D'Alema einziger Kandidat als EU-Außenminister

Thomas Mayer, DER STANDARD, 17. November 2009, 17:51
  • Artikelbild
    foto: apa/epa/hoslet

Nach tagelangem Hin und Her ist bei Europas Sozialdemokraten die Entscheidung gefallen: Ihr Kandidat für das Amt des EU-Außenministers und gleichzeitigen Vizepräsidenten der EU-Kommission heißt Massimo d'Alema. Er wird der einzige Name sein, der den Staats- und Regierungschefs von der roten Parteifamilie zu Beginn des Gipfels am Donnerstag um 18 Uhr präsentiert wird. Das wurde mir heute nachmittag in Brüssel von bestinformierten Kreisen und an höchster Stelle bestätigt.

Diese Kandidatur ist nicht ohne Risiko. D'Alema, der Ex-Premierminister (1998 bis 2000) und Ex-Außenminister (2006 bis 2008) von Italien mit kommunistischer Vergangenheit, hat einige Handicaps. Seine Sprachenkenntnis ist nicht sehr ausgeprägt, er spreche kaum Englisch und auf Französisch könne er sich gerade noch einen Kaffee bestellen, mokierten sich einflussreiche europäische Zeitungen in den vergangenen Tagen. In Italien ist manchen seine Schonung von Silvio Berlusconis Medienimperium in Erinnerung - d'Alema hat mehrere Bücher in dessen Verlag Mondadori publiziert. Und in Brüssel wird ein Zitat von ihm herumgereicht, in dem er angeblich von Israel als "Terrorstaat" spricht.

Vor allem aber: Bis zur Stunde hat der britische Premierminister Gordon Brown von der Labour-Partei keinerlei Zeichen gegeben, dass er mit dieser Auswahl am Ende einverstanden sein könnte. Brown beharrt offiziell nach wie vor auf Tony Blair als ständigen Präsidenten des Europäischen Rates, ignoriert dabei, dass Christ- und Sozialdemokraten sich eigentlich ausgemacht haben, dass der Präsident von einem Christdemokraten besetzt wird. Favorit dafür war bisher Belgiens Premier Herman Van Rompuy.

Aber die europäischen Sozialdemokraten wollen Blair keinesfalls, und sie sind bereit, mit Brown notfalls auf Konfrontation zu gehen. Was der britische Premier im Schilde führt, ist auch bei seinen Parteifreunden vorläufig ein Rätsel, auch im Auswahlkomittee, dem SPE-Chef Poul Nyrup Rasmussen, Kanzler Werner Faymann und Spaniens Premier José Luis Zapatero angehören. Nicht ausgeschlossen wird, dass der Brite im Finale auf Blair verzichten könnte, aber dann doch auf den Außenministerposten zugreift (wie ihm das von der SPE bereits vorgschlagen wurde), der einem großen EU- und Nato-Land zufallen soll: möglicherweise mit der britischen EU-Außenhandelskommissarin Catherine Baroness Ashton, die zusätzliche Wirtschaftskompetenzen in der Kommission bekommen könnte. Die andere Variante: Brown treibt nur den Preis hoch, akzeptiert d'Alema bzw. verzichtet auf Blair, kassiert dabei aber von Barroso einen Wirtschafts-Superkommissar ab.

Lunacek für Plassnik

Noch gefährlicher für den 60-jährigen d'Alema ist aber der Widerstand der osteuropäischen EU-Länder, die ihm seine ex-kommunistische Vergangenheit vorhalten. Und der "Aufstand" der Frauen in EU-Spitzenpositionen. Heute, Mittag, hat eine parteiübergreifende Plattform von weiblichen EU-Abgeordneten Kommissionschef Barroso sogar gedroht: Sollten nicht mehr Frauen zum Zug kommen und wenigstens eine Topposition wie die des Außenministers weiblich besetzt werden, könnte die Abstimmung über die neue Kommission im Parlament leicht scheitern.

Und: Die grüne EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek nannte Ex-Außenministerin Ursula Plassnik als eine der geeigneten Kandidatinnen für den EU-Außenjob. Schweden hat heute übrigens Europaministerin Cecilia Malmström als künftige EU-Kommissarin nominiert. Sie gilt manchen als Geheimtipp für den EU-Außenminister, sollte der EU-Gipfel bisherige Pläne komplett über den Haufen werfen.

Kein Widerstand droht d'Alema vom konservativen Premier Silvio Berlusconi in Rom. Im Gegenteil. Außenminister Franco Frattini verteidigte ihn ausdrücklich gegen Kritik im konservativen Lager und erklärte die mögliche Bestellung zum EU-Außenminister zur nationalen Angelegenheit: "D'Alemas Kandidatur entspricht den nationalen Interessen und wir werden sie unterstützen", sagte Frattini in Rom. Auch Berlusconi hat sich mehrfach positiv geäußert und erklärt, er "hoffe, dass d'Alemas "Aussichten gut sind".

