derStandard.at-Interview

"Es war Zwangsintegration"

Maria Sterkl, 15. November 2009 18:54
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    Es gebe eine "auffallende Ähnlichkeit" zwischen der heutigen Integrationspolitik und jener im Wien der Jahrhundertwende, meint Moritz Csáky

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    Foto: standard/corn

    Eine Figur im Böhmischen Prater in Wien-Favoriten: Hier fanden böhmische ArbeiterInnen ihre Parallelwelt der Wochenend-Unterhaltung

Stimmt es, dass die Integration von Zugewanderten in Wien vor 100 Jahren reibungsloser war? Überhaupt nicht, meint Kulturhistoriker Csáky

derStandard.at: Wien war schon immer eine Zuwanderungsstadt: Um 1900 war mehr als die Hälfte der Wiener Stadtbevölkerung nicht in Wien geboren. Warum fällt es den WienerInnen heute trotzdem so schwer, sich als als Zuwanderungsgesellschaft zu sehen?

Csáky: Weil Migration immer mit Konflikten einhergeht. Das verdrängen wir. Je heterogener eine Situation, umso krisenanfälliger.

derStandard.at: Dennoch gibt es heute die Ansicht, Integration sei im 19. Jahrhundert weniger konfilktreich verlaufen - die TschechInnen in Wien hätten sich "besser integriert".

Csáky: Das stimmt absolut nicht. Diese Immigranten wurden nicht als "Eigene" angesehen, sondern als "Fremde", es gab enorme Repressionen.

derStandard.at: Welche Art von Repression?

Csáky: Ein Beispiel: Es gab eine Verfassungsbestimmung, dass alle Nationalitäten das Recht auf Gleichbehandung haben. Aber im späten 19. Jahrhundert hat man beschlossen, dass das für Tschechen in Wien nicht gelten soll. Man hat sich darauf ausgeredet, dass sie nicht in Wien "historisch verankert" wären, da sie zugewandert sind. Dabei waren von den 1,7 Millionen Menschen in Wien rund 500.000, die aus Böhmen und Mähren kamen. Man übersah völlig, dass sich die Bevölkerung im Zuge der Industrialisiserung geändert hatte. Und das ist uns heute ja auch geläufig.

derStandard.at: Wie wirkte sich dieses Gesetz aus?

Csáky: Das bewirkte, dass die 500.000 zugewanderten Tschechen in Wien keine staatlich anerkannten Schulen haben konnten. Um ein offizielles Schulzeugnis haben zu können, mussten sie ihre Kinder nach Böhmen oder Mähren schicken. Auch in der Öffentlichkeit Tschechisch zu sprechen, war absolut verpönt. Und alle Zugewanderten musste unter Bürgermeister Lueger einen Bürgereid auf Wien ablegen. Man musste schwören, den "deutschen Charakter" der Stadt zu verteidigen - egal, ob man ein Jude aus Galizien, ein Tscheche aus Böhmen, oder ein Ungar aus Tokay war. Wer den Eid nicht leistete, konnte jederzeit ausgewiesen werden. Es war eine völlige Zwangsintegration.

derStandard.at: Welche Folgen hatte diese Zwangsintegration?

Csáky: Sehr viele der in Wien lebenden tschechischen Intellektuellen waren wahnsinnig skeptisch gegenüber Wien und dem Staat. Und nach dem Ersten Weltkrieg gingen an die 200.000 von ihnen nach Tschechien zurück. Und bei denen, die blieben, wurden oft die Namen zwangsweise verdeutscht: Aus Dvořák wurde Dvorschak, und so weiter.

derStandard.at: War das einmal anders - wurde früher mehr Diversität zugestanden?

Csáky: Ja, bis 1848 ungefähr. Es gibt unter Josef II. eine Verordnung, dass alle Verlautbarungen in Wien zweisprachig sein müssen, auf Deutsch und auf Tschechisch. Das wäre um 1900 nicht mehr denkbar gewesen. Mit der Schulreform des 18. Jahrhunderts waren die einzelnen Nationalsprachen sogar gestärkt worden, weil der Unterricht nicht mehr in Latein abgehalten wurde, sondern in der jeweiligen Umgangssprache.

derStandard.at: Welche Klischeebilder gab es um 1900 über "den Böhmen" und "die Böhmin"?

