Die in Deutschland wegen ihrer neuen CD indizierte Band Rammstein gastierte in Wien. Sie gab Interviews, erregte sich darin über Zensur - und strich fröhlich gegebene Antworten zusammen - Eine Begegnung
Wien - Richard Zven Kruspe sitzt in seiner Garderobe und ist bereits auftrittsfertig herausgeputzt: in schwarzem, engem Sweater mit roten Schleifen - ohne Logo. Die Frisur ist eine Art Gel-Helm, geformt, wie man es von den Vulkaniern oder den Klingonen aus Raumschiff Enterprise kennt. Ein bisschen sieht er aus wie der böse Bruder von Thomas Anders. Das war der Dunkle von Modern Talking, der mit dem Nora-Ketterl.
Kruspe ist höflich, blickt einen beim Sprechen eindringlich an und wirkt zwei Stunden vor dem Auftritt seiner Band Rammstein am Samstag in der ausverkauften Wiener Stadthalle locker. Auf dem Boden liegen Fitnessgeräte, auf dem Tisch Zigaretten. Man ist zusammengekommen, um über das neue Album der Band zu sprechen, vor allem über die Indizierung desselben.
"Zu groß, zu klein, der Schlagbaum sollte oben sein. Schönes Fräulein, Lust auf mehr, Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr. Schnaps im Kopf, du holde Braut, steck Bratwurst in dein Sauerkraut." Diese Zeilen, die klingen, als wären sie dem Papierkorb von Didi Hallervorden entnommen, finden sich im Rammstein-Lied Pussy. Dazu hat die deutsche Band ein Video gedreht, das weder MTV- oder Youtube-tauglich ist: einen Porno.
Das mit den Nagetieren
Das war ein Grund, warum das Album Liebe ist für alle da in Deutschland indiziert wurde. Es darf nicht mehr beworben, nicht an Minderjährige verkauft werden.
Ein zweiter Grund dafür sind Zeilen aus dem Lied Ich tu dir weh: "Bisse, Tritte, harte Schläge. Nageln, Zangen, Stumpfe Säge. Wünsch' dir was, ich sag' nicht nein und führ' dir Nagetiere ein." Das ist zwar deftig, vor allem aber ins Absurde überzeichnet. Würde das Helge Schneider singen, der Saal wälzte sich auf dem Boden. Bei den bösen Buben von Rammstein, die seit jeher mit Tabus spielen, ist das anders: Der Vorwurf lautet, die Band animiere zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr und verbreite gefährdende Sado-Maso-Praktiken. Rammstein reagierte darauf mit "Wenn Meinungsfreiheit in der BRD bedeutet, dass Nazis unbehelligt ,Ausländer raus' brüllen dürfen, unsere Platte hingegen aus dem Verkehr gezogen wird, sind wir nicht viel weitergekommen."
Klingt gut, geht aber auf den Vorwurf der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht ein. Darüber hat der Standard mit Kruspe gesprochen. Die Band hatte sich allerdings ausbedungen, die Zitate aus jedem Interview von ihrem Management prüfen und freigeben zu lassen. Und wie das bei Prüfstellen eben so ist, wurde dabei Zensur geübt. Gut die Hälfte von Kruspes Wortmeldungen wurden gestrichen.
Schon erstaunlich, dass eine Formation, die sich selbst als Opfer von Zensur sieht, in schönster DDR-Manier dieselbe betreibt.
Kruspe, 1967 im ostdeutschen Wittenberge geboren, in einem zusammengestrichenen Zitat: "Dadurch, dass wir im Osten so lange extrem beschnitten wurden, gibt es ein extremes Bedürfnis, Dinge zu tun, die sich vielleicht kein anderer so traut." Wie lange und extrem im Osten beschnitten wurde, war eigentlich nicht die Frage, sondern der Umgang mit Zensur hier und jetzt. Aber solche Missverständnisse passieren eben, wenn Dritte mit dem Korrekturstift spielen: Ab jetzt wird zurückzensiert!
Was man schreiben darf, ist etwa Kruspes Meinung zum Pussy-Video, das er "ziemlich cool und genial" findet. Woraus sich ein Gespräch über Schamhaftigkeit und das Spiel mit Verbotenem ergab, das in einer Frage gipfelte, in der Sigmund Freud bemüht wurde. Der hat gesagt, dass der Verlust der Scham ein erstes Anzeichen des Schwachsinns sei: Also, wie schamlos sind Rammstein? Offenbar nicht sehr, eher zu g'schamig, sonst hätte der Band-Zensor die Antwort zugelassen. Zum Thema Provokation durfte Kruspe dann wieder etwas sagen, auch wenn der Erkenntnisgewinn bescheiden ist.
"Das, was man als Provokation empfindet, ist ja immer eine ganz subjektive Betrachtung. Wenn ich ein Thema habe, für das ich mich interessiere, und mit dem ich mich als Künstler auseinandersetze, kann das für andere eine Provokation sein. Wir sind eine Band, die bestimmte Themen an sich reißt."
Nur herausreißen lässt sie sich nicht viel. Es folgte die Anmerkung, dass Subversion in der Kunst oft von einem Veränderungswillen bestimmt sei, was sich bei Rammstein eher nicht so zeige. "Gute Frage", lautet die freigegebene Antwort dazu, den Rest muss man sich leider denken. Grenzen, so Kruspe, gibt es aber: "Ja, ich meine so ein Thema wie der Fall F. Hier habe ich eine ganz klare Meinung. Das ist natürlich abscheulich und widerlich, das ist kein Thema, das ich schön finde. Ich würde mich über eine Welt freuen, in der Geschichten wie diese nicht existieren. Wir spiegeln ja nur die Realität und berichten."
Ja, die Welt ist böse und Rammstein nur ihre Chronisten, denen ihre "humoristische Seite lange nicht bewusst gewesen" war - um noch eine verstümmelte Antwort unterzubringen. Und noch etwas über das Dunkle und Schöne: "Rammstein hat ja auch was anderes zu bieten, diese Dunkelheit hat was Schönes, in der viele Leute ihren Frieden finden. Wir ja auch."
Aufrüsten statt abrüsten
Da weiß man jetzt nicht genau, ob man ihnen schon "Ruhet sanft" wünschen soll, oder ob das noch zu früh wäre. Klarer geht aus den freigegebenen Antworten hervor, dass zumindest Kruspe nicht zur Karikatur seiner selbst werden möchte: "Alles hat eine gewisse Zeit, insofern, denke ich, dass es auch für Rammstein ein Verfalldatum geben wird. Aber: Wir sind natürlich auch zu einer Show-Band aufgestiegen, von der die Leute nicht unbedingt ununterbrochen neue Alben erwarten. Das ist mir bewusst geworden, als wir begonnen haben, die neue Show zu planen. Es ist manchmal wie ein Fluch, man kann bei Rammstein nicht mehr abrüsten. Du kannst nur noch aufrüsten, weil die Leute immer mehr erwarten."
Dann verabschiedete man sich höflich und wünschte sich einen schönen Abend. Rammstein meuchelten bald darauf durch ein zweistündiges Programm, das die einst für sie ausgerufene "Neue Deutsche Härte" mit blutiger Fleischerschürze, Ledergewand und martialischem Getöse nachdrücklich verdeutlichte. Pyrotechnik, Grundelgesang, Totenläuten. Mainz bleibt Mainz auf ganz hart. Schein und Sein wurden selten so schön vorgeführt wie an diesem Abend von Rammstein.
Viel weitergekommen sind wir tatsächlich nicht. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe 23.11.2003)