Die audiophile Eiszeit

12. November 2009, 18:44

Dirigent Christian Thielemann über seine Erfahrungen mit Major Labels

Wien - Es sitzt also der Herr Thielemann im Hotel Imperial und ist ganz selig beim Gedanken an die Bayreuther Festspiele: "Nächsten Sommer dirigiere ich dort meine 100. Aufführung! Herrlich!" Auch sonst hat der Mann reichlich Grund zum Schwärmen. Er ist einer der angesagten Dirigenten dieser Tage. Er hat sich gerade entschlossen, seinen Job bei den Münchner Philharmonikern zu beenden - und konnte gleich verkünden, dass er seine symphonischen Gedanken ab 2012 halt bei der Staatskapelle Dresden zu verbreiten gedenkt.

Zudem: Es verbindet ihn euphorische Zuneigung mit den Wiener Philharmonikern. Mit ihnen nimmt er alle neun von Beethoven auf; die DVD-Box wird Mitte 2010 vollendet sein, als Zusammenarbeit zwischen Unitel, ORF, ZDF und Arte. Die Produktionskosten belaufen sich auf eine Million Euro. Doch hat er in Wien auch Den Ring des Nibelungen zu promoten. Bayreuth selbst (in Kooperation mit Opus Arte) gibt ihn heraus, er wird in Österreich von Gramola vertrieben.

Und dennoch. Gerade Thielemann ist ein Beleg dafür, wie sich die Zeiten geändert haben. Nicht zum Guten und vor allem bei den großen Major Labels wie Deutsche Grammophon (Teil von Universal), Sony, Warner und der gebeutelten EMI.

War Thielemann exklusiv bei der DG, ist das Verhältnis nun erkaltet. "Ich habe eine CD nicht freigegeben, worauf man mir die Pistole an die Brust gesetzt hat und meinte, wenn das so ist, dann würde der Vertrag auf Eis gelegt. So kam es dann halt. Das war eine Recital-CD mit einem Sänger, es hat eben nicht gepasst. Ich muss zugeben, mich geirrt zu haben. Aber das kann doch passieren!"

Nun ist Thielemann natürlich kein pflegeleichter Zeitgenosse. Unbestritten ist allerdings seine Qualität, und vor 20 Jahren hätte man ihm wohl jeden Widerspruch gestattet und auch die Kleine Nachtmusik fünfmal aufnehmen lassen. Doch heute? "Dirigenten sollen - wenn es nach den großen Firmen geht - nur schöne Stimmen begleiten. Mit der Renée Fleming und der Angela Denoke mache ich das auch gerne. Aber man muss doch das normale Repertoire auch pflegen. Bei Bruckner und Beethoven heißt es, das will keiner mehr."

Thielemann radikal: " Dann sollen sie doch die alten Sachen, die sie promoten, eine Zeitlang vom Markt nehmen. Dann würden sie auch an den neuen Dirigenten verdienen. Man muss doch die Qualität von heute dokumentieren. Wenn ich mir so Plakate ansehe, glaube ich, der Karajan dirigiert noch! Ich kann natürlich auch das Rad nicht neu erfinden bei Beethoven. Was wollen sie denn völlig neu machen? Es sind da Unterschiede, aber im subtilen Bereich."

Auch Operngesamtaufnahmen vermisst er bei wesentlichen Küstlern: "Nun haben wir Sacrificium von Cecilia Bartoli, die sich dem Repertoire der Kastraten widmet. Das werden sie dann auch von Männer singen lassen, und schließlich womöglich noch von einem Kastraten, wenn sie einen finden. Schade, dass es nur noch diese Häppchen-CDs gibt und keine Gesamtaufnahmen mehr. Ich will die Bartoli mit Mozart hören, aber einen neuen Figaro? Das will dann angeblich auch keiner mehr." Da denkt man besser wieder an Bayreuth. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2009)

 

Ch. Thielemann mit den Philharmonikern, Konzerthaus, 13.11., 19.30

Kommentar posten
20 Postings
Sergio Martino
02
13.11.2009, 13:50
Kurios, dass ein international tätiger Dirigent doch so ahnungslos ist.

Aufnahmen wurden und werden eben produziert, wenn man damit Geld verdienen kann. Das war nie anders, ein Plattenlabel ist nicht die Caritas. Oer es ging um technische Neuerungen (Stereo, Digital usw.).
Und für die Konsumenten ist die hundertste Neuaufnahme der üblichen Opern- und Konzert-Standardware - und genau die dirigiert Thielemann ja - ziemlich uninteressant.
Thielemann könnte sich ja neuer Musik widmen oder Raritäten herausbringen.
Außerdem: Wenn man zurückblickt - wie viele Aufnahmen überdauern tatsächlich die Zeiten? Etwa bei Mozart? Eine Hand voll, mehr nicht. Der Rest ist zeitgenössische (Selbst-)Überschätzung.

. Carnap
11
15.11.2009, 20:05

Thielemann ist ein Kind der Medien. Gepflegte Langeweile, betuliches Auskosten der schönen Momente, alles zelebriert.
Kein Drive, kein östhetisch zwingender Zugriff wie Kleiber, keine überbordende Ur-Musikalität wie Beecham, nix Geniales. Durchscnitt halt. Irgendwie kommt er über Kapellmeiste3r-Niveau halt auch nicht hinaus.
Es war in den letzten 20 Jahren ja eine Zumutung, immer wieder Harnoncourt als großen Meister servuiert zuu bekommen, aber der hat n den letzten 15 Jahren auch tatsächlich dazugewonnen, und er jat etwas Unverkennbares. Ist auch was.
Aber bei Thielemann verstehe ich, weshalb die Musikindustrie stagniert.

