Matthias Kopetzky

Koralmtunnel oder Audimax?

12. November 2009, 19:02

Was die Forcierung von Großbauprojekten mit den Forderungen und Ideen der studentischen Jugend im Audimax verbindet

Das Audimax der Universität Wien dient nunmehr in der dritten Woche als öffentliche Plattform für ein erstes studentisches Aufbegehren seit gut ein paar Jahrzehnten. Wie immer man zu den Forderungen der Studierenden stehen mag, so ist es doch für viele mehr als überraschend, dass diese Jugend zu so was überhaupt in der Lage ist. Und wie die dazu in der Lage sind. Ein interessierter - um nicht zu sagen von Neugierde getriebener - Besuch nach der langen Nacht der Forschung kurz nach 24.00 ergab, dass man gleich einmal einem Guide "in die Hände fiel" , der einem eine Führung(!) anbot. Was dann an Organisation in einer 20-minütigen Tour präsentiert wurde, macht Mut, dass man sich zumindest um die Management-Fähigkeiten der nächsten Generation ganz sicher keine Sorgen wird machen müssen.

Da fällt die momentane Politikgeneration sichtbar ab. Was da aus der Politik bis dato an Lösungsvorschlägen und Herangehensweisen geboten wurde, kann man bestenfalls als inkonsistent bezeichnen, um das Wort chaotisch nicht benutzen zu müssen. Die Wortmeldungen waren entweder Themenverfehlungen ("Wir müssen lernen, mit den Mitteln auszukommen" ) oder Provokation ("Audimax in Geiselhaft" ), waren aber jedenfalls frei von jeglicher Lösungskompetenz.

Was gilt in Österreich als Investition? - Hauptsächlich Beton. Es ist höchst interessant, dass faktisch unisono, wenn von "Investitionen in die Zukunft" die Rede ist, fast ausschließlich Beton (als Synonym für Bau) gemeint ist. Koralmtunnel ist eine Investition. Bahnhöfe sind Investitionen. 15min Zeitersparnis auf der Bahn von Wien nach Salzburg sind eine Investition. Banken aus der Krise gekauft heißt Investition.

Universitätslehrer und Lehrer im Allgemeinen sind Personalaufwand. Studienplätze sind Bildungsaufwand. Schul- und Universitätsausstattung sind Sachaufwand. Studierenden-Drop-outs sind verlorener Aufwand.

Studienplätze ...

Nach Meinung unserer gegenwärtiger Krisenüberwindungsexperten müssen derzeit die "Investitionen forciert" und beim "Aufwand gespart" werden. Und genau so sieht unsere Bildungs- und Investitionspolitik seit Jahren auch aus. So wie es scheint, kreist die Diskussion letztlich um ein uneinheitliches Verständnis, was nun wirklich eine Investition (in die Zukunft) in diesem Land sein soll.

Die Problematik des Sozialabgabenbetruges im Bau ist noch völlig ungelöst. Dadurch bewirkt jede weitere Investition eine weitere Verschärfung dieser täglichen Verluste der öffentlichen Hand und damit der Steuerzahler. Eine simple Nachfrage der politisch Verantwortlichen bei "ihren" Institutionen (Finanz, Sozialversicherung) würde ergeben, dass man sich dort de facto mafiösen Strukturen gegenüber sieht, denen mit den momentanen Mitteln nicht mehr Herr zu werden ist.

Jede Großbaustelle (Bahnhof, Autobahn, Tunnel,...) vergrößert dieses Problem gesamtwirtschaftlich betrachtet zusätzlich, weil gewisse Subauftragsbereiche ohne diese Scheinfirmen gar nicht mehr zu funktionieren scheinen. Ja selbst die Ausschreibungen sind schon spannende Geschichten für sich.

... als Investment begreifen

Was aber, wenn wir uns auf einen völlig neuen Investitionsbegriff einigen könnten? Wenn jeder Studienplatz als Investition und nicht als Aufwand gesehen wird. Dann käme man rasch zum Ergebnis, dass mehr gut ausgestattete Studienplätze ein Mehr an Investitionen bedeuten würde. Der "Output" dieser Investitionen sind gut ausgebildete "Gehirnarbeiter" und die Voraussetzung für alles, was wir uns sonst so sehr wünschen: Forschungscluster, Technologieparks, Unternehmensgründungen im Hightech-Bereich.

