Der notwendige Protest

Deutsche Politiker haben verstanden, warum die Studenten Hörsäle besetzen - Von Alexandra Föderl-Schmid

Deutschland ist anders. Nicht nur, wenn es um Vergangenheitsaufarbeitung geht, sondern auch um Zukunftsfragen. Bildung ist eine zentrale Zukunftsfrage für ein Land. Während am Dienstag Studenten an österreichischen und deutschen Hochschulen Protestaktionen mit teilweise gleichlautenden Losungen ("Die Uni brennt" ) abhielten, meldeten sich in Deutschland die Bundeskanzlerin und die Bildungsministerin zu Wort. Und zwar mit Verständnis für die Proteste der Studenten: Bundeskanzlerin Angela Merkel rief eine "Bildungsrepublik" aus und kündigte an, sie werde im Dezember mit den Ministerpräsidenten über Investitionen im Bildungsbereich beraten. Wie diese geschaffen werden könne, werde das beherrschende Thema der nächsten Wochen sein.

Bildungsministerin Annette Schavan will mit den Wissenschaftsministern der Bundesländer verhandeln, denn: "Die Studenten haben ein Anrecht zu erfahren, was wir unternehmen, um die Lehre zu verbessern."

In Österreich: Schweigen der Regierungsspitze zu dem Thema, obwohl Regierungssitzung am Dienstag war. Vizekanzler Josef Pröll, der gleichzeitig Finanzminister ist, hat die Protestierenden bisher nur attackiert und in einem Interview mit einer Boulevardzeitung beklagt, dass diese "die Politik, das Land und die Steuerzahler in Geiselhaft nehmen" . Seine Einschätzung, er halte nichts von "Aktionismus und Blockade" wird auch von einem Teil der Medien in diesem Lande geteilt. Wissenschaftsminister Johannes Hahn bot zumindest 34 Millionen Euro an, was angesichts desjährlichen Unibudgets von 2,5 Milliarden Euro mickrig ist.

Zum Vergleich, was in den vergangenen Monaten möglich war: Die Konjunkturpakete machen mehr als eine Milliarde Euro aus, für die heimischen Banken wurden hundert Milliarden in die Hand genommen.

Wer die Stellungnahmen der beiden ÖVP-Politiker und jene der zwei CDU-Politikerinnen vergleicht, die immerhin einer parteipolitischen Familie angehören, stellt nicht nur einen Unterschied in der Wortwahl fest. Die Studenten und ihre Anliegen werden in Deutschland ernst genommen, auch von Sozialdemokraten. Die jetzt in der Opposition befindliche SPD beschloss bei ihrem Parteitag eine Resolution zu den Studentenprotesten, in Österreich versucht Bundeskanzler Werner Faymann seit Wochen eine Position zu finden, die zwischen Verständnis für die Studenten und keinen oder doch ein bisschen Zugangsbeschränkungen an Unis schwankt.

In Deutschland äußern nicht nur Bundespolitiker Verständnis für die Proteste an den Hochschulen, sondern auch die von Landespolitikern gebildete Kultusministerkonferenz und der Wissenschaftsrat. Sie gehen sogar so weit, handwerkliche Fehler bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge einzuräumen. Ihr Fazit, dass unterschiedliche Fächer über einen Kamm geschoren worden und im Zuge der Bachelor-Reform zu sehr auf die Verkürzung von Studienzeiten ausgerichtet gewesen seien, trifft auch auf Österreich zu. Der Stoff wurde in vielen Studienfächern reduziert, der Ansturm nicht eingedämmt, die Betreuung nicht sichergestellt. In Deutschland gibt es einen Numerus clausus, vor dem viele nach Österreich geflüchtet sind, was die Situation hier verschärft.

