Erneut Tote und Verletzte bei Serie von Anschlägen am Wochenende - Regierung will Sicherheitskräfte auf 400.000 Mann ausbauen
Kabul/Islamabad/London - Ein
Bombenanschlag im Süden Afghanistans hat am Sonntag fünf
Grenzsoldaten das Leben gekostet. Der am Straßenrand versteckte
Sprengsatz explodierte vor dem Morgengrauen im Bezirk Spin Boldak in
der südlichen Provinz Kandahar, wie ein Sprecher der Grenztruppen
mitteilte. Die radikal-islamischen Taliban bekannten sich zu der Tat.
Der Tatort liegt in der Nähe der pakistanischen Grenze. In Pakistan
kamen am Wochenende bei Anschlägen und Gefechten mindestens 20
Aufständische und zehn Soldaten ums Leben.
Nur wenige Stunden vor der Explosion in Kandahar war neben einem
Luxushotel in der afghanischen Hauptstadt Kabul eine Rakete
eingeschlagen. Nach verschiedenen Angaben wurden zwischen zwei und
sieben Menschen dabei verletzt. Das bei Diplomaten und anderen
ausländischen Gästen beliebte "Serena"-Hotel war schon häufiger Ziel
von Angriffen der Taliban.
Unterdessen wurden bei verschiedenen Operationen südlich von Kabul
und in der Taliban-Hochburg Kandahar mehr als zehn mutmaßliche
Extremisten festgenommen. Einige von ihnen sollen Verbindungen zu
ranghohen Taliban-Mitgliedern haben und in Anschläge verwickelt sein,
wie die NATO am Sonntag mitteilte.
Am Freitag kam ein 13-Jähriger in Südafghanistan ums Leben, als er
auf Anweisung von Aufständischen eine Bombe verstecken sollte und
diese vorzeitig hochging. Der Bub habe den Sprengsatz unter einer
Brücke im Verwaltungsbezirk Sahri deponieren sollen und dabei im
Auftrag von "Terroristen" gehandelt, teilte das Innenministerium mit.
Die Aufständischen "belügen Kinder und benutzen sie, um ihre
schlimmen Ziele zu erreichen", hieß es weiter.
Rund 80 Taliban legten am Samstag in der südafghanischen Stadt
Herat ihre Waffen nieder und nahmen ein Amnestie-Angebot von
Präsident Hamid Karzai an. Der Anführer der Gruppe, ein ehemaliger
Kommandant bei den Grenztruppen, erklärte, er habe sich den Taliban
angeschlossen, nachdem ihm vor einem Jahr vorgeworfen worden war,
Waffen und Munition gestohlen zu haben.
Die Regierung in Kabul will die afghanischen Polizei- und
Militärkräfte auf 400.000 Mann ausbauen - mehr als doppelt so stark
wie bisher angestrebt. Damit sollen die Vorgaben der USA und der NATO
erfüllt werden, die mehr Verantwortung in die Hände der afghanischen
Sicherheitskräfte legen wollen, sagte Verteidigungsminister Abdul
Rahim Wardak. Laut US-Medienberichten setzen die Regierungen in
Washington und Kabul im Kampf gegen die Taliban auch verstärkt auf
afghanische Stammesmilizen. Wie die "New York Times" am Sonntag
berichtete, sei in Teilen Afghanistans bereits damit begonnen worden,
solche Milizen zu unterstützen. "Die Idee ist, die Leute dazu zu
bringen, Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen",
zitiert die Zeitung einen führender Vertreter des US-Militärs in
Kabul, der namentlich nicht genannt werden wollte.
Der britische Außenminister David Miliband warnte angesichts der
prekären Sicherheitslage vor einem schnellen Abzug der NATO-Truppen
aus Afghanistan. Die afghanische Regierung würde in diesem Falle
innerhalb weniger Wochen zerbrechen, sagte Miliband der Zeitung "The
Guardian". Ohne internationale Militärpräsenz würden die
Aufständischen die afghanischen Truppen sehr schnell überrollen,
sagte Miliband nach einem Besuch in Kabul. Daher müsse die NATO so
lange bleiben wie nötig. "Künstliche Zeitpläne kommen nur dem Feind
zugute", fügte er hinzu.
Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
bezeichnete die Zusammenarbeit von NATO und UNO als unerlässlich für
den Erfolg internationaler Missionen. "Die NATO kann nur etwas
bewegen, (....) wenn die Zusammenarbeit zwischen der Allianz und den
Vereinten Nationen in der Praxis auch tatsächlich funktioniert". Das
zeige das Beispiel Afghanistan, sagte Guttenberg am Freitagabend bei
einer internationalen Sicherheitskonferenz in Halifax in Kanada.
In Pakistan kam es im Zuge der Mitte Oktober begonnenen
Militäroffensive in Süd-Waziristan gegen die Taliban erneut zu
schweren Gefechten in dem nordwestlichen Grenzgebiet zu Afghanistan
mit Toten. Ein Bombenanschlag vor dem Hauptquartier einer
Hilfsorganisation am Stadtrand von Peshawar endete laut örtlicher
Polizei glimpflich: Ein Wachmann wurde verletzt. Bei Razzien an
verschiedenen Orten seien umfangreiche Waffenlager ausgehoben worden.
Hunderte Taliban-Kämpfer sollen vor der Militäroffensive ins
benachbarte Nord-Waziristan geflohen sein, um sich dort neu zu
formieren. (APA/AP/dpa/Reuters/AFP)