Patientenversorgung

Pattsituation für Hausärzte

22. November 2009 18:34
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    Foto: apa/robert newald

    Der Hausarzt soll die erste Anlaufstelle bei Krankheit sein, nicht das Spital.

Hausärzte sollen im Gesundheitssystem eine stärkere Rolle spielen - Das System macht es den Allgemeinmedizineren allerdings schwer

Wenn sich am Donnerstag Österreichs Allgemeinmediziner in Graz zu ihrem 40. Jahreskongress treffen, gibt es wenig zu feiern. Hinter den Kulissen brodelt es.

Rund 45 Prozent aller Hausärzte sind älter als 55 Jahre, und Nachwuchs scheint nicht in Sicht. Dabei ist die Zukunft der Hausärzte in der Theorie der Gesundheitspolitiker rosig. Gatekeeper sollen sie sein, Patienten durch das Gesundheitswesen lotsen, das soll die Versorgung verbessern, die Qualität erhöhen und helfen, die Kosten einzudämmen.

Vor allem wenn das Gesundheitswesen in den kommenden Jahren aufgrund der steigenden Zahl älterer Menschen die Leistungen ausweiten muss, könnten Hausärzte eine wichtige Rolle spielen. Sie sollen helfen, die Patienten wohnortnah zu betreuen, damit diese nicht in die teuren Spitäler gehen. Allein Wien wird deshalb für eine optimale Versorgung der Bevölkerung im Jahr 2015 rund 830 niedergelassene Allgemeinmediziner benötigen - das sind 55 Hausärzte mehr, als es jetzt gibt, besagt der kürzlich vorgestellte "Regionale Strukturplan" der Stadt.

Das Ideal droht aber an der Realität zu scheitern. In den kommenden zehn Jahren gehen viele der jetzigen Hausärzte in Pension. Innerhalb der Ärzteschaft ist nun ein erbitterter Kampf über die Ausbildung der Jungmediziner in sogenannten Lehrpraxen ausgebrochen.

Die Zahl dieser praxisorientierten Ausbildungsplätze könnte sich ab 1. Jänner dramatisch reduzieren, warnen Allgemeinmediziner, die bisher Turnusärzte in ihren Praxen jeweils mindestens sechs Monate lang ausbilden. "Viele der Lehrpraxen werden zusperren", sagt der Grazer Allgemeinmediziner Michael Wendler, der in den vergangenen 18 Jahren selbst 26 Turnusärzte ausgebildet hat. Julia Baumgartner, Vorsitzende der Jungen Allgemeinmediziner Österreichs (JAMÖ), weiß sogar von Kollegen, denen eine bereits zugesagte Ausbildungsstelle im nächsten Jahr wieder gekündigt wurde.

Grund ist ein neuer Kollektivvertrag, der innerhalb der Ärztekammer ausverhandelt wurde - zwischen den niedergelassenen Ärzten als Dienstgeber und der Kurie der angestellten Ärzte als Dienstnehmer. Demnach sollen Turnusärzte in Lehrpraxen ab 1. 1. gleich viel verdienen wie Turnusärzte im Spital - nämlich 1300 bis 2600 Euro pro Monat. Zahlen sollen das jene Ärzte, die den Nachwuchs ausbilden. Das war zwar schon bisher so, das Gehalt war aber niedriger, weshalb angestellte Ärzte, Gewerkschaften und auch Jungmediziner wie Baumgartner den Vertrag grundsätzlich begrüßen.

Zu wenig Geld

Allerdings dürfte die Dienstgeberseite in der Ärztekammer die Rechnung ohne ihre Mitglieder gemacht haben. "Ohne öffentliche Förderungen kann ich ab Jänner niemanden mehr ausbilden, weil die Kosten zu hoch sind", sagt selbst der für die Lehrpraxen zuständige Referent der Wiener Ärztekammer Robert Lindner. Derzeit gebe es nur 900.000 Euro vom Bund für alle Lehrpraxen Österreichs. Um den Bedarf zu decken, braucht es aber rund 250 Ausbildungsplätze.

Nötig dafür sind laut Lindner sechs bis acht Millionen Euro sowie die Möglichkeit, die in der Ordination geleistete Arbeit der Turnusärzte auch den Krankenkassen verrechnen zu können. Für Lindner ist klar: "Die Lehrpraxis ist tot."

Die Folge der Entwicklung: Allgemeinmediziner könnten künftig nur noch in Spitalsambulanzen ausgebildet werden, was wiederum Auswirkungen auf die Qualität haben wird, kritisiert der Arzt und Public- Health-Experte Martin Sprenger, der in Graz die Ausbildung der Allgemeinmediziner mitorganisiert. "Wir brauchen dringend einen gut ausgebildeten Nachwuchs, und wir haben jetzt die Möglichkeit, eine neue Generation von Allgemeinmedizinern auszubilden, die in den kommenden Jahren die Lücken schließen und den steigenden Bedarf abdecken können."
Der Hausarzt soll die erste Anlaufstelle bei Krankheit sein, nicht das Spital. (Martin Rümmele, DER STANDARD Printausgabe, 23.11.2009)

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18 Postings
pacatianus
 
23.11.2009 15:15

Ich hatte in letzter Zeit viel mit Turnusärzten zu tun. Essenz der Gespräche: Sie trauen sich nicht einmal eine Blutdruckeinstellung zu, geschweige denn die selbständige Führung einer Praxis.
Wie aber soll der Allgemeinmediziner, der in seiner Praxis etwa 3500 Euro verdient einen Turnusarzt ausbilden und ihm dafür 2600 Euro zahlen?
Da müssen irgendwo große Löcher in irgendwelchen Gehirnen sein sonst kann man sich einen solchen Bockmist gar nicht einfallen lassen.

pacatianus
 
23.11.2009 15:06
seit 27 Jahren..

bin ich Hausarzt und seit 27 Jahren beteuern ahnungslose Hohlköpfe, dass der Hausarzt aufgewertet werden muß. Ich kann es nicht mehr hören! Geschehen ist genau das Gegenteil. Auf Grund der unglaublichen Administrationslawine - für die gleiche Arbeit die ich vor 27 Jahren mit einer Assistentin bewältigt habe brauche ich jetzt 3 Angestellte - ist eine Erweiterung (Aufwertung???) meines Tätigkeitsfeldes gar nicht mehr möglich.
Ausser ich arbeite 80 Stunden pro Woche statt 60.
Also bleibt uns vom Leib mit euren verlogenen Floskeln ihr Idioten.
So, Das mußte einmal gesagt werden!
Der Beruf des Hausarztes ist ein Auslaufmodell, das tut sich in Zukunft keiner mehr an:

t-bonesteak
23.11.2009 21:37
ich bin ein großer fan der allgemeinmediziner

daher würde mich eines interessieren (ganz ehrlich):

nach meiner erfahrung haben die meisten ordinationszeiten, die gerade mal einen halbtagsjob ausmachen. wo kommen die zusätzlichen 40 stunden her?

pacatianus
 
23.11.2009 22:03

Offizielle Ordinationdsdauer wird täglich um bis zu 1 1/2 Stunden überschritten. ca 1 Stunde administrative Arbeit täglich. ca 1 1/2 Stunden Hausbesuche, 1x pro Woche Bereitschaftsdienst/ Nachtdienst bis 7 Uhr Morgens, alle 3 Wochen Wochenendbereitschaftsdienst von Samstag Morgens bis Montag Morgens, dann normale Sprechstunde (auch wenn man drei Nachtvisiten hatte und nur 2 Stunden Schlaf) usw, sie können mich gerne besuchen und sich selber ein Bild machen.

kiwi100
23.11.2009 11:34

Ö das Land, wo man/frau AllgemeinmedizinerIn werden kann ohne jemals zuvor in einer allgemeinmedizinscher Praxis gelernt und gearbeitet zu haben ... die Folgen: diagnostischer und therapeutischer Aktionismus und Überweisungsmedizin. Cui bono?

Kathi1609
 
23.11.2009 11:03
Der Allgemeinmediziner ist in Ö ja der Trottel vom Dienst.

Diagnostizieren können soll er alles, nach dem Turnus, den er hauptsächlich im KH verbringt (und wer zumindest einen Turnusarzt in der Umgebung hat, weiß, wie viel man da "lernt"), soll er gleich die selbstständige Praxis beherrschen, aber unterm Strich kriegt er die wenigste Unterstützung.

Wo anders liest man, die KH würden 50% ihrer Ressourcen verschwenden, die Kosten wären am explodieren, OP-Zahlen erreichen Spitzenwerte und teure Spielzeuge, die von "kompenten Handwerkern" oft gar nicht benötigt werden würden, ersetzen das Denken, Fühlen, Fragen.

