer prinzipiell begrüßenswerten Entwicklung.

Unangemessene Empörung

Beginnen wir mit dem letzten Punkt: Die Mehrzahl aller Bücher sind käuflich nicht mehr zu erwerben. Sie verstauben in Bibliotheken, sind schlecht indexiert, und oft ist nicht einmal klar, wer noch Rechte an ihnen besitzt, es handelt sich um "verwaiste Werke". Dass nun privatwirtschaftliche Initiativen - neben Google beispielsweise auch eine Koalition von Microsoft, Yahoo und Amazon - versuchen, den Weltbestand an Büchern in digitaler Form zugänglich zu machen, ist daher begrüßenswert. Die Vorgehensweise, erst zu digitalisieren und danach Autoren und Verlegern die Möglichkeit einzuräumen, ihre Werke wieder aus dem Index zu entfernen ("opt-out"-Modell), ist vor dem Hintergrund verwaister Werke nicht nur praktikabel, sondern notwendig. Und die verbleibenden Werke auch im Volltext statt wie bisher nur in Auszügen zugänglich zu machen, ist - bei entsprechender Entschädigung - ebenfalls wünschenswert. Natürlich gibt es eine Reihe berechtigter Sorgen und Kritikpunkte rund um Datenschutz, Qualität oder die Gefahr einer Monopolstellung, sie rechtfertigen aber kaum die eingangs beschriebene, fundamentale Ablehnung.

Die radikale Kritik von Verwertungsgesellschaften, Verlagen und ihren prominenten Aushängeschildern wie Streeruwitz oder Setz beruht zum einen auf Fehlschlüssen, zum anderen aber auf der Verfolgung von Partikularinteressen auf Kosten der Allgemeinheit. So fordert die Literar-Mechana gemeinsam mit ihrem deutschen Pendant VG Wort die Entfernung sämtlicher nicht mehr lieferbarer Bücher aus Googles Index. Auch sollen bisher zugängliche Auszüge ("Schnipsel") aus lieferbaren Büchern in Zukunft nicht mehr erlaubt sein. (Ob die Verwertungsgesellschaften damit den von ihnen vertretenen Autoren tatsächlich einen Gefallen tun oder nicht vielmehr ein verkaufsförderndes Service bekämpfen, ist noch einmal eine andere Frage.) Beides würde für die Leser eine klare Verschlechterung bedeuten. Und auch bei Berücksichtigung berechtigter Einwände gegen einzelne Aspekte von Googles Digitalisierungsprojekt würde ein Abrücken vom vorgeschlagenen "opt-out"-Modell den Zugang zu vergriffenen und verwaisten Werken allzu sehr erschweren.

Bei der Sorge von Streeruwitz um ihr Persönlichkeitsrecht handelt es sich aber wohl um ein Missverständnis: einerseits, weil es immer schon Nutzungsarten von veröffentlichten Werken gegeben hat, die keine Zustimmung des Urhebers erfordern (z. B. der Einsatz im Schulunterricht). Andererseits, weil Google ohnedies allen Rechteinhabern die Möglichkeit eines "opt-out" einräumt.

Hauptursache für die Heftigkeit der Auseinandersetzung ist aber weder das Verhalten von Google noch jenes der Kritiker, als vielmehr ein nicht mehr zeitgemäßes Urheberrecht. Bei der Einführung des Urheberrechts war die Erstellung von Büchern teuer, die Schutzfristen waren kurz; in den USA betrugen sie ursprünglich 14 Jahre nach Veröffentlichung eines Werkes. 200 Jahre und eine digitale Revolution später ist die Erstellung und Verbreitung von Texten, aber auch von Musik und Bildern, so günstig und einfach wie nie zuvor. Die Schutzfristen haben jedoch das absurde Ausmaß von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers erreicht; bis ein Werk wieder der Allgemeinheit frei zur Verfügung steht, vergehen regelmäßig mehr als 100 Jahre.

Fragwürdiger "Schutz"

Profiteure dieser enormen Ausdehnung des Schutzumfangs sind dabei aber, wie aus Studien des britischen Urheberrechtsforschers Martin Kretschmer klar hervorgeht, nicht die große Masse an Autoren und auch nicht die Mehrzahl kleiner Verlage, sondern eine winzige Minderheit von Starautoren und Großverlagen. Kretschmers Fazit nach einer Befragung unter 25.000 Autoren: "Das Einkommen von Kreativen hängt nicht vom Schutz ab, den das Urheberrecht gewährt." Den Preis dieser urheberrechtlichen Fehlentwicklung zahlt die Gesellschaft in Form eines über Gebühr beschränkten Zugangs zu ihrem kulturellen Erbe sowie von erheblichen Nachteilen für Bildung und Wissenschaft. Nicht Google, sondern ein viel zu restriktives Urheberrecht verhindert das Ausschöpfen jener Potenziale für Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, die mit der Digitalisierung verbunden sind.

Die einfachste und beste Möglichkeit, einem drohenden Oligopol von US-Konzernen im Bereich digitalisierter Bücher zu begegnen, wären übrigens öffentlich finanzierte Digitalisierungsprojekte - darauf zu warten ist allerdings keine Option. Denn dann könnte passieren, was laut Guardian bereits in der EU-Kommission befürchtet wird, nämlich dass Google Books zu besserer Forschung und Lehre in den USA führt, während Europa sich selbst aus den neuen digitalen Weltbibliotheken aussperrt. (Leonhard Dobusch, DER STANDARD/Printausgabe, 23.11.2009)

Zur Person:
Leonhard Dobusch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Management der Freien Universität Berlin und Mitherausgeber des Sammelbands "Freie Netze. Freies Wissen.", der unter www.freienetze.at im Volltext online verfügbar ist.

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    Rockkonzert-Besucher mit binokularer Google-Brille. - Fehlt es den Gegnern des "Book Settlements" am nötigen Augenmaß?

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