Da wird es auch keiner gießkannenartigen Forschungsförderungen mehr bedürfen, weil viele dieser Unternehmen und Institutionen sich freiwillig im Dunstkreis solcher Universitätscluster ansiedeln. Sogar "Auslandsinvestitionen" wären möglich. In dem wir nämlich möglichst viele Studenten aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland dazu überreden, ihr Studium doch bei uns zu absolvieren. Viele werden wieder (hoffentlich mit der besten Meinung über Österreich) zurückgehen, manche werden aber bleiben und dazu beitragen, dass noch mehr Hightech und Forschung sich hier ansiedeln.

Gründung neuer Universitätsstandorte und Ausbau bestehender auf engstem Raum (Alpenrepublik) ist demnach ein Investitionsprogramm neuen Stils. Nicht an den bestehenden Unis sparen, sondern sich für eine "Bahnhofs-, Straßen- und Tunneloffensive" im Bereich der Bildung entscheiden. Dass auch dafür ein wenig Beton notwendig sein wird, könnte auch die Bauwirtschaft beruhigen. (Matthias Kopetzky/DER STANDARD/13.11.2009)

Zur Person

Matthias Kopetzky ist Unternehmensberater in Wien, Sachverständiger für Wirtschaftskriminalität und national wie international als Lehrbeauftragter tätig.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 96
1 2 3
Don Quixote
01
14.11.2009, 21:49
Bravissimo Herr Kopetzky!

Michael Holzermayr2
00
13.11.2009, 17:58
Die steirer und kärntner Universitäten

könnte man im Koralmtunnel doch locker unterbringen.

Gilgamesch
00
13.11.2009, 17:17

ich habe im standard in letzter zeit einige kommentare gelesen, die wirklich gute lösungsansätze in den verschiedensten problembereichen (steuer bzw. subventionskonto, fremdenrecht, bildung, verwaltungsreform) anbieten.
aber kein einziger von den autoren hat die chance auf verwirklichung seiner vorschläge - weil sie eben nichts zu sagen haben! und die politik selbst ist zu sehr an der erhaltung des status quo interessiert, um gewonnene pfründe nicht wieder aufgeben zu müssen. kreativität und mut zum unkonventionellen sind mittlerewile todsünden, wenn man was werden will, außerdem verhindert das sogenannte lobbying allgemein faire zustände. - dieses land scheint unrettbar!

Karl-heinz Grill
03
13.11.2009, 14:37
beton + wadl (sport)

dies gilt auch für die aufmerksamkeit der medien:
sport 90%
geistiges 10%

dryeti
05
13.11.2009, 14:10
Sehr guter Artikel,

ich wünschte er würde dem einen Politiker oder der anderen Politikerin die Augen öffnen

Peter T
32
13.11.2009, 13:58
weder-noch

Der Koralm-Tunnel ist offensichtlich rausgeschmissenes Geld.
Das planlose Schütten von mehr Geld in die Unis, wenn es dann nur zu ein paar hundert mehr Publizistik-, Politikwissenschaft- und sonstigen Massenstudien-Absolventen führt, die nachher bestenfalls Taxifahrer werden können, ist genauso sinnlos.
Mehr Geld für die Unis - ja.
Aber eben mit einer gezielten Studienplatz-Bewirtschaftung, und gezielt auf die Studien gerichtet, deren Absolventen eben tatsächlich eine gute Investition für Österreich darstellen.

Rudi Rammler
00
14.11.2009, 16:20

Taxler oder doch Bundeskanzler, oder ORF-Generalintendant oder Politikforscher? Tuns doch nicht immer so, als wenn das alles nur Trottelstudien wären. Es gibt angeblich mehr arbeitslose WU-Absolventen als Geisteswissenschafter.

