Der heilige Narr vor versperrten Türen

12. November 2009, 18:14
  • Artikelbild
    vergrößern 600x400
    foto: filmladen


    Hallo Wall Street, hier steht ein Störenfried, der ein paar Fragen hätte und sich nicht leicht abwimmeln lässt: Michael Moore markiert in "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" New Yorker US-Banken als "crime scene".

     

Was Sie schon immer über die Finanzkrise geahnt haben: US-Volksanwalt Michael Moore will in "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" grundsätzliche Fragen klären

... verzettelt sich aber im Beliebigen.

Wien - Das Phänomen Michael Moore mag man als Bedrohung dokumentarischer Korrektheit betrachten, als populistisches Dokutainment, das sich fragwürdiger Mittel bedient, um sein Argument an das Publikum zu bringen. Stimmt zwar, macht das Phänomen aber nicht greifbarer: Denn dokumentarische Aufrichtigkeit, der seriöse Aufbau argumentativer Linien, überprüfbare Quellen - all das war Amerikas populärstem "muckraker", dem notorischen Schnüffler und Volkstribun, schon immer ziemlich egal.

"Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte", sein neuer Feldzug gegen alles, was in den USA so falsch läuft - Immobilienkrise! Finanzkrise! Wertekrise! -, erzählt auch ein wenig darüber, wie Moore zu dem wurde, der er ist. Schließlich kehrt er darin unter anderem auch an jenen Ort zurück, von dem vor 20 Jahren alles seinen Ausgang nahm: Flint, Michigan, seine Heimatstadt. In "Roger & Me" (1989) inszenierte er sich erstmals als Fürsprecher kleiner Leute und bemühte sich umsonst um ein Interview mit Roger Smith, dem CEO von General Motors, der die Entlassung von 30.000 Mitarbeitern veranlasst hatte. In "Kapitalismus" kehrt Moore mit seinem Vater an die GM-Fabriksstätte zurück, wo dieser 30 Jahre lang gearbeitet hat. Jetzt steht dort nichts mehr: ein stiller Moment in einem redseligen Film.

Moore etablierte mit seinem ersten Filmerfolg eine Figur, deren Methoden sich seitdem nicht verändert haben. Weltumspannender wurden nur das angehäufte Material und die Topoi. Amerika veränderte sich rasant, Moore blieb der Anwalt des deprivierten Mittelstands, der immer umfassender agieren musste. Damit wucherte auch seine Person: Das Plakat von "Kapitalismus" legt gar eine Fährte zu Lenin - eher ein Spiel mit politischer Rhetorik als ernstgemeinte Strategie. Zu wenige würden ihm in diese Richtung folgen.

Moore geht es um eine Form partizipativer Demokratie, die er durch ein ökonomisch korrumpiertes Establishment gefährdet sieht. Das mag in Europa und US-Metropolen keine ganz taufrische Erkenntnis sein, für den Rest bietet er aber eine Öffentlichkeit mit Themen an, die im medialen Mainstream kaum mehr vorkommen. Seine griffigen Formeln bilden eine linke Alternative zu rechtskonservativen Sendern wie Fox News. Holzhammer gegen Holzhammer - offen bleibt, wem mit solchen Leithammeln geholfen ist.

Zumal Moore in "Kapitalismus" den Bogen wieder kräftig überspannt, um einen systemischen Zusammenhang aufzuzeigen. Die Bilder bleiben oft recht schlicht: Schon im Vorspann setzt Moore Banker mit Bankräubern gleich, um danach das Homemovie einer Familie zu zeigen, die sich gegen eine Polizeikohorte im Eigenheim verbarrikadiert. Er (oder sein großes Rechercheteam) findet aber auch Beispiele, die tatsächlich verwundern: etwa die Praxis von Firmen, ihre Mitarbeiter gegen Totalausfall ("dead peasant") zu versichern, um dann kräftig abzusahnen, wenn sie tatsächlich sterben.

Der Leim für die recht lose Ansammlung an Argumenten ist Moores Persona, wobei die Komik seines ewigen Anrennens gegen Sicherheitspersonal von Banken und Institutionen enden wollend ist. Öffnet diesem Mann doch endlich die Türen, damit auch seine Filme neue Wege nehmen können! Interessanter ist da schon Moores latenter Messianismus, der ihn diesmal direkt in die Arme katholischer Priester treibt. Sie versichern dem Filmemacher, der in seiner Kindheit selbst Gottesdiener werden wollte, nicht nur, dass Kapitalismus ein Werk des Bösen ist. Sie lassen ihn nun auch selbst in neuem Licht erscheinen: als heiligen Narren. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 29
1 2
Christian Müllner
00
14.11.2009, 14:23

Die Frage ist doch: Wie stelle ich den (bösen) Kapitalismus dar? Oder anders gefragt: Muß in einer Dokumentation immer alles seriös sein?
Nun, der Autor mag schon recht mit seiner Kritik an der Seriösität haben: manche interviewten Leute sehen aus wie gecastet (RTL Dokusoaps). Es ist halt unterhaltend. Doch den Aktionismus finde ich gut: wer würd´s sonst machen? Dazu gibt´s auch Hintergründe zum 700 Milliarden US-Finanzpaket und eine Rede des US-Präsidenten Roosevelt. Eine Beliebigkeit, die oft aber auch- interessante Details zu Tage bringt - etwa
dass manche Piloten in den USA wenig verdienen. Das Thema Kapitalismus ist zu komplex für eine Michael Moore Doku und doch auch wieder so plakativ um herzeigbar zu sein.

