Ab jetzt wird zurückzensiert!

22. November 2009 18:31
  • Artikelbild
    Foto: christian fischer

    Die auch schon etwas in die Jahre gekommene "Neue Deutsche Härte" in Gestalt des Rammstein-Gitarristen Richard Zven Kruspe live in der Wiener Stadthalle.

Die in Deutschland wegen ihrer neuen CD indizierte Band Rammstein gastierte in Wien. Sie gab Interviews, erregte sich darin über Zensur - und strich fröhlich gegebene Antworten zusammen - Eine Begegnung

Wien - Richard Zven Kruspe sitzt in seiner Garderobe und ist bereits auftrittsfertig herausgeputzt: in schwarzem, engem Sweater mit roten Schleifen - ohne Logo. Die Frisur ist eine Art Gel-Helm, geformt, wie man es von den Vulkaniern oder den Klingonen aus Raumschiff Enterprise kennt. Ein bisschen sieht er aus wie der böse Bruder von Thomas Anders. Das war der Dunkle von Modern Talking, der mit dem Nora-Ketterl.

Kruspe ist höflich, blickt einen beim Sprechen eindringlich an und wirkt zwei Stunden vor dem Auftritt seiner Band Rammstein am Samstag in der ausverkauften Wiener Stadthalle locker. Auf dem Boden liegen Fitnessgeräte, auf dem Tisch Zigaretten. Man ist zusammengekommen, um über das neue Album der Band zu sprechen, vor allem über die Indizierung desselben.

"Zu groß, zu klein, der Schlagbaum sollte oben sein. Schönes Fräulein, Lust auf mehr, Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr. Schnaps im Kopf, du holde Braut, steck Bratwurst in dein Sauerkraut." Diese Zeilen, die klingen, als wären sie dem Papierkorb von Didi Hallervorden entnommen, finden sich im Rammstein-Lied Pussy. Dazu hat die deutsche Band ein Video gedreht, das weder MTV- oder Youtube-tauglich ist: einen Porno.

Das mit den Nagetieren

Das war ein Grund, warum das Album Liebe ist für alle da in Deutschland indiziert wurde. Es darf nicht mehr beworben, nicht an Minderjährige verkauft werden.

Ein zweiter Grund dafür sind Zeilen aus dem Lied Ich tu dir weh: "Bisse, Tritte, harte Schläge. Nageln, Zangen, Stumpfe Säge. Wünsch' dir was, ich sag' nicht nein und führ' dir Nagetiere ein." Das ist zwar deftig, vor allem aber ins Absurde überzeichnet. Würde das Helge Schneider singen, der Saal wälzte sich auf dem Boden. Bei den bösen Buben von Rammstein, die seit jeher mit Tabus spielen, ist das anders: Der Vorwurf lautet, die Band animiere zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr und verbreite gefährdende Sado-Maso-Praktiken. Rammstein reagierte darauf mit "Wenn Meinungsfreiheit in der BRD bedeutet, dass Nazis unbehelligt ,Ausländer raus' brüllen dürfen, unsere Platte hingegen aus dem Verkehr gezogen wird, sind wir nicht viel weitergekommen."

Klingt gut, geht aber auf den Vorwurf der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht ein. Darüber hat der Standard mit Kruspe gesprochen. Die Band hatte sich allerdings ausbedungen, die Zitate aus jedem Interview von ihrem Management prüfen und freigeben zu lassen. Und wie das bei Prüfstellen eben so ist, wurde dabei Zensur geübt. Gut die Hälfte von Kruspes Wortmeldungen wurden gestrichen.

Schon erstaunlich, dass eine Formation, die sich selbst als Opfer von Zensur sieht, in schönster DDR-Manier dieselbe betreibt.

Kruspe, 1967 im ostdeutschen Wittenberge geboren, in einem zusammengestrichenen Zitat: "Dadurch, dass wir im Osten so lange extrem beschnitten wurden, gibt es ein extremes Bedürfnis, Dinge zu tun, die sich vielleicht kein anderer so traut." Wie lange und extrem im Osten beschnitten wurde, war eigentlich nicht die Frage, sondern der Umgang mit Zensur hier und jetzt. Aber solche Missverständnisse passieren eben, wenn Dritte mit dem Korrekturstift spielen: Ab jetzt wird zurückzensiert!

