Dirigent Christian Thielemann über seine Erfahrungen mit Major Labels
Wien - Es sitzt also der Herr Thielemann im Hotel Imperial und ist ganz selig beim Gedanken an die Bayreuther Festspiele: "Nächsten Sommer dirigiere ich dort meine 100. Aufführung! Herrlich!" Auch sonst hat der Mann reichlich Grund zum Schwärmen. Er ist einer der angesagten Dirigenten dieser Tage. Er hat sich gerade entschlossen, seinen Job bei den Münchner Philharmonikern zu beenden - und konnte gleich verkünden, dass er seine symphonischen Gedanken ab 2012 halt bei der Staatskapelle Dresden zu verbreiten gedenkt.
Zudem: Es verbindet ihn euphorische Zuneigung mit den Wiener Philharmonikern. Mit ihnen nimmt er alle neun von Beethoven auf; die DVD-Box wird Mitte 2010 vollendet sein, als Zusammenarbeit zwischen Unitel, ORF, ZDF und Arte. Die Produktionskosten belaufen sich auf eine Million Euro. Doch hat er in Wien auch Den Ring des Nibelungen zu promoten. Bayreuth selbst (in Kooperation mit Opus Arte) gibt ihn heraus, er wird in Österreich von Gramola vertrieben.
Und dennoch. Gerade Thielemann ist ein Beleg dafür, wie sich die Zeiten geändert haben. Nicht zum Guten und vor allem bei den großen Major Labels wie Deutsche Grammophon (Teil von Universal), Sony, Warner und der gebeutelten EMI.
War Thielemann exklusiv bei der DG, ist das Verhältnis nun erkaltet. "Ich habe eine CD nicht freigegeben, worauf man mir die Pistole an die Brust gesetzt hat und meinte, wenn das so ist, dann würde der Vertrag auf Eis gelegt. So kam es dann halt. Das war eine Recital-CD mit einem Sänger, es hat eben nicht gepasst. Ich muss zugeben, mich geirrt zu haben. Aber das kann doch passieren!"
Nun ist Thielemann natürlich kein pflegeleichter Zeitgenosse. Unbestritten ist allerdings seine Qualität, und vor 20 Jahren hätte man ihm wohl jeden Widerspruch gestattet und auch die Kleine Nachtmusik fünfmal aufnehmen lassen. Doch heute? "Dirigenten sollen - wenn es nach den großen Firmen geht - nur schöne Stimmen begleiten. Mit der Renée Fleming und der Angela Denoke mache ich das auch gerne. Aber man muss doch das normale Repertoire auch pflegen. Bei Bruckner und Beethoven heißt es, das will keiner mehr."
Thielemann radikal: " Dann sollen sie doch die alten Sachen, die sie promoten, eine Zeitlang vom Markt nehmen. Dann würden sie auch an den neuen Dirigenten verdienen. Man muss doch die Qualität von heute dokumentieren. Wenn ich mir so Plakate ansehe, glaube ich, der Karajan dirigiert noch! Ich kann natürlich auch das Rad nicht neu erfinden bei Beethoven. Was wollen sie denn völlig neu machen? Es sind da Unterschiede, aber im subtilen Bereich."
Auch Operngesamtaufnahmen vermisst er bei wesentlichen Küstlern: "Nun haben wir Sacrificium von Cecilia Bartoli, die sich dem Repertoire der Kastraten widmet. Das werden sie dann auch von Männer singen lassen, und schließlich womöglich noch von einem Kastraten, wenn sie einen finden. Schade, dass es nur noch diese Häppchen-CDs gibt und keine Gesamtaufnahmen mehr. Ich will die Bartoli mit Mozart hören, aber einen neuen Figaro? Das will dann angeblich auch keiner mehr." Da denkt man besser wieder an Bayreuth. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2009)
Ch. Thielemann mit den Philharmonikern, Konzerthaus, 13.11., 19.30