Blairs früherer Spindoktor Alastair Campbell glaubt, dass auch eine alt aussehende New Labour Party Wahlen gewinnen kann - STANDARD-Interview
Über Blair und den Irakkrieg lässt er weiter nichts kommen. Von Christoph Prantner.
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STANDARD: Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien - überall steht die Sozialdemokratie nicht besonders gut da. Brauchen Europas Sozialdemokraten "mehr Sex"?
Campbell: Wir sind an der Macht, oder?
STANDARD: In Großbritannien. Und dort vermutlich nicht mehr lange.
Campbell: Wir regieren seit zwölf Jahren. Zuletzt hatten wir den Spesenskandal oder die Debatte um Afghanistan - und wir liegen in den Umfragen nur rund zehn Punkte zurück. Das ist nicht viel. Es ist schwer, die Situation in ganz Europa zu generalisieren, aber wir haben zu lange mit immer denselben Streitereien zugebracht. In Großbritannien gab es eine Debatte über den schlechten Zustand der Labour Party bis wir (New Labour, Anm.) angetreten sind. Labour hatte bis dahin nie zwei Wahlen hintereinander gewonnen, jetzt hat Gordon Brown die Chance, eine vierte zu gewinnen - trotz der schlechten Wirtschaftslage und all den anderen Umständen.
STANDARD: Das ist sehr optimistisch. Tatsächlich liegt Brown in allen Umfragen gut 15 Punkte zurück.
Campbell: Die Medien mögen uns nicht, das ist richtig. Aber verwechseln sie das nicht mit der Öffentlichkeit. Wenn man unter die Oberfläche schaut, sind die Konservativen doch auch alles andere als beliebt. David Cameron fährt durch die Lande und macht sein Geschäft mit der negativen Stimmung gegen die Regierung. Das heißt aber nicht, dass die Wähler für uns nicht ansprechbar wären. Nehmen sie zu Beispiel die Wirtschaftskrise: Die Antworten der Linken sind da wesentlich glaubwürdiger als jene der Rechten.
STANDARD: ... und die Konservativen gewinnen die Wahlen.
Campbell: In Wirklichkeit geht es um die Auseinandersetzung von Progressiven gegen Nicht-Progressive. Die neue konservative Partei in Großbritannien ist überhaupt nicht neu und erst recht nicht progressiv. Die sind so konservativ, wie sie es immer schon waren.
STANDARD: Aber daneben schaut New Labour ganz schön alt aus.
Campbell: Wie gesagt, wir sind seit 12 Jahren an der Macht. Mir ist es egal, wie frisch die aussehen, es geht um die Argumente. Und da sind wir vorne.
STANDARD: Warum hat Tony Blair so viele Gegner, wenn es um den Job des EU-Ratsvorsitzenden geht?
Campbell: Europa, auch die politische Führung in Wien, macht einen Fehler, wenn Tony das Amt nicht bekommt. Er ist mit Abstand besser dafür geeignet als jeder andere Kandidat. Europa muss sich selbst für den Rest der Welt sichtbar machen. Wenn Europa sich für einen farblosen Manager entscheidet, fein. Aber ich glaube, das wäre ein Verlust für Europa.
STANDARD: Was Blair fehlt, ist Vertrauen. Die europäischen Führer werfen ihm vor, kein überzeugter Europäer zu sein und den Irakkrieg mitverschuldet zu haben.
Campbell: Ersteres ist schlicht und einfach nicht wahr. Und den Irakkrieg hat eine Mehrheit der europäischen Länder befürwortet. Das sind lächerliche Argumente. Die Staats- und Regierungschefs wollen Tony nicht, weil sie keine machtbewusste Figur in diesem Amt haben wollen.
STANDARD: Gibt es einen Deal aus Zeiten der Amtsübergabe in Downing Street 10, der Brown dazu verpflichtet, Blair zu unterstützen - und der David Miliband als EU-Außenminister verhindert?
Campbell: Nein. Wenn Tony diesen Job nicht bekommt, kann er sich aussuchen, was er tun möchte.
STANDARD: Zum Irak: Der Krieg hat Zehntausende das Leben gekostet, Massenvernichtungswaffen sind nie aufgetaucht. War es das wert?
Campbell: Hätten wir gewusst, dass wir keine Massenvernichtungswaffen finden, dass wir viel länger dort bleiben würden als geplant und dass die Situation weiterhin relativ instabil ist, dann hätte die Entscheidung anders ausfallen können. Wie auch immer: Politik ist nicht so einfach. Die Geheimdienstunterlagen warnten vor Massenvernichtungswaffen. Wenn sie der Premierminister sind und das nach 9/11 Tag für Tag über ihren Schreibtisch läuft, können auch sie zu dieser Entscheidung kommen. Ich verstehe diejenigen, die eine andere Ansicht haben. Aber die sehen die andere Seite des Arguments nicht. Und auch wenn man diesen Krieg als großes Blutvergießen ansieht, ein Irak ohne Saddam Hussein ist ein besserer Irak.
STANDARD: Es gab von Anfang an genügend Skeptiker in dieser Sache, warum wurden deren Argumente nicht gehört?
Campbell: Sie können so viel Geheimdienstmaterial haben, wie sie wollen, am Ende müssen die Regierenden entscheiden. Das ist der Unterschied zu Experten und Journalisten. Für die politischen Führer ist das keine theoretische Frage. Sie haben so entschieden und müssen sich dafür verantworten. In Großbritannien gab es eine Wahl nach der Kriegsentscheidung, und die haben wir gewonnen.
STANDARD: Sie haben maßgeblich am entscheidenden Irakkriegdossier mitgearbeitet, können Sie verstehen, dass sich die Bürger vorsätzlich getäuscht fühlen?
Campbell: Ich verstehe nicht, warum sie das sagen sollten. Ich weiß, dass das nicht wahr ist. Deswegen nehme ich es auch nicht weiter ernst. Es gab mehrere Untersuchungen zu meiner Rolle in diesem Entscheidungsprozess. Alles wurde aufgeklärt, aber die Kritiker wollen ihre Positionen nicht aufgeben. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2009)
Zur Person
Alastair Campbell (52) war ab 1994 Pressemann Tony
Blairs und nach 1997 britischer Regierungssprecher. Im Vorfeld der
Entscheidung über den Irakkrieg berichtete die BBC über seine Rolle im
Übertreiben ("sex up") von Geheimdienstdossiers. 2003 trat der
umstrittene Spindoktor zurück. Er lebt seither als Autor in London.
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