Porto viertelweise

12. November 2009, 16:56
  • 1881 bis 1886 baute Téophile Seyrig an der Brücke Dom Luís I. Zuvor war
er zehn Jahre Geschäftspartner Gustave Eiffels, der davor wenige
hundert Meter entfernt die Eisenbahnbrücke Maria Pia errichtete.
Mehr Fotos von Porto gibt's in einer Ansichtssache.
    foto: mirjam harmtodt

    1881 bis 1886 baute Téophile Seyrig an der Brücke Dom Luís I. Zuvor war er zehn Jahre Geschäftspartner Gustave Eiffels, der davor wenige hundert Meter entfernt die Eisenbahnbrücke Maria Pia errichtete.

    Mehr Fotos von Porto gibt's in einer Ansichtssache.

  • Auf der Außenwand der Igreja do Carmo findet man die für Portugal so typischen, prächtigen Fliesen, genannt "Azulejos".
Mehr Bilder der Kirchen von Porto gibt's in einer Ansichtssache.
    foto: fabio fonseca

    Auf der Außenwand der Igreja do Carmo findet man die für Portugal so typischen, prächtigen Fliesen, genannt "Azulejos".

    Mehr Bilder der Kirchen von Porto gibt's in einer Ansichtssache.

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    grafik: der standard

Nicht nur der Portwein, auch der Kaffee ist in der Stadt am Douro ganz ausgezeichnet, findet Luzia Schrampf - mit Ansichtssache

Zuerst wird einem vor riesigen Portweinfässern die Geschichte des Ports und des Hauses Graham's erklärt. Dann gibt es eine Verkostung. Portweinanfängern werden die Basics via Glas nähergebracht, Profis mit einem wohlausgewählten Querschnitt aus dem Sortiment beglückt, der je nach Vorliebe unterschiedliche Stile oder reifere und jüngere Jahrgänge abdeckt. Danach verlässt man beschwingt das Haus und kann sich als Draufgabe am Anblick der Stadt Porto berauschen. Besuche in Portweinhäusern zählen zu den beliebtesten Attraktionen Portos, selbst wenn die Lagerhäuser genaugenommen beim Nachbarn stehen. Vila Nova de Gaia am Südufer des Douro ist aber nur eine kurze Brückenquerung von Ribeira, Portos historischem Zentrum, entfernt. Und dass Port in Gaia gelagert wird, hat schlicht klimatische Gründe: Die Häuser blieben selbst unter südlicher Sonne kühl, da diese von hinten kommt und die Lagerhallen in den Hang hineingeschlagen wurden.

Porto, Namensgeber des Portweins und Herz des Ballungsraums, zu dem auch Vororte wie das schicke Foz oder Mathousinos direkt an der Atlantikküste gehören, ist seit sehr vielen Jahrhunderten ein Handels- und Industriezentrum (siehe Seiten 16 und 17 zu den Nuri-Sardinen). Die Altstadt liegt kurz vor der Mündung des Flusses Douro an den steilen Hängen des engen Granittales. Der frühere Reichtum, der vor allem mit dem Barockzeitalter, der Entwicklung des Port-Handels und den darauffolgenden Epochen manifest wurde, prägt auch heute noch das Stadtbild. Während Porto zu den Stadträndern hin immer moderner und höher wird, findet man im Zentrum drei- und vierstöckige Bürgerhäuser gleich Viertel-weise. Bekanntestes Beispiel dank des Status als Weltkulturerbe ist Ribeira direkt am Fluss neben der Brücke Dom Luís I.

Diese Viertel sind untertags sehr lebendig, auch wenn in jüngerer Zeit die Bewohner lieber an die Ränder der ausgedehnten Agglomeration ziehen. In den historischen Häusern des Zentrums von Porto finden sich viele Geschäfte mit hübschen Portalen wie jenes des Spezialitätengeschäftes A Perolá do Bolhao, wo es laut Eigenwerbung den besten "bacalhau", also Stockfisch, der Stadt zu kaufen gibt. Die Fenster über den ebenerdig gelegenen Läden sind teilweise eingeschlagen oder mit Brettern zugenagelt, die Wohnungen zuweilen sehr verfallen. Und das ist traurig angesichts der noch immer durchschimmernden Pracht dieser Häuser mit Belle-Époque-Ornamenten oder bunten Fliesenfassaden.

