Google Book Settlement

Für eine Handvoll Dollar

22. November 2009, 18:03
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    Wer ist oben, wer unten? Werden die Rechte der Autoren gewahrt oder von Google auf dem Altar der Ökonomie geopfert? Foto: APA

Google wird nur Werke aus den USA, Kanada, Australien und Großbritannien in seine Online-Bibliothek aufnehmen dürfen - Ein Etappensieg mit vielen offenen Fragen

Begonnen hat alles vor fünf Jahren, als Google zusammen mit großen Bibliotheken begann, deren Buchbestände zu digitalisieren und im Internet allgemein zugänglich zu machen. Sieben Millionen Bücher sollen mittlerweile weltweit digitalisiert sein. Der kalifornische Suchmaschinen-Betreiber fand, man rette damit die Zukunft des Buches; allerdings hatten die Suchmaschinisten "vergessen" , die Rechtsinhaber, Autoren und Verlage, um Erlaubnis zu fragen.

Diese klagten gegen Google, stimmten aber, da der Ausgang eines Prozesses ungewiss schien, im vergangenen Jahr einem Vergleich zu. Titel der Vereinbarung: "Google book settlement". Gegen die Zahlung von 125 Millionen Dollar sollte die künftige Nutzung der Scans in den USA geregelt werden. Dass Google weltweit Urheber im Falle einer kommerziellen Nutzung mit 63 Prozent an den Erlösen zu beteiligen versprach, schien einigen als fair. Viele ausländische Verlage und Autoren wollten das Settlement allerdings so nicht hinnehmen, es sei die nachträgliche Legalisierung eines illegalen Prozesses. 400 Einsprüche gegen das Abkommen, formuliert von ausländischen Verlegern und dem US-Justizministerium, zwangen zu einer Nachjustierung des Vergleichs, die der zuständige Richter am Federal District Court in Manhattan, Denny Chin, vergangene Woche angenommen hat. Die deutlich abgemilderte Version des nun überarbeiteten "Google Book Settlement" besteht aus diversen Teilen und ist hunderte Seiten lang.

Wichtigstes Fazit: Die ambitionierten Träume Googles scheinen mit dem überarbeiteten Settlement zunächst zerstoben, denn die neue Vereinbarung beschränkt sich nun ausschließlich auf Bücher, die in den USA, Kanada, Großbritannien und Australien registriert sind. Nicht gehindert werden könnte der Internetkonzern allerdings an weiteren Scan-Aktivitäten im Rahmen seiner legalisierten Abkommen mit einigen deutschsprachigen Verlagen und Bibliotheken. Eine weitere wichtige Neuerung betrifft den Umgang mit "verwaisten Büchern" , also Titeln, die vergriffen, aber immer noch urheberrechtlich geschützt und deren Autoren nicht auffindbar sind. Die Neufassung der Einigung sieht vor, dass die Erlöse aus dem Verkauf digitalisierter Bücher nunmehr zehn Jahre eingefroren werden. Innerhalb dieser Zeit können Rechte-Inhaber Ansprüche geltend machen.

Der Vorwurf allerdings, dass sich Google ein Monopol aufbaut und bald der wichtigste Anbieter digitaler Bücher weltweit wird, ist nicht vom Tisch. Denn immerhin könnte der Konzern, setzt er seine Meinung durch, nicht nur Millionen gescannter Bücher im Volltext durchsuchbar machen, sondern auch digitale Kopien verkaufen.

Dass unter der Ziffer 4.7. des Settlements neben dem bereits bekannten "Print on demand" nunmehr neu auch ausdrücklich auf den "File Download" verwiesen wird, deutet darauf hin, dass Google im ursprünglichen Abkommen nicht alle geplanten Nutzungsmöglichkeiten auf den Tisch legte. Vielleicht kein gutes Zeichen. Denn es geht keineswegs um eine Handvoll Dollar, sondern um viel Geld. Wie immer in solchen Fällen haben nun die Anwälte das Wort. Das nächste Mal am 18. Februar 2010, wenn bei einer Anhörung die Gegner ihre Meinung äußern können. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2009)

Weiterlesen:

"Das Netz ist ein Verstärker des Starken"
Interview mit Gerhard Ruiss, Vorsitzender der IG AutorInnen - Über die Sorgfalt, mit Literatur umzugehen, und die Versuche, sich im Netz das Copyright unter den Nagel zu reißen

