Hannover hat Torwart Robert Enke die letzte Ehre erwiesen. Vater Dirk Enke spricht über den hoffnungslosen Kampf gegen die Angst
Hannover - Angeführt von Kapitän Michael Ballack und Per Mertesacker hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Sonntag kurz vor elf Uhr persönlich Abschied von Robert Enke genommen. Unter zurückhaltendem Applaus der rund 35.000 Zuschauer in der Hannoveraner AWD-Arena verharrten sie vor dem im Mittelkreis aufgebahrten Sarg und gedachten ihres langjährigen Teamkollegen. Anschließend erwiesen DFB-Präsident Theo Zwanziger, Liga-Chef Reinhard Rauball, Franz Beckenbauer und Bundestrainer Joachim Löw dem nur 32 Jahre alt gewordenen Enke, der sich am vergangenen Dienstag vor einen Zug geworfen hatte, die letzte Ehre. Der Tormann litt an Depressionen.
Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff forderte in seiner Trauerrede ein Umdenken in der Gesellschaft. "Die Welt ist nicht im Lot. Wir brauchen doch keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften", sagte der CDU-Politiker. Wulff wandte sich persönlich an Enkes Witwe Teresa, die nur 19 Stunden nach dem Selbstmord die Öffentlichkeit über die Krankheit ihres Mannes informiert hatte. "Sie haben sich mutig, stark und eindrucksvoll an die Menschen gewandt. Dadurch ist für uns all das erst erkennbar geworden."
Dirk Enke, Roberts Vater und promovierter Psychotherapeut, hat im Nachrichtenmagazin Der Spiegel über den Tod seines Sohnes gesprochen. "Ich glaube, dass das keine von innen entstandene, angelegte Krankheit gewesen sein kann, sondern eine, die aus den Lebensumständen heraus entstanden ist." Enkes Vater geht davon aus, dass Ängste bei seinem Sohn die schwere Depression ausgelöst und letztlich in den Suizid geführt haben: "Eine ganz große Rolle hat die Angst gespielt."
Diese Meinung vertritt auch Jörg Neblung, engster Freund und Berater von Robert Enke. "Angstzustände, mangelnder Antrieb. Durch die Angst zu versagen und die Angst, am Morgen aufzustehen, wurde der Wunsch massiv, sich zu verkriechen." Dirk Enke ist überzeugt, dass sich die Angst im Jugendalter entwickelt habe und nicht erst 2003, als Enke erst Barcelona, danach Fenerbahce verließ und den Tiefpunkt seiner Karriere erlebte.
Wie Der Spiegel weiter schreibt, war der Torhüter als großes Fußballtalent oft in höhere Altersklassen eingestuft worden. "Schon dabei kam es immer wieder zu Krisen. Weil er Angst hatte, nicht mit den Älteren mithalten zu können. Er war in den eigenen Ansprüchen gefangen", zitiert das Magazin den Vater. "In kritischen Phasen hatte Robert Angst, dass ein Ball auf sein Tor geschossen würde." Dirk Enke betonte ausdrücklich, dass es bei dem Selbstmord seines Sohnes keine Rolle gespielt habe, dass ihn Löw nicht für die geplanten Länderspiele gegen Chile und die Elfenbeinküste berufen habe. "Ein wichtiges Anliegen ist mir, Herrn Löw von der Frage zu entlasten."
Vater Enke hat zuletzt mehrfach das Gespräch mit seinem Sohn gesucht, doch dieser habe abgeblockt. "Es geht mir darum zu verstehen, warum es zu so einer Mauer kam. Robert hat die anderen ganz intensiv im Glauben gehalten, dass alles gut ist."
Auf dem Empeder Friedhof, wo seit 2006 sein verstorbenes Töchterchen begraben liegt, wurde Robert Enke am Sonntagnachmittag im Familienkreis bestattet. (red, DER STANDARD Printausgabe 16.11.2009)