"Wenn's nicht hält, war's kein Wunder"

20. November 2009, 16:34
  • Artikelbild
    foto: apa / stefan oláh

    Es ist etwas Wunderbares geschehen: Christine, eindringlich gespielt von Sylvie Testud, erhebt sich in Lourdes aus ihrem Rollstuhl ...

Eine österreichische Pilgergruppe in Lourdes - Josef Winkler über den jüngst ausgezeichneten Film von Jessica Hausner, der am 10. Dezember ins Kino kommt

In ihrem Meisterwerk Lourdes führt uns Jessica Hausner im Eingangsbild in einen großen Speisesaal, in dem unter dem "Ave Maria" die neu angekommene Pilgergruppe zum Mittagessen erwartet wird. Als Erster fährt ein kleinwüchsiger, kauziger Marienverehrer mit einem motorisierten Rollstuhl quietschend über den metallfarbenen Kunststoffboden um die Ecke, zwischen die gedeckten Tische, auf denen in Gläsern weiße Servietten als Engelsflügel stecken. Von allen Herzen engelgut, die Gottes Geist ersonnen, war nimmer eins so liebewarm, so reich an Himmelswonnen, als wie Mariens Herze hart, so ganz von echter Engelart. Als wie Mariens Lilienherz, das stündlich flammte himmelwärts.

Eine ältere Pilgerin, die körperlich gesunde, aber unter Einsamkeit leidende Frau Hartl, die man im Pilgerhotel ins Zimmer einquartiert hat, in dem auch die Hauptperson Christine, eindringlich gespielt von Sylvie Testud, ihren Bettplatz hat, stellt eine Marienstatue mit weißem Schleier und grünem Mantel aufs Nachtkästchen neben einen Wecker. Sie macht ein Kreuzzeichen, faltet ihre Hände und sagt zur jungen im Nebenbett liegenden und an Multipler Sklerose leidenden, ihren Kopf nach der Marienstatue verdrehenden Christine: "Gefällt sie Ihnen? Sie ist schön, nicht wahr! Die himmlische Mutter schaut auf uns!" Dich, aller Jungfrau'n Krone, Maria, preisen wir, auf deinem hohen Throne sei Lob und Ehre dir! Du bist die Zier der Frauen, auf dich mit Wonne schauen die Engel für und für.

In der Grotte von Massabielle chauffiert die junge Malteserschwester Maria, die einen weißen Schleier mit Malteserkreuz, ein weißes Kleid, eine schwarze durchsichtige Strumpfhose und eine rote dünne Wolljacke trägt, die schwerbehinderte, im Rollstuhl sitzende Christine die Mauer entlang, nimmt die steife Hand von Christine, sodass die Heilung Suchende mit ihrem Handrücken das heilige Mauerwerk berühren kann, das von einem danebenstehenden männlichen Pilger geküsst wird. O Maria, gnadenvolle, blick herab vom Sternenthrone, welchen Engel aufgerichtet dir bei deinem Gottessohne. Hier im finstern Tal der Tränen siehe mich im tiefsten Staube, doch zu deiner reinen Höhe strebt empor der fromme Glaube.

In der großräumigen Halle des Pilgerhotels, in dem sich die Pilgergemeinde vor einer großen Marienstatue mit einem weißen Neonheiligenschein eingefunden hat, spricht in Anwesenheit eines Priesters ein sich an einem Gehwagen festhaltender junger Mann ehrfurchtsvoll zum Herrn: "Lieber Gott! Meine Freundin hat mich seit meinem Motorradunfall verlassen. Bitte mach, dass ich eine neue Freundin finde, die mit meiner Behinderung besser umgehen kann."

Die junge Malteserschwester Maria mit der Stirnfransenfrisur steht vor einem großen Plastikkanister mit dem geweihten Lourdes-Wasser und fragt die Pilger: "Möchten Sie Notwasser?" Neigst du mir dein Lilienzepter, so zerspringen meine Ketten, und auf lichter Engelsschwinge kann ich mich nach oben retten. "Bitte nicht hinters Ohr!" , sagt Christine, als ihr die Malteserschwester Maria die durchgekämmten Haare hinters Ohr stecken möchte, und der aufgefallen war, dass Maria am Vortrag mit einem ebenfalls die Pilger betreuenden, grauuniformierten jungen Malteser kokettiert hatte: "War's nett gestern Abend?" - Während einer Ruhepause im Speisesaal sagt Maria zur kranken Frau: "Hier betätige ich mich karitativ. Für mich ist es wichtig, ein Ziel zu haben. Einen Sinn im Leben", und schaut dabei lächelnd zu den gelangweilt an der Theke stehenden Maltesern hinüber.

