Meine Traumfrauen für die EU-Präsidentschaft

16. November 2009 18:40

Ein krawattenloser Gegenvorschlag zu Balkenende, Miliband und Co vor dem EU-Personalgipfel - von Jean-Pierre Lehmann

Seine Umsetzungschancen tendieren zwar gegen null, aber man wird sich doch noch was wünschen dürfen.

*****

Ich bin 1945 geboren; mein Großvater war deutscher Jude. Glücklicherweise kam niemand aus meinem engsten Familienkreis im Holocaust um, doch während meiner gesamten Jugendzeit lastete stets sein Schatten auf mir. Erste Treffen mit Deutschen meines Alters als Teenager waren zunächst von Berührungsängsten und Unbehagen geprägt. Doch wir redeten, redeten, redeten. Es gab keinerlei Versuche, die Vergangenheit zu verbergen, dafür jedoch den brennenden Wunsch, eine andere Zukunft herbeizuführen. Es versteht sich von selbst, dass ich ein leidenschaftlicher Europabefürworter wurde.

Vor zwei Jahrzehnten wurde die Berliner Mauer von einer jubelnden Menge niedergerissen, und heute sind zehn vormals kommunistische Nationen voll integrierte Mitglieder der Europäischen Union. Würde mein Vater plötzlich zum Leben erwachen und ich würde ihm erzählen, dass Litauen EU-Mitgliedsstaat ist, würde er mich ungläubig anstarren und sich fragen, was für ein Zeug ich wohl geraucht hätte.

Das Traurige ist freilich, dass der Union im Zuge ihrer strukturellen Verfestigung (Binnenmarkt, gemeinsame Währung ...) zugleich ihre Seele abhanden gekommen ist. Das "europäische Projekt" ist zu einer Übung reinen Zynismus verkommen. Deprimierendster Beleg hierfür sind der Umgang mit der "Europäischen Verfassung" und dem Vertrag von Lissabon sowie die absolut unerquicklichen Mittel, mit denen derzeit der Europäische Präsident - ein zentraler Bestandteil des Vertrags von Lissabon - ausgewählt wird.

Die gute Nachricht ist, dass die Kandidatur von Tony Blair anscheinend Schnee von gestern ist. Die Gründe seiner Unangemessenheit für das Amt sind zu zahlreich, um sie hier alle auszuführen - das Stichwort "Irak" allein sollte ausreichen. Es wäre, selbst nach europäischem Standard, ein Akt des Zynismus und der Heuchelei ersten Ranges gewesen, hätten man sich für ihn entschieden.

Die schlechte Nachricht ist, dass die übrigen Kandidaten, die derzeit angeblich in Betracht gezogen werden - alles gegenwärtige oder, hauptsächlich, frühere Regierungschefs - so viel Anlass zur Begeisterung bieten wie schales Bier.

Die Auswirkungen dessen, was wir gegenwärtig erleben, könnten enorm sein. Denn so beeindruckend die Geschichte Europas seit der Gründung im Jahre 1957 auch ist, sollte man dennoch keinesfalls voraussetzen, dass die EU deshalb von Dauer sein muss. Die Geschichte ist schließlich voll von Beispielen des Aufstiegs und Niedergangs. Es macht also eine Menge aus, wer EU-Präsident wird. Was wir brauchen, ist jemand mit vorbildlicher Integrität und der Fähigkeit, andere zu inspirieren - und insbesondere die jungen Menschen Europas einzubeziehen.

Ich sehe derzeit nur zwei mögliche Kandidaten, die diese Kriterien erfüllen könnten: die frühere irische Präsidentin Mary Robinson und die französische Finanzministerin Christine Lagarde. Ich habe bei dieser Überlegung Männer nicht von vornherein ausgeschlossen, aber mir fiel keiner ein.

Obwohl die Unterschiede zwischen Robinson und Lagarde groß sind, wären beide eine hervorragende Wahl. Robinson könnte angesichts der Projekte, an denen sie seit ihrem Ausscheiden aus dem Amt beteiligt war, die inspirierendere Kandidatin sein: Vorsitzende der UNO-Menschenrechtskommission, Ehrenpräsidentin von Oxfam International, Vorsitzende des Internationalen Instituts für Umwelt und Entwicklung (IIED), Vorsitzende des Council of Women World Leaders und Gründerin der Ethical-Globalization-Initiative.

Lagarde hat andere Stärken. Sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, war Leiterin einer der weltweit größten Anwaltskanzleien und wurde 2008 von Forbes als vierzehntmächtigste Frau der Welt eingestuft. Sie hat zwei brillante Karrieren hingelegt - im Geschäftsleben und in der Politik - und verfügt über enormes Charisma.

