Freundschaftliche Beziehungen zu Vater von Milosevic nachgesagt - Tadic: Unersetzbarer Verlust
Der serbisch-orthodoxe Patriarch Pavle (Gojko Stojcevic) ist am Sonntag in Belgrad im Alter von 95 Jahren gestorben. Das älteste unter den Oberhäuptern der Orthodoxen Kirche wurde 1914 im ostslawonischen Dorf Kucanci geboren. Ins höchste Kirchenamt wurde er am 1. Dezember 1990 als 44. serbischer Patriarch gewählt. Die letzten zwei Jahre verbrachte der Patriarch infolge seiner Altersschwäche in einem Belgrader Krankenhaus. Seine Aufgaben wurden vom montenegrinischen Metropoliten Amfilohije (Radovic) wahrgenommen, der als einer der wichtigsten Anwärter auf die Nachfolge von Pavle gilt.
Die Wahl von Patriarch Pavle löste vor 19 Jahren Diskussionen in Kirchenkreisen aus. Sie erfolgte ohne die Zustimmung des damals schwer kranken Kirchenoberhaupts German (Djoric). Der Name des Bischofs von Prizren und Raska, der 33 Jahre lang im Kosovo gedient hatte, tauchte unter den drei Kandidaten erst in der neunten Vorauswahlrunde auf.
Machtkampf in serbisch-orthodoxer Kirche
In den vergangenen zwei Jahren tobte in Erwartung des Todes des Patriarchen in der Kirchenführung wiederholt ein heftiger Machtkampf. Es gab auch Bemühungen, ein neues Kirchenoberhaupt noch zu Lebzeiten von Pavle zu wählen. Dazu ist es allerdings nicht gekommen. Auch die regelmäßige Herbsttagung der Kirchenversammlung wurde im Oktober bis zum Tod des Patriarchen vorläufig aufgeschoben.
"Meine Kräfte sind schwach, das ist euch allen bekannt. .. Ich rechne mit eurer Hilfe", sagte Patriarch Pavle gleich nach der Wahl. Der Zerfall Jugoslawiens stellte kurz danach auch die serbische Kirche auf eine schwere Probe.
Nähe zu Milosevic-Regime
Dem Patriarchen wurden wiederholt freundschaftliche Beziehungen zu einem seiner einstigen Studienkameraden, Svetozar Milosevic, dem Vater des serbischen und jugoslawischen Präsidenten in den 1990er Jahren, Slobodan Milosevic, nachgesagt. Daraus wurde gefolgert, dass Pavle auch dem Präsidenten nahe stehe, der sich später wegen Kriegsverbrechen vor dem UNO-Tribunal in Den Haag zu verteidigen hatte. Der Patriarch selbst wies Vorwürfe einer Nähe zum Regime von Slobodan Milosevic wiederholt zurück.
Der serbisch-orthodoxen Kirche unter Patriarch Pavle wurden in der Öffentlichkeit wiederholt großer Konservativismus und nach der politischen Wende im Jahr 2000 auch die Einmischung in politische Angelegenheiten sowie der Schutz von flüchtigen Kriegsverbrechern vorgeworfen. Andererseits war der Patriarch großer Kritik der nationalistischen Öffentlichkeit im Jahr 1995 ausgesetzt, als er ein Dokument unterzeichnete, mit dem Milosevic seitens der bosnischen Serbenführer zu ihrem Hauptverhandler bei den internationalen Friedensgesprächen in der US-Stadt Dayton (Ohio) bestellt wurde.
Keine Lösung im orthodoxen Kirchenstreit
In Erinnerung sind auch die orthodoxen Weihnachten im Jänner 1997 geblieben, als der Patriarch an einem Protest von rund 10.000 Regimegegner im Stadtzentrum Belgrads teilnahm. Unter Führung des verstorbenen Patriarchen wurden außerdem mit der von der Orthodoxie nicht anerkannten mazedonisch-orthodoxen Kirche Gespräche zur Lösung des aus den 1960er Jahren stammenden Kirchenstreits aufgenommen. Die Aussichten auf eine Einigung sind zur Zeit allerdings noch immer gleich Null.
