Niemand von uns hat erwartet, dass wir im Paradies ankommen würden. Wir sind die einzigen Menschen auf der Insel
In unserem Haus hätte Thomas noch Platz gehabt.
***
Auf der Insel, am 24.9.2009:
Thomas hätte es gefallen. Nach zwei Stunden Fahrt auf einem Fischerboot, auf dem wir außer unserem Gepäck Proviant für zwei Wochen geladen hatten, sind wir auf der Insel angekommen. Die Insel liegt in Griechenland. In der Nähe der Ionischen Inseln. Sie ist rund sieben Stunden Gehzeit lang, einen Kilometer breit. Außer unserem gibt es nur drei oder vier andere Häuser auf der Insel. Aber sie sind alle unbewohnt. In unserer Bucht ist das Wasser türkisfarben und glasklar. Es schwimmen tausende fingerlange schwarze Fische darin, die bunt schillern, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf sie fällt. Wenn sie Gefahr wittern (zum Beispiel, weil wir uns über den Steg beugen und einen Schatten aufs Wasser werfen), formieren sie sich zu großen Gebilden. Als Oktavia klein war, hatte sie ein Bilderbuch über kleine Fische im Meer, die, wenn ein Hai kam oder ein Wal, alle zusammen die Form eines großen Fisches nachbildeten. Jeder der kleinen Fische hatte dabei seinen genau vorbestimmten Platz.
Niemand von uns hat erwartet, dass wir im Paradies ankommen würden. Wir haben die beiden Häuser von 25. September bis 4. Oktober gemietet. Am 3.September hat Thomas sich umgebracht. Am 9. September war sein Begräbnis.
Auf dem Friedhof, am 9.9.2009:
Thomas.
Du fehlst mir.
Ich werde dich immer in Erinnerung behalten als den wunderbarsten besten Freund, den man haben kann.
Ich werde mich immer erinnern an unsere psychologisch-philosophischen Gespräche und natürlich auch an die völlig sinnlosen Gespräche.
Mit dir konnte man legendäre Filmnächte verbringen oder einen Lachanfall nach dem anderen haben.
Du warst bekannt für das beste selbstgemachte Eis und dafür, dass du ein Ass in Englisch warst und dass du in der Nacht der Oscar-Verleihung mit Sicherheit mit niemandem fortgehen würdest.
Auf der Insel, am 27.9.2009:
Wir sind zu siebt: drei Jugendliche, zwei ältere Paare. Die zwei Häuschen liegen fünf Meter über dem Meer, das heute hellgrün-metallen ist. In der Küche neben dem Gasherd (Gasflaschen!) ist ein Brunnen, Zisterne und Kamin sind im Freien. Rund um die Häuser wachsen Palmen, viel Rosmarin, Lorbeer, Wein. Dazwischen überall gelbe Blumen, die wie Krokusse ausschauen oder wie gelbe Herbstzeitlosen. Wir halten uns außer zum Schlafen nur im Freien auf. Das Geschirr spülen wir morgens im Innenhof, das Fleisch grillen wir abends im Kamin. Unter je einer Pergola stehen bei jedem der beiden Häuser große einfache Tische. Dort essen wir abwechselnd zu Abend. Bei Sonnenuntergang sitzen wir auf der Terrasse über dem Meer, die zu dem größeren Haus gehört, in dem die Freunde wohnen. Der letzte Sonnenstrahl reicht von den Bergen auf der gegenüberliegenden Insel, hinter der die Sonne untergeht, bis vor unsere Terrasse. Manchmal färbt er die Bergketten rot, manchmal das ganze Meer. Die Erwachsenen trinken Retsina, jeder in seine Gedanken versunken. Die Mädchen trinken Cocktails, die sie sich selbst mischen. Thomas hat den besten hergestellt, sagt Oktavia.
Wir duschen mit jeweils möglichst wenig Zisternenwasser zwischen den Palmen. Zum Spülen der Toilette holen wir Meerwasser. Endlich einmal sind die täglichen Verrichtungen, aus denen das Leben auch besteht, nicht nur lästige, schnell zu erledigende Tätigkeiten. Wir hatten vergessen, dass man sie auch genießen kann. In unserem Haus hätte Thomas noch Platz gehabt.
