Pervasive Computing

"Intelligente" Brille als Helfer in der Not

18. November 2009 16:44
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    Foto: institut für pervasive computing

    Funktionsbrille "Spectacles": Wegweiser für den Radfahrer, OP-Hilfe für den Chirurgen.

Forscher der Universität Linz haben eine Brille entwickelt, die Feuerwehrmännern zeigt, wo sich Menschen in Gefahr befinden - Einblick in die Welt "intelligenter" Gegenstände

Eine Sportbrille, die dem Radfahrer Herzfrequenz und Weg anzeigt. Eine Touristenbrille, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten, die er gerade vor sich hat, erklärt. Eine Rettungsbrille, die dem Feuerwehrmann darauf hinweist, wo sich noch Menschen in Gefahr befinden. Eine OP-Brille, die dem Chirurgen Auskunft über Atmung und Blutsauerstoffgehalt des Patienten zeigt. Oder eine Einkaufsbrille, die den Konsumenten informiert, welchen Nährwert die Packung Nudeln oder das Joghurt im Regal haben.

Das alles sind mögliche Eigenschaften der Funktionsbrille "Spectacles", entwickelt vom Institut für Pervasive Computing der Universität Linz und der Silhouette International AG. Das Institut wurde dafür im Zuge des Innovationspreises 2009 des Landes Oberösterreich unlängst mit dem Sonderpreis ausgezeichnet.

Miniaturisiertes Anzeigesystem

Die "intelligente" Brille enthält ein miniaturisiertes HighTech-Sensor-, Display, Computer- und Kommunikationssystem. Die oben genannten Hilfestellungen für Radfahrer, Chirurgen oder Konsumenten werden durch ein miniaturisiertes Anzeigesystem auf der Innenseite der Brille, unmittelbar beim Auge, ermöglicht.

Das Leben erleichtern

Die Funktionsbrille ist nur eines von vielen Beispielen so genannter "intelligenter" Gegenstände - Alltagsobjekte, die etwa durch den Einsatz von Mikrochips zusätzliche Funktionen erfüllen und uns so das Leben erleichtern. Viele davon benutzen wir fast täglich, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Die Sache ist nicht ganz neu - einfache Beispiele sind Handys oder Autos heutiger Bauart. Mobiltelefone werden zum Kommunizieren, als Gedächtnisstütze, für Musik und Videos oder als Internetzugangstechnologie verwendet. Aber nicht nur: Den wenigsten Menschen ist bewusst, dass das Handy auch für andere Zwecke eingesetzt wird, erklärt Alois Ferscha, Leiter des Instituts Pervasive Computing an der Universität Linz. So etwa als Verfolgungstechnologie (etwa in Form einer Kundenstromanalyse), als Überwachungssystem (jedes Gespräch wird zentral protokolliert, jedes SMS gespeichert) oder zum Aufklären von Verbrechen (Verdächtigungsliste werden aufgrund des Aufenthalts in der Nähe eines Verbrechens erstellt). "Trotzdem wird das Mobiltelefon heute von 3,6 Milliarden Menschen, mehr als der Hälfte der Menschheit, verwendet", sagt Ferscha.

Intelligenter Computer hilft beim Bremsen

Autos verfügen heute über Navigationssysteme, Internetzugang und GSM/UMTS-Vernetzung. Auch hier gilt, dass wir Menschen oft nicht wahrhaben, dass es sich um ein "intelligentes" Objekt handelt. "Wenn Sie 'bewusst‘ bremsen, entscheidet eigentlich ein intelligenter Computer, ob tatsächlich gebremst wird", so Ferscha, "wenn Sie 'bewusst' auf das Gaspedal steigen, prüft zunächst ein intelligenter Computer, ob tatsächlich beschleunigt werden soll."

Es gibt unzählige Beispiele: Die Digitalkamera ist so "intelligent", dass sie "weiß", ob sie horizontal oder vertikal fotografiert, sie "erkennt" Augenpaare und somit Personen. Noch dazu "weiß" sie durch GPS, wo am Planeten sie sich befindet und schreibt diese Information zusammen mit Datum und Uhrzeit versteckt auf jedes Foto.

Technologie durchdringt Alltagsobjekte

Die Aufgabe, solche "intelligenten" Gegenstände zu entwickeln, liegt beim "Pervasive Computing". Das englische Wort "pervasive" bedeutet übersetzt so viel wie "durchdringend" oder "überall vorhanden". Technologie dringt also durch Alltagsobjekte. Pervasive Computing hat zum Ziel, Technologie in den Alltag des Menschen zu integrieren, ohne dass diese als Technologie oder Gerät empfunden wird.

"Beobachtung von Nöten"

Woher kommen die Anregungen für die Entwicklung "intelligenter" Gegenstände? "Die Ideen entstehen aufgrund der Beobachtung von Nöten, die einem auffallen beziehungsweise bewusst werden, wenn man aufmerksam durchs Leben geht", erklärt Ferscha. In Vielen Bereichen des Lebens, wie etwas Lernen, Arbeiten, Wohnen oder Reisen würden wir an "menschliche Grenzen" geführt: Die Grenzen der Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit, der Merkfähigkeit, der Greifbarkeit, der körperlichen Mobilität. Laut Ferscha würden die Impulse für die Entwicklung "intelligenter" Gegenstände nur selten direkt aus der Industrie kommen. Häufig sei es sogar schwer, diese von Innovationen zu überzeugen.