"Andere Form der Entlohnung geistiger Güter"
Interview mit Walter Grond, seit 2005 Leiter des Buchportals Readme.cc. - Über das Publizieren in digitalen Netzwerken und Kulturkritik

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Posting 1 bis 25 von 58
1 2
solandre
 
00
11.12.2009, 02:12

ich habe einmal ein buch geschrieben. davon wurde ein exempla verkauft. das ist das exemplar in der österreichischen staatsbibliothek. ich will nicht, dass dieses buch jemals wieder anderswo auffindbar ist. was ich mache ich nun?

esistnichtwasesist
12
23.11.2009, 14:50
und so verlieren die verlage ihre kunden

- wie zuvor die musikindustrie.
die europaeischen verlage schaffen es nicht, aktuelle titel auch digital zu vertreiben, dafuer wollen sie an altem papier am liebsten in alle ewigkeit weiterverdienen.
wieso schaffen es die autoren/verlage nicht, google eine liste zu geben, welche buecher sie noch selber anbieten wollen?
ich bin dafuer, bei vergriffenen titeln von rechts wegen die urheberschaft einzuschraenken, dann koennen innovative unternehmen die luecke fuellen...

Wolfgang1824
02
23.11.2009, 15:08
Richtig-Wie in der Musikindustrie

Schon jetzt kann man aus dem Netz unendlich viele Bücher digital downloaden. Ist aber nicht unbedingt ein Verlust (ähnlich wie in der Musikwelt). Es ist irgendwie so: man liest 3 Bücher aus dem Netz und kauft sich dann eines das man in Narura haben will oder "belohnt" den Autor für gute Bücher indem man sich ein Buch von ihm/ihr kauft.
Ohne digitalen download würde man vielleicht den Autor nicht einmal kennen.
Dass die Verlage eine günstige und legale Möglichkeit "verschlafen" in dem sie Bücher sehr viel billiger im Netz anbieten ist wieder typisch für unsere von Bürokraten beherrschte Welt.

Manfred M
00
24.11.2009, 10:19
Ja genau belohnen.

Das wäre ja wunderbar wenn es so wäre.
Nur die meisten Menschen kennen keinen Anstand wenn es um kostenlose Vorteile geht.
Vor allem die Kids wachsen mit dem Gedanken auf: "Ist eh gratis warum soll ich dann was zahlen nachher."
Und viele vergessen da gerne, dass Autoren und Musiker davon Leben müssen und nicht eben mal am Wochendende nebenbei ein Buch oder ein Lied schreiben.
Auch Verlage und Buchhändler leben vom Verkauf.
Je weniger für ein Werk bezahlt wird, desto weniger Angebot wird es geben

so go
00
23.11.2009, 16:04

bürokratie beherrscht die welt nicht; es stellt einen versuch dar diese zu regeln...

Inquirer
11
23.11.2009, 12:43
Interessanter Gastkommentar

http://derstandard.at/125674539... uer-Google

Dass Google die Bücher ohne vorherige Erlaubnis veröffentlicht, ist natürlich bedenklich. Doch die Opt-Out-Möglichkeit für die Rechteinhaber relativiert diese Piraterie doch beträchtlich. Die Hauptfrage ist, ob dieses Google-Projekt der Menschheit mehr nutzt oder schadet. Wenn es der breiten Mehrheit mehr Nutzen als Schaden bringt, dann sollte es keine Rolle spielen, dass Google einen Vorteil daraus zieht und dass die Rechteinhaber genötigt werden, eine Opt-Out-Mail ihrer Werke an Google zu schicken.

Was mich wundert: Hier im Forum wird immer über DRM geschimpft. Und jetzt plötzlich ist DRM und das Schützen von Urheberrechten gut?

Ueberlaeufer
01
23.11.2009, 13:13

Der breiten Mehrheit würde es mehr nutzen, wenn Sie ihr Ihr Vermögen zur Verfügung stellen, anstatt es für sich zu behalten - überspitzt formuliert.
Ich zieh schon mal in Ihre Wohnung ein, aber wenn Sie mir einen Brief schreiben, dann zieh ich auch wieder aus: Das opt-out hat schon einen herrschaftlichen Beigeschmack. Besser wäre es, Google fragt vorher ob es darf, und nicht löscht nicht nachher, wenn es nicht darf.
DRM heißt ja DIGITAL rights management und ist etwas ganz anderes.
Solange Ideenerfinder existenziell darauf angewiesen sind, eine Idee als Eigentum zu betrachten, sollte man dieses Recht auch akzeptieren (solange es auch als Gesetz verankert ist) - mit allen Konsequenzen wie Verkäuflichkeit und Vererbbarkeit.

