Paradise lost

13. November 2009, 18:14
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    foto: oktavia schreiner

    Thomas B. 1991-2009 - Oktavia sagt, sie glaube, er wäre sogar mit uns auf den felsigen Berg geklettert - obwohl er gar nicht sportlich war. Sie sagt: "Wenn Thomas von etwas begeistert war, hat er alles mitgemacht."

Niemand von uns hat erwartet, dass wir im Paradies ankommen würden. Wir sind die einzigen Menschen auf der Insel

In unserem Haus hätte Thomas noch Platz gehabt.

***

Auf der Insel, am 24.9.2009:

Thomas hätte es gefallen. Nach zwei Stunden Fahrt auf einem Fischerboot, auf dem wir außer unserem Gepäck Proviant für zwei Wochen geladen hatten, sind wir auf der Insel angekommen. Die Insel liegt in Griechenland. In der Nähe der Ionischen Inseln. Sie ist rund sieben Stunden Gehzeit lang, einen Kilometer breit. Außer unserem gibt es nur drei oder vier andere Häuser auf der Insel. Aber sie sind alle unbewohnt. In unserer Bucht ist das Wasser türkisfarben und glasklar. Es schwimmen tausende fingerlange schwarze Fische darin, die bunt schillern, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf sie fällt. Wenn sie Gefahr wittern (zum Beispiel, weil wir uns über den Steg beugen und einen Schatten aufs Wasser werfen), formieren sie sich zu großen Gebilden. Als Oktavia klein war, hatte sie ein Bilderbuch über kleine Fische im Meer, die, wenn ein Hai kam oder ein Wal, alle zusammen die Form eines großen Fisches nachbildeten. Jeder der kleinen Fische hatte dabei seinen genau vorbestimmten Platz.

Niemand von uns hat erwartet, dass wir im Paradies ankommen würden. Wir haben die beiden Häuser von 25. September bis 4. Oktober gemietet. Am 3.September hat Thomas sich umgebracht. Am 9. September war sein Begräbnis.

Auf dem Friedhof, am 9.9.2009:

Thomas.

Du fehlst mir.

Ich werde dich immer in Erinnerung behalten als den wunderbarsten besten Freund, den man haben kann.

Ich werde mich immer erinnern an unsere psychologisch-philosophischen Gespräche und natürlich auch an die völlig sinnlosen Gespräche.

Mit dir konnte man legendäre Filmnächte verbringen oder einen Lachanfall nach dem anderen haben.

Du warst bekannt für das beste selbstgemachte Eis und dafür, dass du ein Ass in Englisch warst und dass du in der Nacht der Oscar-Verleihung mit Sicherheit mit niemandem fortgehen würdest.

Auf der Insel, am 27.9.2009:

Wir sind zu siebt: drei Jugendliche, zwei ältere Paare. Die zwei Häuschen liegen fünf Meter über dem Meer, das heute hellgrün-metallen ist. In der Küche neben dem Gasherd (Gasflaschen!) ist ein Brunnen, Zisterne und Kamin sind im Freien. Rund um die Häuser wachsen Palmen, viel Rosmarin, Lorbeer, Wein. Dazwischen überall gelbe Blumen, die wie Krokusse ausschauen oder wie gelbe Herbstzeitlosen. Wir halten uns außer zum Schlafen nur im Freien auf. Das Geschirr spülen wir morgens im Innenhof, das Fleisch grillen wir abends im Kamin. Unter je einer Pergola stehen bei jedem der beiden Häuser große einfache Tische. Dort essen wir abwechselnd zu Abend. Bei Sonnenuntergang sitzen wir auf der Terrasse über dem Meer, die zu dem größeren Haus gehört, in dem die Freunde wohnen. Der letzte Sonnenstrahl reicht von den Bergen auf der gegenüberliegenden Insel, hinter der die Sonne untergeht, bis vor unsere Terrasse. Manchmal färbt er die Bergketten rot, manchmal das ganze Meer. Die Erwachsenen trinken Retsina, jeder in seine Gedanken versunken. Die Mädchen trinken Cocktails, die sie sich selbst mischen. Thomas hat den besten hergestellt, sagt Oktavia.

Wir duschen mit jeweils möglichst wenig Zisternenwasser zwischen den Palmen. Zum Spülen der Toilette holen wir Meerwasser. Endlich einmal sind die täglichen Verrichtungen, aus denen das Leben auch besteht, nicht nur lästige, schnell zu erledigende Tätigkeiten. Wir hatten vergessen, dass man sie auch genießen kann. In unserem Haus hätte Thomas noch Platz gehabt.

