Der Fall Zogaj und "wir" - Von Peter Henisch
Recht geschieht ihnen, sagt der Mann auf der Straße, nein, es war die Frau in der Straßenbahn. Schon gestern. Als es vorweg in der Kronen Zeitung stand. Immer einen Schritt voraus. Ja, auf dieses Organ ist Verlass. Arigona Zogaj und ihre Mutter sollen endlich abgeschoben werden. Weil: Recht muss Recht bleiben. An anderen, die weniger Publicity haben, wurde es ja auch schon vollzogen. Demnächst wird die Lieblingsministerin aller braven und anständigen Österreicher ihre Vollzugsmeldung abgeben dürfen. Vielleicht noch vor Weihnachten, das ist wieder einmal gut getimt, aber in solchen Zusammenhängen darf man nicht sentimental werden. Und was soll's? Die Österreicher sind gute Menschen. Durch die Erfolgsmeldungen der Aktion "Licht ins Dunkel" werden sie sich adventlich erhoben fühlen.
Gute Menschen wohlgemerkt, keine Gutmenschen, denn sie sind ja nicht blöd, die Österreicherinnen und Österreicher, jedenfalls die richtigen. Die haben, das können sie zum Beispiel auf Plakaten lesen, und dadurch fühlen sich sicher viele bestätigt, nichts zu verschenken, ja woher denn. Zwar erzählt man ihnen immer wieder, dass sie in einem der wohlhabendsten Länder der Erde wohnen, aber alles ist relativ. Und man muss auf sich selbst schauen, und die anderen sind eben die Fremden, auch wenn sie hier aufgewachsen sind, die sollen gefälligst dorthin zurückgehen, wo sie herkommen.
Und im Kosovo, lese ich, herrscht ja schon längst kein Krieg mehr. Und man hilft diesem Land, das es jetzt vor allem deshalb als Staat gibt, weil die Nato daran ihr Interesse hatte, man hilft diesem Land ja ohnehin. Österreich, lese ich, hilft mit gar nicht unerheblichen Summen, die man den Geiz-ist-Geil-Idioten gar nicht nennen darf, also was will man. So schlecht ist es dort gar nicht, man kann sich da sicher etwas schaffen, wenn man so fleißig und anständig ist wie wir. Also tschüss, liebe Zogajs, gute Reise, so weit ist es ja gar nicht bis dorthin, wo ihr hingehört. Wie sagt man auf Austropop-Österreichisch? Baba und fallts net!
Ein Vorschlag: Vielleicht könnte die Innenministerin stellvertretend für alle Österreicher, die sie nach der endgültigen Abschiebung der Österreicher noch mehr lieben werden, in den Kosovo fahren und dort versuchen, einen Monat zu überleben. Mit den Mitteln, die der Familie Zogaj zur Verfügung stehen werden. Nebenbei wäre das auch ein Tipp für eine Reality-TV-Show - ich bin sicher, es gäbe anständige Einschaltquoten. Ich bin eure Innennministerin, aber mache ein Monat Abenteuerurlaub im Kosovo. Holt mich hier raus! (Peter Henisch, DER STANDARD Printausgabe, 14./15.11.2009)
Peter Henisch ist Schriftsteller in Wien