Eine österreichische Pilgergruppe in Lourdes - Josef Winkler über den jüngst ausgezeichneten Film von Jessica Hausner, der am 10. Dezember ins Kino kommt
In ihrem Meisterwerk Lourdes führt uns Jessica Hausner im Eingangsbild in einen großen Speisesaal, in dem unter dem "Ave Maria" die neu angekommene Pilgergruppe zum Mittagessen erwartet wird. Als Erster fährt ein kleinwüchsiger, kauziger Marienverehrer mit einem motorisierten Rollstuhl quietschend über den metallfarbenen Kunststoffboden um die Ecke, zwischen die gedeckten Tische, auf denen in Gläsern weiße Servietten als Engelsflügel stecken. Von allen Herzen engelgut, die Gottes Geist ersonnen, war nimmer eins so liebewarm, so reich an Himmelswonnen, als wie Mariens Herze hart, so ganz von echter Engelart. Als wie Mariens Lilienherz, das stündlich flammte himmelwärts.
Eine ältere Pilgerin, die körperlich gesunde, aber unter Einsamkeit leidende Frau Hartl, die man im Pilgerhotel ins Zimmer einquartiert hat, in dem auch die Hauptperson Christine, eindringlich gespielt von Sylvie Testud, ihren Bettplatz hat, stellt eine Marienstatue mit weißem Schleier und grünem Mantel aufs Nachtkästchen neben einen Wecker. Sie macht ein Kreuzzeichen, faltet ihre Hände und sagt zur jungen im Nebenbett liegenden und an Multipler Sklerose leidenden, ihren Kopf nach der Marienstatue verdrehenden Christine: "Gefällt sie Ihnen? Sie ist schön, nicht wahr! Die himmlische Mutter schaut auf uns!" Dich, aller Jungfrau'n Krone, Maria, preisen wir, auf deinem hohen Throne sei Lob und Ehre dir! Du bist die Zier der Frauen, auf dich mit Wonne schauen die Engel für und für.
In der Grotte von Massabielle chauffiert die junge Malteserschwester Maria, die einen weißen Schleier mit Malteserkreuz, ein weißes Kleid, eine schwarze durchsichtige Strumpfhose und eine rote dünne Wolljacke trägt, die schwerbehinderte, im Rollstuhl sitzende Christine die Mauer entlang, nimmt die steife Hand von Christine, sodass die Heilung Suchende mit ihrem Handrücken das heilige Mauerwerk berühren kann, das von einem danebenstehenden männlichen Pilger geküsst wird. O Maria, gnadenvolle, blick herab vom Sternenthrone, welchen Engel aufgerichtet dir bei deinem Gottessohne. Hier im finstern Tal der Tränen siehe mich im tiefsten Staube, doch zu deiner reinen Höhe strebt empor der fromme Glaube.
In der großräumigen Halle des Pilgerhotels, in dem sich die Pilgergemeinde vor einer großen Marienstatue mit einem weißen Neonheiligenschein eingefunden hat, spricht in Anwesenheit eines Priesters ein sich an einem Gehwagen festhaltender junger Mann ehrfurchtsvoll zum Herrn: "Lieber Gott! Meine Freundin hat mich seit meinem Motorradunfall verlassen. Bitte mach, dass ich eine neue Freundin finde, die mit meiner Behinderung besser umgehen kann."
Die junge Malteserschwester Maria mit der Stirnfransenfrisur steht vor einem großen Plastikkanister mit dem geweihten Lourdes-Wasser und fragt die Pilger: "Möchten Sie Notwasser?" Neigst du mir dein Lilienzepter, so zerspringen meine Ketten, und auf lichter Engelsschwinge kann ich mich nach oben retten. "Bitte nicht hinters Ohr!" , sagt Christine, als ihr die Malteserschwester Maria die durchgekämmten Haare hinters Ohr stecken möchte, und der aufgefallen war, dass Maria am Vortrag mit einem ebenfalls die Pilger betreuenden, grauuniformierten jungen Malteser kokettiert hatte: "War's nett gestern Abend?" - Während einer Ruhepause im Speisesaal sagt Maria zur kranken Frau: "Hier betätige ich mich karitativ. Für mich ist es wichtig, ein Ziel zu haben. Einen Sinn im Leben", und schaut dabei lächelnd zu den gelangweilt an der Theke stehenden Maltesern hinüber.
In einer anderen Szene, im Speisesaal, als das männliche Betreuungspersonal wiederum an der Theke wartet, fragte der ältere Malteser den jüngeren: "Wie war's gestern Abend?" Er lacht und sagt: "Super!" Und die ebenfalls auf einem Barhocker sitzende Maria klatscht ihm einen Lourdes-Prospekt auf die Brust und ruft genervt: "Hör auf!" Heilige Jungfrau, aller Tugend, Vorbild du in ewiger Jugend, reiner Seelen Freud und Ruhm! Schön und gut vor allen Wesen, hat der Herr sich auserlesen deiner Keuschheit Heiligtum.
Im Speisesaal, in dem die Pilger die hochgesteckten weißen Servietten aus den Trinkgläsern gezogen und neben das Besteck oder auf ihren Schoß gelegt hatten, füttert Maria die an den Rollstuhl gefesselte Christine mit einem wabbeligen grünen Pudding, auf dem ein Gupf süßen Schlagobers mit einer kandierten Kirsche drauf ist. Der ältere Malteser geht in diesem Moment vorbei und sagt zu Christine: "Sie sehen so frisch aus heute!" - "Danke!" - "Und guten Appetit!" - "Ich hätte gerne noch mehr!", sagt aufgemuntert die kranke Frau zu ihrer Betreuerin Maria, die mit der Löffelkante in den giftgrünen, zitternden Pudding hineinsticht und dem weitergehenden Malteser nachschaut.
