Bundeskanzlerin Angela Merkel kämpft für einen offeneren Umgang mit den Fußball-Tabuthemen
Gelsenkirchen - Rund eine Woche nach dem Selbstmord von Tormann Robert Enke treten deutsche Politiker und Sportfunktionäre für eine Enttabuisierung der Themen Depression und auch Homosexualität ein. "Wir müssen Zeichen setzen", sagte Fußballbund-Präsident Theo Zwanziger und appellierte an die Anhänger: "Die Fans müssen das Kartell der Tabuisierer und Schweiger durchbrechen."
Kanzlerin Angela Merkel sagte der Wochenzeitung Die Zeit: "Wenn man krank ist oder etwas nicht kann, sollte man es ruhig sagen." Der Selbstmord des Torwarts, der seit 2003 an Depressionen litt, habe deshalb so viele Menschen berührt, "weil sich an einem berühmten Beispiel etwas zeigt, wovor viele Angst haben und was viel öfter passiert, als wir es uns vor Augen führen. Da machen wir uns in der Gesellschaft etwas vor."
Um das Umdenken voranzutreiben, will der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auch einen finanziellen Beitrag leisten. So soll es ein Abschiedsspiel für Enke zwischen der Nationalelf und Hannover geben. Als Termin nannte Zwanziger den 11. Jänner 2010. Die Einnahmen sollen an Einrichtungen gehen, die sich mit der Heilung von Depressionen beschäftigen.
Die deutsche Nationalmannschaft hat vor dem Match am Mittwoch in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste (nach Blattschluss) ihre Trauer um Robert Enke in einem Abschiedsbrief zum Ausdruck gebracht. "Dein Tod ist allgegenwärtig. Er hat uns sprachlos gemacht, fassungslos, hilflos. Wir waren wie gelähmt, als wir die unerträgliche Nachricht bekommen haben. Wir waren nicht in der Lage, ein paar Tage später Fußball zu spielen", heißt es in dem Brief.
Die Kicker stellten immer wieder die Frage nach dem Warum. "Wir haben zusammen geweint und zusammen nach Antworten gesucht, aber eigentlich immer nur neue Fragen gefunden. Quälende Fragen nach dem Warum. Warum konnten wir Dir nicht helfen? Warum konntest und wolltest Du uns nicht von Deinen Problemen erzählen? Warum ist es in unserem Leistungssport, in unserer Leistungsgesellschaft nicht möglich, Angst auszusprechen?" Noch immer unbegreiflich scheint für die Auswahl, dass Enke oftmals das Gefühl gehabt haben muss, viel mehr verlieren zu können als ein Fußballspiel. "Dein Tod ist so trostlos. Aber wir werden alles dafür tun, in Deinem Sinn weiterzumachen. Und uns dafür einsetzen, dass Vorurteile und Stigmatisierungen im Fußball keinen Platz haben."
Eine Studie der Sporthochschule Köln hat ergeben, dass sich die Einnahme von Antidepressiva im Hochleistungssport seit 2006 verdreifacht hat. "Die Dunkelziffer ist viel höher. Immer mehr können den mentalen Druck nicht verarbeiten", sagte Professor Mario Thevis. Thomas Nickel, Leiter der psychiatrischen Ambulanz im Max-Planck-Institut in München, machte auf die Schwierigkeiten der Behandlung aufmerksam: "Man kann Sportler nicht einfach krank schreiben. Dann fragt jeder sofort, was mit demjenigen los sei." (red, DER STANDARD Printausgabe 19.11.2009)