Wir sind die einzigen Menschen auf der ganzen Insel. In der Früh ist das Meer stets glatt und silbrighellblau. Im Laufe des Tages kommt dann ein angenehmer Wind auf, vormittags auflandig, nachmittags ist das Meer meist gekräuselt. Gestern war es auf einmal dunkelblau. Draußen auf dem offenen Meer waren Wellen mit Gischtkämmen.

Auf dem Friedhof, 9.9.2009:

Eine Zeitlang sind wir als verrücktes Paar ausgegangen. Du warst ganz weiß gekleidet, kurze weiße Hosen, weißes T-Shirt und weißer Hut - ich ganz bunt, aufgesteckte Haare. Auf der Rolltreppe im Passage-Kaufhaus haben wir so gelacht, dass du hingefallen bist und eine Beule am Knie hattest. Wir mussten dann heim.

Wenn du traurig warst und verzweifelt hast du angerufen, und wir haben uns getroffen. Mit dir konnte man auch weinen. Du warst immer für mich da. In deiner letzten Nacht hast du nicht angerufen.

Auf der Insel, am 1.10.2009:

Auch jetzt, Anfang Oktober, ist es noch warm. Das Meer hat 24 Grad. Noch vor dem Sommer hatte ich beschlossen, nicht mehr im Bikini baden zu gehen. Ich dachte, ich bin zu alt und zu dick dazu. Jetzt baden Christiane und ich, wir beiden Mütter, nackt. Wir liegen auf unseren Badematten am Bootssteg. Die drei Mädchen haben sich auf ihren eigenen Felsen ein Stück entfernt von uns niedergelassen. Wahrscheinlich, damit sie sich den Anblick ihrer nackten Mütter ersparen. Sie tragen Bikinis. Wenn wir Erwachsenen uns nähern, hüllen sie sich in Badetücher. Aber heute, nach neun Tagen auf der Insel, gehen sie zum ersten Mal auch nackt baden. Sie kreischen dabei laut. Manchmal liegt Oktavia bäuchlings auf einem Felsen und weint. Die beiden anderen Mädchen gehen dann schwimmen und deuten mir mit den Händen, nicht zu ihr hinzugehen: Sie trauert um ihren Freund!

Auf dem Friedhof, am 9. 9. 2009:

Du warst ein totaler Filmfreak. Seit deinem zwölften Lebensjahr hast du selbst Drehbücher geschrieben. Dein Plan war, später Amerikanistik und Anglistik zu studieren und dann nach Hollywood zu gehen. Dabei hast du immer gelacht, sodass ich nie sicher war, ob du wirklich daran geglaubt hast. Aber deine Drehbücher hast du konsequent auf Englisch geschrieben. Deshalb habe ich auch nur ganz zum Schluss angefangen, zwei davon zu lesen. Ich war ganz begeistert. Gott sei Dank konnte ich dir das noch sagen. Jetzt werde ich deine anderen Drehbücher allein lesen müssen. Es wird mir fehlen, mit dir darüber zu reden.

Auf der Insel, 2.10.2009:

Unsere technischen Geräte können wir nicht anschließen. Der Strom für das Licht wird nur aus einer Autobatterie gespeist, die wiederum von einem Windrad aufgeladen wird. Laptops, Radios, Digitalkameras und Handys können wir nicht laden. Es ist ganz still auf unserer Insel, die wir weder fotografieren noch filmen können. Oktavia und ich machen unsere Notizen für diesen Artikel mit der Hand. Thomas hätte zwei Wochen lang keinen Film anschauen können.

Was hätte er getan? Oktavia sagt, er hätte mit Sabine die wilde Musik von Atwa gehört (When angels deserve to die) und Radler getrunken, und mit Isolde hätte er das brandneu erschienene Album Faith divides us - death unites us von Paradise Lost sowie arabische Musik gehört, und alle hätten sie viel geredet, und geschnorchelt hätte er auch.

Oktavia sagt, sie glaube, er wäre sogar mit uns auf den felsigen Berg geklettert - obwohl er nicht kräftig und gar nicht sportlich war. Sie sagt: "Wenn Thomas von etwas begeistert war, hat er alles mitgemacht."

Auf dem Friedhof, am 9.9.2009:

Aber am meisten fehlen mir die Kleinigkeiten: dass du die Schnürsenkel immer seitlich in die Schuhe gestopft hast, wenn du die Schuhe angezogen hast, oder dass du es immer so genossen hast, dir die Augen zu reiben, nachdem du dir die Kontaktlinsen herausgegeben hast.