Inquirer
00
23.11.2009, 14:05

Man muss den Aspekt der Verhältnismäßigkeit beachten: Das Projekt würde nie zustande kommen, wenn Google auf das OK der Rechteinhaber warten müsste, da diese in vielen Fällen gar nicht mehr identifizierbar sind. Umgekehrt ist es für die Rechteinhaber ein Leichtes, Google den opt-out mitzuteilen. Und die in der Zwischenzeit entstandene »Besitzstörung« ist – im Vergleich zum Einziehen in eine fremde Wohnung – tatsächlich sehr, sehr gering.

Es gibt sehr viel Literatur, die einfach untergeht, weil die Rechteinhaber sie nicht publizieren (nicht einmal kostengünstig im Internet).

Besser wäre natürlich, wenn nicht Google, sondern ein Konsortium oder ein Verein (á la w3c, wikipedia etc.) dieses Projekt in Angriff genommen hätte.

Der groBe Mann
00
23.11.2009, 12:37
Schon im 19. Jh war die Raubdruckerei höchst modern.


Die USA haben damals überhaupt keine Urheberrechte zB europäischer Autoren anerkannt. Umgekehrt haben österreichische und deutsche Verlage die erfolgreichen englischsprachigen Romanschriftsteller ohne Lizenz übersetzt und auf den Markt geworfen.

Manfred M
01
23.11.2009, 12:13
Die Faszination der Möglichkeiten

Klar. In einer idealen Welt würde ich vieles begrüßen, was Google macht.
Aber wir werden leider nie in einer idealen Welt leben.
Daher muss man stark aufpassen, was solche Unternehmen machen und Grenzen ziehen bevor es zu spät ist und der Google Konzern weltweit bestimmt wir alle lesen, sehen, hören und denken sollen bzw dürfen.

Inquirer
12
23.11.2009, 14:08

Google reißt doch die Urheberrechte dieser Werke an sich, sondern ermöglicht, was die Rechteinhaber zum Teil nicht ermöglichen, nämlich die – vermutlich kostenlose – Recherche in zahlreichen Büchern, die zum Teil nicht mehr verlegt werden und deren Rechteinhaber zum Teil auch nicht bekannt sind. Also Böse ist echt etwas anderes.

mountaineer
02
23.11.2009, 11:12

eigentlich unbegreiflich, warum google einen so tollen ruf genießt und sich gleichzeitig als heuschrecke gebärden kann.
da gibt es wohl einige unter uns, die das selbständige denken auch schon google und wikipedia überlassen haben.
wie wär's, wenn sie gleich ihre persönlichkeit google und facebook zur unentgeltlichen nutzung überlassen, die sichern dann "uneigennützig" die konsumexistenz des betreffenden - ach ja, das haben ja schon viele gemacht!

Ueberlaeufer
12
23.11.2009, 11:10

Bei der 70-Jahresklausel im Urheberrecht geht es nicht um die Autoren, sondern um die Erben und Verlage. Da Lizenzen für das exklusive Kopieren teuer sind, verstehe ich die Sorgen der Verlage.
Google macht es sich auch sehr bequem, etwas, das scheinbar herrenlos herumliegt einfach zu nehmen und darauf zu warten, ob sich jemand meldet, dem es gehört. In der Verlagsbranche war es bisher üblich, zuerst sich um die Rechte zu kümmern und dann zu veröffentlichen (schwarze Schafe mag es geben).

Ro_bert
11
23.11.2009, 10:41

Sind wir wirklich geistig so arm, dass wir uns nur mehr um die Absicherung und Ausbeutung des bereits Geschaffenen kuemmern?

Ueberlaeufer
01
23.11.2009, 12:01

Die Absicherung und Ausbeutung des Ungeschaffenen fällt halt schwer, da ja noch nicht vorhanden.

Kelborn
00
23.11.2009, 09:30
Vieleicht ein großer Fehler

1. Für kleine Autoren (im Sinne der Auflage) wäre eine gute Beteiligung an den Werbeeinnahmen sicher kein so schlechtes Geschäft (besonders wenn es bei der ersten Auflage bleibt), denn von 90% aller erscheinenden Bücher wird nur die erste Auflage von ca.1000Stück gedruckt. Wenn die sich nicht verkaufen ist das Buch weg.

