Tiefer Kursverfall und starker Anstieg: Ähnlich der Entwicklung der Banken verlief die der Börsen - Von Paul Kellermann
Um die seit September 2008 sich verschärfende "Finanzkrise" - also Probleme zu nächst der Geschäftsbanken, von ihnen auch Privatkunden großzügig vergebenes Geld termingerecht verzinst zurück zu bekommen - zu mildern, stellten Zentralbanken und Regierungen Geldmengen in bisher nicht bekannter Höhe zur Verfügung. Die dafür verlangten Zinsen lagen zwischen fast null (Zentralbanken) und knapp zehn (Regierungen) Prozent. Öffentlich beklagt wurde dann, dass die Geschäftsbanken das ihnen zugängliche Geld nicht mit üblichem Aufschlag der "Realwirtschaft" - also Unternehmen, die Güter und Dienstleistungen erzeugen und anbieten - weitergaben. Danach rief Verwunderung - teilweise Bewunderung, aber auch Erleichterung - hervor, dass einige Banken, die vor kurzem noch "zusammenzubrechen" drohten, wieder große Gewinne vermelden konnten.
Wie ist das zu erklären und wie das Folgende? Ähnlich der Entwicklung jener Banken verlief die der Börsen: Zunächst tiefer Kursverfall, dann starker Anstieg. So lag in den letzten 52 Wochen seit November 2009 der tiefste Wert beispielsweise der Bank "Raiffeisen International" bei 13,00 und der höchste bei 47,86 Euro; das entspricht einer Steigerung von 268 Prozent.
Wie lassen sich nun diese beiden Entwicklungen erklären? Indem beide Entwicklungen - die der Banken und die der Börsenkurse - zusammen gesehen werden: Wer billig erhaltenes Geld statt zur "Ankurbelung der Wirtschaft" in Finanzmärkte investierte, erhöhte dort die Nachfrage, was deren Kurse steigen ließ. Diese Entwicklung beobachteten andere, setzten ebenfalls billig erhaltenes Geld in der Finanzwelt ein, was weiteren Kursanstieg bewirkte. Wer anfangs investierte hatte, konnte bei rechtzeitigem Ausstieg großen Gewinn machen. "Rechtzeitig" kann sich dabei auf längere Dauer - etwa März 2009 Einstieg und November 2009 Ausstieg - beziehen, aber ebenso auf "day trading", also auf täglichen, gar kürzeren Handel, um Kursschwankungen zu nutzen.
Ist es nun intellektuelle Schwäche oder politische Absicht derer, die so vergleichsweise preiswert Geld zur Verfügung stellten, dass einige "kluge Köpfe" beziehungsweise Spekulanten so reichen Gewinn machen konnten? Vermutlich gilt beides, beides nicht zum Wohl der gesamten Gesellschaft. War es eigentlich nicht die Absicht, volkswirtschaftlich bedeutsame Banken und die "Realwirtschaft" vor Zusammenbrüchen zu schützen? Wenn ja, dann hätte man die Spekulation unterbinden müssen. Freilich wären dann die Börsenkurse erheblich niedriger und die Börsen weiter entfernt von einer erneuten "Blase" , also von luftgefüllten, das heißt von bloß virtuellen Finanzvermögen ... Die "Arbeitslosigkeit", also Erwerbslosigkeit, wäre freilich dennoch nicht geringer, weil das den Unternehmen verfügbare Geld generell in produktivere Apparate und Verfahren investiert wird, wodurch regelmäßig weniger Arbeitskraft gebraucht wird. Was das nun bedeutet und wie politisch mit intellektueller Stärke vernünftiger gehandelt werden müsste, wäre noch zu diskutieren. (Paul Kellermann)
Zur Person:
Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor und Mitglied des Forschungsbeirats an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wirtschafts-, Bildungs- und Geldsoziologie. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdisziplinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft".