Wie sicher fühlen sich MigrantInnen in Österreich? Eine Studie zeigt, dass subjektive Bedrohungen nicht gleich verteilt sind
Von der „Angst vor den Fremden" ist oft die Rede. Doch welche Ängste haben „die Fremden" selbst? Über das Sicherheitsgefühl der Zugewanderten wurde kaum geforscht - und was man erforscht hat, wird scheinbar gern ignoriert. So geschah es zumindest bei der unlängst veröffentlichten Integrationsstudie" im Auftrag des Innenministeriums: Zwanzig Prozent der Mehrheitsbevölkerung hätten bereits negative Erfahrungen mit Zugewanderten gemacht, so hieß es da - demgegenüber hätten 60 Prozent der (türkischstämmigen) Zugewanderten schlechte Erlebnisse mit der Mehrheitsbevölkerung gehabt. Der Studienautor spricht von einem „augenfälligen Ungleichgewicht" - in den Presseaussendungen findet sich dennoch nichts darüber.
Nicht genug Sicherheit für alle
Für Kriminalsoziologen Arno Pilgram ist das symptomatisch: „In Politikerpredigten wird das Gefühl vermittelt, es sei nicht genügend Sicherheit für alle da." Geknǘpft daran sei die Frage: "Wer gehört zu uns und wer nicht?"
Grund genug fürs Sozialforschungsinstitut SORA, sich der Frage zu widmen, wie sicher sich in Österreich jene fühlen, die gemeinhin als „Fremde" definiert werden. In anonymen, qualitativen Interviews wurden Zugewanderte gefragt, wodurch sie sich bedroht sehen. Dem Projekt „SALOMON Next Step", das von SORA, der Sigmund Freud Privatuni und dem Forschungsinstitut des Roten Kreuzes initiiert wurde, liegt ein breiter Sicherheitsbegriff zugrunde: Alles, was Angst macht, beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl, so die Annahme - und dazu gehören nicht nur die Angst vor Raub, Diebstahl und Verkehrsunfall, sondern auch die Angst, den Job zu verlieren, zu verarmen, zu vereinsamen.
Angst, zweitrangig zu sein
Ängste wie diese sind universell. Dennoch zeigt die SORA-Studie deutlich, dass es ganz migrantenspezifische Faktoren sind, die unter Zugewanderten für ein erheblich gesteigertes Unsicherheitsgefühl sorgen können. Befristete Aufenthaltstitel, Diskriminierung bei Behördengängen oder auf der Jobsuche, das Gefühl, aufgrund des Aussehens - Stichwort Hautfarbe oder Kopftuch - schlechter behandelt zu werden - all das führt zum Gefühl, es könne ständig irgendetwas passieren.Krankenstände werden nicht angetreten, weil die Angst vor einer Kündigung zu groß und die Erinnerung an die letzte langwierige Jobsuche noch zu stark sind.
Dazu kommen ganz alltägliche Ängste: Die Furcht, sich beim Deutsch-Sprechen zu blamieren, die Scheu, am Amt noch einmal nachzufragen, weil man die Rechtsauskunft beim ersten Mal nicht verstanden hat. Irgendwann führt das zum diffusen Eindruck, alle schlechten Erfahrungen geschähen nur deshalb, weil man nicht so heißt, aussieht oder spricht wie ein „gstandener Österreicher". Auch wenn die Benachteiligung nicht immer gleich bewusste Diskriminierung ist. .
Künstlich erzeugte Unsicherheit
Dass die Ängste vieler Zugewanderten quasi künstlich erzeugt werden, gibt Angela Magenheimer von Ehe ohne Grenzen zu bedenken. „Unsicherheit entsteht hauptsächlich durch das Fremdengesetz", sagt Magenheimer. Die Tatsache, dass dieses in den letzten Jahren mehrfach geändert wurde, trage nicht gerade zum Sicherheitsgefühl der Betroffenen bei.
Was passiert, wenn sich Menschen in ihrer Umgebung unsicher fühlen? Sie ziehen sich zurück oder werden aggressiv, erklärt Alfred Pritz, Leiter der Sigmund Freud Privatuni in Wien. Da beides gesellschaftlich kaum erwünscht ist, lohne es sich, Sicherheitspolitik einmal auf anderes zu konzentrieren als „objektive" Faktoren wie Terrorismus oder organisierte Vermögenskriminalität.
Zumal das subjektive Sicherheits-Gefühl sich ohnehin wenig durch politische Sicherheitsmaßnahmen verstärken lässt - im Gegenteil, meint Ogris: „Wenn ich an jeder Ecke einen Polizisten sehe, dann wittere ich Gefahr, und nicht Sicherheit". (mas, derStandard.at, 21.11.2009)