Peter T
00
15.11.2009, 12:21

keineswegs sind das trottelstudien. Und die qualifizierten und talentierten Studenten, die diese Studienrichtung wählen, werden auch ihren Weg machen. Die werden sich auch für den Studienplatz qualifizieren, wenn's nötig ist.
Die, die sich nicht qualifizieren, haben trotzdem unendlich viele andere Möglichkeiten für eine erfolgreiche Berufslaufbahn.
Und die, die für alles zu bl*d sind...na ja...

x aeins
00
13.11.2009, 17:29

glaub nicht dass es zielführend ist,Studienfächer in "gut" und "schlecht" einzuteilen,je nach derzeitigem Bedürfnis der "Wirtschaft"
ein begabter "Politologe","Soziologe" wird auch ausserhalb seines Kernfaches tüchtig sein,ein wenig begabter Informatiker oder Techniker ist auch volkswirtschaftlich von geringem Nutzen

Peter T
00
14.11.2009, 12:34

es geht nicht um "gute" oder "schlechte" Studien sondern
- wieviel Studienplätze kann ich mit den bestehenden Resourcen je Fach in entsprechender Qualität anbieten
- in welchen Fächern will / kann ich die Resourcen gezielt um wieviel erhöhen, um entweder die Qualität oder die Anzahl der Plätze oder beides entsprechend und gezielt zu erhöhen.
Im Gegensatz zu "planlos mehr Geld in ein heute schlecht funktionierendes System reinpumpen"

x aeins
00
14.11.2009, 18:21

glaub nicht,dass die Planlosigkeit das Problem ist,sondern der Geldmangel
da es für schlecht ausgebildete junge Leute immer weniger Arbeitsplätze gibt,muss man eben in Bildungseinrichtungen grosszügig und breit gestreut investieren und sich dabei jedenfalls nicht kurzfristig am Markt orientieren - wichtiger ist,dass jeder das finden kann,was "das seine" ist

Peter T
00
15.11.2009, 12:16

"großzügig und breit in Bildung investieren":
Guten Morgen, wir haben: Wirtschaftskrise, Budget-Defizit, Rekordverschuldung, und alle, wirklich alle schreien nach mehr Geld, von den Kindergärten bis zu den Pensionisten.
Daher kann's nur mehr Geld geben, wenn es ein glasklares Konzept gibt für jede Studienrichtung, wieviele Studienplätze jeweils finanziert werden können / sollen.
Einfach gesunder Menschenverstand.

x aeins
00
15.11.2009, 20:33

wie wärs mit Prioritäten,lieber Freund?
Bildung ist die wirtschaftliche Potenz von morgen
dann kämen Kindergärten,damit sich auch Frauen selbstverwirklichen können
und zum Schluß die Pensionisten (bin demnächst selbst einer)
wie wärs mit der Reihenfolge?
übrigens behauptet niemand,dass man das Geld für die Bildung nach Gießkannenprinzip verteilen soll - aber dass es wesentlich mehr geben muss,sollte doch klar sein

Peter T
00
16.11.2009, 09:39

Prioritäten - super!
Also:
ERST eine saubere Kapazitätsplanung pro Studienrichtung
DANN mehr Geld
ganz einfach

x aeins
00
16.11.2009, 21:25

ihre ganz einfache Supermethode hat leider einen kleinen Haken: wer entscheidet über die "Kapazitätsplanung"?
könnt ja so aussehen: Studien a,b und c drehen wir herunter,der Mitterlehner sagt er hat keinen Bedarf
und d.) lassen wir wie ´s ist,Ärztekammer findet eh es gäb genug... usw.
ich möcht sie sehen,wie sie ihre monatliche Familienkapazitätsplanung machen,wenn sie nicht wissen,wieviel sie einnehmen

tramezzino
40
13.11.2009, 14:53

das will aber von den studenten keiner hören. die wollen sich alle nur selber verwirklichen (wenn man den transparenten glauben schenken darf), koste es (den steuerzahlern), was es wolle...

smea_gol
01
13.11.2009, 14:52

komisch, dass in der Zeit der Wirtschaftsliberalität, des Freiheit ist mir wichtiger, etc... plötzlich alle bei den unis 5-jahres Pläne mit Planstellen a la Sowietunion propagieren.