Beide Frauen stellen daher ganz unterschiedliche Alternativen als Führer und potenzielle Vorbilder dar. Dazu kommt: Robinson, die 1944 geboren wurde, ist eine Figur des 20. Jahrhunderts; die EU-Präsidentschaft würde den Schluss- und Höhepunkt ihrer Karriere markieren. Lagarde ist mit 53 Jahren beträchtlich jünger.

Die Wiederbelebung des europäischen Traums erfordert freilich nicht bloß die Auswahl eines Individuums. Sie bedarf auch einer "Sache" . Eine zentrale Frage an die künftige EU-Spitze wird daher lauten: Wie ist ihre Einstellung zur EU-Mitgliedschaft der Türkei? Lagardes Chef, Nicolas Sarkozy, ist vehement dagegen, doch kann man Sarkozy (der kein Englisch spricht und ein Computeranalphabet ist) nicht gerade als Vorbild für das 21. Jahrhundert bezeichnen. Lagarde scheint dagegen ein globalisierter Renaissancemensch zu sein.

Tatsache ist und bleibt: Die vielleicht größte Herausforderung für Europa im 21. Jahrhundert besteht darin, die Mauern zwischen den nichtmuslimischen und den muslimischen Gemeinschaften einzureißen. Dies gilt nicht nur in Bezug auf die muslimischen Bürger innerhalb der EU, sondern auch für jene auf dem Balkan - insbesondere in Bosnien, dem Kosovo und Albanien -, dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und vor allem in der Türkei.

Dies lässt sich nicht über Nacht erreichen. Doch der hierzu eingeleitete Prozess ist zum Erliegen gekommen. Die Einbindung der Türkei - und langfristig anderer muslimischer Länder Europas - in die EU ist der europäische Traum des 21. Jahrhundert. Robinson oder Lagarde könnten jene inspirierenden Führungskräfte sein, die die EU braucht, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2009)

 

Jean-Pierre Lehmann ist Gründungsdirektor der Evian Group und Professor für internationale politische Ökonomie am International Institute for Management Development (IMD).

©Project Syndicate, 2009; aus dem Englischen von Jan Doolan

    Kommentar posten
    21 Postings
    Bertel Mann
     
    19.11.2009 10:27
    Und wie kann ich aus den Vorschlägen dann wählen...

    cee lo
    17.11.2009 16:24

    berlusconi soll auswählen, dann haben wir zumindest was schönes anzusehen.......

    Der Freund Deiner Frau
    17.11.2009 15:49
    Lagarde - Superidée


    Fuer ein Europa de Hochfinanz, alle Macht den Banken, schuetzt die Reichen!

    gwfak
    17.11.2009 14:28
    Ein krawattenloser Gegenvorschlag zu Balkenende?

    Schüssel mit Mascherl!

    Kathi1609
     
    17.11.2009 13:10
    kann man irgendwo

    dem kommentar ein grünes stricherl geben?

    Ausgeflippter Lodenfreak
    17.11.2009 13:05

    "Die Einbindung der Türkei - und langfristig anderer muslimischer Länder Europas - in die EU ist der europäische Traum des 21. Jahrhundert." - ich glaube das ist eine Minderheitsmeinung. Auf globaler Ebene sollte die EU erstens ein Gegengewicht zu den undemokratischen und rückwärtsgewandten Systemen der islamischen Welt, Russlands, Asiens und Afrikas sein. Ich halte es für einen großen Irrtum, dass man die Türkei durch Integration in die EU europäischer machen kann, so wie man den Irak nicht einfach demokratisch machen kann. Das muss in beiden Fällen von Innen nicht von außen kommen.
    Zweitens sollte die EU auch beweisen, dass eine erfolgreiche Wirtschaft ohne amerikanischen Raubtierkapitalismus möglich ist.

    1116er
    17.11.2009 12:26
    ob männlein oder weiblein ist doch eh egal.

    wichtig wäre: eine kompetente persönlichkeit.

    und daran hapert es.
    kein wunder, wer mit den entsprechenden voraussetzungen tut sich denn heute noch einen job in der politik an, wo man 24/7 im scheinwerferlicht steht und von hinz und kunz nach belieben angepinkelt wird?

    wenn wir (national aber auch eu-weit) ordentliche politiker wollen, dann müssen wir sie erstens entsprechend (also so wie in der privatwirtschaft) bezahlen, und zweitens ihre arbeits/lebensbedingungen massiv verbessern.

    sonst bekommen wir nur die zweite wahl....

    Julien Frisch
     
    17.11.2009 11:11
    Initiative für eine ausgeglichene Kommission

    Hallo, guter Artikel - und seit gestern Abend gibt es auch die passende Initiative zu diesem Thema:

    http://www.genderbalancedcommission.eu

    Wir setzen uns für eine Kommission ein, in der nicht weniger sondern mehr Frauen sitzen als in der letzten, und hoffen auf rege Unterstützung!

