Der Nachweis von Pestiziden in Waldviertler Biomehl hat die Behörden auf den Plan gerufen. Neue Analysen bestätigten den Verdacht vorerst nicht
Wien - In der Biobranche liegen die Nerven blank. Der Nachweis diverser Pestizide in als biologisch ausgewiesenem Mehl hat eine Kette an eiligen Reaktionen bei den Behörden, der Industrie und im Handel ausgelöst. Die Kontrollstelle Austria Bio Garantie ist dabei, den Warenfluss von den Bauern bis zu den Regalen der Rewe zu durchleuchten. Die Lebensmittelbehörde Niederösterreich zieht eigene Proben aus den Filialen. Rewe hat am Donnerstag den Verkauf des Waldviertler Ja!Natürlich-Mehls gestoppt.
Rewe müsse den Verdacht ausräumen, dass konventionelle Produkte als Bio verkauft wurden, sagt Walter Mittendorfer, Lebensmittelkontrollor in der Landesregierung, dem Standard. Solange dieser Verdacht bestehe, habe man die betroffene Ware vom Markt zu nehmen und Konsumenten zu informieren. "Sonst liegt eine Täuschung vor."
Die Behörden gehen von drei betroffenen Chargen aus. Eine macht in der Regel für große Handelsketten gut 20 Tonnen aus, also 20.000 Packerln. Rückrufaktionen gehen hart ins Geld. Rewe holte einst etwa gentechnisch veränderten Reis zurück, Hofer Hirse, der mit Stechapfelsamen verunreinigt war.
Martina Hörmer sieht keine Gesundheitsgefährdung. Es stehe jedoch ein Verdacht im Raum - und solange dieser Fall nicht lückenlos aufgeklärt sei, werde man das Mehl der betroffenen Mühlen nicht verkaufen, sagt die Chefin von Ja!Natürlich. Ihr Konzern bezieht aus dem Waldviertel jährlich tausend Tonnen Mehl. Das ist die Hälfte der Gesamtproduktion des kleinen Familienunternehmens, das sich zu den Pionieren am Biomarkt zählt.
Eingekauft wird das Getreide unter anderem von der Crop Control. Diese beliefert auch große Mühlen wie Schmid, sagt ihr Chef Karl Fischer. "Wir ziehen bei Landwirten Ährenproben, jeder einzelne LKW wird überprüft." Kurzum, man sei vorsichtig "zum Kubik" : Hörmer bezeichnet die Causa als mysteriös. Keine der bisherigen analysierten Proben sei positiv gewesen.
"Manipulierte Lieferungen"
Die Austria Bio Garantie gab gestern Nachmittag erste Entwarnung. Eine Analyse von zwei Packungen der betroffenen Charge habe keine Hinweise auf Chlorphyrifosmethyl gegeben. Die Menge an Piperonylbutoxid liege unter dem erlaubtem Grenzwert, sagt Bereichsleiter Josef Ritt. Endgültig seien die Ergebnisse noch nicht, aber der Verdacht steige, dass einzelne Lieferungen manipuliert worden sein könnten.
Wie berichtet hat die Lebensmittelversuchsanstalt Biomehl der Re-we-Marke Ja!Natürlich auf Pestizide untersucht und wurde fündig. Zulässige Grenzwerte wurden zum Teil massiv überschritten. Im Kilo Weizenmehl fanden sich gar 0,065 Milligramm eines Lagerschutzmittels. Toleriert wird ein Wert unter 0,01 Milligramm. Josef Ritt spricht von einer definitiv aktiven Anwendung. Experten sehen zwei mögliche Szenarien: Biogetreide wurde konventionelles beigemengt. Oder Bioware wurde im Lager mit im Biobereich unerlaubten Mitteln gegen Motten und Kornkäfer begast.
Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft Krems und wird, wie sie am Donnerstag bestätigte, geprüft. Anwalt Johannes Wolf brachte zudem am 22. Oktober, wie er sagt, Anzeige in Wiener Neustadt ein. (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.11.2009)