Bremse oder Schub

Studieren neben dem Job: Karriereschub oder -bremse? Auf die Balance kommt es an: derStandard.at holt sich Tipps bei Wiener Personalberatern

"Im Gegensatz zu Aktienfonds ist ein Studium eine gewinnbringende Investition", sagt Linda Baumgartner, Wirtschaftspsychologin bei der Personalberatung Hill. derStandard.at hat Wiener Personalberater gefragt, wie sinnvoll eine Zusatzausbildung neben dem Job ist. Das Ergebnis: Sie raten zu weiteren Ausbildungen. Es gibt jedoch ein paar Stolperfallen, auf die Lernwillige achten sollten.

***

"In einem grenzenlosen europäischen Arbeitsmarkt wird Bildung der zentrale Karrieretreiber sein", ist Baumgartner überzeugt. Es komme jedoch auf die Branche an: Für Unternehmertypen, die sich bald selbständig machen möchten, sei ein Studium nicht unbedingt der kürzeste Weg zum Ziel. Auch für den Aufstieg im Vertrieb sei kein Studium erforderlich. Für eine Karriere im Marketing könne ein einschlägiges Studium jedoch hilfreich sein, rät Baumgartner. "Wenn Sie jedoch um die 40 sind (und männlich) und sich von einem Studium einen Karriereschub erwarten: Dafür ist es zu spät", ergänzt sie.

"In einen neuen Orbit geschossen"

Andrea Lehky von der Personalberatungsfirma Manpower rät prinzipiell zu einem zweiten Studium: "Das ist besonders dann sinnvoll, wenn das erste schon eine Weile zurückliegt. Das kann eine ganz neue Richtung sein oder ein Upgrade der alten Ausbildung." Lehky hat selbst vor einigen Monaten ein zweites Studium begonnen und berichtet: "Das ist zugegeben eine Riesenbelastung. Aber mir kommt es vor, als würde ich in einen neuen Orbit geschossen werden - so viele neue Ideen und Erkenntnisse."

Falls man sich schon in einem Beruf befindet, ist die Studienwahl nicht mehr komplett frei, warnt Lehky: "Ein Ausbildung kann ein Schub sein, wenn sie sich karrieretechnisch auswerten lässt. Eine Bremse, wenn kein Zusammenhang zum Beruf herstellbar ist." In diesem Fall würden Kapazitäten und Aufmerksamkeit in für das Unternehmen unbrauchbare Richtungen gelenkt.

Irmgard Prosinger von Trenkwalder sieht das ähnlich: "Wichtig ist, dass die Ausbildung etwas mit dem Job zu tun hat - eine komplette Neuorientierung ist nicht einfach und gelingt in vielen Fällen nicht." Denn Weiterbildung sei dann eine Karrierebremse, wenn die Performance im Job darunter leide oder wenn die Brücke zwischen Theorie und Praxis nicht klappt, so Prosinger.

Nicht auf Kosten der Praxis

Ausbildungen seien immer Karriereschübe, außer sie gehen auf Kosten der praktischen Erfahrung, meint Charlotte Eblinger, Geschäftsführerin von Eblinger & Partner: "Fehlt die Berufserfahrung, die Erfahrung im Verkauf, im Marketing, als Führungskraft - dann nützt die zusätzliche Ausbildung nichts, dann muss ich mir Zeit geben, die Erfahrung zu sammeln."

Und noch einen Punkt hebt Eblinger hervor: "Im worst case - wenn man keinen adäquaten Job findet und daher in hierarchisch niedrigeren Bereichen suchen muss - kann es auch nachteilig sein. Das Doktorat kann eine Karrierebremse sein, wenn Vorgesetzte 'nur' Magister/Magistra sind, und nicht die Größe haben, dazu zu stehen."

Ausbildungen müssen zusammen passen

Sabine Steiner von ePunkt warnt vor zu heterogenen Studien: "Nicht sinnvoll sind zu viele unterschiedliche Ausbildungen, die nicht zusammenpassen und eventuell ein Bild der Orientierungslosigkeit vermitteln." Denn auch wenn diese vielleicht der persönlichen Bereicherung dienen, seien sie kaum ein Mittel für einen Karrieresprung, sagt Steiner.

"Wichtig dabei ist, dass man sich nicht zuviel vornimmt. Oftmals unterschätzt man diese doppelte Herausforderung und entweder der Beruf oder die Weiterbildung leiden darunter", sagt Irmgard Prosinger von Trenkwalder. Lieber kleinere zielgerichtete Ausbildungen mit dem laufenden Job kombinieren - dadurch gewinne man einen neuen Zugang zu seinem Aufgabengebiet.

Prosinger rät dazu, den Chef "ins Boot zu holen": "Macht man die Weiterbildung parallel zum Job, dann sollte das Vorhaben in jedem Fall mit dem Vorgesetzten abgesprochen werden, denn beide Seiten sind betroffen." Eventuell ist es dann notwendig Ressourcen umzustrukturieren und für das Unternehmen wichtige Themen können im Rahmen der Weiterbildung aufgegriffen werden. Andrea Lehky empfiehlt: "Alles eine Frage der (Selbst-)Organisation. Idee für alle jene, die es nicht nebenbei schaffen können: Bildungskarenz!" (Jus, derStandard.at, 20.11.2009)

Share if you care
3 Postings
hahaha

Mit dem Chef abgesprochen!!
Meiner hat mir vor ein paar Wochen ins Gesicht gesagt, er sei voll für Weiterbildung, aber nein, ich könne nicht an fast jedem Freitag über ein halbes Jahr hinweg pünktlich gehen, und ich müsse doch an >4 Wochenenden im Jahr für die Firma verfügbar sein. [er sprach von meiner Freizeit, meinen Freitagnachmittagen und Samstagen, wohlgemerkt]
Und ich hatte noch nicht mal um Unterstützung oder Teilübernahme der teuren Weiterbildung gefragt...

Gewinnfrage: Komm ich mir jetzt vielleicht vera..... vor???

Ein Studium ist KEINE Ausbildung! Das ist trotz der Studierendenproteste scheinbar noch nicht angekommen...

das wissen wir doch eh...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.