In einer anderen Szene, im Speisesaal, als das männliche Betreuungspersonal wiederum an der Theke wartet, fragte der ältere Malteser den jüngeren: "Wie war's gestern Abend?" Er lacht und sagt: "Super!" Und die ebenfalls auf einem Barhocker sitzende Maria klatscht ihm einen Lourdes-Prospekt auf die Brust und ruft genervt: "Hör auf!" Heilige Jungfrau, aller Tugend, Vorbild du in ewiger Jugend, reiner Seelen Freud und Ruhm! Schön und gut vor allen Wesen, hat der Herr sich auserlesen deiner Keuschheit Heiligtum.

Im Speisesaal, in dem die Pilger die hochgesteckten weißen Servietten aus den Trinkgläsern gezogen und neben das Besteck oder auf ihren Schoß gelegt hatten, füttert Maria die an den Rollstuhl gefesselte Christine mit einem wabbeligen grünen Pudding, auf dem ein Gupf süßen Schlagobers mit einer kandierten Kirsche drauf ist. Der ältere Malteser geht in diesem Moment vorbei und sagt zu Christine: "Sie sehen so frisch aus heute!" - "Danke!" - "Und guten Appetit!" - "Ich hätte gerne noch mehr!", sagt aufgemuntert die kranke Frau zu ihrer Betreuerin Maria, die mit der Löffelkante in den giftgrünen, zitternden Pudding hineinsticht und dem weitergehenden Malteser nachschaut.

Auf dem Lourdeswasserbrunnen im Pilgerhotel steht eine kleine Marienstatue, in dem auf Knopfdruck das Weihwasser aus dem Wasserhahn rinnt. Mit einem Becher schüttet eine ältere Malteserschwester das heilige Wasser auf den Kopf der im Rollstuhl sitzenden Christine, auf ihre gelähmten Finger und reicht ihr zum Küssen die auf dem Brunnen stehende Marienstatue. Wie Schnee so zart, so weiß und rein, Maria du! Wie Rosenflor, wie Lilienschein, Maria du! Du aller Freude reicher Bronn', Maria du! Der Erde und des Himmels Sonn', Maria du! Bei der allgemeinen Segnung in einer riesigen Halle mit tausenden Lourdes-Pilgern hebt der in englischer Sprache betende, weiß gekleidete Priester die Monstranz zwischen zwei großen, das Allerheiligste bewachenden Glasengeln aus einem Behälter und segnet mit der kinderkopfgroßen, im Ziborium der Monstranz steckenden Vollkornhostie die Pilger. "Wenn der Priester mit dem Allerheiligsten vor einem stehenbleibt, dann kann man auch geheilt werden!", sagt in einer anderen Szene eine ältere Pilgerin. Sei gegrüßt, du Gnadenvolle, Gottes und der Kirche Bild, Benedeite unter Weibern, Reine Magd, demütig mild! Weib, bekleidet mit der Sonne, Schlangentreterin, Meeresstern, unsere Mutter, unsere Mittlerin, unser Fürsprech' bei dem Herrn!

Pilger klatschen in die Hände

Nachdem die unter Multipler Sklerose leidende junge Christine eines Nachts, wie sie sagt, eine "innere Stimme" gehört hat, steht sie zum Erstaunen ihrer in diesem Moment aufwachenden, von lebenslanger Einsamkeit gequälten Frau Hartl auf, geht ins Badezimmer, tritt vor den Spiegel und greift mit ihren nun beweglich gewordenen Fingern zuallererst zu einem Kamm und beginnt sich zu frisieren. Am nächsten Tag steht sie im Flur des Pilgerhotels vor der großen Marienstatue mit dem Neonheiligenschein und erhebt sich vorsichtig und zaghaft vom Rollstuhl. Die ringsum stehenden Pilger klatschen in die Hände und gratulieren. In der heiligen Grotte kann sie nun ohne Hilfe mit ihren Händen die Mauer berühren. Und beim Eisessen, unter einem Sonnenschirm, vor einem Café, stellen sich die Kellner in einer Reihe auf und applaudieren ebenfalls.

Zum Anlass dieser Heilung wird für die Pilgergruppe vor der Rosenkranzbasilika ein Fototermin arrangiert. Jungfrau, Mutter aller Tugend, Vorbild du in ewiger Jugend, dir sei Lob und Dank gesagt! Mit den Engeln im Vereine, sei dir, Jungfrau, allzeit reine, unsere Huldigung gebracht!

Bei der Abschlussfeier für die bald aufbrechende und Lourdes wieder verlassende Pilgergruppe sagt der Pfarrer in psalmodierendem Tonfall: "Es ist etwas Wunderbares geschehen ... Wir sehen es mit unseren eigenen Augen. Der Himmel hat die Erde berührt!" Die geheilte Christine erhält als "beste Pilgerin des Jahres" eine Marienstatue. Während sie mit dem älteren, uniformierten Malteser tanzt, steht die Marienstatue zwischen Messer und Gabel auf dem gedeckten Tisch. Und als Christine beim Tanzen doch einmal hinfällt, sagt eine bissige und eifersüchtige, ältere, immer noch auf Heilung wartende Pilgerin zur anderen: "Aber sagen wir, es hält nicht, das ist dann doch grausam. Wieso tut Gott so was?" - "Wenn's nicht hält, dann war's eben kein Wunder! Dann kann ER nichts dafür", antwortet die andere. - "Ja, aber wer dann?"

Schließlich endet diese wunderbar von Martin Gschlacht fotografierte Film-Passion mit dem Lied Felicità, das schwungvoll und kokett die junge Maria mit der Stirnfransenfrisur und ein glatzköpfiger, schnauzbärtiger Mann mit rauchiger Stimme singen, unter den leuchtenden Augen der lange auf die Bühne schauenden und hoffnungsvoll in sich gekehrten und beglückten Christine, bis sie sich doch wieder in den Rollstuhl setzen muss und von ihrer, die Marienstatue verkrampft in der Hand haltenden, einsamen Frau Hartl aus dem Bild gefahren wird. Sie war so rein, sie war so gut, mit ihrem Wort so auf der Hut, da nie aus ihrem süßen Mund, ein Mensch ein einzig Wort verstund, wovon ein Lamm zu Schaden käme und Ärgernis ein Kindlein nähme. Ihr Gehn war höflich wie ihr Stehn. Die Sitten und ihr ganz Gebaren, voll Schönheit und voll Züchten waren.

(Josef Winkler, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.11.2009)

Kommentar posten
15 Postings
charley-inc
00
22.11.2009, 14:16
Malteser

Schön, dass die Malteser mal in einem Film vorkommen, ein Grund mehr, ihn sich anzuschaun...

anthropos
00
22.11.2009, 10:46
Langweilig, flach

Tatsächlich einer der langweiligsten Filme, die ich je gesehen habe. Der Film hat die emotionale und geistige Tiefe einer 13 Jährigen, was mit einer, noch dazu, epischen Filmästhetik gepaart nur schwer eträglich ist.
Aber manche Gemüter scheinen sich dabei dennoch köstlich zu amüsieren dabei. Ob das was mit einer geistigen Nähe zu Nacherzählungen zu tun hat?

triplehead2go
00
22.11.2009, 09:28

um es mit homer simpsons lieblingswort zu kommentieren: LAAANGWEILIG!

Andreas Pöschek
00
22.11.2009, 02:41
Nacherzählung und weiter?

Ich habe den Film bereits bei der Viennale gesehen und kann ihn nur jedem empfehlen. Denn dieser Artikel als Filmkritik gibt nichts wieder.

