Pränataler Stress erhöht Risiko für Schizophrenie oder Autismus - "Netzwerk Lebensbeginn" fordert mehr psychosoziale Begleitung von Eltern und Kindern
Salzburg - Was soll ich mit meinem Kind tun? Und was besser nicht? - Tausende werdende und junge Eltern stellen sich diese Frage. Antworten gibt es zwar viele, doch allzu oft bleiben sie widersprüchlich. "Es gibt eine massenhafte Verunsicherung der Eltern", konstatiert auch der Psychologe Thomas Harms, Gründer der ersten Schreibabyambulanz in Bremen: "Wir brauchen für die Eltern einfach herunter gebrochenes, praktikables Bindungswissen."
"Netzwerk Lebensbeginn"
Ein Gleichgewicht von medizinischer und psychosozialer Betreuung während Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit - das wünscht sich das "Netzwerk Lebensbeginn", ein Zusammenschluss von Ärzten, Hebammen, Krankenpflegern, Psychologen, Psychotherapeuten, Stillberatern und anderen Berufsgruppen in über 20 Organisationen. Von Donnerstag bis Samstag hielt das Netzwerk sein erstes internationales Symposium im Salzburger Bildungshaus St. Virgil mit etwa 350 Teilnehmern ab.
Harms ortet Unsicherheit im Umgang mit Schwangerschaft und Neugeborenen in allen sozialen Schichten. Einerseits gebe es Milieus, in denen es aus mangelndem Bewusstsein für die Entwicklungspotenziale von Säuglingen zu einer "Unterstimulation" komme; andererseits werde das Kind in vielen Akademikerfamilien "als Objekt des Perfektionismus" missbraucht: "Nur weil ich tausend Ratgeber lese, habe ich noch keine Garantie, dass die emotionale Bindung zu meinem Kind gelingt."
Grundstein für die Entwicklung
Gerade diese emotionale Bindung sei aber entscheidend für die spätere Entwicklung des Kindes, sagt die Kinderärztin und Psychotherapeutin Katharina Kruppa, die Leiterin der "Baby Care"-Ambulanz im Preyer'schen Kinderspital in Wien: "Nur Kinder, die sich sicher gebunden fühlen, können offen nach außen gehen und die Welt erkunden." Aber nicht nur der Grundstein für die spätere Bildungskarriere werde schon im Säuglingsalter gelegt, auch Gewaltprävention lasse sich in frühester Kindheit "mit relativ wenig Aufwand" betreiben.
Das Problem: Nur selten gibt es die Ressourcen, um alle Hilfesuchenden adäquat zu betreuen. Sie erlebe etwa oft, dass es nötig wäre, überforderte Mütter mit ihren Babys in ein Mutter-Kind-Heim zu bringen - die sind aber oft schon überfüllt. Auch die psychologische Beratung sei nur schlecht ausgebaut. In einem Fall etwa habe eine überforderte Mutter dringend einen Termin gebraucht und erst für eine Woche darauf einen bekommen. "Dieses Kind wurde wenige Tage später mit Misshandlungsmerkmalen im selben Spital aufgenommen", berichtet Kruppa: "Da braucht es einfach eine Stelle, wo man jederzeit Hilfe bekommt."
Stressfrei schwanger sein
Schon vor der Geburt müsse alles getan werden, um die Schwangerschaft möglichst angstfrei zu halten, sind sich alle Experten einig. Zahlreiche Studien hätten die negativen Auswirkungen von pränatalem Stress nachgewiesen, berichtet der Heidelberger Neonatologe Otwin Linderkamp. So konnten in groß angelegten Untersuchungen etwa ein erhöhtes Risiko für Schizophrenie oder Autismus, ein geringeres Geburtsgewicht, ein verringerter Intelligenzquotient oder eine Verzögerung der Sprachentwicklung auf mütterlichen Stress während der Schwangerschaft zurückgeführt werden, verursacht durch externe Faktoren wie Kriege, Terrorismus oder Naturkatastrophen.
Angst behindert das Hirnwachstum
Auch für den Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Karl-Heinz Brisch ist Angst während der Schwangerschaft "der Hauptstörungsfaktor für die vorgeburtliche Bindungsentwicklung". Dafür gebe es auch eine biologische Erklärung: Das durch die Angst ausgeschüttete Adrenalin bewirke eine Verengung der Gefäße, damit funktioniere die Durchblutung nicht mehr so gut und es komme zu Störungen des Hirnwachstums beim Föten. Denselben Effekt gebe es auch bei Säuglingen, ergänzt Kruppa.
Sehr viel Angst entstehe auch im Kontext von Ultraschalluntersuchungen, sagt Brisch. Wenn Frauen etwa damit konfrontiert würden, dass ihr Kind seit der letzten Untersuchung kaum gewachsen sei, könne das zu noch mehr Angst und damit zu einem Teufelskreis führen. Brisch fordert daher den Einsatz von Psychologenteams in Ambulanzen für Pränataldiagnostik - das solle auch gesetzlich vorgeschrieben werden.
Kritik an häufigem Kaiserschnitt
Kritik gibt es auch an der hohen Kaiserschnittrate, die in Österreich laut Weltgesundheitsorganisation im Schnitt der Jahre 2000 bis 2008 bei 25,8 Prozent lag und damit deutlich höher als in vergleichbaren Staaten wie den Niederlanden (13,7 Prozent), Finnland, Slowenien oder Schweden. Der Schock des Kaiserschnitts sei ein Risikofaktor für die weitere psychische Entwicklung des Kindes, sagt Brisch.
Für den Medizinpsychologen Wulf Schiefenhövel ist überhaupt "jeder Eingriff in diesen komplexen, rückgekoppelten Prozess eine Störung" und die Kaiserschnittrate "eine gesellschaftliche und keine medizinische Pathologie". Dass schmerzfreies Gebären möglich sei, ist für Schiefenhövel ein "Fehlglaube".
Ratlose Hilfesuchende
"Wenn Frauen und Familien während Schwangerschaft und früher Kindheit Hilfe suchen, wissen sie oft nicht, wo sie sich hinwenden sollen", bemängelt Direktor Peter Braun vom Bildungshaus St. Virgil, der das "Netzwerk Lebensbeginn" initiiert hat: "Wenn wir den Blick stärker auf den Lebensanfang richten, sparen wir uns später jede Menge psychischen Stress und Therapiekosten." Er vergleicht den Lebensbeginn mit dem Lebensende: "Wir stehen jetzt da, wo die Hospizbewegung vor 20 Jahren war." Harms wünscht sich, dass psychologische Primärprävention vor, bei und nach der Geburt "so selbstverständlich wie in der Zahnprophylaxe" werden soll.
Zu den Forderungen des Netzwerks gehören die Einrichtung von Uni-Lehrstühlen für prä-, peri- und postnatale Psychologie und Medizin sowie eine verbesserte Ausbildung und Koordination jener Berufsgruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Gerade am Land brauche es auch einen massiven Ausbau von Beratungsstellen, sagt Braun. Kruppa fordert außerdem österreichweite Qualitätsstandards für Kinderkrippen, was die Ausbildung der Pädagogen und die Gruppengröße betrifft. Dass es solche Standards noch nicht gebe, sei "eine Katastrophe". (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 17.11.2009)