Wir sind die einzigen Menschen auf der ganzen Insel. In der Früh ist das Meer stets glatt und silbrighellblau. Im Laufe des Tages kommt dann ein angenehmer Wind auf, vormittags auflandig, nachmittags ist das Meer meist gekräuselt. Gestern war es auf einmal dunkelblau. Draußen auf dem offenen Meer waren Wellen mit Gischtkämmen.
Auf dem Friedhof, 9.9.2009:
Eine Zeitlang sind wir als verrücktes Paar ausgegangen. Du warst ganz weiß gekleidet, kurze weiße Hosen, weißes T-Shirt und weißer Hut - ich ganz bunt, aufgesteckte Haare. Auf der Rolltreppe im Passage-Kaufhaus haben wir so gelacht, dass du hingefallen bist und eine Beule am Knie hattest. Wir mussten dann heim.
Wenn du traurig warst und verzweifelt hast du angerufen, und wir haben uns getroffen. Mit dir konnte man auch weinen. Du warst immer für mich da. In deiner letzten Nacht hast du nicht angerufen.
Auf der Insel, am 1.10.2009:
Auch jetzt, Anfang Oktober, ist es noch warm. Das Meer hat 24 Grad. Noch vor dem Sommer hatte ich beschlossen, nicht mehr im Bikini baden zu gehen. Ich dachte, ich bin zu alt und zu dick dazu. Jetzt baden Christiane und ich, wir beiden Mütter, nackt. Wir liegen auf unseren Badematten am Bootssteg. Die drei Mädchen haben sich auf ihren eigenen Felsen ein Stück entfernt von uns niedergelassen. Wahrscheinlich, damit sie sich den Anblick ihrer nackten Mütter ersparen. Sie tragen Bikinis. Wenn wir Erwachsenen uns nähern, hüllen sie sich in Badetücher. Aber heute, nach neun Tagen auf der Insel, gehen sie zum ersten Mal auch nackt baden. Sie kreischen dabei laut. Manchmal liegt Oktavia bäuchlings auf einem Felsen und weint. Die beiden anderen Mädchen gehen dann schwimmen und deuten mir mit den Händen, nicht zu ihr hinzugehen: Sie trauert um ihren Freund!
Auf dem Friedhof, am 9. 9. 2009:
Du warst ein totaler Filmfreak. Seit deinem zwölften Lebensjahr hast du selbst Drehbücher geschrieben. Dein Plan war, später Amerikanistik und Anglistik zu studieren und dann nach Hollywood zu gehen. Dabei hast du immer gelacht, sodass ich nie sicher war, ob du wirklich daran geglaubt hast. Aber deine Drehbücher hast du konsequent auf Englisch geschrieben. Deshalb habe ich auch nur ganz zum Schluss angefangen, zwei davon zu lesen. Ich war ganz begeistert. Gott sei Dank konnte ich dir das noch sagen. Jetzt werde ich deine anderen Drehbücher allein lesen müssen. Es wird mir fehlen, mit dir darüber zu reden.
Auf der Insel, 2.10.2009:
Unsere technischen Geräte können wir nicht anschließen. Der Strom für das Licht wird nur aus einer Autobatterie gespeist, die wiederum von einem Windrad aufgeladen wird. Laptops, Radios, Digitalkameras und Handys können wir nicht laden. Es ist ganz still auf unserer Insel, die wir weder fotografieren noch filmen können. Oktavia und ich machen unsere Notizen für diesen Artikel mit der Hand. Thomas hätte zwei Wochen lang keinen Film anschauen können.
Was hätte er getan? Oktavia sagt, er hätte mit Sabine die wilde Musik von Atwa gehört (When angels deserve to die) und Radler getrunken, und mit Isolde hätte er das brandneu erschienene Album Faith divides us - death unites us von Paradise Lost sowie arabische Musik gehört, und alle hätten sie viel geredet, und geschnorchelt hätte er auch.