Patriarch Pavle widersetzte sich wiederholt einem Papstbesuch in Belgrad. Es sei noch nicht an der Zeit dafür, ließ er wissen.
Tadic: Unersetzbarer Verlust
Staatspräsident Boris Tadic hat den Tod Pavles als unersetzbaren Verlust für das serbische Volk bezeichnet. "Sein Tod ist auch mein persönlicher Verlust", sagte Tadic. In schwierigen und komplizierten Situationen, die Serbien durchmachte, habe er immer auch den Patriarchen um Rat gebeten und diesen erhalten, sagte der Präsident mit Hinweis auf das "enorme Ansehen" des Kirchenoberhauptes in der christlichen Welt.
Österreichs Metropolit Staikos würdigt Pavle
Der Tod des Belgrader Patriarchen sei ein großer Verlust für die gesamte orthodoxe Kirche, hielt der orthodoxe Metropolit von Österreich, Michael Staikos, am Sonntag im Gespräch mit Kathpress fest. Pavle habe wesentlich dazu beigetragen, dass während des politischen Zerfalls Jugoslawiens und der Kriege in den 1990er Jahren nicht noch mehr Blut geflossen sei.
Leiche in Amtssitz überführt
Die Glocken der Belgrader Domkirche bestätigten zu Mittag mit ihrem Geläut den Tod des Patriarchen. Der Leichnam des am heutigen Sonntagvormittag verstorbenen serbischen Patriarchen Pavle ist kurz vor 15.00 Uhr aus einem Belgrader Militärkrankenhaus, in welches er vor zwei Jahren infolge seiner Altersschwäche aufgenommen worden war, in seinen Amtssitz, das Patriarchat, überführt worden. Nach einer Gedenkmesse, die von Mitgliedern des Kirchen-Synods zelebriert werden soll, soll der verstorbene Patriarch in der Domkirche aufgebahrt werden.
In der Wagenkolonne, die den Sarg mit dem Patriarchen vom Krankenhaus bis zum Patriarchat begleitete, befanden sich Medienberichten zufolge sowohl der bisherige Stellvertreter des Patriarchen, der montenegrinische Metropolit Amfilohije, wie auch Staatschef Boris Tadic.
Begräbnis am Donnerstag
Der am Sonntag verstorbene 95-jährige serbische Patriarch Pavle wird am Donnerstag in Belgrad beerdigt werden. Der Kirchensynod teilte nach seiner heutigen Sitzung mit, dass die Bestattung des Patriarchen auf seinen eigenen Wunsch im Kloster Rakovica im gleichnamigen Stadtviertel erfolgen wird. Die Seelenmesse wird zuvor in der Heiligen-Sawe-Kirche, der größten serbisch-orthodoxen Kirche, gefeiert werden. Details werden vom Kirchensynod noch festgelegt werden.
Laut dem staatlichen TV-Sender RTS hat der Kirchensynod auch beschlossen, dass die Aufgaben des Patriarchen bis zur Wahl eines Nachfolgers von seinem bisherigen Stellvertreter, dem montenegrinischen Metropoliten Amfilohije (Radovic), verrichtet werden. Der montenegrinische Metropolit gilt als einer der führenden Anwärter auf das Patriarchenamt.
Vor der Belgrader Domkirche, wo am Nachmittag der Leichnam des verstorbenen Patriarchen aufgebahrt wurde, bildete sich am Abend eine lange Menschenkolonne. Medienberichten zufolge mussten diejenigen, die sich vom Patriarchen verabschieden wollten, am Sonntagabend mit zweistündigen Wartestunden rechnen.
Staatstrauer in Serbien
Die Regierung von Premier Mirko Cvetkovic hat ab Montag eine dreitägige Trauer verkündet. Die serbische Kirche und das Volk hätten einen weisen Patriarchen verloren, erklärte der Ministerpräsident. Auch sei sein Tod ein trauriges Ereignis und großer Verlust für Serbien. In der Belgrader Domkirche wird der Tod des Patriarchen seit Mittag mit Glockengeläut immer 15 Minuten vor der vollen Stunde verkündet. (APA)