"Man kann sich nicht auf Wohltätigkeit verlassen"

17. November 2009, 15:03
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    foto: roberta caldo/mds

    Das deutsche Fernsehen interviewt Patrus Ananias, den ersten Träger des Future Policy Award (Preis für Zukunftspolitik).

  • Video über das Armutsbekämpfungsprogramm in Belo Horizonte.

Patrus Ananias, Brasiliens Minister für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung, im derStandard.at-Interview

Ein Viertel der 190 Millionen Brasilianer bezieht im Rahmen des Wohlfahrtsprogramms "Bolsa Familia" (wörtlich "Familienbörse") staatliche Unterstützung. Mit Milliardenaufwand versucht die Regierung Präsident Lulas, Armut und Unterernährung zu bekämpfen. Sogar die Weltbank hat die brasilianischen Sozialprogramme für ihre Kosteneffizienz gelobt. Im Gegensatz zu früheren Ansätzen sieht das Programm keine Lebensmittelverteilungen vor, sondern stellt Familien bis zu 200 Real (78 Euro) im Monat zur Verfügung, wenn sie ihre Kinder in die Schule und zu Kontrolluntersuchungen schicken.

Kritiker warnen, dass das brasilianische Modell die Empfänger der Zahlungen in Abhängigkeit vom Staat bringe, aus der sie sich nur schwer befreien könnten. Außerdem lehnen Teile der brasilianischen Gesellschaft Hilfszahlungen ohne konkrete Gegenleistung ab, weil dies "Faulheit fördere". Patrus Ananias, der als Minister für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung für das Programm verantwortlich ist, erklärt im E-Mail-Interview mit Berthold Eder, was die Welt von Brasilien lernen könnte.

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derStandard.at: Das Wohlfahrtsprogramm "Bolsa Familia" verspricht der ärmsten Bevölkerungsschicht direkte Finanzzuwendungen, wenn Kinder zur Schule gehen und an Gesundheitsprogrammen teilnehmen. Gegner des Programms verurteilen diese Transferleistungen, weil sie "zur Faulheit animieren" sollen. Was wird unternommen, um Missbrauch der Sozialleistungen zu verhindern?

Patrus Ananias: Das ist eine große Herausforderung, die wir aber erfolgreich bewältigen. Vor allem ist es wichtig, die Datenbank, in der 16 Millionen arme Familien verzeichnet sind, aktuell zu halten. Allein, dass es diesen Kataster gibt, war eine der größten Leistungen der brasilianischen Sozialpolitik. Wir arbeiten mit Rechnungshof, Innenministerium und der staatlichen Anti-Korruptionsbehörde zusammen und bemühen uns, den Gemeindeämtern zu vermitteln, dass sie eine Mitverantwortung tragen. Im Internet veröffentlichen wir alle Empfänger von Transferleistungen.

derStandard.at: Was hat die Kirche an den Sozialprogrammen Präsident Lulas auszusetzen?

Ananias: Das Problem ist nicht die Kirche, sondern unsere ganze Gesellschaft: bisher war es unvorstellbar, dass der Staat die Verantwortung für die breitangelegte Armutsbekämpfung trägt. Man kann sich da nicht auf Wohltätigkeit verlassen, wie es lange Jahre der Fall war. Wir sind natürlich immer auf der Suche nach Kooperationspartnern, aber koordiniert müssen solche Programme von staatlicher Seite werden.

Wir suchen die Zusammenarbeit mit Unternehmern, die sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind, aber auch Kirchen, Universitäten, soziale Bewegungen und Gewerkschaften sollen eingebunden werden, solange die Hauptverantwortung beim Staat bleibt.

derStandard.at: Erwarten Sie, dass die Ausgaben für derartige Programme in absehbarer Zukunft messbare Mehreinnahmen für den Staat bewirken werden, weil Bevölkerungsteile, die bisher nicht am Wirtschaftsleben beteiligt waren, Steuern zahlen?

Ananias: Erste Verbesserungen sind bereits feststellbar. So hat eine kürzlich durchgeführte Haus- zu-Haus-Befragung ergeben, dass sich immer mehr Haushalte die Anschaffung von Geräten wie Herd, Waschmaschine oder Kühlschrank leisten können, und der Gini-Koeffizient ist von 0,535 im Jahr 2004 auf 0,515 im Jahr 2008 gesunken. Von 2003 bis 2008 ist es gelungen, die Armutsrate um 43 Prozent zu senken, und 19,4 Millionen Menschen haben die Armut hinter sich gelassen.

Aber wir wissen auch, dass die sozialen Unterschiede in Brasilien sehr groß sind und dass es nicht über Nacht möglich sein wird, dies zu ändern. Die Strategie ist auf Jahrzehnte angelegt. Derzeit bemühen wir uns, mit dem Programm "Próximo Passo" ("Nächster Schritt"), Arbeitskräfte für den durch die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 erwarteten Tourismusboom auszubilden.

derStandard.at: Warum gelingt es Brasilien im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern, mit diesen Armutsbekämpfungsprogrammen Erfolge zu erzielen?