2. Wie es letzt läuft, unterstützt es die Hegemonie des Englischen auf der Welt. Andere Sprachen (besonders die Germanischen) geraten extrem unter Druck und das Kuturgut Sprache wird langsam seiner Pluralität beraubt. In der Wissenschaft ist es schon passiert: Nur wer Englisch veröffentlicht, dem wird Gehör geschenkt. Bald wird es auch in anderen Bereichen so sein, wenn der digitale Weg verschlafen wird.

Inquirer
00
23.11.2009, 12:31

Da wissenschaftliche Forschungsarbeiten in der Regel auf englisch publiziert werden (scientific papers) und Wissenschafter in der Regel des Englischen mächtig sind, können sie alle wesentlichen Forschungsarbeiten im Original lesen und mit ihren Kollegen weltweit kommunizieren. Ich sehe darin ausschließlich Vorteile.

Naßraumorchester "John Cage"
00
23.11.2009, 13:02
stimmt nicht ganz

in den kultur-, geistes- und sozialwissenschaften wird sehr oft in anderen sprachen publiziert.

Dante Alighieri
00
23.11.2009, 15:51

Publiziert vielleicht schon, aber gelesen wird das so publizierte dann IMHO kaum. Auch in den von Ihnen angesprochenen Bereichen wird das Englische immer klarer zur Hauptwissenschaftssprache.

Naßraumorchester "John Cage"
00
24.11.2009, 10:28

schauen sie sich einmal die zugriffsstatistiken einzelner artikel auf open access-servern an: artikel in spanisch, deutsch, französisch schneiden gut ab. auch US-forscher_inn_en lesen publikationen in anderen sprachen.

rhaino
00
23.11.2009, 11:55

zu "besonders die Germanischen"

Englisch ist bekannterweise eine germanische Sprache und warum z.B. Tschechisch weniger unter Druck geraten sollte als beispielsweise Schwedisch ist mir nicht ganz klar.

Letztendlich aber: Die europäischen Sprachen sind auch nicht untergegangen, obwohl über viele Jahrhunderte hinweg die ausschließliche Schriftsprache Latein war und die internationale Kommunikation sowie der Unterricht auf den Universitäten und in vielen Schulen ebenfalls vorwiegend in lateinischer Sprache stattgefunden hat.

markus pirker
 
29
23.11.2009, 04:00
schade

jetzt werden die ganzen alten schmoeker die sowieso niemand liest nicht digitalisiert und somit vollkommen nutzlos. haette man das alte zeugs wenigsten digitalisert und suchbar und ausdruckbar gemacht waere vielleicht der eine oder andere schatz wiederentdeckt worden. na zumindest bleibt englisch sprachliches kulturgut fuer die zukunft erhalten und relevant.

mountaineer
11
23.11.2009, 11:08

mir ist lieber, ein paar alte werke gehen für immer verloren, als dass sich google unter verfolgung rein ökonomischer interessen als großer retter des Menschheitsgeistes aufspielen kann.

Girgl Galgenstein
01
23.11.2009, 09:04
Spätestens 70 Jahre nach dem Tod des Autors

sind die Werke frei und können beliebig vervielfältigt werden. Interessanterweise sind es umgekehrt gerade die USA, die auch eine Vorreiterrolle bei der Ausweitung dieser Frist Spielen (Lex Mickey Mouse).

Werner Grosser
34
22.11.2009, 23:48
Die Europäer kriegen hat leider nichts zusammen ...

Anstatt Google zu beneiden sollten die Europäer selbst einmal nachdenken, wann sie zuletzt ein größeres Technologieprojekt zusammengebracht haben. Die gesamteuropäische Internet-Suchmaschine, Galileo, eine elektronische Kulturdatenbank, der CERN Large Hadron Collider -- immer wird gut (und mit vielen schönen Worten) begonnen, und dann wird entweder gar nix draus, oder es wird vertagt, oder es funktioniert nicht so ganz. Wieso haben die großen Bibliotheken nicht schon längst ihre Schätze digitalisiert? Wieso haben europäische Wissenschafter mit Eifer mitgewirkt, dem Englischen das Monopol als Wissenschafts- und nun als Kultursprache zu erringen? Nur gegen Goggle zu motzen zeugt vom Neid des Erfolglosen. Gangbare Alternativen entwickeln!

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