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 80
1 2 3
drumbun1
20
18.11.2009, 15:03
Sicher, Herr Mayer?

Warum nennt dann Zapatero, immerhin einer drei drei PSE-Sondierer (eigentlich eh nur zwei, weil Faymann wüsste schon mal nicht, was sondieren heisst), heute Moratinos als geeignet?
Also da ist insgesamt schon so viel Kaffeesud im täglichen Aufguss, dass man mit solchen Aussagen zuwarten sollte - bevor man sich seinen guten Blogstart wieder zusammenhaut...

Thomas Mayer, DER STANDARD
01
18.11.2009, 15:35
Gegenfrage

Die Antwort hätten sie sich eigentlich selber geben können: Weil Zapatero bei einer Pressekonferenz in Madrid gefragt wurde.
Hätte er sagen sollen, sein eigener "exzellenter Außenminister" Moratinos wäre ungeeignet? Eben.
Als geeignet werden von den Sozialdemokraten auch noch andere Parteifreunde gehandelt, sollte d'Alema scheitern. Aber nach meiner Information wird die SPE zum Start des Gipfel morgen zunächst nur einen einzigen Kandidaten präsentieren: Massimo d'Alema. Das wurde am Dienstag festgelegt.

drumbun1
00
18.11.2009, 17:58
Die PSE bringt zuerst einmal d'Alema,

weil sie sich sonst bis auf die Knochen blamieren würde angesichts ihrer Unfähigkeit, jemanden zu präsentieren. D'Alema, wie Sie selbst schreiben und zugeben, stößt auf immer größer werdenden Widerstand. Bei ihm wird es wohl nicht bleiben können. Das weiss Zapatero - und darum hat er auch Moratinos ins Spiel gebracht.
Ich meinte nur, dass bis Freitag früh noch gar nichts gegessen ist. Und momentan wirklich niemand weiß, welches Gebräu beim Gipfel als Suppe (oder Kaffee) serviert wird...

Thomas Mayer, DER STANDARD
00
18.11.2009, 19:12
Niemand weiß es mit Gewissheit

In letzterem haben Sie Recht: Derzeit kann niemand sagen, wie dieses Match am Ende ausgeht, vermutlich auch nicht der schwedische Ratsvorsitzende Reinfeldt, der die Fäden in der Hand hat. Was man versuchen kann ist, die gesicherten Informationen zusammenzufügen und die strategischen Linien der einzelnen Regierungen nachzuziehen. Aber am Ende liegt bei solchen Entscheidungen immer auch ein wenig Irrationalität zugrunde. Das hat die Geschichte oft gezeigt. Es gibt sogar Leute, die in diesen Auseinandersetzungen und Psychokriegen das symbolische Abbild für Schlachten in der Vergangenheit sehen, sprich: bis vor ein paar Jahrzehnten wurden zwischen diesen beteiligten Ländern echte Kriege geführt um ihre Interessen. Heute werden die Bleistifte gespitzt, werden "Schlachten" in Worten und Gedanken durchgespielt, bis es am Ende Ruhe und einen Kompromiss gibt. Die Erschöpfung der Beteligten, der Druck mitten in der Nacht spielen dafür manchmal eine große Rolle. Ich könnte dies anhand der Euro-Entscheidung 1998 vorführen, als Frankreich Deutschland in letzter Minute um zwei Uhr früh einen "halben" Zentralbankchef abtrotzte.

die_eidechse
 
00
18.11.2009, 15:24
dieses ständige faymann bashing ist wirklich das letzte

Friedrich Gruber
00
18.11.2009, 14:22
Ein Kommunist und Wendehals, Israel-Bechimpfer und Antiamerikaner

als EU-Außenminister. Finde ich historisch großartig.

hurchzua
00
18.11.2009, 12:44
Man stelle sich vor

ein Postfaschist würde aufgestellt. Die Empörung im Blätterwald wäre (zu Recht) groß.

Seltsamerweise wird bei de zweiten mörderischen Ideologie des 20. Jhdt. meist ein Auge zugedrückt.

Christoph ************
00
18.11.2009, 12:19

Der Kurier schreibt heute in seiner Printausgabe über diesen "Aufstand der Frauen" im EU Parlament. Ich bin aus dem Staunen jedoch gar nicht mehr herausgekommen als sie am Schluss den Kommentar anhängten, dass ein ablehnen der Kommission durch das EP rechtlich NICHT möglich sei. Denn Quoten gäbe es keine in der EU und Nichtdiskrimminierung gälte auch für Männer.

Was hat solch ein Kommentar in einem Artikel verloren? Aber noch viel mehr, wo hat der Kurier diese haarsträubende Argumentationsweise her? Das EP ist nicht verpflichtet auch nur irgendeiner Kommission zuzustimmen, weshalb sollte es einer Kommission mit kaum Frauen als Mitglieder plötzlich zwangsweise und automatisch zustimmen müssen?

Ivan Bukov
00
18.11.2009, 11:54

Der Milliband hat einen Grinser! Da wird ja sogar unser Gusenbauer ganz neidig...