Sandra Warnung
01
13.11.2009, 13:17

Was war das für eine Recital-CD? Wer war da die SängerIn? Wurde die Aufnahme eingestampft oder neu aufgenommen? Ich hoffe, der oder die hat wenigstens eine 2. Chance mit einem geeigneteren "Begleiter" bekommen.

R.Funk
01
13.11.2009, 20:55
Recital CD

Bei der von Christian Thielemann nicht freigegebenen Recital-CD handelt es sich höchstwahrscheinlich um René Pape mit Gesangszenen aus den Meistersingern, der Walküre und Parsifal. Die Aufnahmen erfolgten Anfang März 2007 mit den Münchner Philharmonikern im Gasteig an drei Abenden mit jeweils verschiedenen Programmen. An einem dieser Abende war ich selbst unter den Zuhörern und wartete danach gespannt auf die von der DG bereits in der Vorschau angekündigte CD. Diese erschien jedoch niemals und danach auch nie wieder eine Thielemann-Aufnahme bei der DG. René Pape nahm dafür ein Jahr später "Gods, Kings & Demons" mit der Staatskapelle Dresden auf.

dd_san
12
13.11.2009, 13:00
.

“Ich kann natürlich auch das Rad nicht neu erfinden bei Beethoven. Was wollen sie denn völlig neu machen?”

Da sollte er sich doch mal die Paavo Järvi-Neuaufnahmen anhören ... da geht doch was ;-)

. Carnap
00
15.11.2009, 20:09

Es ist traurug, aber wahr: EWenn er nichts Neues zu sagen hat (was man ja versteht), dann soll er auch halt keine CD aufnehmen.
Michaedl Gielen, Rene Leibovitz, C. Kleiber sind sowieso scher zu toppen, will hei0ßen, da muss man sich schon ordentlich zusammenreißen, bei Dirigenten wie Thielemann einzuschlafen.

Giuseppe Verdi1
31
13.11.2009, 08:39
Major Labels... sind wohl

bekannte Marken, bekannte Plattenfirmen. Tief sinkt auch der Standard hier im Standard.

Kontrahent1
00
13.11.2009, 12:13
Klingt doch

viel dynamischer;-)

shinkyshonky
12
13.11.2009, 11:00

gute guete, haben sie sonst keine sorgen??

der terminus "Major Labels" gehoert seit geraumer zeit zum allgemeinen sprachgebrauch, auch in deutschsprachigen landen. welcher standard sinkt hier? der des verstaubt antiquierten berichterstattens? ist doch gut, oder?

. Carnap
01
15.11.2009, 20:10

Nein, ist nicht gut, ist denglisch. Und verrät das Bestreben, unbedingt cool sein zu wollen. Und das ist peinlich, denn man ist cool oder man ist es nicht.

Robert Waloch
10
15.11.2009, 19:50
Sie haben ja SOO Recht!

Das Niveau der Kultur-Berichterstattung beim STANDARD kann gar nicht sinken - nicht mehr....

Kontrahent1
31
13.11.2009, 12:15
und was spricht gegen

'Hauptmarken' ? Ach so, wir sind ja soooo modern und international -

Darius Minor
01
13.11.2009, 16:09
Ganz falsch.

"Label" heißt in diesem Kontext eben nicht "Marke", sondern Verlag/Plattenfirma. Hat nix mit Ihrer Armbanduhren-Marke zu tun.

Kontrahent1
01
13.11.2009, 21:41
Danke, man lernt dazu.

Habe ich noch nie gehört, muß man sich aber vielleicht auch nicht merken, oder ?

Darius Minor
00
14.11.2009, 22:03
Kommt drauf an.

Wenn Ihr Weltbild davon ausgeht, dass jedweder Content kostenfrei im Netz verfuegbar sein muss, dann eher nicht.

Andernfalls kann's nix schaden. :-)

Kontrahent1
01
15.11.2009, 11:27
Bin eher von der anderen, der klassischen

Fakultät. Die kauft noch CDs und läd nicht runter.

Darius Minor
00
16.11.2009, 23:54
Sehr sympathisch, sehr lobenswert!

Ganz im Ernst.

. Carnap
00
15.11.2009, 20:12

Tipp: Meistersinger in Graz. War ganz weg, mit diesem sängerischen Niveau habe ich gar nicht gerechnet.

Kontrahent1
00
16.11.2009, 10:54
Danke -

hätte nach Szenenbildern und Rezensionen darauf verzichtet, aber vielleicht ein Platz mit schlechter Sicht und guter Akustik.....Möchte mir nicht meinen hinreissend romantischen Eindruck der Salzburger Osterfestspiele verderben, welcher sich sosehr mit meinen Vorstellungen deutscher Romantik deckte. Aber gute Sänger und musikalische Realisation sind es immer wert.

steve low
02
12.11.2009, 21:17
Und weil die "Majors" schon seit Jahren nur mehr zu Kotzen sind,

blüht in den Nischen die "Subkultur" engagierter kleiner und mittlerer Labels, die wissen was sie tun: Investieren und nicht (nur) melken, die Musik und interessante Musiker fördern und dabei auch noch etwas verdienen.

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