Laut Studie lässt der Schwund auf der größten Insel der Welt den Meeresspiegel um 0,75 Millimeter im Jahr steigen
Utrecht - Die Technik ist raffiniert: Seit Ende 2002 umkreist ein Satelliten-Paar die Erde in 200 Kilometer Entfernung voneinander und registriert dabei exakt jede Abweichung dieser Distanz. Die Unregelmäßigkeiten sind eine Folge der Schwerkraft, die örtlich unterschiedlich auf die künstlichen Himmelskörper einwirkt. So lassen sich Gravitations-Anomalien messen, aber auch Veränderungen in der Masse von Gebirgen - oder Eispanzern.
Ein internationales Forscherteam unter Leitung des niederländischen Meteorologen Michiel van den Broeke von der Universität Utrecht hat die Daten des GRACE-Vermessungsprogramms zur Untersuchung des grönländischen Landeises genutzt und die Ergebnisse mit denen des Langzeit-Klimamodells RACMO2/GR verglichen. Es zeigte sich eine verblüffend genaue Übereinstimmung. Die beiden Kurven gaben praktisch jede Veränderung in der Mächtigkeit der Eisschicht gleichmäßig wieder. Die Simulation für den Zeitraum 2003 bis 2008 deckt sich also weitestgehend mit den realen Messungen, und so kommen weitere Details ans Licht.
"Die Massenbilanz Grönlands variiert von Jahr zu Jahr enorm", betont Michiel van den Broeke. Natürliche Schwankungen gibt es seit eh und je, sie folgen u. a. dem Wechsel der Jahreszeiten, mit verstärkter Schmelze im Sommer und Schneefall im Winter. Darüber hinaus zeigt sich jedoch ein deutlicher Schwund. Laut den Berechnungen von van den Broeke und seinen Kollegen verlor der grönländische Eispanzer zwischen 2000 und 2008 ganze 1492 Gigatonnen Gewicht. Das Abschmelzen beschleunigte sich im Verlauf dieses Zeitraums und lag zuletzt bei einem Nettoverlust von 273 Gigatonnen jährlich. Das entspricht einer Meeresspiegel-Steigung von 0,75 Millimetern - in nur einem Jahr.
Die neuen Zahlen liegen deutlich über den Ergebnissen vieler früherer Kalkulationen. GRACE dient gewissermaßen zur Eichung, was die Präzision erheblich erhöhen dürfte. Weitere Details der Studie wurden heuer im Fachblatt "Science" veröffentlicht.
Ein wichtiger Faktor für Grönlands Eis-Dynamik ist der Niederschlag. Seit Jahren fällt mehr Schnee und Regen in der Region. Letzterer gefriert auch im Sommer zum Teil und verbleibt somit im Eis. Schneefall gab es vor allem im Winter 2002/2003 im Südosten der Insel sehr reichlich. Infolgedessen zeigte dieses Gebiet eine deutliche Abweichung vom generellen Trend: Zwar trat auch hier ein sehr starker Eisschwund, etwa die Hälfte des Gesamtverlustes, auf, doch er kam überwiegend durch das Kalben von Gletschern im Meer zustande, und nicht durch Schmelzwasser-Abfluss an der Oberfläche des Landeises, wie anderorts auf der Insel üblich.
Hätte es den extra Schneefall und das Einfrieren von Regen nicht gegeben, dann hätte Grönland inzwischen sogar doppelt soviel Eis verloren, sagt Michiel van den Broeke. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 11. 2009)