Rundschau: Cthulhus weniger bekannte Seiten

    19. Dezember 2009, 09:43
    65 Postings
    Bild 1 von 10
    coverfoto: heyne

    Arthur C. Clarke & Frederik Pohl: "Das letzte Theorem"

    Broschiert, 495 Seiten, € 10,30, Heyne 2009.

    Mehr Hard SF wird gewünscht? Aber bitte doch. Und welche Wissenschaft könnte schon härter sein als die Mathematik? Im Spätherbst seiner schriftstellerischen Karriere veröffentlichte Arthur C. Clarke fast ausschließlich Gemeinschaftswerke mit anderen Autoren - bessere (etwa mit Stephen Baxter) und weniger berauschende (so mit Gentry Lee). Für "Das letzte Theorem" ("The Last Theorem") arbeitete er erstmals mit einem anderen großen Vertreter seiner Generation zusammen: dem vor kurzem 90 gewordenen Frederik Pohl. Das 2008 posthum herausgegebene Buch wird im Einband als Roman, der all seine Ideen noch einmal bündeln und dazu eine großartige Geschichte erzählen sollte, angekündigt. Vorneweg: An der Großartigkeit der Geschichte müssen - bedingt vor allem durch die Art ihrer Entstehung - einige Abstriche gemacht werden. Dem ersten Anspruch, gleichsam eine Art Vermächtnis darzustellen, wird der Roman jedoch durchaus gerecht - seine Aufnahme hängt daher stark davon ab, wie gutwillig man an ihn herangeht. Und nicht zuletzt: wie nostalgisch.

    Im Mittelpunkt steht Ranjit Subramanian, ein auf Clarkes geliebtem Sri Lanka geborener Tamile, der auf dem College sein Interesse für Mathematik und Astronomie entdeckt. Ranjit wird als liebenswerter, etwas naiver Mensch geschildert, der das konfliktäre Weltgeschehen jenseits der Wissenschaft konsequent ausblendet. "Man könnte glatt den Mut verlieren" ist sein einziger Kommentar zum negativen Tenor der Nachrichtensendungen, und im privaten Bereich reagiert er auf Überraschungen stets mit einem schlichten "Huh!": Sei es, als sein Vater, ein Hindu-Priester, ihm den Umgang mit seinem singhalesischen Freund Gamini verbieten will - sei es Jahrzehnte später, als seine eigene Tochter zu den TeilnehmerInnen der ersten Mond-Olympiade gehört und er staunend feststellt, dass auch Sri Lanka eine Nationalhymne hat. Seine Naivität verschlägt ihn zwischendurch auch auf ein Schiff moderner Piraten ... und in der Folge in ein Gefangenenlager für "Terroristen", in dem er zwei Jahre seines Lebens Verhören und Waterboarding ausgesetzt wird. Doch geht diese Zeit, ohnehin nur kursorisch geschildert, nahezu spurlos an ihm vorbei. Und nichts beschreibt Ranjits Charakter besser als der Umstand, dass er sofort nach seiner Befreiung nichts anderes als einen Computer verlangt, um eine mathematische Glanzleistung, die ihm in der Gefangenschaft gelang, endlich niederschreiben zu können, ehe er sie wieder vergisst: Er hat den über Jahrhunderte hinweg gesuchten Beweis für Fermats Letzten Satz gefunden (daher auch der Romantitel) - und zwar einen wesentlich eleganteren und vor allem verständlicheren als den, den Andrew Wiles in den 90ern tatsächlich fand. Ranjit avanciert damit zum Weltstar und der Roman wird sich in der Folge um Ranjits Leben zwischen Berühmtheit und Familie drehen.

    ... soweit Frederik Pohl - auf der zweiten Ebene wechseln wir hinaus in die Milchstraße und zu Arthur C. Clarkes Beitrag: Argwöhnisch betrachtet eine als Große Galaktiker bezeichnete nicht-baryonische Spezies (eine Idee, die möglicherweise von Clarkes zeitweiligem Co-Autor Stephen Baxter inspiriert wurde) die technische Entwicklung der Menschheit. Nach der Maxime "Die Harmlosen muss man beschützen. Die Gefährlichen isolieren. Die Bösartigen werden vernichtet - nachdem man Kopien von ihnen an einem sicheren Ort gelagert hat." schicken sie einige ihrer Klientenrassen zur Sterilisierung der Erde aus. Diese werden ähnlich vage als die Neungliedrigen oder die Maschinenbewohner beschrieben - insgesamt trägt dieser Handlungsstrang leicht märchenhafte Züge. Im Klappentext erscheint er übrigens logischer als in der eigentlichen Ausführung: Da ist nämlich die Rede davon, dass eine neuartige Waffe die Angriffsreaktion der Aliens auslöst, ein als Stiller Donner bezeichneter superstarker Elektromagnetischer Impuls, mit dem die irdischen Großmächte gegen "Schurkenstaaten" vorgehen (was Ranjits Frau Myra den genialen Vergleich zwischen ebendiesen drei Großmächten - USA, Russland und China - und Orwells Machtblöcken Ozeanien, Eurasien und Ostasien ziehen lässt). Im Roman selbst weisen die zwischen die Ranjit-Kapitel eingestreuten Alien-Abschnitte hingegen zahlreiche Widersprüche auf. Man merkt deutlich, dass Pohl seine liebe Not hatte, die teils skizzenhaften Passagen, die Clarke ihm zuschickte, mit seinem Romangerüst zu verschmelzen. Dass die Alien-Invasion einen eher unerwarteten Verlauf nimmt, hat dann aber sehr wohl seinen Reiz.

    Aber kommen wir zu den Pluspunkten: Jeder der beiden Autoren hat ein Vorwort geschrieben, Pohl bekennt in seinem seine Liebe zur Mathematik. Tatsächlich enthält der Roman zahlreiche Anekdoten und Denksportaufgaben aus der bunten Welt der Zahlen, Ranjits Studium ermöglicht überdies das Einbauen bekannter und weniger bekannter Begebenheiten aus der Mathematik- und Astronomiegeschichte. Und anders als bei Frank Schätzing hat man hier auch nie das Gefühl, dass der Autor vor dem Schreiben monatelang Fakten büffeln musste, um sie dann zu exzerpieren. Es kommt von Herzen.

    Und was Clarke anbelangt, bietet der Roman ein wehmütiges letztes Wiedersehen mit einer Reihe von Stationen seines Lebenswegs. Angefangen bei Clarkes Wahlheimat Sri Lanka, das in "Das letzte Theorem" wie schon im wundervollen Roman "The Fountains of Paradise" zum Standort eines Weltraumfahrstuhls wird und das hochtechnologische Motiv überaus harmonisch mit dem realen Leben abseits der gängigen Zentren verbindet. Der Plot von zivilisatorisch avancierten Alien-Gemeinschaften, die auf der Erde eingreifen, taucht schon in Clarkes frühen Werken wie "Childhood's End" ("Die letzte Generation") oder der Kurzgeschichte "Rescue Party" und danach immer wieder auf. Und die Idee, den Radar-Strahl, den Clarke einst als Techniker der Royal Air Force (angeblich zumindest) auf den Mond richtete, in die Romanhandlung einzubauen, ist die poetischste Würdigung, die man sich vorstellen kann ... nicht mal geschmälert dadurch, dass Clarke dadurch unwissentlich beinahe den Weltuntergang auslöste. - Und so hat "Das letzte Theorem" trotz seiner Schwächen im Handlungsaufbau tatsächlich Vermächtnis-Charakter - nicht zuletzt deshalb, weil der Roman vor allem eines ist: eine glühende Liebeserklärung an die Wissenschaft.

    weiter ›
    Share if you care.