Csáky: Am deutlichsten kam das in Alltagsgesprächen, in Witzen zum Ausdruck. Über den Tschechen hieß es, er sei behäbig, nicht sehr fleißig, die Tschechin koche gut, esse aber auch umso mehr, sie wurde auch in Karikaturen immer als sehr dick gezeichnet. Natürlich waren solche Beschreibungen nicht immer ernst gemeint - aber die politische Instrumentalisierung war enorm.

derStandard.at: Wie entstanden diese Bilder?

Csáky: Es ging darum, das "Fremde" zu konstruieren, eine bestimmte Gruppe als "anders" festzuschreiben. Man stärkte so die eigene Identität.

derStandard.at: Warum musste man das "Fremde" erst konstruieren, wenn es ohnehin Teil der Gesellschaft war?

Csáky: Ein typisches Menü der Wiener Küche besteht in der Gulaschsuppe, dem Wiener Schnitzel und den Powidltascherln. Diese Gerichte kommen aus Ungarn, aus Italien und aus Tschechien. Weder Gulaschsuppe, noch Schnitzel, noch Powidltascherl entsprechen den ursprünglichen Gerichten, sie sind verändert. Aber dennoch ist die Costoletta alla Milanese im Schnitzel immer noch spürbar. So ist es auch in gesellschaftlichen Prozessen. Der Migrant wird als etwas anderes wahrgenommen, allein durch die Sprache. Also schreibt man ihn gleich als "fix anders" fest.

derStandard.at: Um nicht in Gefahr zu kommen, sich etwas von ihnen abzuschauen?

Csáky: Migranten wollen sich der Mehrheitsgesellschaft anpassen. Aber sie verändern dadurch nicht nur sich selber, sondern sie verändern auch jene, denen sie sich angebiedert haben. Wir sehen das ganz deutlich im Antisemitismus: Die assimilierten Juden veränderten die Kultur der Dominanten. Gerade das sahen die Dominanten als Gefahr - und schließlich als Notwendigkeit, sich ihrer zu entledigen.

derStandard.at: Warum interessierte man sich für die böhmische Küche, wenn doch das Böhmische an sich nicht geschätzt wurde?

Csáky: Das ist ja auch heute so: Man schimpft allgemein über Italiener, und geht dann ums Eck Pizza-Essen. Die Küche ist eine Art der nonverbalen Kommunikation. Und das Nonverbale war schon immer immuner gegenüber Nationalismen als das Verbale.

derStandard.at: Ist das nicht eher ein Ausdruck der Wiener "Wurschtigkeit"?

Csáky: Nicht nur. Nehmen Sie die Musik, die ja auch Teil des Nonverbalen ist: Das heutige Wien verkauft sich touristisch mit Walzer, Polka, Mazurka, Csardas, Quadrille - beispielsweise beim Neujahrskonzert. Natürlich hat man die Polka immer mit Tschechien assoziiert, die Mazurka mit Polen, den Csardas mit Ungarn - aber trotz der negativen Aspekte im politischen Bereich, wo gestritten und unterdrückt wurde, wurde hier bewusst dieses "Fremde" rezipiert. Ich werte das als subversiven Protest einer jungen Generation gegen eine Politik, die sie ablehnt - wie es ja auch in der Popmusik der 60er-Jahre passierte.

derStandard.at: Warum führte Wien um 1900 eigentlich so exakte Statistiken darüber, wie viele ImmigrantInnen in der Stadt lebten?

