Wie sich Erbinformation während der Keimzellentwicklung verteilt

22. November 2009 21:07
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    Foto: max f. perutz laboratories

    Eine Arbeitsgruppe um Biochemikerin Verena Jantsch-Plunger entdeckte erstmals molekulare Details des Mechanismus, wie sich gleiche Chromosomenpaare beider Elternteile finden, um in die Keimzellen verteilt zu werden.

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    Erforscht wurden die Abläufe am Fadenwurm Caenorhabditis elegans.

ForscherInnen in Wien entdeckten erstmals molekulare Details des Mechanismus

Wien - Eine der Grundlagen, wie es zur Verteilung der Erbinformation bei der Entwicklung von Keimzellen (Ei- oder Samenzellen) kommt, haben WissenschafterInnen der Max F. Perutz Laboratories der Universität Wien entschlüsselt. Eine Arbeitsgruppe um Biochemikerin Verena Jantsch-Plunger entdeckte erstmals molekulare Details des Mechanismus, wie sich gleiche Chromosomenpaare beider Elternteile finden, um in die Keimzellen verteilt zu werden. Die neuen Erkenntnisse wurden nun in der Fachzeitschrift "Cell" veröffentlicht.

Im Gegensatz zur "normalen" Zellteilung (Mitose), bei der idente Chromosomen auf die Tochterzellen verteilt werden, läuft die Bildung von Keimzellen (Meiose), also Eizellen oder Spermien, kompliziert ab: Die Chromosomen in der Zelle verdoppeln sich, dann müssen sich die jeweils zusammengehörigen Chromosomen von Vater und Mutter finden und aneinanderlagern, damit sie genetisches Material austauschen können, um sich in der Folge neu gemischt in die Zellen der Nachkommen aufzuteilen. So findet man genetisches Material beider Elternteile in den Nachkommen, es entsteht genetische Diversität. Können sich die Chromosomenpaare nicht finden, können Erbdefekte bei den Nachkommen die Folge sein.

Untersuchungen

Die Arbeitsgruppe um Jantsch-Plunger hat mit Hilfe von Fördergeldern des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) und des Wiener Wissenschafts- und Technologie Förderungsfonds (WWTF) Bedingungen und Zeitrahmen dieser Abläufe am Fadenwurm Caenorhabditis elegans durchgeführt. Der Wurm besitzt nur sechs Chromosomen-Paare, der Mensch im Gegensatz dazu 23. Da viele biologische Abläufe über die gleichen Mechanismen wie beim Menschen reguliert sind, könne man von den Ergebnissen der Experimente auf Säugetiere und den Menschen schließen.

Ergebnisse

Die Arbeitsgruppe konnte nun klären, dass das Protein SUN-1 eine Schlüsselrolle im molekularen Mechanismus der korrekten Chromosomen-Verteilung spielt. Innerhalb des Zellkerns werden die Chromosomen mit Hilfe eines Bewegungsapparats heftig durchmischt und bewegt. Besonders bemerkenswert sei, dass die Chromosomen an die Kernhülle angeheftet werden und von einem Bewegungsapparat außerhalb des Zellkerns gezogen werden. Wird das gleiche Chromosom des anderen Elternteils als passend erkannt, bilden diese mit zusätzlichen Proteinen einen festen Komplex. Haben sich alle Paare gefunden, wird der Bewegungsapparat abgeschaltet, der Austausch der Erbinformation kann stattfinden.

Die Rolle des Proteins in der Erkennung der gleichen Chromosomen war bereits durch vorangegangene Arbeiten Jantsch-Plungers bekannt, nun entdeckte das Team eine weitere Funktion: Das Zeitfenster, in dem sich die Chromosomen innerhalb des Kerns bewegen können, wird ebenfalls über das Protein SUN-1 reguliert. Ist das Protein chemisch mit Phosphor modifiziert, schaltet es die Bewegungsmaschinerie der Zelle ein. Sobald die Phosphorylierung aufgehoben ist, schaltet sich der Mechanismus wieder ab. "Man kann sich das wie Sockenpaare in der Waschmaschine vorstellen“, vereinfachte Jantsch-Plunger den komplexen Vorgang: "Solange sich die Waschmaschine dreht, kommen gleiche Socken zusammen und falsche stoßen einander ab. Haben sich alle Sockenpaare gefunden, schaltet sich die Maschine ab. Der Ein/Ausschalt-Knopf ist das Protein SUN-1." (red)

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10 Postings
Mein anderer Nick ist beeindruckender
25.11.2009 13:49
Interessant wäre zu wissen, nach welchen Kriterien

die verfügbaren Chromosomen ausgewählt werden bzw ob es sich um eine reine Zufallsauswahl handelt.

sensortime.com
26.11.2009 09:44
Einfach:

Nach den gleichen Prinzipien, wie ich sie hier in diesem science-online-Thread beschrieben hatte:
http://www.sensortime.com/
sco64209_Wie_Keimbahnzellen_ihr_Ziel_finden.html

"Erkennung" und Schlüssel/Schloss-Prinzip gibts in redundanzfreien Systemen NUR auf reiner zeitlichen Basis: d.h. als Vergleich von Zeitintervallen aus Bewegungsverläufen.