Porto verströmt also den Charme eines gewissen Verfalls und zeigt gleichzeitig die Schönheit des Aufbaus, wie er in jüngerer Zeit auch in manchen Städten des europäischen Ostens zelebriert wurde. Ein durchaus einnehmendes Ambiente, zu dem hier am Douro auch atlantische Herbe und Salzigkeit dazukommen. Ursache für den Verfall der Gebäude waren die eingefrorenen Mieten während der Diktatur bis zu deren Ende 1974, was Hausbesitzer nicht gerade veranlasste, groß zu investieren: Mehr Geld für bessere Wohnungen gab es ohnehin nicht.

Die Stadt führt heute ein Erneuerungsprogramm durch (www.portovivosru.pt), das die Altstadt wieder "bewohnbar" machen möchte. Ein Beispiel ist die Rua das Flores, bei der die Revitalisierung zu greifen beginnt: mit Geschäften, die noch nicht von Großkonzernen eingenommen wurden, sondern der Versorgung der Nachbarschaft dienen, und Bars, in denen man die von steilen Gassen und Katzenkopfpflaster malträtierten Beine ausstreckt und sich mit verlässlich gutem Kaffee stärkt.

Barockkirchen, die zum Zwecke der "Kundenbindung" mit prächtigem vergoldetem Schnitzwerk ausgestattet wurden, und neoklassizistische Gebäude wie der Palácio da Bolsa, die den britischen Einfluss nicht verleugnen, fügen sich ebenso prägend ins Stadtbild ein. Durch die Verflechtungen des (Wein-)Handels bildeten vor allem Briten, auch Holländer und viele andere Nationen einflussreiche "Kolonien", was sich in der Architektur, aber auch in Alltagsgepflogenheiten niederschlug.

Zur Stadt gehören auch gutfunktionierende Öffis, darunter eine historische Tram, die in manchen der steilen Anstiege den Bussen überlegen war. Dazu kam jüngst eine Metro, deren Bau sich hinzog, da man sich durch mehr Granit sprengen musste, als bei der Planung abzusehen gewesen war.

Touristenkitsch hält sich hier in Grenzen. Neben Portweinhäusern sind auch ein Fotografiemuseum und signifikante Architektur unterschiedlichster Epochen wie die Casa da Música von Rem Koolhaas und Ellen Van Loon beliebte Attraktionen. Stadtkundige erzählen Soziologisches, vom Stolz der Bürger gegenüber dem Adel, was Porto einen Sonderstatus sicherte, oder auch von der Schule der Taschendiebe, die es hier bis in die 1950er-Jahre gegeben haben soll, gemäß deren Ehrenkodex Freunde von Freunden nicht zu bestehlen waren.

Wer Kaffeehäuser mag, hat hier ein weites Betätigungsfeld. Im Guarany, gegründet 1933, kann man nicht nur gut essen, sondern sitzt vor schönen großformatigen Bildern der Malerin Graça Morais. Das Majestic im Belle-Époque-Dekor mit seinen üppigen Kristallspiegeln hätte das Zeug zur Touristenfalle, erobert sich jedoch alle Sympathien mit feinen Sandwiches, einer Melonensuppe und vielen Varianten jener typisch portugiesischen Pastelaria, die vor allem aus Eidotter, Zucker und Butter besteht. Selbst McDonald's beugte sich dem Stadtambiente. In der Filiale in einem Traditionscafé an der Praça de Liberdade verzichtete man auf den Corporate-Identity-Umbau und nahm die Location, wie sie war.

