Wie sich 1968 und 2009 deutlich unterscheiden

15. November 2009 18:29

Die heute protestierenden Studenten unterscheiden sich in ihren Anliegen und in ihrer Kommunikation deutlich von den Bewegungen der 60er Jahre

Noch weiß man nicht, ob die protestierenden Studenten über Weihnachten hinaus durchhalten. Aber die internationale Solidarität gibt ihnen recht: Bis hin ins kalifornische Berkeley, wo lange vor '68, nämlich schon 1963, die ersten massiven Demos stattfanden. Damit ist auch gleich der größte Unterschied zwischen heute und der Rebellion der "68er" markiert: dass der Protest des Jahres 2009 in Österreich begonnen hat - an der Wiener Kunstakademie. Und sich über Deutschland international verbreitet hat.

Wichtiger ist freilich eine ganz andere Unterscheidung. 1968 wurde gegen eine "alte Gesellschaft" rebelliert, die studentischen Revolutionäre verstanden sich als eine Arbeiterbewegung des Geistes, die sich von der Bevormundung durch eine autoritäre Erziehung und die autoritäre Universität befreien wollte. Traditionsbewusste Eltern, Humboldt-treue Professoren und wertbewusste Politiker sahen "das Abendland" untergehen.

Viele Eltern sind heute "haltungsliberal", viele Professoren sind weit weg von Humboldt und ganz nahe bei der Ökonomie. Und die Politik? Werte sind nur noch so viel wert wie eine Umfrage.

In dieser Situation erscheinen die Besetzer des Wiener Audimax und vieler Hörsäle anderer Unis wie Traditionalisten, die der "Bildung" wieder zum Vorrang verhelfen wollen vor bloßer "Ausbildung". Dafür werden sie gescholten und in missverständlicher Formulierung "Audimaxisten" genannt. Marxisten sind dort eine seltene Spezies. Die meisten sind (oft naive) Idealisten.

Der dritte und nach seiner Bedeutung zweitwichtigste Unterschied ist jener in der Kommunikation.

Welche Medien hatten die "68er"? Die (überwachten) Telefone, die Studentenzeitungen, die vom Maoismus entlehnten Wandzeitungen - und, weil schneller, die Flugzettel, produziert in den Druckereien des Untergrunds. Ihr schnellstes Medium war die Mundpropaganda.

Welch ein Wandel. In den Demos der 90er-Jahre spielte das Handy die große Rolle, dessen SMS-Kapazität dann bei den Donnerstag-Demos gegen die schwarz-blaue Regierung die Einsätze zu koordinieren half. Dazu kamen E-Mails und Medien, die Routen und Beginnzeiten publizierten - für die damalige ÖVP-Generalin Rauch-Kallat ein Anlass, Ö3 und STANDARD zu attackieren.

Heute spielen SMS und E-Mail eine nachrangige Rolle. Facebook, Twitter, generell das Internet, prägen eine Protest-Kommunikation, die handwerklich ziemlich professionell ist.

Ein dritter ganz wichtiger Unterschied ist der des Fehlens von Gewalt. Die 68er-Bewegung agierte, als wäre sie im Krieg mit dem "Establishment". Anders die österreichischen Ausprägungen: Die Verlinkung der Demonstrationen und Besetzungen mit kulturellen Aktionen gibt es seit der Antiatombewegung und Zwentendorf Ende der 70er-Jahre. Zum Erfolg trug das bei.

In einem Punkt - und das ist der insgesamt fünfte Unterschied - sorgt die "Bewegung 09" für Verwirrung. Sie hat keinen Kopf. Die Häupter wechseln fast jeden Tag. Selbst für Debatten ist es schwer, eine/n Vertreter/in des Audimax zu engagieren.

Das ist neu. Und macht es den Mächtigen schwerer, eine Anführerin oder einen Anführer politisch zu "köpfen". (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 16.11.2009)

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Das 3.Auge wacht
28.11.2009 10:47
Jean Zigler auf der UNI Wien : HIER IST DER CONTENT

http://www.ustream.tv/recorded/2633621
http://www.ustream.tv/recorded/2633798

matthaeus
17.11.2009 17:00
na ich weiß nicht

könnte auch einfach sein, dass man all die elektronisch-telekommunikativen Medien mal bisschen spaßbringender
einsetzen wollte... don't forget: the media is the message (und die internet-und ikt-entrepreneure haben endlich den 'content', den sie seit zehn jahren suchen)

Vollmilch
16.11.2009 16:51

Einen Teil der Forderungen kann ich unterstützen, als Marktwirtschaftler halte ich von der generellen Ablehnung des Kapitalismus nichts und werde mich deshalb auch nicht an den Protesten beteiligen. Ökonomische Grundbildung für alle wäre dringend nötig.

Peter1971
17.11.2009 21:33
aber dann bitte auch

eine grundbildung in heterodoxer ökonomie! insbesondere für ÖkonomInnen.