Oder dass du eine Zigarette immer ganz vorn beim Filter gehalten hast, wenn du sie dir angezündet hast. All das werde ich nie vergessen. Danke Thomas, für die wunderbare Zeit.

Auf der Insel, am 3. 10. 2009:

Ich habe meinen Körper seit Jahren nicht mehr so gemocht wie jetzt. Ich glaube, den anderen geht es genauso. Wir sind alle ganz schön braun geworden. Mir kommt auch vor, wir gehen alle aufrechter als vorher.

Thomas war sehr dünn, nicht besonders groß, und seine Haut war immer weiß. Manchmal, wenn Oktavia und er hungrig zu mir gekommen sind, habe ich schnell chinesische Fertigsuppen gekocht. Die gehärteten Pflanzenfette in der Plastikfolie hab ich weggeworfen. Thomas hat sie dann wieder aus dem Mistkübel herausgeholt. Ich brauche viel Fett, hat er gesagt, damit ich groß und dick werde. Dazu hat er gelacht. Manchmal dachte ich, Thomas lacht, wenn er weinen möchte.

Heute Abend war ein Gewitter. Wir sind zum Abendessen alle sieben auf der Terrasse über dem Meer gesessen, haben Aperol und Bier und Wein getrunken, von den Männern in Netzen gefangene und von den drei Mädchen ausgenommene Fische gegessen und die Sekunden zwischen Blitz und Donner gezählt. Das Gewitter ist weit weg, haben wir gesagt. Die Blitze haben das Meer und die Berge auf der Insel gegenüber aufleuchten lassen. Plötzlich waren ein Blitz und ein ohrenbetäubender Donner gleichzeitig. Es muss auf dem Hügel hinter unserem Haus eingeschlagen haben. Nachher war es vorbei. Nur mehr lautloses Wetterleuchten in weiter Ferne. Das Meer ist in der Dunkelheit verschwunden.

Morgen werden wir wieder mit dem Fischerboot abgeholt. Wir sind alle traurig. Niemand will zurück in den entfremdeten Alltag. Hoffentlich haben wir eine ruhige Überfahrt.

Auf dem Friedhof, am 9. 9. 2009:

Jetzt möchte ich gerne noch etwas zitieren. Thomas hat sich gewünscht, dass das Ende seines Lieblingsfilms "American Beauty" auf seinem Begräbnis abgespielt wird. Das war leider nicht möglich. Aber ich möchte die letzten Worte des Filmes abschreiben.

Im Film ist es die Stimme eines Toten: "Eigentlich könnte ich ja ziemlich sauer darüber sein, was mir alles widerfahren ist. Es fällt mir aber schwer, wütend zu bleiben, wenn es so viel Schönheit auf der Welt gibt. Manchmal hab ich das Gefühl, all die Schönheit auf einmal zu sehen, doch das ist einfach zu viel. Mein Herz fühlt sich dann an wie ein Ballon, der kurz davor ist zu platzen, und dann geht mir durch den Kopf, ich sollte mich entspannen und aufhören zu versuchen, die Schönheit festzuhalten. Dann durchfließt sie mich wie Regen, und ich kann nichts empfinden außer Dankbarkeit für jeden einzelnen Moment meines dummen kleinen Lebens." (Margit und Oktavia Schreiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.11.2009)

Die kursiv gesetzten Passagen im Text stammen von Margit Schreiners Tochter Oktavia. Sie war mit Thomas B. befreundet.

 

Zur Person:
Margit Schreiner, Schriftstellerin, lebt in Linz. Zuletzt erschienen Haus, Friedens, Bruch (2007) und Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?, Verlag Schöffling 2008.

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michael schwarz2
00
12.2.2011, 13:13
Selbshilfegruppe Internet?

Lieber Standard, auch ich könnte Schriftsteller werden wenn sie so einen Schwachsinn veröffentlichen!
was ist aus dem Tagebuch geworden? Wen interessiert dieser verrückte Thomas der mit dem (schönen!!!) leben nicht klar kommt.
Ausserdem, ist heutzutage jeder Schriftsteller der schreiben kann und auf Urlaub war? Hat diese Margit schon mal ein Buch gelesen und Stil erfahren!!??
Standard ist nun Tot für mich! Frechheit mehr kann man dazu nicht sagen.

Abgesehen davon... sehr respektlos gegenüber dem (gestörten) Thomas!!!

1st things first
00
15.11.2009, 10:08
Teil 2

...als würde es zu einer anderen Zeit gehören,
und würden wir, wo wir zu wirken meinen,
nur wie ein Werkzeug aufgehoben,
für etwas über uns hinaus benutzt und wieder weggelegt.
Entlassen werden wir vollendet."