Jahrelang ist nichts geschehen: Die Studentenproteste sind nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig, um Politiker dazu zwingen, endlich aktiv zu werden. Es geht nicht nur um mehr Geld - auch hier hat die deutsche Kanzlerin eine konkrete Zahl genannt: sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts als Bildungsinvestitionen bis 2015. Die österreichischen Politiker haben noch nicht begriffen, dass in Bildung und vieles mehr investiert werden muss. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2009)

 

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D: Die Politik gibt den Studierenden teilweise Recht

Deutsche Welle http://www.dw-world.de/dw/articl... 20,00.html

ohne im einzelnen auf die forderungen der...

studierenden eingehen zu wollen, möcht ich aber doch festhalten, es ist gut, dass sich unsere künftige elite
traut zu sagen was ihrer meinung sache ist und dafür streikt.
nur frage ich mich, ob dies einsymtom unserer gesellschaft ist, dass sich studenten nur mehr für ihre ureigensten interessen einsetzen.
gerda in ö hätte man anlässe genug, für andere, schwächere auf die strasse zu gehen, zu blockieren.
es war immer eine stärke und eine pflicht der studenten auf missstände im staat aufmerksam zu machen.
das scheint aber vorbei zu sein.

proteste beinhalten breite gesellschaftskritik

daher werden Protestierende als nicht ernstzunehmende RevoluzzerInnen diskreditiert; eine Ausrede, um ernsthafte Verhandlungen zu hintertreiben; über persönlich Anliegen hinausgehende Themen: demokratische Kultur, Zugangsbehinderungen für ausländ.Studierende ( Nostrifizierungen; Abschiebepraxis betrifft auch ausl. Stud./Akadm; etc...), Verhältnis gewählte VertreterInnen<->Souverän;Kritik an Herabwürdigung von Anliegen gr Teile d Bev. seitens der Politik (Uni nur 1 Bsp für viele), Stud. für bessere Arb.bed. ihrer Lehrenden = gegen Präkariat allgem.; Auseinandersetzung mit sexistischer Kultur (die vor Uni auch nicht Halt macht), Kritikfähigkeit der Gesellschaft; + Vielzahl vermeintlich "illusorischer" Forderungen.

eineunterstützendeLehrende

Welche Bildungspolitik ist von Ös Politiker zu erwarten ?

Antwort: keine !


Bildung und KronenZeitungs-Abhängigkeiten, sowie Politik nach Raiffeisen-Broschüren und Zurufen aus WK und IV u.a. schliessen sich einfach aus...

Bildungspolitik in D

Frau Föderl lässt bei Ihrem Text außer Acht, dass Bildungspolitk in D seit der Föderalismusreform I ausschließlich Ländersache ist, d.h. Angela Merkel kann samt Ihrer Bildungsministerin nur Ankündigungspolitk machen. Deshalb auch diese verhaltene Position, sie werde mit den Verantwortlichen in den Ländern sprechen. Der Bund kann nur noch Sonderprogramme finanzieren. Die Länder haben in unterschiedlicher Intensität begriffen, dass Bildung ein Zukunftsthema ist.
Aber da ist noch etwas, was ich schon lange mal anmerken wollte: Die Deutschen machen nur 6 % der gesamten Studierenden in Österreich aus und das ist keine Überschwemmung. Hier versucht man vom eigenen Versagen abzulenken, indem man "die Deutschen" zu Sündenböcken stempelt.

"meldeten sich in Deutschland die Bundeskanzlerin und die Bildungsministerin zu Wort. Und zwar mit Verständnis für die Proteste der Studenten:"

Welches "Verständnis" der dt. Staat für die Studenten hat, sieht man an diesem Video (das nat. von den Massenmedien nicht gezeigt wird, aber ein Bild darafu wirft, wie brutal die Obrigkeit mittlerweile gegen unschuldige Zivilisten vorgeht - davon kann sich sogar Putin&Co. etwas abschauen...):
LINK:
http://www.youtube.com/watch?v=X... re=related

Die deutschen Politiker sind nur geschickter. Die Österreichischen haben ja anfangs geglaubt, wenn kein dicker (im übertragenen Sinne) Funktionär einer Partei oder eines Sozialpartners als Ansprechpartner dabei ist, muss man niemanden ernst nehmen.
Merkel und die anderen deutschen Schwarzen sind aber auch alle für den neoliberalen Umbau des Bildungssystems. Zum Teil befürworte ich mehr Effektivität und Effizienz ja auch, aber jetzt ist es an der Zeit die Konservativen und Neoliberalen wieder ein wenig zu stoppen, da es sonst zu weit geht.