Wolf1005
 
30
14.11.2009, 02:20

Mir stellt es bei diesem Artikel die Haare auf.
Nicht wegen Michael Moore, sondern wegen der Sprache.
Mit dem Vokabular, das der Autor hier verwendet, schreibt man vielleicht geisteswissenschaftliche Dissertationen, aber keine Zeitungsartikel.
Vom "seriösen Aufbau argumentativer Linien", über den "deprivierten Mittelstand" bis zur "Form partizipativer Demokratie, die er durch ein ökonomisch korrumpiertes Establishment gefährdet sieht" (laut lesen bitte), liest sich er Artikel einfach schrecklich. Das alles lässt sich einfacher, klarer, prägnanter sagen.
Zwischen komplizierten Worten gibt's hier vor allem viel heiße Luft.
Enttäuschend.

Kristallpalastbewohner
00
13.11.2009, 15:05
sehr sehenswert.. die Doku...

steve 82
00
13.11.2009, 13:37

moore hat amüsante und kritische filme gemacht die mir durchaus spass gemacht haben. er schaut natürlich auch auf seinen verdienst und das ewig gleiche system seiner filme beginnt mich schon etwas zur nerven

pendragon
01
13.11.2009, 11:56
Es gibt doch ein Sprichwort von den Narren

"Kinder und Narren sagen die Wahrheit". Insofern muss man die Standard-Beurteilung als positiv für Moore einstufen.
Na klar, es gibt immer was her, sich über einen watschelnden Dicken lustig zu machen, der sich dazu noch gegen übermächtige Gegner wie der amerikanische Waffenlobby, dem Gesundheitssystem, dem Kapitalismus usw. zum Trottel macht.
Aber lachen jene auch über Moore, die Opfer dieser übermächtigen Gegner geworden sind?
Ich wünschte es gäbe mehr Michael Moores.

zweifler
00
13.11.2009, 14:41
Na klar

Die Bewertung in anderen Medien ist auch eine andere. Man muß nur auf die Farbe DIESER Zeitung sehen, um zu wissen, daß hier jede Kapitalismuskritik
wieder kritisiert wird. Oderwie in diesem Fall lächerlich gemacht. Ein Medium als New York Times-Verschnitt, made by Wall Street.

Keine Ahnung
00
13.11.2009, 15:27
ich habe den Eindruck, Sie beide missverstehen die Definition des Narren.

kurz + vereinfacht:
Der Hofnarr ist jene Person, die dem König ungestraft den bösen Spiegel vorhalten darf.
Dies dient dazu, das System am Laufen zu halten, denn das missbilligende Volk fühlt sich dadurch erleichtert und greift nicht zu drastischeren Mitteln wie Königssturz oder Revolution.
In diesem Sinne ist hier Moore vermutlich treffend als Narr bezeichnet.

Ava Tar
00
13.11.2009, 11:35
That kid is alright!

Herzerzog Johann
33
13.11.2009, 10:28
Moore ist nur peinlich.

Scheich Abdul
00
13.11.2009, 09:12

ui, da dicke scho wieda auf da spur von missständn?
und danoch glei zum mäci eni

pike bishop
120
12.11.2009, 19:18

Man mag über Moore und seine Methoden raunzen. Ich würde nur gern einmal auch hören, dass irgendwas, was er, z.B. zum amerikanischen Krankenersicherungssystem gesagt hat, gar nicht so ist, wie er es sagt. Das hört man aber nicht. Niemand widerspricht ihm inhaltlich. Immer wird nur gesagt, er wäre ein Clown, ein Populist, jetzt ein "heiliger Narr". Das ist auch sehr billig, um sich mit Sachverhalten nicht auseinandersetzen zu müssen. Un nur zu sagen, dass wüssetn wir eh alles, ist noch viel billiger. denn solange nichts geschieht oder immer wieder suggeriert wird, es gäbe halt keine alternative, da kann man nichts machen, kann das nicht oft genug gesagt werden.

das liebe urmili
23
13.11.2009, 10:02
da kann man Abhilfe schaffen:

zur Healthcare reform:
http://mises.org/daily/3855

zu Michael Moore's Capitalism:
http://mises.org/story/3751

ein Student zeigt richtigerweise auf, dass Moore fälschlicherweise den Kapitalismus kritisiert, wenn das eigentliche Problem 'corporatism' (keine gutes deutsches Wort verfügbar ist. Nicht frei arbeitende und Arbeit und Wohlstand generierende Firmen sind das Problem, sondern vom Staat subenviotnierte und protegierte Großkonzerne. Das ist einfach nicht das Gleiche...

http://www.youtube.com/watch?v=gwQ41Yo60og

Leider wird auch bei uns sehr verallgmeinernd der Kapitalismus verteufelt, während keiner von uns Arbeit oder Produkte zur Verfügung hätte, wenn es keinen gesunden Unternehmergeist gäbe.