Was man schreiben darf, ist etwa Kruspes Meinung zum Pussy-Video, das er "ziemlich cool und genial" findet. Woraus sich ein Gespräch über Schamhaftigkeit und das Spiel mit Verbotenem ergab, das in einer Frage gipfelte, in der Sigmund Freud bemüht wurde. Der hat gesagt, dass der Verlust der Scham ein erstes Anzeichen des Schwachsinns sei: Also, wie schamlos sind Rammstein? Offenbar nicht sehr, eher zu g'schamig, sonst hätte der Band-Zensor die Antwort zugelassen. Zum Thema Provokation durfte Kruspe dann wieder etwas sagen, auch wenn der Erkenntnisgewinn bescheiden ist.

"Das, was man als Provokation empfindet, ist ja immer eine ganz subjektive Betrachtung. Wenn ich ein Thema habe, für das ich mich interessiere, und mit dem ich mich als Künstler auseinandersetze, kann das für andere eine Provokation sein. Wir sind eine Band, die bestimmte Themen an sich reißt."

Nur herausreißen lässt sie sich nicht viel. Es folgte die Anmerkung, dass Subversion in der Kunst oft von einem Veränderungswillen bestimmt sei, was sich bei Rammstein eher nicht so zeige. "Gute Frage", lautet die freigegebene Antwort dazu, den Rest muss man sich leider denken. Grenzen, so Kruspe, gibt es aber: "Ja, ich meine so ein Thema wie der Fall F. Hier habe ich eine ganz klare Meinung. Das ist natürlich abscheulich und widerlich, das ist kein Thema, das ich schön finde. Ich würde mich über eine Welt freuen, in der Geschichten wie diese nicht existieren. Wir spiegeln ja nur die Realität und berichten."

Ja, die Welt ist böse und Rammstein nur ihre Chronisten, denen ihre "humoristische Seite lange nicht bewusst gewesen" war - um noch eine verstümmelte Antwort unterzubringen. Und noch etwas über das Dunkle und Schöne: "Rammstein hat ja auch was anderes zu bieten, diese Dunkelheit hat was Schönes, in der viele Leute ihren Frieden finden. Wir ja auch."

Aufrüsten statt abrüsten

Da weiß man jetzt nicht genau, ob man ihnen schon "Ruhet sanft" wünschen soll, oder ob das noch zu früh wäre. Klarer geht aus den freigegebenen Antworten hervor, dass zumindest Kruspe nicht zur Karikatur seiner selbst werden möchte: "Alles hat eine gewisse Zeit, insofern, denke ich, dass es auch für Rammstein ein Verfalldatum geben wird. Aber: Wir sind natürlich auch zu einer Show-Band aufgestiegen, von der die Leute nicht unbedingt ununterbrochen neue Alben erwarten. Das ist mir bewusst geworden, als wir begonnen haben, die neue Show zu planen. Es ist manchmal wie ein Fluch, man kann bei Rammstein nicht mehr abrüsten. Du kannst nur noch aufrüsten, weil die Leute immer mehr erwarten."

Dann verabschiedete man sich höflich und wünschte sich einen schönen Abend. Rammstein meuchelten bald darauf durch ein zweistündiges Programm, das die einst für sie ausgerufene "Neue Deutsche Härte" mit blutiger Fleischerschürze, Ledergewand und martialischem Getöse nachdrücklich verdeutlichte. Pyrotechnik, Grundelgesang, Totenläuten. Mainz bleibt Mainz auf ganz hart. Schein und Sein wurden selten so schön vorgeführt wie an diesem Abend von Rammstein.

Viel weitergekommen sind wir tatsächlich nicht. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe 23.11.2003)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 173
1 2 3 4
Dyne
25.11.2009 21:05

Die "Steine" kommen zum Novarock wieder....
und ich SICHER auch !