Der Betroffene fragte:
"Wenn wir und was wir wirken, jedes zu seiner Zeit besteht und endet,
was zählt, wenn unsere Zeit sich schließt?"
Der andere sprach:
"Es zählt das Vorher und das Nachher
als ein Gleiches."

Dann trennten ihre Wege sich
ihre Zeit,
und beide hielten an
und inne.

1st things first
00
15.11.2009, 10:07
Der Kreis Teil 1

Ein Betroffener bat einen, der mit ihm ein Stück des gleichen Weges ging:
"Sage mir, was für uns zählt."
Der andere gab ihm zur Antwort:
"Als erstes zählt, dass wir am Leben sind für eine Zeit,
so dass es einen Anfang hat, vor dem schon vieles war,
und dass es, wenn es endet, zurück ins Viele vor ihm fällt.

Denn wie bei einem Kreis, wenn er sich schließt,
sein Ende und sein Anfang ein und dasselbe werden,
so schließt das Nachher unseres Lebens sich nahtlos seinem Vorher an,
als wäre zwischen ihnen keine Zeit gewesen:
Zeit haben wir daher nur jetzt.
Als nächstes zählt, dass, was wir in der Zeit bewirken,
sich uns mit ihr entzieht,...

AllesWieImmer
12
14.11.2009, 10:44
Beim Lesen Kotzen

Mir ist danach zumute!
Der Text bezieht sich auf einen jungen Kerl, der vielleicht gerade mal 18 ist ... die Rückerinnerungen beziehen sich also ganz sicher auf einen Jugendlichen.
Das wohl nicht nur textuelle Phantasma - das Zugeschriebenen und Zugedachte - tut so, also ob der arme Kerl schon in der Zunkunft, also in der Erwachsenenwelt, angekommen wäre:
"Dein PLAN war ... dann nach Hollywood zu gehen. Dabei hast du immer gelacht, sodass ich(!) nie sicher war, ob du wirklich(!) daran geglaubt hast."
Dieser Mißbrauch Jugendlicher für die / das eigene Lebendigkeit / Phantasma ist allerdings ein gesellschaftliches Phänomen, umwölkt mit dem Begriff "Jugendkultur", der verschleiern soll, dass die Gegenstände=Waren Produkte Erwachsener sind!

wvrn wvrn
03
14.11.2009, 21:18
seltsame interpretation!?

ich habe den text beim lesen einfach als einen liebevollen abschied verstanden.
bei mir hat er jetzt eine spur hinterlassen und das ist wohl in seinem sinn.


Sergio Martino
01
13.11.2009, 22:06
Und was waren der Grund bzw. der Auslöser für den Suizid?

Das ist nämlich schon seltsam, wie nach solchen tragischen Ereignissen immer so getan wird, als sei das einfach schicksalhaft oder gottgewollt.
Dabei gibt es immer konkrete Gründe und Auslöser, ob nun endogener oder exogener Art.
Die Weigerung, dem nachzugehen, ist leicht erklärbar: Man müsste sich nämlich überlegen, ob man vielleicht mitschuldig ist - etwa bestimmte Signale und Hilferufe übersehen oder gar bewusst ignoriert hat. Diese Signale und Hilferufe gibt es, das hat die Forschung längst nachgewiesen - während die Laien weiterhin standhaft das Gegenteil behaupten.
Bei Amokläufen ist es übrigens ganz ähnlich. Auch hier geben sich danach alle komplett überrascht und ahnungslos - obwohl sie z. B. beim Mobbing mitgemacht haben usw.

Wittgenstein vs Popper
00
15.11.2009, 14:08
Suizid?

Wie kommen Sie auf einen Suizid? ME sprechen die Ausführungen zu den Drehbüchern ("zum Glück konnte ich noch ...") eher für die Kenntnis eines bevorstehenden Todes.

artemis70
00
15.11.2009, 17:22
"Auf der Insel, am 24.9.2009", 2. Absatz:

"Am 3.September hat Thomas sich umgebracht."
deutlicher kann man´s doch nicht sagen.
ich verstehe nicht, was Sie meinen!

safaricook
00
14.11.2009, 03:08

Natürlich ist das Umfeld mitschuldig an einem Suizid, mehr oder weniger. Aber ich denke nicht man sollte sich in Selbstvorwürfen aufreiben bis man selber so weit ist. Zunächst gilt es mit dem Schmerz Leben zu können. Die Forschung hilft hier leider gar nicht, weil nunmal nicht jeder Spezialist in allem sein kann.

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