Oh soviel Ehre für unser Piefkeland?

Ich würde eher sagen, dass man es bei uns schon immer gut verstanden hat, eventuell aufkommenden bürgerlichen Ungehorsam bzw. ein sanft aufwallendes Demokratieverständnis in Teilen der Bevölkerung durch Beruhigungstabletten in Keim zu ersticken... Das hat schon Bismarck mit den Sozialgesetzen gemacht, um der Sozialdemokratie den Boden zu entziehen.



Frau Föderl

wann werden sie kapieren das den Banken nicht hundert Milliarden gegeben wurden sondern nur Haftungen übernommen wurden ? Ist das so schwer für eine Chefredakteurin ?

man kanns sehen wie man will.. die banken haben geld vom staat bekommen u mussen es mit zinsen zurück zahlen.. schon und gut dann nennen wir es haftung.. könnte es auch kredit nennen
was passiert aber mit den millarden wenn de bank in konkurs geht u den kredit nit zurück zahlen können? es is weg...
schmeißen wir geld aus dem fenster weil ein paar geldgierige menschen den hals nicht voll genug kriegen konnten.. und jetzt wieder damit beginnen sich großzügige bonuszahlungen u genehmigen..

eine haftungszusage und ein kredit sind zwei grundverschiedene dinge

Was mir Schmerzen bereitet ist das Niveau der heimischen Politiker in Vergleich zu jenen in Deutschland.
Man hat das Gefühl, dass sie nie über den Tellerrand blicken und nur auf ihre Klientel schauen, ohne Verantwortung für die Zukunft ernst zu nehmen. Das sieht man in der Bildungspolitik, in der Klimapolitik, im Umgang mit Migranten u.s.w.
Vielleicht könnte das durch ein Vorwahlsystem für Politkandidaten behoben werden welches die Freunderlwirtschaft (heute wohl Networking genannt) ablöst.

> Was mir Schmerzen bereitet ist das Niveau der >heimischen Politiker in Vergleich zu jenen in >Deutschland.

Zuviel der Ehre. Alles was Sie beklagen, ist hierzulande ebenfalls im Übermaß vorhanden. Allenfalls Italien läuft uns da den Rang ab - wie meine italienischen Freunde einst formulierten: un dilettante, questo Stoiber.

Gruß aus dem Baziland BY

stimmt nicht ganz, daß in A parteien nur auf die eigene klientel schauen. die SP hat vor lauter sehnsucht nach der "mitte" die ihre teilweise aus den augen verloren. "mitte", das ist ein leerer signifikant. keine ahnung, welche politikberater der SP diesen macguffin eingeredet haben. oder meint "mitte" den nachwuchs der früheren SP-klientel?

ja, die sp hat sich des nachts, still und heimlich...

aus dem bett des arbeiters fortgeschlichen...
das erwachen wird schrecklich sein, nicht nur für die arbeiter...

Investition in Bildung

Ja, richtig! Das sagen auch die Grünen. Aber Investition ist nicht Konsum. Investition heißt Ökonomisierung der Bildung: „Kommt es nicht zu einer grundlegenden Reform (des Bildungssystems), drohen sich soziale Spannungen und Armut zu verschärfen sowie ein wirtschaftlicher Rückfall und eine Gefährdung der Demokratie.“ (www.zukuftskongress.at, These 20). Sie verlangen also das Gegenteil der Forderung der Studenten: "Bildung darf nicht ökonomiisert werden".

fehlschluß ihrerseits: auf die wirtschaftliche bedeutung von bildung hinzuweisen heißt nicht, sie wirtschaftlichen interessen unterwerfen zu wollen. etwas hinterfragen können etc. ist wirtschaftlich bedeutsam ohne eine wirtschaftlichen interessen unterworfene fähigkeit zu sein.

