Die heute protestierenden Studenten unterscheiden sich in ihren Anliegen und in ihrer Kommunikation deutlich von den Bewegungen der 60er Jahre
Noch weiß man nicht, ob die protestierenden Studenten über Weihnachten hinaus durchhalten. Aber die internationale Solidarität gibt ihnen recht: Bis hin ins kalifornische Berkeley, wo lange vor '68, nämlich schon 1963, die ersten massiven Demos stattfanden. Damit ist auch gleich der größte Unterschied zwischen heute und der Rebellion der "68er" markiert: dass der Protest des Jahres 2009 in Österreich begonnen hat - an der Wiener Kunstakademie. Und sich über Deutschland international verbreitet hat.
Wichtiger ist freilich eine ganz andere Unterscheidung. 1968 wurde gegen eine "alte Gesellschaft" rebelliert, die studentischen Revolutionäre verstanden sich als eine Arbeiterbewegung des Geistes, die sich von der Bevormundung durch eine autoritäre Erziehung und die autoritäre Universität befreien wollte. Traditionsbewusste Eltern, Humboldt-treue Professoren und wertbewusste Politiker sahen "das Abendland" untergehen.
Viele Eltern sind heute "haltungsliberal", viele Professoren sind weit weg von Humboldt und ganz nahe bei der Ökonomie. Und die Politik? Werte sind nur noch so viel wert wie eine Umfrage.
In dieser Situation erscheinen die Besetzer des Wiener Audimax und vieler Hörsäle anderer Unis wie Traditionalisten, die der "Bildung" wieder zum Vorrang verhelfen wollen vor bloßer "Ausbildung". Dafür werden sie gescholten und in missverständlicher Formulierung "Audimaxisten" genannt. Marxisten sind dort eine seltene Spezies. Die meisten sind (oft naive) Idealisten.
Der dritte und nach seiner Bedeutung zweitwichtigste Unterschied ist jener in der Kommunikation.
Welche Medien hatten die "68er"? Die (überwachten) Telefone, die Studentenzeitungen, die vom Maoismus entlehnten Wandzeitungen - und, weil schneller, die Flugzettel, produziert in den Druckereien des Untergrunds. Ihr schnellstes Medium war die Mundpropaganda.
Welch ein Wandel. In den Demos der 90er-Jahre spielte das Handy die große Rolle, dessen SMS-Kapazität dann bei den Donnerstag-Demos gegen die schwarz-blaue Regierung die Einsätze zu koordinieren half. Dazu kamen E-Mails und Medien, die Routen und Beginnzeiten publizierten - für die damalige ÖVP-Generalin Rauch-Kallat ein Anlass, Ö3 und STANDARD zu attackieren.
Heute spielen SMS und E-Mail eine nachrangige Rolle. Facebook, Twitter, generell das Internet, prägen eine Protest-Kommunikation, die handwerklich ziemlich professionell ist.
Ein dritter ganz wichtiger Unterschied ist der des Fehlens von Gewalt. Die 68er-Bewegung agierte, als wäre sie im Krieg mit dem "Establishment". Anders die österreichischen Ausprägungen: Die Verlinkung der Demonstrationen und Besetzungen mit kulturellen Aktionen gibt es seit der Antiatombewegung und Zwentendorf Ende der 70er-Jahre. Zum Erfolg trug das bei.
In einem Punkt - und das ist der insgesamt fünfte Unterschied - sorgt die "Bewegung 09" für Verwirrung. Sie hat keinen Kopf. Die Häupter wechseln fast jeden Tag. Selbst für Debatten ist es schwer, eine/n Vertreter/in des Audimax zu engagieren.
Das ist neu. Und macht es den Mächtigen schwerer, eine Anführerin oder einen Anführer politisch zu "köpfen". (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 16.11.2009)