Merkwürdiger geht es kaum: Die ausgestorbene Höhlenziege auf Mallorca verfügte über komische Eigenschaften
Barcelona/Washington - Höhlenziegen waren die wohl seltsamsten Wiederkäuer, die der Wissenschaft zurzeit bekannt sind. Ihre Vorfahren ließen sich vor rund sechs Millionen Jahren auf dem heutigen Mallorca nieder, als der Pegel des Mittelmeeres dramatisch gefallen war und die Balearen mit dem Festland in Verbindung standen.
Das Meer stieg wieder an, die urzeitlichen Ziegen blieben zurück. Fast allein, denn sie mussten ihre Inselheimat nur mit einer Spitzmaus-Spezies, einer Art Siebenschläfer, Fledermäusen und Vögeln teilen. Raubtiere gab es nicht. Ein Glücksfall? Nicht unbedingt. Das friedliche abgeschiedene Leben bekam den frühen Vertretern von Myotragus balearicus (so die Fachbezeichnung) gar nicht gut. Das Fehlen von Feinden führte anscheinend zu einem ungezügelten Wachstum der Ziegenpopulation.
Seltsame Veränderungen
Deren fossilen Knochen nach zu urteilen setzte alsbald Nahrungsmangel ein. Doch es gelang den Gehörnten, sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen - durch Zwergwuchs und einige andere, sehr sonderbare Veränderungen. So überlebte die Gattung 5,2 Millionen Jahre lang. Und starb dann schlagartig aus.
Die Paläontologen Meike Köhler und Salvador Moyà-Solà von der Autonomen Universität Barcelona interessieren sich schon seit längerem für die einsiedlerischen Säuger und führten bereits mehrere Studien an in den Höhlen Mallorcas gefundenen Höhlenziegen-Skeletten durch. Dabei zeigte sich, dass nicht nur Wuchs und Gewicht der Tiere sich verringerten, auch ihr Gehirn schrumpfte erheblich. Im Vergleich zu heute lebenden Arten verfügte M. balearicus nur über etwa halb so viel Hirnmasse, in Relation zur Körpergröße. Die Augen waren ebenfalls verkleinert. Zudem verkürzten und versteiften sich die huftragenden Zehen. Springen konnten die Tiere nicht mehr, aber dafür waren sie trittfester.
Köhler und Moyà-Solà deuten all diese Veränderungen als Anpassungen an ein Leben ohne Bedrohung in einem kargen Habitat mit knappem Nahrungsangebot (vgl. "Brain, Behaviour and Evolution", Bd. 63, S. 125). "Wir nehmen an, dass die Bevölkerungsdichte des Myotragus immer nahe der Aufnahmekapazität der Insel war", erklärt Meike Köhler dem STANDARD gegenüber: Mehr Ziegen hätte das Ökosystem einfach nicht ertragen. Für die Tiere selbst war Sparsamkeit oberstes Gebot. Gehirnzellen z. B. brauchen extrem viel Energie. Wer aber nicht ständig auf der Hut sein muss, kommt mit weniger grauen Zellen aus.
Eingestelltes Wachstum
Doch damit nicht genug: Eine neue Studie der beiden Paläontologen hat noch eine erstaunliche Fähigkeit von M. balearicus aufgezeigt. Die Experten fertigten Dünnschliffe einiger Ziegenknochen an und legten diese unters Mikroskop. Sofort fiel auf, dass der Aufbau der Knochen den Jahresringen eines Baumes ähnelt. Die Tiere konnten offenbar ihr Wachstum regulieren und in schwierigen Zeiten fast gänzlich einstellen. Solch diskontinuierliches Wachsen war bislang nur von Krokodilen und anderen Kaltblütern bekannt, nicht aber bei Säugern, so Köhler und Moyà-Solà im Fachmagazin PNAS.
Die Höhlenziegen wurden auch sehr spät geschlechtsreif - den bisherigen Befunden nach erst im Alter von etwa zwölf Jahren. Die ganze Lebensgeschichte der Spezies war wohl auf Beständigkeit ausgelegt. Myotragus, so Meike Köhler, "muss sehr alt geworden sein". Genaueres sei noch nicht bekannt. Vor rund 5000 Jahren allerdings war Schluss mit der Mallorquinischen Beschaulichkeit. Die ersten Menschen setzten Fuß auf die Insel, M. balearicus verschwand kurz danach für immer. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 17. 11. 2009)