Der ORF hat alle Threads zu seinen Artikeln 2001 bis 2009 gelöscht. Angeblich zufällig oder weil man sich die Speicherkapazität von 2 MB nicht leisten konnte..;-)

Lesen Sie auch meine Artikel auf meine HP www.sensortime.com zum Thema Selbstorganisation und Autoadaption.

Gruß E. B.

Dagmar Rehak
 
22.11.2009 23:25
"Können sich die Chromosomenpaare nicht finden, können Erbdefekte bei den Nachkommen die Folge sein."

Das hat derstandard dazuerfunden.
Das Ergebnis ist immer genauso defekt wie die Elterngeneration. Durch verhinderte Vermischung entstehen noch keine Defekte, eher im Gegenteil.

Simplicius Simplicissimus
23.11.2009 11:30
Dann ...

... hat man zwei verschiedene Socken am Bewegungsapperat ...

Dagmar Rehak
 
23.11.2009 14:15

Da geht es um den nicht stattfindenden Austausch von Genen untereinander.
Wenn sie sich nicht finden und sich nicht so aneinanderkuscheln, dass sie Gene austauschen können, dann verändern sie sich einfach nicht. Aber wenn das beim Elter gepasst hat, wird es beim Kind auch keine schlimmen Auswirkungen haben.

TL1
23.11.2009 15:44
Nicht nur Rekombination...

sondern auch Chromosomentrennung spielen eine Rolle! (@Dagmar Rehak)

Das Zusammenlagern der homologen väterlichen und mütterlichen Chromosomen bei der Meiose ist nicht nur für die Rekombination erforderlich. Auch für die korrekte Verteilung der Chromosomen auf die neuen Tochterzellkerne ist dieses Zusammenlagern notwendig. Funktioniert dies nicht, kann es zu Fehlverteilungen kommen (sog. Aneuploidien).
Deshalb lagern sich ja auch das X und das Y Chromosom zusammen obwohl es dabei (fast) nie zu Rekombinationsereignissen kommt.

Dagmar Rehak
 
23.11.2009 19:49

Wenn es zu solchen Fehlverteilungen kommt, kann sich aber nicht einmal im Ansatz was entwickeln, also mit Sicherkeit keine Nachkommen mit Defekten.

TL1
24.11.2009 11:28

@Dagmar Rehak

Schon mal was von Trisomie 21 gehört? Auch genannt Down Syndrom. Das ist geradezu ein Paradebeispiel für eine Fehlverteilung von Chromosomen während der Meiose. Trotzdem entwickelt sich der Embryo vollständig und Menschen mit Down Syndrom können heutzutage Gott sei Dank (oder der Medizin sei Dank) trotz ihrer Behinderung ein relativ normales und selbständiges Leben führen.

Dagmar Rehak
 
24.11.2009 13:49

Eine Trisomie ist ja wieder was anderes. Da haben sich die Chromosomen nicht nur gefunden, sondern sogar noch wen Dritten gefunden.
Die meisten Trisomien sind nicht überlebensfähig. Da gibt es nur wenige Ausnahmen, wie eben die von Chromosom 21.

TL1
24.11.2009 15:02

@Dagmar Rehak

Ich finde den Gedankenaustausch mit Ihnen ja sehr anregend, es wird mit der Zeit aber ein wenig mühsam. Trisomie 21 ist eben nicht etwas Anderes. Sie haben schon recht, die meisten Trisomien sind embryonal letal mit Ausnahme von Trisomie 13 (Patau-Syndrom), Trisomie 18 (Edwards-Syndrom) und eben Trisomie 21 (Down-Syndrom).
Diese Aneuploidien kommen dadurch zustande, dass..
*sich die gepaarten Chromosomen in der Anaphase der Meiose I nicht trennen können, oder...
*sich die Schwesterchromatiden in der Anaphase der Meiose II nicht trennen.
Nachzulesen in jedem guten Lehrbuch der molekularen Zellbiologie oder Humangenetik. (PS.: Als studierter Molekularbiologe habe ich diese Bücher natürlich gelesen!!)

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