Datenschutz und Umweltfragen

Obwohl "intelligente" Gegenstände hohes Potenzial für Wirtschaft und Alltag haben, bringen sie gleichzeitig mehrere Herausforderungen mit sich.  "Intelligente" Objekte verrücken die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wie es in einer Publikation der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) vom Mai 2009 heißt. Das gesetzlich verankerte Recht auf Privatheit würde bei einigen der Anwendungen gefährdet. Ein einfaches Beispiel: Wer mit dem Zug fährt, wird häufig am Bahnhof von Kameras gefilmt, ohne die Chance auf ein "Opt-out" zu haben.

Eine weitere Herausforderung ist die Frage des Recyclings: Wenn Systembestandteile wie Mikrochips zunehmend in Alltagsgegenstände integriert werden, wird die Entsorgung auf jeden Fall aufwändiger beziehungsweise "ökonomisch fast unmöglich", wie es in der Studie „Pervasive Computing: Entwicklungen und Auswirkungen" (2006) des deutschen Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik heißt.

Fest steht, dass es in Zukunft immer mehr "intelligente" Gegenstände geben wird. "Diese Geräte sind nur die Vorhut von etwas das noch kommt, von dem wir uns heute keine Vorstellung machen können", ist Ferscha überzeugt. Kleidung, Schmuck, Teppiche, Möbel, Wandfarbe, Sportgeräte und Kinderspielzeug - die "intelligente" Liste ließe sich lange fortführen. (red, derStandard.at, 18.11.2009)

 

Kommentar posten
14 Postings
Miraculix25
 
20.01.2010 13:54

und ich hätte gerne eine solarbetriebenen fliegenden teppich mit zieleingabe

haudi
19.11.2009 18:33
ich brauche diese brille

spätestens bis zu der nächsten matheklausur
:D

sturmy
19.11.2009 17:44
ist das alles wirklich intelligent???

Grummel
19.11.2009 09:47

Ich habe ein intelligentes Fahrrad:
Wenn ich in einem niedrigem Gang trete und ich zu schnell bin und, dann beschleunigt es auch nicht.

divis
 
18.11.2009 19:49
Ich bräuchte...

...eine Brille, die mir anzeigt, wo sie liegt.

werwolfi
18.11.2009 19:12

"Wenn Sie 'bewusst‘ bremsen, entscheidet eigentlich ein intelligenter Computer"

hier gehörte das "intelligent" aber bitte auch unter anführungszeichen - und das wird noch für eine ganze weile so bleiben.

Raubkopierer
19.11.2009 06:25

stellen sie sich vor, sie nähern sich einem baum, mit etwa 120. und dann entscheidet dieser computer das man ruhig draufhalten könne. entgegen meiner entscheidung zu bremsen.

hilfe.

a ad - das kann man auch anders sehen
19.11.2009 11:45

Da gehts um ABS, ESP etc.

Wenn Sie auf den Baum zuhalten, und in Panik die Bremse durchdrücken, sorgt der Computer dafür, dass der Wagen nicht ins Hinderniss oder den Gegenverkehr reinschleudert, sondern steuerbar bleibt. (Schauen sie mal auf Youtube, da gibts sehr anschauliche Tests.)

Mich hat ESP als Passagier mal vor nem schlimmen Unfall bewahrt, als der Fahrer bei 160 verrissen hat...

hlg
22.11.2009 20:03
hutfahrer unterwegs...

a ad - das kann man auch anders sehen
22.11.2009 21:05

Ja eh, es kann halt nicht jeder ohne Computerhilfe die vier Brems- und Gaspedale mit 12 Anpassungen pro Sekunde kontrollieren, so wie Sie das offenbar praktizieren...

Hut ab, Sie sollten Busfahrer werden!

zahnstocher
18.11.2009 21:16

genau, weil intelligent ist erst was, sobald es sich dumm stellen kann :P

TheNepomuk
18.11.2009 19:00
schlecht recherchiert - muss richtig stellen:

Das E-Bremspedal ist beim PKW noch lange nicht in Sichtweite, das Sicherheitsrisiko wäre viel zu groß.

Bei LKW sieht das anders aus, da funktioniert die Bremse auch grundlegend anders und ist mehrfach redundant ausgelegt.

Und dass das E-Gas schon fast als Bevormundung hochstilisiert wird, halte ich für pervers.

Kritisch wirds, wenn man per GPS/UMTS von außen auf die Elektronik des Autos Einfluß nehmen kann, so wie das AFAIK in den USA schon angedacht wurde.

Trotzdem danke für den Denkanstoß.

yophen
19.11.2009 08:14
fast

Natürlich gibt es ein "E-Bremspedal" - allerdings ist es mit der normalen Hydraulik "ausfallsicher" gekoppelt.

TheNepomuk
19.11.2009 12:41

Ich verstehe unter einem e-bremspedal ein Bremspedal welches mechanisch nicht mit der Bremse verbunden ist, sondern einen Sensor hat, welcher die Pedalstellung an die Hydraulik weiterleitet und so die Bremsen steuert.

Das gibt es in dieser Form(bei Serienfahrzeugen) einfach nicht.
Geben tut es Elektronik, die den Bremsimpuls verstärkt(Notbremsassistent), einzelne Räder selbsttätig abbremst(ESP) in wenigen Fällen bis zu gewissen Geschwindigkeiten sogar selbsttätig das Fahrzeug zum Stillstand bringt (Volvo) und natürlich das elektronisch Gesteuerte wegnehmen von Bremsleistung (ABS).

Das Bremspedal bleibt aber immer mechanisch funktionsfähig, selbst bei einem System-Totalausfall samt Elektronik und Bremskraftverstärker kann man noch bremsen

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