"Kein Gegenmittel gegen Vorurteile"

12. November 2009 19:51
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    Foto: standard/corn

    Feindbilder entstünden durch ein Wechselspiel von Politik, Medien und Gesellschaft, weiß Politikwissenschafter Farid Hafez. Immer noch sei das Bild des "bösen Islam" da, sagt er Nermin Ismail.

Farid Hafez, Politikwissenschaftler, im Gespräch über Feindbilder und die Rolle der Parteien

Standard: Während einer Diskussion wurden Sie gefragt, ob die Politik beim Thema Feindbilder versagt habe. Ihre Antwort darauf war Ja und Nein. Warum?

Hafez: Bei der Konstruktion von Feindbildern bzw. bei einer Gegenwehr kann die Politik eine Rolle spielen, das ist richtig. Es wäre aber einseitig, die "Schuld" einzig und allein aufseiten der Politik zu verorten. Es ist ein Wechselspiel von Politik, Medien und Gesellschaft. Wenn die FPÖ mit islamfeindlichen Polemiken Wahlkampf führt, so darf nicht ignoriert werden, welches Image vom "bösen Islam als Weltbedrohung" medial vermittelt wird und welche Bilder über den Islam im kollektiven Gedächtnis vorhanden sind.

Standard: Wer ist aktuell das Feindbild der Politik in Österreich?

Hafez: Feindbilder wechseln und bleiben nicht immer konstant. Verschiedenste politische Parteien bedienten sich um die Jahrhundertwende etwa des Feindbilds des weltverschwörerischen Juden. In den 1980er- und 1990er-Jahren waren wir in Westeuropa vor allem mit der Ethnisierung des Politischen konfrontiert. Das sogenannte "Ausländerproblem" war in aller Munde. Heute ist es eine Religionisierung unterschiedlicher öffentlicher Debatten, die aus einer verstärkten Islamophobie hervorgeht bzw. diese erleichtert.

Standard: Es ist allgemein ein Rechtsruck in Österreich zu beobachten. Kann man diese Entwicklung den Jungwählern zuschreiben, oder hat man das Vertrauen an die Parteien verloren?

Hafez: Ich würde nicht von einem Rechtsruck sprechen. Den jungen Menschen die Schuld zuzuweisen zeugt von einer Unfähigkeit, mit der Situation umzugehen. Rechtspopulistische Parteien mobilisieren aufgrund von Angst und Frustration und täuschen die Wähler oft auf Basis von Falschinformationen und Halbwahrheiten. Das Erstarken der FPÖ und des BZÖ würde ich nicht mit einem Rechtsruck gleichsetzen, wenn auch die Stärkung der FPÖ umgekehrt das Schüren von Antagonismen salonfähiger macht. Zu beachten ist, dass die FPÖ eine Kommunikationsart gefunden hat, mit der sie Junge erreicht und die Sprache vieler Jugendlicher zu sprechen fähig ist.

Standard: Wir leben in einem besonderen Zeitalter der Kommunikation. Man hat viele Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen. Woran liegt es, dass man dennoch so viele Vorurteile gegenüber Personen mit Migrationshintergrund hat?

Hafez: Ein wichtiger Grund liegt in der Funktion von Vorurteilen. Oft werden positive Erfahrungen als "Ausnahme" gewertet. So können Vorurteile immer wieder verbreitet werden, auch wenn die tatsächliche Erfahrung dagegenspricht. Insofern verspricht auch das positiv Erlebte kein Gegenmittel gegen Vorurteile zu sein.

Standard: Welche Rolle spielt die Schule beim Abbau von Vorurteilen? Denken Sie, dass da vielfach weggeschaut wird?

Hafez: Es wäre falsch, hier eine Verallgemeinerung zu machen. Wenn wir aber den jüngsten Fall der Schülerin aus der Steiermark nehmen, deren Kopftuch angezündet wurde, so ist hier anzumerken, dass die Schulleitung erst aktiv wurde, als die Medien ihre gesellschaftskritische Rolle einzunehmen begannen und als Korrektiv fungierten. Der Vorurteilsbekämpfung eine wichtige Stellung im Schulunterricht zu geben halte ich aber grundsätzlich für wichtig.

Standard: Mit der gegenwärtigen politischen Entwicklung Österreichs stehen wir nicht alleine da in der EU. Doch was unterscheidet Österreich von den anderen Ländern, die Reinhold Gärtner in seinem Buch "Politik der Feindbilder" analysiert?

Hafez: Paradox ist, dass Österreich einerseits das erste Land ist, in dem der Islam als Religion gesetzlich anerkannt wurde und das mit der Anerkennung einer islamischen Religionsgesellschaft einen europaweit vorbildhaften Weg ging, indem es Muslimen und Musliminnen auf Basis der Religionsfreiheit die gleichen religionsrechtlichen Rechte zugesteht wie anderen Kirchen und Religionsgesellschaften. Und andererseits ist Österreich wiederum das erste und einzige Land, indem es ein Verbot von Moscheen mit Minaretten in zwei Bundesländern gibt. Das ist paradox und stellt einen Rückschritt im Grundrechtsverständnis dar.(SCHÜLERSTANDARD/11.11.2009)

ZUR PERSON:

Farid Hafez ist Politikwissenschafter, forscht am Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht und lehrt am Institut für Orientalistik der Universität Wien. Vor kurzem erschien von ihm und John Bunzl der interdisziplinäre Sammelband "Islamophobie in Österreich".

Kantig
15.11.2009 17:24
Voruteile entspringen Fehlurteilen.

Wir sitzen in einem Zug der gegen einen Abgrund fährt, wir wissen nicht wie weit der weg ist.

Wir konstruieren Denkmaschinen und immer angepasstere Automaten. Wir beginnen Gehirnzellen von Ratten Roboter steuern zu lassen.

Die beliebig vermehrbaren Zellen werden sich organisieren und klüger als Menschen?

Machbar aber sinnvoll?

Kurz überlegt, wir müssten die Kräfte der Natur ausreichend stark beeinflussen können um im Notfall die Herrschaft zu behalten.

Das Denkmodell ist, die entscheidende Variable für Naturkatastrophnen in unserem Sinne zu beeinflußen.

Wer lehrt uns diese Zusammenarbeit, wo wir schon wissen, daß in etwa 30 Jahren Trinkwasser teurer als Erdöl sein wird, wenn wir nichts erfinden?

Philosophia
16.11.2009 12:09
Verehrter Kant - iger Philsosoph!

Deine Texte begeistern und zeigen den minimalen Unterschied zwischen Lehrkörper und Leerkörper in öffentlichen Schulen auf.

Didaktik als Krücke zum verantwortungslosem Stopfen der Kinder mit veraltetem Wissen, dessen Bestand im Leben der Kids keine Rolle spielen wird.

Die Möglichkeit auf moderne Wissensspeicher zu verweisen ist Frevelei - es erklingt sofort das Wort von der Ahnungslosikeit ohne zu bemerken, wie dump dieses Vorurteil ist.

Kein Schüler wird zur Mitarbeit hingerissen; erst wenn sich der fragende Finger erhebt, bekommt man Feedback.

Das wirklich Furchtbare - fragt ein SchülerIn, neugierig über das Wissen des Lehrkörpers hinaus, ist der Frust beiderseitig - dabei müßte nur im Web vorbereitet werden - ein Vorurteil?

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