Kontrahent1
00
18.11.2009, 12:58
Aber garnichts

gegen Leitl;-)

Nik M
00
18.11.2009, 11:44
Und die Ulrike Lunacek,

falls Mayers Blog stimmen sollte, hat einen Knall. Zwischen D'Alema und Plasnik sollte sich jeder vernuenftig denkende Mensch mit sozialem Gewissen klar orientieren koennen, ausser, man ist Nationalist und/oder Sexist.

fmdj
00
18.11.2009, 11:39
D'Alema ist eine Schande!

Er hat durch seine taktischen Spielchen Berlusconi wieder an die Macht gebracht, Prodi zweimal abgesägt, seiner Frau einflussreiche Posten verschafft, kauft sich Schuhe um 2000 Euro und eine Yacht, gibt vor, den armen Süden Italiens zu vertreten, und glaubt auch noch an seine eigene Grandezza. Berlusconi ist der personifizierte Grössenwahn, D'Alema die personifizierte Charakterlosigkeit und Niedertracht. Wenn es die SP nicht schafft, jemand anderen ins Rennen zu schicken, dann kriegt sie ordentlich eine auf den Deckel das nächste Mal. Aber vielleicht will sie ja gerade das, wer weiss.

acca acca
02
18.11.2009, 11:15

Wie man ohne Fremdsprachenkenntnisse einen Top Job in der EU bekommt ist mir ein Rätsel. Fehlende Sprachkenntnis bedeutet ja auch ein fehlendes Verständnis der verschiedenen europäischen Kulturen.
3 Sprachen sollte das Minimum sein um einen Job in der EU zu bekommen.
Aber was würden wir dann mit unseren überschüssigen Politikern tun?

yomellamo
00
18.11.2009, 14:28

vor allem fragt man sich: ist das echt der beste kandidat den die sozialisten anzubieten haben??????

p u r z l
 
10
18.11.2009, 10:07
warum muss ich in letzter zeit dauernd daran denken

dass sich dieses personal-karussell permanent um die frage dreht, ob die proponenten der hellen oder der dunklen seite der macht in die wichtigen positionen gebracht werden.

vielleicht weil ich fürchte, dass jemand, der die höchsten ämter als ziel sieht, sein amt für jene (dunklen) lobbies missbraucht, die ihn in das amt gehoben haben. anstatt das es jemand wird, der diese ämter als weg sieht, gutes in europa und der welt zu wirken...

Dr Zoidberg
10
18.11.2009, 09:50
So wurde also der kleinste gemeinsame Nenner gefunden !

yomellamo
00
18.11.2009, 13:01

.. ein ex-kommunist, der mit Berlusconi gut kann und der ausser italienisch irgendwie keine sprache kann. --> Da kann man wirklich nur vom kleinsten gemeinsamen nenner sprechen.

mikromalist
 
00
18.11.2009, 09:47
Was mich stört an

diesen Entscheidungs-Prozessen: die-gewissen-Kreise. Kling immer wie: die-ehrenwerte-Gesellschaft.

Petra Ohr
00
18.11.2009, 09:34

Warum einziger Kandidat es war doch BK.a.D. Herr Dr. Gusenbauer immer in der näheren Auswahl.

3636663
00
18.11.2009, 14:16

ich glaube hier ist damit der kanditat gemeint, der sich der "wahl" (wenn man das so nennen darf) stellen wird.

Kontrahent1
00
18.11.2009, 13:00
Ist wie beim Oscar:

eine Nominierung erhöht den Marktpreis. (man muß nur Kontakte haben, welche den Namen in die Medien bringen).

immofuchs
02
18.11.2009, 08:40
Informationen aus erster Hand

sind oft direkt aus den eigenen Fingern gesogen!

JonBut
10
18.11.2009, 08:31
Johnny English

Die EU in Personalnot.

ceterum censeo faymanem esse d...
11
18.11.2009, 08:14
Warum haben's denn nicht den Steinmeier genommen?


Der wäre als roter Kandidat sicher nicht ganz so ungeeignet gewesen, wie der D'Alema oder der Gusi.

SchelmWahnsinn
00
19.11.2009, 09:54

Genommen hätten sie ihn sicher, wenn er sich zur Verfügung gestellt hätte. Aber Steinmeier wird aus der gleichen Sichtweise wie Miliband argumentiert haben. Letzterer präferiert den Job als Oppositionsführer in UK gegenüber einem Topjob in der EU. Das Für und Wider dieser Präferenz wird hier sehr schön beleuchtet:

http://timesonline.typepad.com/comment/2... e-job.html

Da scheint durch, dass ein Job bei der EU immer noch als "Altenteil" oder "Abstellgleis" angesehen wird, von dem man nicht mehr in die vermeintlich "richtige" Politik zurückkehren kann. Solange diese Konnotation bleibt, wird die EU bei den Bürgern nicht akzeptiert werden.

Leider sieht ein Steinmeier das Ganze ähnlich wie Miliband.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 80
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.