Poldi Fesch
20.11.2009 00:20
speziell

innen

matthaeus
17.11.2009 17:02
ich denke eher

JEDE form der bildung für alle wär's

Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
16.11.2009 18:41

ja, vor allem für dich: marktwirtschaft braucht den kapitalismus nicht.

alterdepp
16.11.2009 18:40

<Ökonomische Grundbildung für alle wäre dringend nötig.>
genau, dann wär der kapitalismus bald geschichte

Karl Kraus
 
16.11.2009 17:07
aber...

so erscheint es mir zumindest, gibt es doch seitens der studierenden keine reine ablehung des kapitalismus sondern z.b. die kritik das ein studium immer mehr ausbildung für einen job und nicht wissenschaftliches lernen und befassen wird.

Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
16.11.2009 18:56

ich kann mich mittlerweile des verdachts nicht erwehren, dass bei sehr vielen einfach ein gefühl der benachteiligung bei fitmachen für den kampf um die füttertröge das treibenden motiv ist.

wolfgang rosar
 
16.11.2009 16:31

voll vereinfacht gab es 68 hoffnung auf eine utopische alternative zum finanzfaschismus auf der grundlage einer renaissance der ursprünglichen ("naiven") unschuld, brüderlichkeit, universellen liebe. das wurde von den damaligen kaltkriegerischen medien als kryptokommunismus verleumdet, als kollaboration mit dem todfeind jenseits des eisernen vorhangs. in dieser stimmung wirkten psychedelische drogen als evidenz der realitäts-alternative "frieden".

O9 ist cooler. die kids haben bereits mehr erlebt, auch drogenmässig, als früher ganze generationen, nur eben 68 nicht, und das vermissen sie. das märchen von der wundersamen naivität des "all you need is love" in einer coolen übersetzung, danach sucht auch die zeitgenössische pop-musik.

Poldi Fesch
20.11.2009 00:22
Martrikelnr.

660irgendwas ? Ab in die Pensi, Alter

wolfgang rosar
 
20.11.2009 14:14

ja, koksi

Poldi Fesch
20.11.2009 19:23
schon gut, man sieht

welch geistes Kind du bist
"bedingungsloses grundeinkommen nützt jedem."

Karl Kraus
 
16.11.2009 17:09
wobei die 68er mit der

bedrohung durch finanzfaschismus eigentlich recht hatten, im nachhineingesehen........

Ja wenn das so ist - dann Prost!
 
16.11.2009 16:16
Der sechste und wichtigste Unterschied:

Die Revolte von 1968 hatte einen Sinn- der gegenwärtige Protest ist ein von wohlklingenden Phrasen getragener, inhaltsleerer Zeitvertreib ewiger Studenten.

Poldi Fesch
20.11.2009 00:24
noch einer mit

einer 66er Matrikerlnr, ?

alterdepp
17.11.2009 12:40

sie scheinen sich da ja ganz toll informiert zu haben

die naive
16.11.2009 18:11

JA!

Sehe ich genau so!

alterdepp
16.11.2009 15:30

natürlich gibt es riesige unterschiede, aber wesentlicher ist das grundsätzlich gemeinsame: das verständnis dafür, dass die bildungsmisere ein aspekt der durchgängigen unterwerfung der menschlichen interessen unter die kommerzinteressen ist, und dasss man sich dagegen wehren muss, und sich dabei nicht auf volks- bzw. interessensvertreter verläßt, weil man weiß, dass in unserer gesellschaft ein vertreter jemand ist, der etwas verkauft

jack johnson
 
16.11.2009 15:51
Interessant

also menschen die ein gratistudium plus finanzielle Unterstützung währenddessen verlangen, verfolgen keine kommerziellen Interessen.

Das sind die Hüter der heiligen menschlichen(sic!) Interessen....

Poldi Fesch
20.11.2009 00:25
psst

nicht an geoffenbarten Wahrheiten kratzen

frangas, non flectes
16.11.2009 19:06

Um das zu verstehen, muß man schon ein bißchen weiter denken können als die eigene Suppenschüssel, gell?

Der Mensch ist nicht dazu da, kommerziellen Interessen anderer zu dienen. Oder plakativer: die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft. oder Bildung ist auch ein Selbstzweck und nicht nur eine Rechtfertigung ökonomischer Interessen. Oder: der Mensch lebt nicht von Brot allein.

Oder: denk mal darüber nach, welche Interessen in einer Gesellschaft im Vordergrund stehen sollten.

Oder: beginn mal überhaupt zu denken. Es ist nie zu spät dafür!

Poldi Fesch
20.11.2009 00:27
ohne "Gesellschaft"

waer das Post ertraeglich, so bleibt der Veracgt, die Gesellschaft koennte wichtiger sein als das Individuum

jack johnson
 
17.11.2009 08:58
Also ich finde meine suppenschüssel ganz wunderbar

Ich brauch auch niemanden vorschreiben, welches Süppchen er zu kochen hat, und geb' gern andern auch mal' einen Schöpfer ab.

Was i net' austehen kann, is wenn jemand neben mir lamentiert+ palavert und mir dabei in die Suppe spuckt.

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