Die Buchstaben- und Ziffernfolge H1N1 hat die Pharmabranche in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Das Schweinegrippevirus beschert den einschlägigen Unternehmen ein unerwartet starkes Zusatzgeschäft.
Als brustschwach galt die Pharmabranche nie. Zwar verschlingt die Entwicklung neuer Medikamente Riesensummen; viel mehr Geld kommt aber zurück, wenn ein Präparat zu einem Hit wird.
Die Schweinegrippe hat alle Ingredienzien, die Umsätze der Branche in lichte Höhen zu treiben. Regierungen werden nach Schätzungen weltweit 20 Milliarden Dollar für Schweinegrippen-Impfungen ausgeben. In Europa sind vier Impfstoffe zugelassen: von GlaxoSmithKline (GSK), Sanofi, Baxter und Novartis. Vom Serum Celvapan, das von Baxter in Orth an der Donau in Niederösterreich hergestellt wird, hat das österreichische Gesundheitsministerium 16 Millionen Dosen bestellt. Gesamtpreis: 95 Millionen Euro.
Daniel Damaska von der Raiffeisen Centrobank rechnet 2009 mit einem deutlichen Ertragsschub bei fast allen Pharmaunternehmen. Bei Sanofi könnten sich die Zusatzerlöse aus dem Impfgeschäft auf eine halbe Milliarde Euro belaufen.
Während der Anstieg bei den Aktienkursen der Pharmafirmen laut Analysten bisher moderat war (siehe Grafik), haben die Pharmariesen ihre Gewinnerwartung wegen steigender Nachfrage zuletzt nach oben korrigiert. Dabei greifen die Pharmafirmen kaum auf ihre üblichen Vermarktungsstrategien zurück. Peri Consulting, eine der größeren, auf den österreichischen Gesundheitsmarkt zentrierten PR-Agenturen, hat bisher nur eine einzige H1N1-spezifische Veranstaltung für die Öffentlichkeit organisiert.
ESWI in Verruf
Einerseits ist klassische PR gar nicht notwendig, die entsprechenden Vorverträge zur Impfstofflieferung wurden schon vor Jahren geschlossen. Hinzu kommt, dass die Schweinegrippe von der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Pandemie erklärt worden ist. Weil fast nur Regierungen Impfpräparate kaufen, ist der Kreis, in dem die Entscheidungen fallen, äußerst überschaubar. Da beginnt das Problem. Denn die Gemeinde der Grippeforscher ist mit der Pharmaindustrie eng verbunden. Die Beispiele sind zahllos. Zunehmend in Verruf kommt die European Scientific Working Group on Influenza (ESWI), die in Europa massiv vor der Grippe warnt und von Pharmafirmen finanziert wird.
Der deutsche Arzt Walter Haas berät die ESWI und koordiniert den Kampf Berlins gegen die Pandemie. Der ESWI-Präsident ist im Gegenzug führender WHO-Berater. Von den 16 Mitgliedern der Impfkommission in Deutschland haben nur vier keine Verbindung zu Impfstoffherstellern. Beim Pandemieausschuss im Gesundheitsministerium inWien bezieht ein Drittel Einkünfte von Unternehmen, die Influenza-Therapien anbieten. Konsequenzen hat das keine.
Ohne diese Verschränkungen zwischen Experten und Pharmabranche gehe es gar nicht mehr, sagt Ingomar Mutz, Chef des Impfausschusses. Die staatlichen Stellen sind auf Informationen der Pharmaindustrie angewiesen. "Wenn wer Autorennen fährt, muss er auch den Kontakt zu den Autobauern suchen." 500 Millionen bis eine Milliarde koste die Entwicklung eines Impfstoffes, das leisten sich nur Privatfirmen.
Verstärkt Gedanken zu den Kosten der Grippe machen sich auch Ökonomen. Das Rheinisch-Westfälische Institut (RWI) geht davon aus, dass die Schweinegrippe das deutsche Wirtschaftswachstum je nach Verlauf um 0,4 bis 1,6 Prozent dämpfen könnte. Für Österreich spricht Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien von maximal 0,4 Prozent. Die Wirtschaftskrise mildere die Auswirkungen der Schweinegrippe. Die Unternehmen sind nicht voll ausgelastet, damit könnten Ausfälle bei Mitarbeitern leichter kompensiert werden als bei Hochkonjunktur. (Günther Strobl, András Szigetvari/DER STANDARD-Printausgabe, 17.11.2009)