Dante Alighieri
00
19.11.2009, 15:58

Das Mises-Institut ist eine sehr radikale Institution. Dass es dieser nicht gefällt wenn man armen Menschen hilft ist klar.

pike bishop
00
13.11.2009, 17:30


http://mises.org/daily/3855
hier finde ich nur eine wirttschaftl.Kritik an Obamas Krankenversicherung, es wird nicht gesagt, dass es den Kranken in der USA eh gut geht.
Moore zeigt in seinem Film, das versicherten in den USA immer wieder die Versicherung verweigert wird, so dass sie entweder in wirtschaftliche Probleme gestürzt werden und z.T. sogar sterben. Erklären Sie mir also bitte, dass das nicht so ist, dass alle ihre Behandlung bis zum Schluss bekommen, dass sie bei niemand abgestzt wird, so dass man dann selber zahlen muss. Dass seine Geschichten teilweise inszeniert sind, mag stimmen, ihr Hintergrund scheint aber wahr zu sein. Dass die Lebenserwartung im reichsten Land der Welt bei weitem nicht die höchste ist, stimmt auch.

cHL
00
13.11.2009, 12:03

der von ihnen angesprochene corporatism ist ja auch nur ein kind des kapitalismus.
verstehen sie dass jetzt nicht als grundsätzliche kritik am kapitalismus. aber er ist nunmal das system worauf alles aufsetzt. der staat muss eben die kooperationen (mhm..) eingehen um innerhalb des globalen kapitalmarkts wettbewerbsfähig und attraktiv zu bleiben.
da entstehen dann so sachen wie die lex-nokia etc...

das liebe urmili
00
13.11.2009, 10:09

sorry wegen der ganzen Tippfehler und ausgelassenen Klammern.

duke box
03
12.11.2009, 20:49

im orf war vor kurzem eine kanadische doku über moore bzw. den wahrheitsgehalt seiner sendungen.

z. b. die geschichte mit der bank, wo jeder neukunde ein gewehr bekommt (in bowling for columbine), war komplett gestellt.

moore verweigert der kanadischen journalistin, die die doku gedreht hat, seit jahren interviews.

pendragon
02
13.11.2009, 09:36
das stimmt schon,

aber im Grunde könnte man jede Dokumentation - egal von wem - zerpflücken. Die Geschichte mit der Bank und dem Gewehr ist im Grunde wahr gewesen, allerdings hat sie Moore aufgepeppt und so dargestellt, als würde man das Gewehr sofort mit der Unterzeichnung des Kontovertrages bekommen. Das hat natürlich so nicht gestimmt.

THE MISSING LINK
14
12.11.2009, 21:48

Mag sein, daß Du recht hast. Aber in einem Land wo Selbstkritik als Verrat oder "unpatriotic" gesehen wird. Wo man schon kleinen Kinder eintrichtert, wie großartig alles ist. Ein kritischer Blick schon den Kindern verwehrt wird, wodurch imho die kollektive Wahrnehmung psychopathologisch wird.

Da paßt Moore´s Arbeit perfekt dazu, weil er mit gleichen Waffen zurückschlägt.

BeachBuddy
01
13.11.2009, 08:06

In einem Land, wo Sozialismus noch immer als das Böse aus Russland angesehen wird Kapitalismus fast als Religion verehrt wird tut ein Michael Moore ganz gut.
Wiewohl auch junge Amerikaner nicht zufrieden sind, aber es herrscht halt der Slogan: es ist wie es ist.
Wer Geld hat, schafft an, so einfach ist es dort drüben.

Wolf1005
 
00
14.11.2009, 02:00

Man möchte sich bitte nicht irgendwelchen Illusionen hingeben: So einfach ist es auch hier.

belmag
02
12.11.2009, 20:12
ärztelobby

dass beste war ja, dass der oberbonze dorner von der ärztekammer, seine mitglieder zum ansehen des films verdonnert hat. also die lobby die abkassiert - sieht sich hierzulande als opfer *rofl*

Robbie82
00
12.11.2009, 20:02

vielen dank herr bishop. ich stimme ihnen hundertprozentig zu. ich haette gerne vernuenftige gegenargumente gehoert anstatt immer wieder zu hoeren das alles kritik, verschwoerungstherien seien.

Der rote Johann
 
82
12.11.2009, 19:49
Moore soll halt mal die Alternative ausweisen....

anstatt immer nur Leistungsträger anzupatzn.

aber diesbezüglich hört man vom Dicken eigentlich gar nix.

das ist ja geradezu das Charakteristische an den Linken: sie können in einer Endlosschleife den pösen, pösen Kapitalismus vernadern; aber wenn sie selbst mal was zum Anschaffen haben, dann geht das regelmäßig voll in die Hose.

pike bishop
01
13.11.2009, 13:06

zumindest imFilm über das Gesundheitswesen war das europäische System explizit und ausführlich als Alternative dargestellt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 29
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.