Oktavia sagt, sie glaube, er wäre sogar mit uns auf den felsigen Berg geklettert - obwohl er nicht kräftig und gar nicht sportlich war. Sie sagt: "Wenn Thomas von etwas begeistert war, hat er alles mitgemacht."
Auf dem Friedhof, am 9.9.2009:
Aber am meisten fehlen mir die Kleinigkeiten: dass du die Schnürsenkel immer seitlich in die Schuhe gestopft hast, wenn du die Schuhe angezogen hast, oder dass du es immer so genossen hast, dir die Augen zu reiben, nachdem du dir die Kontaktlinsen herausgegeben hast.
Oder dass du eine Zigarette immer ganz vorn beim Filter gehalten hast, wenn du sie dir angezündet hast. All das werde ich nie vergessen. Danke Thomas, für die wunderbare Zeit.
Auf der Insel, am 3. 10. 2009:
Ich habe meinen Körper seit Jahren nicht mehr so gemocht wie jetzt. Ich glaube, den anderen geht es genauso. Wir sind alle ganz schön braun geworden. Mir kommt auch vor, wir gehen alle aufrechter als vorher.
Thomas war sehr dünn, nicht besonders groß, und seine Haut war immer weiß. Manchmal, wenn Oktavia und er hungrig zu mir gekommen sind, habe ich schnell chinesische Fertigsuppen gekocht. Die gehärteten Pflanzenfette in der Plastikfolie hab ich weggeworfen. Thomas hat sie dann wieder aus dem Mistkübel herausgeholt. Ich brauche viel Fett, hat er gesagt, damit ich groß und dick werde. Dazu hat er gelacht. Manchmal dachte ich, Thomas lacht, wenn er weinen möchte.
Heute Abend war ein Gewitter. Wir sind zum Abendessen alle sieben auf der Terrasse über dem Meer gesessen, haben Aperol und Bier und Wein getrunken, von den Männern in Netzen gefangene und von den drei Mädchen ausgenommene Fische gegessen und die Sekunden zwischen Blitz und Donner gezählt. Das Gewitter ist weit weg, haben wir gesagt. Die Blitze haben das Meer und die Berge auf der Insel gegenüber aufleuchten lassen. Plötzlich waren ein Blitz und ein ohrenbetäubender Donner gleichzeitig. Es muss auf dem Hügel hinter unserem Haus eingeschlagen haben. Nachher war es vorbei. Nur mehr lautloses Wetterleuchten in weiter Ferne. Das Meer ist in der Dunkelheit verschwunden.
Morgen werden wir wieder mit dem Fischerboot abgeholt. Wir sind alle traurig. Niemand will zurück in den entfremdeten Alltag. Hoffentlich haben wir eine ruhige Überfahrt.
Auf dem Friedhof, am 9. 9. 2009:
Jetzt möchte ich gerne noch etwas zitieren. Thomas hat sich gewünscht, dass das Ende seines Lieblingsfilms "American Beauty" auf seinem Begräbnis abgespielt wird. Das war leider nicht möglich. Aber ich möchte die letzten Worte des Filmes abschreiben.
Im Film ist es die Stimme eines Toten: "Eigentlich könnte ich ja ziemlich sauer darüber sein, was mir alles widerfahren ist. Es fällt mir aber schwer, wütend zu bleiben, wenn es so viel Schönheit auf der Welt gibt. Manchmal hab ich das Gefühl, all die Schönheit auf einmal zu sehen, doch das ist einfach zu viel. Mein Herz fühlt sich dann an wie ein Ballon, der kurz davor ist zu platzen, und dann geht mir durch den Kopf, ich sollte mich entspannen und aufhören zu versuchen, die Schönheit festzuhalten. Dann durchfließt sie mich wie Regen, und ich kann nichts empfinden außer Dankbarkeit für jeden einzelnen Moment meines dummen kleinen Lebens." (Margit und Oktavia Schreiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.11.2009)
Die kursiv gesetzten Passagen im Text stammen von Margit Schreiners Tochter Oktavia. Sie war mit Thomas B. befreundet.
Zur Person:
Margit Schreiner, Schriftstellerin, lebt in Linz. Zuletzt erschienen Haus, Friedens, Bruch (2007) und Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?, Verlag Schöffling 2008.