Auf dem Lourdeswasserbrunnen im Pilgerhotel steht eine kleine Marienstatue, in dem auf Knopfdruck das Weihwasser aus dem Wasserhahn rinnt. Mit einem Becher schüttet eine ältere Malteserschwester das heilige Wasser auf den Kopf der im Rollstuhl sitzenden Christine, auf ihre gelähmten Finger und reicht ihr zum Küssen die auf dem Brunnen stehende Marienstatue. Wie Schnee so zart, so weiß und rein, Maria du! Wie Rosenflor, wie Lilienschein, Maria du! Du aller Freude reicher Bronn', Maria du! Der Erde und des Himmels Sonn', Maria du! Bei der allgemeinen Segnung in einer riesigen Halle mit tausenden Lourdes-Pilgern hebt der in englischer Sprache betende, weiß gekleidete Priester die Monstranz zwischen zwei großen, das Allerheiligste bewachenden Glasengeln aus einem Behälter und segnet mit der kinderkopfgroßen, im Ziborium der Monstranz steckenden Vollkornhostie die Pilger. "Wenn der Priester mit dem Allerheiligsten vor einem stehenbleibt, dann kann man auch geheilt werden!", sagt in einer anderen Szene eine ältere Pilgerin. Sei gegrüßt, du Gnadenvolle, Gottes und der Kirche Bild, Benedeite unter Weibern, Reine Magd, demütig mild! Weib, bekleidet mit der Sonne, Schlangentreterin, Meeresstern, unsere Mutter, unsere Mittlerin, unser Fürsprech' bei dem Herrn!
Pilger klatschen in die Hände
Nachdem die unter Multipler Sklerose leidende junge Christine eines Nachts, wie sie sagt, eine "innere Stimme" gehört hat, steht sie zum Erstaunen ihrer in diesem Moment aufwachenden, von lebenslanger Einsamkeit gequälten Frau Hartl auf, geht ins Badezimmer, tritt vor den Spiegel und greift mit ihren nun beweglich gewordenen Fingern zuallererst zu einem Kamm und beginnt sich zu frisieren. Am nächsten Tag steht sie im Flur des Pilgerhotels vor der großen Marienstatue mit dem Neonheiligenschein und erhebt sich vorsichtig und zaghaft vom Rollstuhl. Die ringsum stehenden Pilger klatschen in die Hände und gratulieren. In der heiligen Grotte kann sie nun ohne Hilfe mit ihren Händen die Mauer berühren. Und beim Eisessen, unter einem Sonnenschirm, vor einem Café, stellen sich die Kellner in einer Reihe auf und applaudieren ebenfalls.
Zum Anlass dieser Heilung wird für die Pilgergruppe vor der Rosenkranzbasilika ein Fototermin arrangiert. Jungfrau, Mutter aller Tugend, Vorbild du in ewiger Jugend, dir sei Lob und Dank gesagt! Mit den Engeln im Vereine, sei dir, Jungfrau, allzeit reine, unsere Huldigung gebracht!
Bei der Abschlussfeier für die bald aufbrechende und Lourdes wieder verlassende Pilgergruppe sagt der Pfarrer in psalmodierendem Tonfall: "Es ist etwas Wunderbares geschehen ... Wir sehen es mit unseren eigenen Augen. Der Himmel hat die Erde berührt!" Die geheilte Christine erhält als "beste Pilgerin des Jahres" eine Marienstatue. Während sie mit dem älteren, uniformierten Malteser tanzt, steht die Marienstatue zwischen Messer und Gabel auf dem gedeckten Tisch. Und als Christine beim Tanzen doch einmal hinfällt, sagt eine bissige und eifersüchtige, ältere, immer noch auf Heilung wartende Pilgerin zur anderen: "Aber sagen wir, es hält nicht, das ist dann doch grausam. Wieso tut Gott so was?" - "Wenn's nicht hält, dann war's eben kein Wunder! Dann kann ER nichts dafür", antwortet die andere. - "Ja, aber wer dann?"
Schließlich endet diese wunderbar von Martin Gschlacht fotografierte Film-Passion mit dem Lied Felicità, das schwungvoll und kokett die junge Maria mit der Stirnfransenfrisur und ein glatzköpfiger, schnauzbärtiger Mann mit rauchiger Stimme singen, unter den leuchtenden Augen der lange auf die Bühne schauenden und hoffnungsvoll in sich gekehrten und beglückten Christine, bis sie sich doch wieder in den Rollstuhl setzen muss und von ihrer, die Marienstatue verkrampft in der Hand haltenden, einsamen Frau Hartl aus dem Bild gefahren wird. Sie war so rein, sie war so gut, mit ihrem Wort so auf der Hut, da nie aus ihrem süßen Mund, ein Mensch ein einzig Wort verstund, wovon ein Lamm zu Schaden käme und Ärgernis ein Kindlein nähme. Ihr Gehn war höflich wie ihr Stehn. Die Sitten und ihr ganz Gebaren, voll Schönheit und voll Züchten waren.
(Josef Winkler, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.11.2009)