Bildung in die Menschen ist niemals sinnlos.

Peter T
00
13.11.2009, 15:21

jeder simple Kurs an der Volkshochschule hat eine max. Teilnehmerzahl
Jeder Autobus hat eine max. Anzahl Fahrgäste
Wie kann man nur glauben daß man in etwas Komplexes wie die Uni einfach beliebig Leute reinstopfen kann.
Mir unverständlich

value
 
211
13.11.2009, 13:45
Koralmtunnel rot - Audimax grün

wolf stroh
 
00
13.11.2009, 13:38
...und gleichzeitig müssen mindestens 400 Millionen

...für CO2 Zertifikate gerechnet werden...einfach weil man geschlafen hat.....

Aber zum Prinzipiellen: das Problem universitäte Bildung muss großteils schon in der AHS (oder vergleichbarer Struktur) gelöst werden: dort sollen die Weichenstellungen erfolgen! Anstatt dessen wird die Matura immer weiter entwertet und damit der Zustrom zu den Unis mit - sagen wir einmal mangelhaft vorbereiteten Studenten - verstärkt. Das Prinzip einer Pyramide sollte jedem klar sein: wer starke, funktionierende Unis will, muss auch die Basis stärken, um die Spitze zu heben!
FAZIT: das universitäre Problem ist buchstäblich nur die Spitze des Bildungseisberges!

x aeins
00
13.11.2009, 17:59

schon klar - nur: es gibt nicht genug Arbeitsplätze für solche,die für das Gymnasium nur bedingt geeignet sind,und noch weniger Arbeitsplätze für Maturanten - also bleibt nur das Studium auch für solche,die auch dafür nur bedingt geeignet sind
also haben sie heute eine breitere Streuung,mit der sie leben müssen

Ausgeflippter Lodenfreak
00
13.11.2009, 14:20

Der Author des Artikels zeigt sich überrascht, dass diese Generation den Streik so gut organisiert, Sie schreiben von einer entwerteten Matura und schlecht vorbereiteten Neostudenten. Das ist der alte Irrtum, dass die Nachfolgende Generation in irgendeinerweise schwächer oder schlechter ist, weil man selbst an Erfahrung gewonnen hat und glaubt man war früher auch schon so weit. Die heute 18 - 20jährigen sind insgesamt nicht schlechter ausgebildet und um nicht weniger intelligent als es 18 - 20jährige vor 10, 20 oder 30 Jahren waren. Schwerpunkte haben sich vielleicht verschoben (z.B. Latein zu Technik) aber im Durchschnitt hat sich da nicht viel geändert.

wolf stroh
 
00
13.11.2009, 15:20
ich halte die Neostudente von heute in keinster Weise für weniger

intelligent oder organisationsfähig als meine generation. Da ich in die universitäre Lehre eingebunden bin, wage ich die Behauptung, dass viele von ihnen weniger geistige Wendigkeit und sogenannte Allgemeinbildung besitzen, was nur zum Teil durch die Omnipräsenz elektronischer Hilfen kompensiert werden kann. Der Ehrlichkeit halber sei angemerkt, dass ich "auf hohem Niveau meiner Studenten" motze, weil ich die meisten erst im 2 Abschnitt sehe!

stop-making-sense
12
13.11.2009, 13:20
Die Postings lassen ein Urteil zu,

dass für den akademischen Nachwuchs nicht schmeichelhaft ist.
Notwendige Investitionen in die Infrastruktur gegen Investitionen im Bildungsbereich aufzurechnen geht nur im Zustand völliger geistiger Umnachtung.

Oder die Herrschaften ticken so:
Investitionen in Wien/NÖ = voll super
Investitionen in anderen Bundesländer = ganz böse

Möglicherweise glauben unsere Jungakademiker wirklich, wir Österreicher können uns in Zukunft mit gegenseitigem Haareschneiden wirtschaftlich behaupten.

Alkolix
00
13.11.2009, 15:19

glauben sie wirklich, dass wir in 100 jahren noch arbeiter brauchen werden? (in österreich)
schon heute gibt es autofabriken die fast ohne menschliche arbeitskraft auskommen



Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 96
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.