Sind Studium und Beruf vereinbar? Ein Balanceakt aus "Lieben, Lachen, Lernen" und der Notwendigkeit "nein" zu sagen
Drei "Zeitmanagement-Experten" erzählen über Schwierigkeiten, Vorteile und persönliche Strategien für einen Alltag mit Lernen und Arbeiten.
Der gelernte Speditionskaufmann Hannes Hinterberger ist seit 2003 in Vollzeit bei der Maschinenfabrik Pöttinger in Grieskirchen für Ersatzteiltransporte verantwortlich. Seit Anfang 2009 studiert er Internationales Logistikmanagement an der FH Steyr.
Chris Budgen leitet bei der Online-Agentur diamond:dogs die Bereiche Consulting und Projektmanagement. Vor einem Jahr hat er das berufsbegleitende Masterstudium Marketing and Sales an der FH Wien begonnen.
Judith Hatzmann arbeitet Teilzeit als Analysis and Test Engineer, Abteilung Statik, bei Diamond Airkraft Industries in Wiener Neustadt und studiert Maschinenbau an der Technischen Universität Wien.
derStandard.at: Warum "tun Sie sich" die Doppelbelastung einer berufsbegleitenden Weiterbildung an?
Hannes Hinterberger: Dafür gibt es mehrere Gründe: Ich glaube, dass ich meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen kann. Ich will nicht zum "Stillstand" kommen. Und ich wollte wissen, wieviel ich in der Zwischenzeit autodidaktisch gelernt habe. Die entscheidende Motivation ist jedoch der Wille, etwas ganz Großes zu schaffen - sich zu beweisen. Es läuft vieles auf den natürlichen Drang nach Selbstverwirklichung hinaus.
Chris Budgen: Ich wollte wieder etwas für den Geist machen. Seit meinem letzten Studium sind fast zehn Jahre vergangen und da hat sich im Bereich Marketing and Sales einiges getan. Außerdem sehe ich ein FH Studium als ideal, um das Netzwerk mit spannenden Menschen zu erweitern.
Judith Hatzmann: Ich habe zu arbeiten begonnen, als ich schon 85 Prozent des Studiums fertig hatte und es wäre sehr schade gewesen, den Abschluss nicht zu machen.
derStandard.at: Erhalten Sie finanzielle Unterstützung vom Staat oder seitens der Eltern?
Hinterberger: Studienbeihilfe gibt's für mich nicht, da ich als Vollberufstätiger über die Einkommensgrenze hinaus schieße. Ein Selbsterhalterstipendium kommt nicht in Frage, denn das würde heißen: zurück zu den Eltern.
Schade ist, dass Studentenermäßigungen bei Banken, Zeitungen, Eintritten etc. meist nur bis 27 gelten. Speziell an der ÖBB muss ich Kritik üben: Es ist für mich nicht interessant, mit öffentlichen Verkehrsmitteln an meinen Studienort zu fahren. Wenn ich allerdings eine Ermäßigung hätte, schon!
Budgen: Mit über 30 will man nicht unbedingt auf finanzielle Unterstützung seitens der Eltern angewiesen sein. Ärgerlich ist, dass man nach einer akademischen Vorbildung, bei der man kein Stipendium erhalten hat, später keinen Anspruch mehr darauf hat.
Hatzmann: Für ein Stipendium haben meine Eltern zu gut verdient. Und ich wollte nach achteinhalb Jahren Studium nicht mehr finanziell abhängig sein.
derStandard.at: Mit welchen Belastungen sind Sie konfrontiert?
Hinterberger: Manchmal wünsche ich mir einen Schalter, mit dem ich die Zeit anhalten und alleine weiterarbeiten kann. Es gibt praktisch keine Stunde, in der ich nicht daran denken muss, dass ich eigentlich noch was für's Studium machen sollte. Aber ich lerne, die freie Zeit wirklich zu nutzen. Die Stunden mit Freundin, Familie und Freunden werden sehr kostbar.
Budgen: Die zeitliche Belastung durch das Studium ist nicht von der Hand zu weisen, die Zeit fehlt im Job. Da muss der Arbeitgeber mitspielen, sonst wird es schwer.
Hatzmann: Es erfordert viel Disziplin neben einer verantwortungsvollen
Vollzeittätigkeit zu studieren. Ich habe in eineinhalb Jahren Vollzeitarbeit nur ca. fünf Prozent des Studiums weitergebracht. Deshalb arbeite ich seit Oktober nur noch 20 Stunden die Woche.
derStandard.at: Sehen Sie Vorteile in der Verknüpfung von Studium und Beruf?
Hinterberger: Vieles am Lehrstoff ist für mich nicht neu, sondern bekommt nun einfach eine Bezeichnung. Anhand meiner praktischen Erfahrung kann ich mir vieles leichter erklären und überdies auf die Professionalisten in meiner Firma zurückgreifen.
Eine Überraschung war für mich, wieviel Zeit ich investieren kann. Bevor ich mich für das Studium entschlossen habe, hatte ich auch wenig Zeit. Plötzlich ist das aber wie Urlaub, wenn ich Ferien habe und "nur" arbeiten muss.
Budgen: Nachdem ich beide Varianten, Vollzeit- und berufsbegleitendes Studium, probiert habe, muss ich der berufsbegleitenden Variante den Vorrang geben. Durch das praktische Know-how und die Arbeitserfahrung entstehen konstruktive Diskussionen während der Vorlesung. Aussagen von Vorlesenden nimmt man nicht mehr als gegeben hin. Umgekehrt können spannende theoretische Ansätze unmittelbar im beruflichen Umfeld umgesetzt werden.
Hatzmann: De Facto bin ich einfach schon früher in meinen Beruf eingestiegen. Mir macht das Arbeiten zur Zeit mehr Spaß als das Studieren und ich erkenne den Wert meiner Ausbildung, bevor ich sie abgeschlossen habe. Ich bin jetzt motivierter, zielstrebig auf meinen Studienabschluss hinzuarbeiten, als vor Beginn meiner Tätigkeit. Last but not least: Eigenes Geld verdienen tut gut!