Csáky: Man wollte die Gefahr bannen. Das war ja ein Mahnzeichen: "So viele Fremde sind heute in Wien". Es gibt alte Wienerlieder, die besingen, dass die Wiener nicht mehr in Wien zuhause wären, dass die tschechischen Arbeiter Wien zerstört hätten. Dazu muss man wissen, dass die tschechischen Arbeiter die Wiener Ringstraße erst aufgebaut haben. Und die Wiener haben das umgedreht, und haben nostalgisch das "alte Wien" besungen.

derStandard.at: Wie wirkte sich der Zwang zur Assimilation langfristig aus?

Csáky: Vor allem bei den Wienern hat es ein sehr gebrochenes Selbstverständnis zur Folge, das es auch heute noch gibt. Die Erkenntnis, dass man abstammungsmäßig bis heute sichtbar von Fremdheit durchsetzt ist, hat eine unglaubliche kritische, ironische Selbstreflexion zur Folge, und auch eine zutiefst verankerte Xenophobie. Dieser Fremdenhass richtet sich nicht nur gegen die Zugewanderten, sondern auch gegen das eigene Ich, das ja durchsetzt ist mit Fremdheit - man blättere nur durchs Wiener Telefonbuch.

derStandard.at: Wiederholt sich die Geschichte heute?

Csáky: Ich würde nicht "wiederholen" sagen, aber es gibt eine auffallende Ähnlichkeit. Und wenn jemand sagt, die Migranten früher hätten sich integriert, dann sage ich: Ob das auf Dauer, über Jahrhunderte hinweig, so bleibt, bezweifle ich. Man kann niemanden zwingen, Deutsch zu sprechen.

derStandard.at: Wo ist das Problem, wenn man Zugewanderten Deutschkenntnisse abverlangt?

Csáky: Um hier wirtschaftlich zu reüssieren, muss man Deutsch sprechen, das ist offensichtlich. Aber dass alle perfekt Deutsch können müssen, geht zu weit. Je mehr ich jemanden zwinge, eine andere Kultur zu übernehmen, umso mehr wird er sich seiner Andersartigkeit erst bewusst werden. Das heißt: Das Sich-Zurückziehen in die eigene Gruppe ist eine Reaktion auf die Zwangs-Assimilierung. (Maria Sterkl, derStandard.at, 15.11.2009)

Zur Person

Moritz Csáky ist Historiker und Kulturwissenschafter. Bis 2001 leitete Csáky das Institut für Geschichte an der Universität Graz, er ist Mitglied der Österreichischen Akadamie der Wissenschaften.

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jerry springer
08.08.2010 20:32
ein wenig spät...

...aber ich googelte auf ziegelbem, ich las keine zeitung: ein feines interview, das einen detaillierten einblick ins wir-und-sie gewährt, die tradition von elias etablierten und außenseitern ins wienerische licht gerückt. sehr schön.

Mirstetta Toni
25.11.2009 15:01

also was der alte mann so alles findet; polka, csardas und mazurka aber ntürlich keinen walzer!

alle schimpfen auf italiener; ich kenn niemanden. ganz im gegenteil!

man kann keinen zwingen deutsch zu sprechen; das muss man auch nicht. sollte aber eine selbstverständlichkeit sein.

die typische wiener küche; dürfte wohl grösstenteils aus der kuk zeit stammen.

Robart
 
24.11.2009 14:20

"nach dem Ersten Weltkrieg gingen an die 200.000 von ihnen nach Tschechien zurück"

erst warens 500 000 von 1.7 Mio. dann krieg verloren und weg waren sie. solange es etwas zu holen gab sind sie geblieben... ich kann mir schon vorstellen warum viele wiener sie nicht wollten ;)

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"Csáky: Das ist ja auch heute so: Man schimpft allgemein über Italiener, und geht dann ums Eck Pizza-Essen. Die Küche ist eine Art der nonverbalen Kommunikation."

1. sind heute italiener ins sachen migration kein thema

2. pizza komm aus den USA

wenn ma scho das schnitzlthema hervorheben müssn!

Robart
 
25.11.2009 15:18

gut pizza kommt aus neapel. trotzdem finde ich den vergleich nicht gut. türken und kebab wäre schon besser.

schimpft die allgemeinheit wirklich über italiener? ich meine mehr als über zB russen oder franzosen?