    (Ich bin Euroblogger und unter http://julienfrisch.blogspot.com zu finden.)

    dr.no3
    17.11.2009 10:29
    irgendwelch spinner

    schachern sich gegenseitig machtpositionen zu
    liberale demokratie nennt man das

    LadyDoolittle
    17.11.2009 10:24
    die Mauern zwischen den nichtmuslimischen und den muslimischen Gemeinschaften einzureißen

    Ob diese dann auf lange Zeit Partner bleiben?

    Die muslimische Religion wird viel stärker akzeptiert und gelebt, als der christliche Glaube. Und es gilt das Gebot, islamische Religion und Gesetze eine führende Rolle zuteil werden zu lassen.

    Wird es ein islamistisches Recht neben dem Europäischen geben? Oder vielleicht nicht neben sonder nur?

    Es gibt eine europäische ETHIK, auf diese wurde die EU gebaut. Die islamischen Länder wollen den Koran umsetzen, alles andere hat sich unterzuordnen.

    Wir haben (leider) eine rechte Szene, welche noch fanatischer werden würde. Der Aussicht, dass ich islamischen Fanatikern ausgesetzt wäre, nur weil ich nicht verschleiert bin oder meine Röcke zu kurz sind - nicht wünschenswert.

    1116er
    17.11.2009 12:23
    es gibt doch nicht nur christen und moslems.

    christen im eigentlichen sinn sind ohnehin zu einer minderheit geworden.
    ihr gott wurde fast gänzlich ersetzt durch den gott des konsums.
    in diesem sinn ist es auch müßig, sich über eine bedrohung unserer 'kultur' durch den islam gedanken zu machen. auch die moslems beten in überwiegenden maße gott konsum an, ihr allah ist (noch nicht so stark wie der christen-gott, aber bald ist es soweit) zu einem folkloristischen symbol verkommen...

    Koinoentität
    17.11.2009 10:06
    LOL

    "Die Einbindung der Türkei ... in die EU ist der europäische Traum des 21. Jahrhundert." (!)

    Wenn der Herr außer Selbstdarstellung noch irgendwas könnte, dann würde ich mir jetzt fast Sorgen machen.


    (für Frauen bin ich allerdings immer zu haben)

    Kurt Bayer
    17.11.2009 09:36
    Robinson und Lagarde

    genau!!!!

    gr.ado
     
    17.11.2009 07:29

    ... allein schon der Gedanke, wie Mrs. Robinson Berlusconi und Sarkozy vor sich her scheucht, wärs wert ...

    dieglut
     
    17.11.2009 00:42
    Mary Robinson will garnicht.

    Laut Reuters und facebook. Recherche, lieber Standard?

    http://uk.reuters.com/article/i... PE20091024
    http://www.facebook.com/group.php... 8141985864

    Christoph ************
    17.11.2009 16:12

    Lesen hilft:

    "Kommentar der anderen"

    dieglut
     
    17.11.2009 16:19

    Und? Muss man ja nicht kommentarlos drucken, oder?

    Christoph ************
    17.11.2009 18:46

    Sie haben den Sinn dieser Einrichtung wohl noch nicht ganz verstanden. Vielleicht informieren Sie sich mal bevor sie sich hier blamieren.

    Es liegt dem ganzen Konzept der Rubrik "Kommentar der anderen" zu Grunde, dass man unzensuriert, unmanipuliert Kommentare von "anderen" publiziert. Die in diesen Kommentaren vertretene Meinung ist dabei dezidiert nicht notwendigerweise jene des Blattes. Ein seriöses Blatt kann, nein muss sogar, sich so etwas aber leisten, regelmäßig auch andere Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass sich die Krone so etwas nicht leistet.

    dieglut
     
    17.11.2009 00:21
    Sieht so aus ...

    ... als wär Mary Robinson garnicht interessiert.

    I very much appreciate the support you have offered to the campaign being mounted to have me nominated as President of the EU.
    It is humbling and gratifying to be mentioned as a possibility for such a position – particularly when it appears that the campaign is being led by civil society and those interested in issues we both wish to address and progress.

    As you know during recent times I have become increasingly focused on climate change and its negative impacts on the developing world – i.e. on the issue of climate justice. It is a topic of extreme urgency and is proving very time-consuming and demanding.

    (...)

    dieglut
     
    17.11.2009 12:48

    (...)

    With this focus I could not commit myself to considering accepting the challenge of the EU Presidency. I share your aspiration that a woman candidate will become apparent, and indeed successful, for one (or more!) of the senior posts in the EU but that person will not be me. I would be grateful if you could help me get this message across very clearly to those who have supported the idea of my being a candidate for the EU Presidency.

    With warm regards,
    Mary

    werwolfi
    16.11.2009 20:37
    thumbs up!

    ich wäre dabei :o)

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