Aber konkrete Kostensenkungsvorschläge (die zum Großteil sogar die med. Qualität erhöhen würden!) werden von den Betonierern in der ÄK verlässlich abgewürgt.

t-bonesteak
23.11.2009 21:39
ich habe mal gelesen, dass in norwegen

die praktischen ärzte wesentlich meh machen und die patienten daher deutlich weniger oft ins kh gehen müssen. da scheint es ein modell zu geben, das man mit ei bißchen guten willen kopieren könnte

sektionschef vom salzamt
23.11.2009 09:59

der arzt, der ausbildet, soll zahlen..
spinnen wir das einmal weiter: die uni bezahlt die studenten, ausbildner beim bundesheer bezahlen die grundwehrdiener, und lehrer - die werden wahrscheinlich protestieren ;-)

Walter Fenz
23.11.2009 08:27
Der ländliche Bereich wird bald ganz ohne

Hausärzte auskommen. Bereits jetzt sind Kassenstellen in OÖ, Kärnten, Salzburg, aber auch in der Peripherie in NÖ nur mehr mit Hängen und Würgen zu besetzen.

Stadt Salzburg: Nahezu kein Problem mehr, mit ein wenig Geduld einen vernünftigen Praxissitz zu übernehmen. Die "Goldenen Zeiten" sind vorbei, die Ärztekammer sieht hämsich und zynisch zu, die Gesundheitspolitik wäscht ihre Hände in Unschuld.

Und wieder ein Grund, an sich völlig überflüssige Landspitäler zu subventionieren, bis der Arzt kommt.

PV2
22.11.2009 21:46
staatliche versorgung

wie jetzt, die ärzte sollen dem staat die ausbildung abnehmen (lehrpraxis statt turnus) und für die kosten aufkommen? hübsche idee eig, aber leider ein bisi unrealistisch...

Walter Fenz
23.11.2009 08:24
Typisch Ärztekammer- Zwangsvertretung-

eben.

Sogenannte postmedizinische Logik.

Clemens Schwarz
22.11.2009 20:39
Die Ärzte haben zumindest eine Lobby

die Psychotherapeuten müssen ihre Ausbildung komplett selber bezahlen und hat keine Möglichkeit der Verrechnung über die Krankenkasse, obwohl sie gute Arbeit leisten.

lexgun
22.11.2009 19:29

als gibts bald mehr leerpraxen.

presonic
22.11.2009 18:44
nämlich 1300 bis 2600 Euro pro Monat

zwischen 1300 und 2600 euro ist aber ein riesiger unterschied.

hot doc
23.11.2009 19:50
richtigstellung:

2920,-
das ist dann der maximalverdienst laut kollektivvertrag, nämlich nach mehr als 6 monaten anstellung in der ordination, für einen fertigen allgemeinmediziner, der schon mehr als 4 jahre gesamte ausbildungszeit hat und einen teil seiner facharztausbildung bei einem niedergelassenen facharzt absolviert.
1300,- für jemanden, der frisch von der uni kommend in der lehrpraxis beginnt.

presonic
24.11.2009 10:56

da kann ich gut verstehen, dass man sich das nicht so leicht leisten kann.
wie war das vorher genau?

fluchtpunkt
24.11.2009 19:27

Die ganz genauen Zahlen habe ich nicht im Kopf, aber bei nicht geförderten Lehrpraxen (die Mehrheit) kriegt der Turnuskollege etwa 300-400 Euro, mit Förderung etwas über 800 Euro.
Heißt auf gut Deutsch, dass der Turnusarzt, wenn er sich im KH karenzieren lässt und zwei Monate Lehrpraxis macht, je nach Ausgangsgehalt und Förderung, auf ca. 2000 bis 4000 Euro verzichtet, um das machen zu können.
Ist ja wirklich eine Idiotie.
In meinem Umfeld haben das trotzdem fast alle gemacht, die nach dem Turnus tatsächlich in die Praxis gehen wollten.

Auch die neue Regelung ist nicht gerade realistisch - welcher Praktiker setzt sich einen Kollegen rein, wenn er dafür solche Summen ablegen muss, damit er ihn ausbilden *darf

presonic
25.11.2009 11:45

sehr interessant. danke für die info.
klingt echt nicht praktikabel.
das eine ist wirklich zu wenig geld, das andere kann sich der arzt wohl nicht leisen.
die lösung müsste wohl irgendwo in der mitte liegen, denke ich....

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