Rund 200 Fußball-Spiele in neun Ländern unter Manipulations-Verdacht, darunter auch österreichische Ligaspiele, Europa- und Champions League-Partien
Wien - Der europäische Fußball wird von einem riesigen Manipulationsskandal erschüttert. Am Freitag wurde bekannt, dass in neun Ländern über 200 Spiele unter Verdacht stehen, manipuliert worden zu sein. 200 Personen sind verdächtigt, an den Betrügereien mitgewirkt zu haben. Europaweit wurden bisher 17 Verdächtige verhaftet. Die österreichische Polizei führte am Donnerstag vier Hausdurchsuchungen durch, Festnahmen gab es hierzulande keine. In Österreich sind elf Spiele der zwei höchsten Spielklassen betroffen.
Österreichische Vertreter werden am Mittwoch die
Europäische Fußball-Union (UEFA) in Nyon besuchen, um Einsicht in die
Akten zu nehmen. "Danach werden wir die
zuständigen Staatsanwaltschaften informieren", sagte Gerhard Kapl,
der Vorsitzende der Schiedsrichter-Kommission im Österreichischen
Fußball-Bund (ÖFB) und Leiter der heimischen Task Force, in einem
ORF-Interview. Es sei kein österreichischer
Schiedsrichter in den Skandal verwickelt.
Neun Länder betroffen
Die Staatsanwaltschaft und Polizei in Bochum, die am Freitag ihre
bisherigen Ermittlungsergebnisse präsentierten, listen neun betroffene
europäische Länder auf, in denen Spiele mindestens seit Anfang 2009
beeinflusst worden sein sollen. In Österreich, Kroatien, Slowenien, der
Türkei, Ungarn und Bosnien stehen Erstliga-Spiele im Fokus. Deutschland
ist mit 32 Begegnungen betroffen, darunter vier aus der 2. Bundesliga.
Weitere Länder ohne Erstliga-Bezug sind Belgien und die Schweiz. Die
Ermittlungen liefen seit neun Monaten. In allen Fällen bestehe ein
konkreter Verdacht oder sei Manipulation nachgewiesen worden.
Vier Hausdurchsuchungen in Österreich
Das Landeskriminalamt Steiermark führte auf Ansuchen der Bochumer Ermittlungsbehörden am Donnerstag in der Steiermark drei und in Niederösterreich eine Hausdurchsuchung durch. Details über etwaige Beschlagnahmungen und involvierte Personen wurden nicht bekanntgegeben.
Ein eigenes Ermittlungsverfahren wird laut Angaben der Staatsanwaltschaft Graz nicht geführt. In Deutschland wurden 15 Personen verhaftet, in der Schweiz zwei. In Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien gab es insgesamt 50 Hausdurchsuchungen, bei denen umfangreiches belastendes Beweismaterial sichergestellt wurde. Aus "ermittlungstaktischen Gründen" nannten die Ermittler in Graz und in Bochum vorerst weder Namen von Verdächtigen noch die betroffenen Spiele sowie beteiligten Vereine.
Keinerlei Auffälligkeiten im Frühwarnsystem
Die österreichische Fußball-Bundesliga und Österreichs Fußball-Bund (ÖFB) wurden am Freitag von der UEFA über die möglichen Manipulationen informiert. Das gemeinsam mit dem ÖFB, dem Buchmacherverband und der Sportwetten GmbH initiierte und seit Jahren im Einsatz befindliche Frühwarnsystem habe keinerlei Auffälligkeiten ergeben, hatte die Bundesliga davor mitgeteilt. Man stehe in permanentem Kontakt mit dem Buchmacherverband und den staatlichen Lotterien, so die Bundesliga.
Unter Manipulationsverdacht stehen laut den deutschen Behörden auch drei Spiele der Champions League, zwölf Spiele der Europa League und ein Qualifikationsspiel zur U21-Europameisterschaft. Die Betrüger sollen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle bestochen haben, um Spielausgänge zu beeinflussen. Anschließend hätten die Beschuldigten hohe Geldbeträge bei europäischen und asiatischen Wett-Anbietern gesetzt. Vor allem letztere kooperieren oft nicht mit den Monitoring-Systemen.
Verhaftungen in Deutschland
Der schon in den Wettskandal um Robert Hoyzer verwickelte Ante Sapina sitzt nach Angaben seines Anwaltes in Bochum in Untersuchungshaft. Sapina sei am Donnerstag in Berlin festgenommen worden, erklärte Rechtsanwalt Stefan Conen am Freitag. Conen hatte Sapina schon 2005 im Prozess vor dem Landgericht Berlin verteidigt.
Der 33-jährige Ante Sapina war als mutmaßlicher Drahtzieher des Manipulationsskandals um Schiedsrichter Hoyzer 2005 vom Landgericht Berlin zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden. Seine Brüder Milan und Filip hatten damals Bewährungsstrafen erhalten. Hoyzer wurde zu zwei Jahren und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Der Bundesgerichtshof hatte die Urteile bestätigt. Ante Sapina musste zudem Wettgewinne in Höhe von 1,8 Millionen Euro an die Klassenlotterie Berlin zurückzahlen.
Ins Visier
der Ermittler soll auch der Spieler Marcel Schuon vom Drittligisten SV
Sandhausen geraten sein. "Fakt ist: Gegen Marcel Schuon wurde
ermittelt und eine Hausdurchsuchung gemacht, aber es wurde kein
Haftbefehl erlassen", sagte Sandhausens Manager Tobias Gebert. "Er hat uns versichert, dass er nichts gemacht hat. Ich denke,
in Deutschland gilt die Unschuldsvermutung", betonte Gebert.
Laut der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sollen Spieler des VfL
Osnabrück in mögliche Spielmanipulationen in der 2. Liga verwickelt
sein. Bei den Partien soll es sich um die Auswärtsspiele der
Osnabrücker beim FC Augsburg (0:3) am 17. April 2009 und beim 1. FC
Nürnberg (0:2) am 13. Mai 2009 handeln. Nach Angaben der "Main-Post" ist ein Spieler des Landesligisten
Kickers Würzburg verhaftet worden.
Sobald beweiskräftige Unterlagen vorliegen, "wird
unser Sportgericht und der Kontrollausschuss die sportgerichtlichen
Maßnahmen treffen und das entsprechend ahnden", versprach DFB-Präsident
Theo Zwanziger am Samstag zügiges Vorgehen des Verbandes. Das sportgerichtliche Urteil
könne "vielleicht sogar weit vor einer Anklageerhebung und einer
richterlichen Entscheidung" fallen.
Mindestens zehn Millionen Euro Schaden
Den bisher festgestellten Schaden bezifferte die Bochumer Polizei auf mindestens zehn Millionen Euro. Sie geht aber davon aus, dass noch mehr Partien manipuliert worden seien, was auch die Schadenssumme weiter nach oben treiben würde. Die Mitglieder der international agierenden Bande sollen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle bestochen haben, um den Ausgang von Spielen zu manipulieren. Der Hauptvorwurf lautet auf gewerbsmäßigen Bandenbetrug.
Die Europäische Fußball-Union (UEFA) zeigte sich zufrieden über die Ermittlungsresultate und betroffen vom Ausmaß der Manipulationen. "Andererseits sind wir aber auch zutiefst betroffen vom Ausmaß abgesprochener Spielmanipulationen internationaler Banden", erklärte UEFA-Sprecher Peter Limacher zum seiner Meinung nach bisher größten Manipulationsskandal im Fußball. (APA/red)