Ananias: Alleine das vor sechs Jahren geschaffene Ministerium für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung gibt jährlich 33 Milliarden Real (über elf Milliarden Euro) aus, dazu kommen Beiträge anderer Ressorts. So betreibt das Bodenschätze- und Energieministerium das Programm  "Strom für alle", auch das Erziehungs- und Gesundheits- sowie Landwirtschaftsministerium haben eigene Projekte. In Summe geben wir heuer 152 Milliarden Real (60 Millarden Euro) für Armutsbekämpfung aus, das Gesundheitsbudget ist dabei nicht berücksichtigt.

derStandard.at: Sie wurden für das Armutsbekämpfungsprogramm, das Sie als Bürgermeister von  Belo Horizonte gestartet haben, mit dem "Future Policy Award" ausgezeichnet. Gibt es Bestrebungen, die Erfahrungen, die Brasilien mit dem "Fome Zero"-Programm gemacht hat, mit anderen Ländern zu teilen?

Ananias: Durchaus. Wir suchen die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen, aber auch einzelnen Staaten, die daran Interesse zeigen. In Mexiko und Chile gibt es ähnliche Programme, die Transferleistungen im Rahmen der Errichtung eines staatlichen Schutz- und Förderungssystems organisieren.

Chile macht bei der Armutsbekämpfung große Fortschritte, wie wir bei einem Internationalen Seminar über soziale Entwicklung, das wir hier in Brasilien veranstaltet haben, erfuhren. Auch mit mehreren südamerikanischen und afrikanischen Staaten arbeiten wir zusammen, und bei meinem Europa-Besuch im Jahr 2008 habe ich nach meinem Wien-Aufenthalt in Brüssel eine gemeinsame Absichtserklärung mit der EU unterzeichnet. Ich habe mich bei dieser Gelegenheit auch über die österreichischen Sozialprogramme informiert. (derStandard.at, 17.11.2009)

Zur Person

Der Jurist Patrus Ananias de Sousa war Bürgermeister der südostbrasilianischen Stadt Belo Horizonte, bevor ihn Präsident Lula 2004 in sein Kabinett holte.

Links

Hungerbekämpfungsprogramm "Fome Zero"

Bolsa Familia

 

Student der Magie
01
18.11.2009, 20:03
ich finde, dass Brasilien eines der wenigen Länder ist, die wirklich etwas zur Armutsbekämpfung beitragen.

Das sehe ich jeden Winter (Sommer in Brasilien).

Was meiner Meinung nach, ebenso zur Armutsbekämpfung und auch Teil einer Bekämpfung von Korruption wäre, und wie ich finde richtig, wäre:
Polizisten, normale Lehrer (Unilehrer werden ausgezeichnet bezahlt), und Berufe wie Kassierer und dergleichen, also schlecht bezahlte Berufe, und derer gibt es leider eine ganze Menge, im Gehalt aufzuwerten.

Die Brasilianer helfen sich aber auch gegenseitig: so gibt es dort vor allem Nanies, die aus ganz armen Verhältnissen kommen, die bei Familien leben können, zwar auch nicht besonders gut bezahlt werden, aber alles bekommen, was sie brauchen, und auch ein Dach über dem Kopf haben,...

Peixe venenoso
10
18.11.2009, 16:33
groesstes staatlich finanziertes stimmenkaufprogramm aller zeiten fuer lulas pt

ausserdem hat sich fuer eine unglaubliche zahl an korrupten praefekten, die die anspruchsberechtigten melden, ein voellig neues feld zum diebstahl oeffentlicher gelder eroeffnet. wer keine anspruchsberechtigung hat, seine kinder nicht zur schule schickt oder aus anderen gruenden die anspruchsberechtigung verliert, oder womoeglich gar keine kinder hat zahlt einfach 50% an den buergermeister und schon laeft die sache. kontrolle zero.

dr. kokos
 
00
4.12.2009, 14:27

eine gewisse dankbarkeit und anerkennung bringt der kampf gegen die armut nun mal mit sich. das steht aber für lula nicht im vordergrund. ist halt pech für die oligarchenparteien, dass sich mit steuergeschenken an die reichen kein so großes stimmenklientel binden lässt. und einzelne missbrauchsfälle rechtfertigen es auch noch lange nicht, den kampf gegen den hunger aufzugeben.

pez derflotte
01
22.11.2009, 23:02
na und?

soll man deswegen auch für ehrliche leute die sozialprogramme abschaffen? oder erst warten, bis alle brasilianer engerl geworden sind?

sampa
00
20.11.2009, 14:06
volle zustimmung..

..ganz genau so ist es.
dennoch wird er sich seine dilma an den allerwertesten stecken koennen.

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