Aber Morgen sind "The Prodigy" in der Stadthalle !



selmasupersad
 
23.11.2009 20:51

Ich schei#e auf die ganzen Raunzer, die nach jedem einzelnen Konzert und jeder veröffentlichten Platte "objektive" Berichte erwarten - in Wahrheit sind sie nur beleidigt, wenn keine Lobeshymnen auf ihre Lieblingsbands gesungen werden.

Ich lese die Kritiken von schach und flu gerne, erstens sind sie meist wirklich lustig geschrieben und zweitens: Interviewzensur ist ja wohl das Allerpeinlichste. Insofern ist jede einzelne sarkastische Wendung von flu gerechtfertigt.

rinius ante portas
24.11.2009 12:38

Es geht bei der Kritik einiger hier nicht um schlichte "Objektivität", das kann man auch nicht wirklich erwarten. Was man aber von den Herren Schachinger und Frluch einfordern kann ist eine gewisse Sachlichkeit. Die genannten Herren gefallen sich ja oft in beleidigenden Beschreibungen der Fans von Musikern, die die beiden offensichtlich nicht mögen.

major schloch
24.11.2009 00:10
richtig.

der erste hauptsatz ist vielleicht etwas deftig geraten, aber dafür vollinhaltlich wie der rest deines postings zu unterschreiben. kunstkritiken müssen subjektiv sein - wann will das in die schädel der objektivitätssuderanten endlich hinein?

deadsoil
24.11.2009 12:17

welche kunstkritik ? eine jammerei über angebliche zensur und die wiederholte (in anderen artikeln) feststellung, man mag rammstein nicht. weder eine kritik zur musik, weder eine kritik zum konzert. sie nennen soetwas kunstkritik ?

Stabilo13
24.11.2009 13:54

ja, das ist eine kunstkritik
rammstein sehen sich ja auch selbst als kunstfiguren (Hoffentlich zumindest) und so ein hirnrissiges und kindisches getue beim interview darf man ruhig auch publik machen.

major schloch
24.11.2009 13:49
nein, in dem fall hier nenn ich's nicht so, weil...

...rammstein wirklich keine kunstkritik verdienen. mein posting bezog sich auf das von selmasupersad, das den begriff "objektiv" beinhaltet. & in der tat wird ja immer von all jenen, die sich von schluch auf den schlips getreten fühlen, diese ominöse "objektivität" eingefordert. die kann aber nicht eingelöst werden, sei es in der "echten" kunstkritik, sei es bei der besprechung solcher lachnummern wie rammstein.

deadsoil
24.11.2009 14:43
zum glück sind die zeiten vorbei, in denen diktiert wurde, was kunst ist und nicht.

ich habe überhaupt kein problem damit, wenn leute rammstein nicht mögen. mir geht´s genau so - ich mag auch vieles nicht, was andere als gut finden oder sogar in den himmel loben. das ist eben das wesen der kunst, vielfalt, statt einheitsgeschmack. ich akzeptiere das. sie reihen sich mit fluch und schachinger ein. außer beschimpfungen, versuche eine musikgruppe und deren fans lächerlich zu machen, das künstliche erregen über ein nicht genehmigtes interview finde ich hier nichts im bezug auf rammstein. künstlerisch wertlos. objektiv betrachtet eine nullnummer. deshalb noch einmal mein vorschalg, bringt doch nichts von rammstein im kulturforum, wenn ihr meint, es gebe nichts zu berichten was im kulturbereich seinen platz hätte.

Dyne
23.11.2009 20:16

Auch wenn ich den Lärm,den die Rammsteiner veranstalten,mag - es gibt auch noch weitere tolle
Konzerte!

Do.26.11. The Prodigy (Stadthalle )
Fr. 27.11. Placebo (Stadthalle )
und
03.12. Depeche Mode (Stadthalle )

und hoffendlich sitzt dort ein Tontechniker, der
sein Werk versteht !