na ich weiß nicht. ich stehe eher auf der seite ihres vorposters. wenn man als argument pro bildungsinvestiotion ständig anführt, was uns sonst für ein wirtschaftlicher nachteil droht, dann darf man sich nicht wundern, wenn die wirtschaft die studienpläne diktiert. genauso ist es bei allen oecd-studien wie z.b. pisa. glauben sie im ernst, die oecd hat ein interesse an klugen menschen? nein, die wollen, dass die wirtschaft möglichst wenig in die berufsAUSBILDUNG investieren muss. daher wird uns ständig eingetrichtert, wie toll die finnen sind.

Und wie begründen Sie den Wunsch der Studenten am Ende ihres Studiums auch einen Job zu haben?
Ist vielleicht Job nicht gleich Wirtschaft?
Dann sollten sich die Studenten bei freiem Unizugang auch daran gewöhnen nach einem dann Massenstudium keinen Job zu haben. Aber dann beklagen sie sich wahrscheinlich wieder bei den Unis, dass diese sie ihr gewähltes Fach ohne Zukunftsaussicht damals beginnen haben lassen.
Freier Zugang und eine gute Finanzierung ist schon richtig und wichtig. Aber ein bisschen Realitätsverweigerung der Studenten spielt da auch mit. Also Investition ist nun mal Investition, Sie können ja auch in ihre Bildung investieren, wenn sie in die Bibliothek gehen, kostet fast keinen Cent.
Jeder weiß das Wissen Vorsprung bedeutet.

wer oder was soll "die wirtschaft" sein?

die wirtschaft, die die studenten im audimax anrichten, mein ich auf jeden fall nicht.

es ist so, daß intellektuelle fähigkeiten, weiterbildung etc. wirtschaftlich wichtiger werden - nicht nur im IT-bereich. durch kürzere innovationszyklen, komplexere produkte & dienstleistungen etc. die berufsbilder werden anspruchsvoller. ein automechaniker sollte heute etwas von elektronik verstehen (wenn die bauteile billiger werden, kann sich das ändern).

ist sich "die" wirtschaft so einig? diktiert "sie" tatsächlich die studienpläne? braucht "sie" tatsächlich keine klugen, gebildeten menschen?
PISA: methodisch gesehen schmafu.

in D wird eben doch noch etwas politik gemacht; in A gibts politik der gefühle als politiksurrogat. kein wunder, dort gibts eine bessere, unabhängigere medienlandschaft. auch ZDF, ARD etc. - also staatsTV - sind oft kritischer als der ORF.

"kein wunder, dort gibts eine bessere, unabhängigere medienlandschaft"

Wohl kaum. D ist von Gleichschaltung und der Konzentration der Medienmacht in wenigen Händen (Bertelsmann, Springer ...) genauso betroffen wie A, und etliche ehemals linksliberale Medien wie z.B. der Spiegel und die Zeit sind mittlerweile tragende Säule des neoliberalen Mainstreams.

Im ARD gibt es mitunter gute Beiträge, im ZDF nur einen einzigen Lichtblick ("Neues aus der Anstalt").

Wer sich halbwegs umfassend und unabhängig informieren will, ist in der Blogosphäre mittlerweile wesentlich besser aufgehoben, z.B.

www.nachdenkseiten.de
www.spiegelfechter.com
ad-sinistram.blogspot.com
www.weissgarnix.de

um nur einige zu nennen. Kein Wunder, daß versucht wird, dieses "Loch" sogar durch Instrumentalisierung mißbrauchter Kinder zu stopfen.

die blogosphäre verhält sich zu qualitätsjournalismus wie dem von le monde diplimatique wie wikipedia zur encyclopedia britannica: dort finden sich auch infos, mitunter recht wertvolle, die in den klassischen medien nicht zu finden ist, gründliche recherchen und überblicke jedoch suchen sie dort vergeblich.

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