Trendiges findet sich in Porto in den Innenhof-Bars von Foz, während im Hochhaus der Albergaria Miradouro am höchsten Punkt Portos die 1960er lebendig sind. Die Aussicht im Restaurant Portucale im obersten Stock ist zu jeder Zeit großartig, Jacketts und Manieren der Kellner sind vom Feinsten. Die Einrichtung bis hin zu den Gobelins ist angejahrt und dennoch picobello ebenso wie die Ausstattung des Hotels in den Stockwerken darunter. Und die Darbietung eines saftig gebratenen Fisches mit hausgemachter Sauce Remoulade stammt aus Zeiten, als Karotten und Kartoffeln vor dem Servieren noch in Kugelform ausgestochen wurden.

In Portos Zentrum wird auch gern gefeiert, so bei der Queima das Fitas, einem Studentenfest, das auf den Straßen in mehreren Uni-Städten gefeiert wird. Es ist ein wichtiger Umsatzbringer der hiesigen Bierindustrie. Bei der Festa de São João am Vorabend des 24. Juni wird Johannes der Täufer als Stadt-Schutzheiliger gefeiert, der es aber gar nicht ist. Ob sich die Portuenser dabei wegen dieses Irrtums gegenseitig mit kleinen Plastikhämmern auf den Kopf klopfen, ist unklar. Diese sind aber immerhin schmerzloser als die Knoblauchzöpfe und Minzebüschel, die man früher dem anderen ins Gesicht schlug. (Luzia Schrampf/DER STANDARD/Rondo/13.11.2009)

Fotos von Porto gibt's in einer Ansichtssache.

Anreise & Unterkunft:

Anreise: z. B. mit Air Berlin
Wohnen: z. B. in der neuen Pousada do Porto - Palácio do Freixo, Albergaria Miradouro Hotel
Infos zu Porto: www.portoturismo.pt
Infos zu Port und portugiesischen Weinen: www.ivp.pt, www.vinipurtugal.pt

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12 Postings
tenho saudade

porto ist so organisch, wie eine wuchernde pflanze oder ein tier sitzt sie auf ihren vielen hügeln und hat so viele facetten.

die westlichste "groß"stadt am kontinent - überraschend exotisch, weckt südamerikanische assoziationen.

Mir fehlt der wilde Charme von Porto

Porto ist auch: Möwengekreische, Dreck, Kleiderschürzen am Douro im Restaurant, Einheimische die zum Fado aus dem Radio mitsingen, die Herzlichkeit der Portugiesen etcetc.
Eine charaktervolle Stadt und etwas ganz Besonders.

super titel!

kreativ!
macht den kleinen ausrutscher mit forderung nach miniweingebinden wieder wett! :-)

Portugal ist in meinen Augen eines der am meisten unterschätzten Länder Europas.

Porto ist wundervoll, Lisboa finde ich so faszinierend, daß ich mit Job und Wohnung bei der Hand in 10 Minuten beginnen würde, meine Sachen zu packen.

Warum in 10 minuten?

Müssens erst ausrauchen?

Na, aber 10 Minuten Freudentänze würde ich mir schon erlauben.

würden sie das?

Wunderschön und saubillig

Kann Porto an Reiseinteressierte nur weiterempfehlen. War zu Airrace dort und von der rauhen Schönheit und vom Preis - Leistungs Verhältnis sehr angetan.

Wir haben es zar dieses Jahr nicht geschafft

zum Airrace, haben das aber schon 2 x erlebt. Es ist wie du sagt.
Ich mag die Menschen, das Essen sowieso... Die Sardinas ... da bekommt man für € 5 frisch gegrillte Sardinen satt, dazu um € 2 ausgezeichneten Wein usw. Wir waren mal für € 15 zu zweit essen und es war rundherum toll inkl. dem Mann, der am Straßenrand an seinem Holzkohlen-Griller stand.

Nachtrag noch

Weder Porto noch Lissabon sind was für stark Fußmarode! Man sollte doch ziemlich geländegängig sein!
Die Öffis sind zwar sehr gut, aber der kleine Stadtbummel geht in beiden Städten ordentlich bergauf und bergab.

Portugal ist eine Reise wert noch nie so einen guten Kaffe getrunken !!

Das kann ich nur bestätigen! Best Espresso ever!

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