exhorder
23.11.2009 19:22
Der Sound war eine einzige Katastrophe

Ich weiß nicht, wer im Endeffekt schuld ist, aber der Sound war eines Konzerts mit ca. 14.000 Leuten nicht würdig. Ich bin mir vorgekommen, als würde ich einen Turnsaal mit meiner iPod-Station beschallen. Keine fetten Gitarren, kein druckvoller Drumsound und ein Gesang, der überhaupt nicht kraftvoll rüberkam. Da denke ich gerne ans heurige Novarock zurück, bei dem die Metallica Riffs in 100m Entfernung messerscharf rüberkamen. Ich bin froh, dass ich mir das neue Album oft genug angehört habe, denn sonst wäre das Konzert noch enttäuschender geworden. Da fehlte einiges: Mutter, Du riechst so gut, um nur einige zu nennen. Genial dafür wie immer die Show, vor allem der Beginn und Tastenmann Flake, der 20 Minuten durchgehend am Laufband ging :-)

Exair
24.11.2009 16:30

Vollkommen richtig, Sound war absolut beschi55en - wer am Novarock NIN oder Metallica gesehen hat weiß wie Musik live klingen kann.

Man hätte bei Rammstein kein einziges Wort verstanden wenn man die Texte nicht gekannt hätte.

presonic
24.11.2009 14:49

sie kommen im sommer wieder, die rammsteine. hab sie verpasst. leider.

Dyne
23.11.2009 19:06

Das mit dem Interview finde ich auch nicht in Ordnung-daher geht der Artikel auch OK.

Rammstein sind eine musikalische Unterhaltungstruppe mit einer grandiosen Liveshow.
Like it or not!

Die Texte sind in der Metal-Szene durchaus nichts erschreckendes-Auf Deutsch versteht man es(vielleicht auch leider) besser.
Oder....
kann mir jemand den intellekuellen Anspruch von Metallica´s "Seek and Destroy" erklären?

Vielleicht sollten wir einen Wettbewerb veranstalten!
Vorbedingungen:

Band gründen - Deutsche Texte - Heavy-Genre-Provokation-Single CD/DL iTunes.
Sieger ist,wer es schafft innerhalb der nächsten 24 Monate nachhaltig in die Verkaufscharts zu kommen- wäre gespannt ob das so WIRKLICH so einfach ist !

sekir 09
23.11.2009 17:20

Es ist manchmal wie ein Fluch..
ja

Van Braun
23.11.2009 16:42
Rammelstein

piff paff klammeraff
23.11.2009 16:38
man kann rammstein toll finden oder öd

das mit den "Textzeilen wie aus Didi Hallervordens Papierkorb finde ich hübsch gesagt;

- und das ist auch irgenwie ein Kompliment für alle drei: Hallervorden, Rammstein und für Karl Fluch =)

sylvia29
27.11.2009 09:56

ist auch mein favorit.

Miguel Rodrigez
23.11.2009 15:34
Muss leider zustimmen

War ein schwaches Konzert, wiewohl eine Spur Selbsironie war wenigstens das Stagediving in einem Schlauchboot

Dyne
23.11.2009 21:26

...und naturlich der politisch Korrekte Konfettisprühpenis :-)))
*rofl*

Baumi85
 
23.11.2009 15:20
Konzert

Also ich fand das Konzert war nicht der Hit, und ich war auch fasziniert wie das Publikum dort aussieht, dachte mir dass da ne Großraumdisko ums Eck steht.

Kannte auch nur 2 Lieder von ihnen beim Konzert, Engel und Links, 2,3,4. Die neuen habe ich mir erst am nächsten Tag mal in Youtube angehört, mann vergeht die Zeit schnell....

Stahl_____666
23.11.2009 15:04
.

Rammstein sind Poser, die wirklich bösen Jungs arbeiten bei Mayhem und Burzum.

darkwing
23.11.2009 19:04
ad Burzum....

.....der Vikernes is ja im Knast auf Ambient umgestiegen.....jetzt sollt er ja wieder auf freiem Fuß sein, vielleicht besinnt er sich ja wieder und nimmt nochmal ein geniales BM-Album auf.....

Kendall Von Tharn
25.11.2009 19:28

ja, wurde entlassen und 2010 soll das neue werk kommen

CitizenDick
23.11.2009 17:03

jaha das war so ungefähr 1993????

Jürgen Rembremerding
23.11.2009 16:31
Und die Spider Murphy Gang!

Da steckt schon in "Gang" das gefährliche drin!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 173
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.