Streit nach dem 1:0 von Algerien gegen Ägypten eskaliert - Tausende Ägypter belagerten algerische Boschaft in Kairo
Kairo - Hunderte aufgebrachte ägyptische Fußballfans marschierten in der Nacht zum Freitag gegen die algerische Botschaft in einem noblen Wohnquartier im Zentrum von Kairo. Sie skandierten "Gott ist groß", warfen Steine, verbrannten algerische Fahnen und stießen mehrere Autos um. Die Polizei hielt die Demonstranten mit Knüppeln und Tränengas vom Botschaftsgelände fern.
Das war die vorläufig letzte Episode in dem Kleinkleinkrieg nach dem Muster "Auge um Auge, Zahn und Zahn" zwischen den beiden nordafrikanischen Staaten, der mit dem Schlusspfiff in Khartoum nach dem 1:0 -Sieg der Algerier am Mittwoch nicht zu Ende gegangen ist. Er hat alte Wunden aufgerissen.
1989 hatten die Ägypter die Algerier aus dem Rennen geworfen, danach kam es zu Tumulten, bei denen ein ägyptischer Sportfunktionär schwer verletzt wurde. Angefangen hatte diesmal alles mehrere Wochen vor dem ersten Entscheidungsspiel in Kairo mit wüsten Beschimpfungen in den Medien beider Länder, die teilweise suggerierten, es handle sich nicht um ein Spiel, sondern um Krieg.
Aus den verbalen Attacken wurde blutiger Ernst, als ägyptische Hooligans den algerischen Mannschaftsbus in Kairo mit Steinen bewarfen. Drei Spieler wurden verletzt, zwei von ihnen traten mit Verbänden am Kopf zum Duell an. Diesen Zwischenfall, der von der Fifa untersucht wird, spielen die Ägypter herunter. Sie rücken die tätlichen Angriffe der algerischen Fans in den Vordergrund, zum Beispiel nach dem Spiel in Khartoum. "Terror im Sudan", titelte am Freitag eine Zeitung. 21 Ägypter sollen verletzt worden sein.
In den Vortagen war es in Algier zudem zu Vandalenakten gegen Niederlassungen des ägyptischen Mobiltelefonbetreibers Djeezy gekommen. Die Schäden wurden von der Muttergesellschaft Orascom auf fünf Millionen Dollar geschätzt. Die Regierung in Kairo hat jetzt ihren Botschafter zu Konsultationen aus Algerien zurückberufen und angekündigt, dass es seine Mitgliedschaft in der Union der nordafrikanischen Fußballföderation suspendiert. Der Kick hat zu diplomatischen Verstimmung zwischen zwei Ländern geführt, die eigentlich gute Beziehungen haben.
Die Hysterie vor den beiden Entscheidungsspielen um die Teilnahme an der WM 2010 war ausufernd. Die Ägypter, mehrfacher Afrikameister, sind extrem fußballverrückt. Die Emotionen sind wohl auch ein Ventil für die Frustration über einen beschwerlichen Alltag und sie erzeugen einen Nationalstolz in einem Land, das mit seiner politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung sonst nicht gerade glänzen kann. (Astrid Frefel aus Kairo - DER STANDARD PRINTAUSGABE 21.11. 2009)