Der Film ist Zwiespältig und sollte zum Denken über die Wahrnehmung von Behinderung - Akzeptanz in Gesellschaft und Wunderglauben anregen - er hinterfragt nichts, er zeigt nur vieles auf und führt einiges sehr humorvoll bis grotesk vor. Es liegt dann an dem Betrachter sich ein Bild über Lourdes oder jene Geschichte zu machen und seine Lehre zu ziehen, ob das dort gezeigte Bild von Behinderung in der Gesellschaft nicht eine Überarbeitung benötigt.

Aber nicht im Film, sondern im realen Leben und in der Umgangsform mit Behinderung. Denn der Film ist nur ein Versuch einer Darstellung.

gurke an cäsar, gurke an cäsar
00
21.11.2009, 18:32
kuku, hallo. wo ist posting fragezeichen

gurke an cäsar, gurke an cäsar
01
21.11.2009, 18:16
frage des stils ist eine frage der wunder

ja es ist eine nacherz'hlung. natuerlich! und wenn mich jemand fragen wurde wieso, dann w[rde ich sagen deshalb, weil der stil der nacherz'hlung eine m;glichkeit ist, dem ort lourdes (und damit auch dem film) als ort der wunder nahezukommen und dies aus folgendem grund. wenn jemand ein wunder erlebt hat, dann wird er es bis in alle einzelheiten weitersagen wollen, wie es war, was er oder sie gesehen hat. das und nichts anderes hat winkler gemacht. das es beschr'nkte menschen gibt, die sich als obergscheite kritikrichter wichtig machen ist auch in diesen postings zu sehen. aber was solls. wollte man das 'ndern, die welt w[rde w[rde wohl nicht mehr lange stehen. und wenn es gesch'he h'tten wir wieder ein wunder!

seahawk
00
21.11.2009, 15:18
Kritik?

sehr eigenartige form der kritik ...

Pius
00
21.11.2009, 13:52
Anschauen

Die - trotz einiger falscher Beschreibungen (s. Kalua) - gute Beschreibung des Film, bringt nur die Stimmung des Films aber weder den Humor noch die Botschaft des Films rüber. Die Botschaft kann sehr vielschichtig sein und bei jedem Betrachter anders sei. Das macht diesen Film so gut.

Kalua
 
00
21.11.2009, 11:51
der hat wohl einen anderen film gesehen!!!!

also ich bin jener pilger im motorisierten rollstuhl. zuerst was mir an dieser "kritik" gefallen hat: danke das sie meine schauspielerische leistung so feinsinnig wahrgenommen haben! 'Kauziger Marienverehrer' find ich echt super!! ehrlichen danke!

aber beim rest haben sie ihrer fantasie freien lauf gelassen!!! ich war sechs wochen bei den dreharbeiten und kann ihnen versichern, dass es keinen brunnen im hotel gab! und von 'notwasser' hab ich auch nix mitbekommen. aber vielleicht ist das je ein synchrofehler.

die filme von jessica hausner sind speziell. man müss ihren stil mögen. aber ich versichere ihnen, mit diesem film beweißt jessica hausner messerscharfen sinn für humor!

potz
03
20.11.2009, 21:30

hervorragende nacherzaehlung. glatter einser. ah moment wir sind in der filmkritikseite?

eyeinthesky
05
20.11.2009, 20:59
super kritik

so spar ich mir die kinokarte... bitte mehr davon. wenn ich der verleiher des filmes wäre würde ich den winkler mit nassen fetzen hau`n.

AllesWieImmer
01
20.11.2009, 21:43
was Sie gesehen haben

... ist ihr eigener Film im Kopf, ihr Phantasma ... oben im Himmel ... begrenzt wie jedes Phantasma!
Wer sich wegen diesem Text den Hausner-Film nicht anschaut, ist ja bescheuert!
Zu empfehlen: http://www.kinoleinwandgeher.at/

eyeinthesky
54
20.11.2009, 23:03
ok... alle die sich den film anschauen grün, die anderen rot

diego71
35
20.11.2009, 17:17

So, und nun hat uns der Herr Winkler mit seinem Schwulst das Hirn verstopft, und nebenbei den gesamten Film LOURDES bis zum letzten (!) Bild erzählt. Das bringt sicher Publikum. Was für ein eitler Ignorant.

AllesWieImmer
50
20.11.2009, 18:07
diego71 verschone uns

... aus der eigenen Verstopfung eine allgemeine machen!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.