Mirstetta Toni
25.11.2009 15:02

pizza kommt aus neapel!

Hamit_Hatemi
19.11.2009 15:04

1. "Man musste schwören, den "deutschen Charakter" der Stadt zu verteidigen"

Wer muss das heute noch machen?

2. Aha.. man braucht also nicht sehr gut Deutsch können? Was ist das für eine Aussage?
Ich bin entsetzt!

25.12.2009 14:44
in den USA...

da muss man auch so einiges schwören, wenn man eingebürgert wird!
das ist ja nicht unüblich auf dieser welt.
nur zwischen nordsee und karawanken wird gleich ein schwarzes bärtschen aufgemalt.
( vom nahen und mittleren osten red ich erst gar nicht)

Fritz Wunderlich
18.11.2009 15:18

und die schwierigkeiten der heutigen tschechischen minderheit, genügend nachwuchs für ihre schule zu finden, bei solchen assimilierten aus favoriten wie hojac

fibiundchillie
20.11.2009 11:09

ja und nein. die schulen des komensky-vereins blühen, bitte sehr, seit die grenze offen ist.
das ist zwar nicht die Wiener/österreichische tschech. Minderheit, aber als Europa-Gschicht doch was Schönes.

Fritz Wunderlich
18.11.2009 15:17

da fehlt auch noch die zeit zwischen 39 und 45
watzlawick

Topfenbaby
18.11.2009 18:46
Meinen's jetzt den Paul oder den Waldheim?

fibiundchillie
17.11.2009 13:32

empfehle den Artikel "und sie verstehen sich doch", h.o., in unserem überallhöchstzuverehrenden standard, Abteilung Wissenschaft-Welt.

Fritz Wunderlich
18.11.2009 15:12


bis auf diese monokausalität:
Das Sich-Zurückziehen in die eigene Gruppe ist eine Reaktion auf die Zwangs-Assimilierung
denn da setzt er voraus, dass einige überhaupt aus der eigenen gruppe ausgezogen sind, vorher

KingKong Number 1
 
17.11.2009 12:12
Nicht jeder Vergleich der hinkt

Zwangsverheiratungen nach Karlsbad kamen nicht vor; die böhmisch-mährischen Landestöchter waren bei den "deutschen" Männern sehr begehrt, weil sie - huch ich Chauvieschwein - excellent kochen konnten. Zusammengefasst: wieviele ostanatolische Bräute sind mit Urösterreichern verheiratet?

orso minore
17.11.2009 11:46

Weil hier viele meinen dass dieser Assimilationsdruck gut war: waere es schlecht wenn Wien heute eine zweisprachige Stadt (deutsch/tschechisch) waere, so wie etwa Bruessel, Barcelona oder Bozen?

insertnamehere
 
19.11.2009 15:30
Damit hätten wir den Assimilationsdruck auf EINE Gruppe von zu Zeiten der Monarchie doch etlichen genommen.

Und wenn Wien zweiSTELLIGsprachig wäre, würden sich die Wiener kaum mehr untereinander verständigen können und die Papiererzeugung wäre gemeinsam mit dem (ehemaligen) Setzer- und Druckergewerbe der größte Industriezweig Österreichs.

Österreichische Tastaturen wären wohl ca. einen Meter breit.

Samantha Mulder
18.11.2009 16:39

Belgien ist wirklich kein gutes Beispiel. Das Land ist kurz vor der Spaltung, und die Flamen und Wallonen hassen einander.

Promille Prolet
18.11.2009 12:13
kommt drauf an

wie würde sich ein nichtwiener gscherter in wien fühlen, wenn alle wiener zweisprachig sind und er nicht... und sagen sie ihm jetzt nicht, dann muß er halt tschechisch lernen. weil sonst müßte er auch slowenisch in kärnten und deutsch in innsbruck lernen :-)

Der Unkurze
18.11.2009 11:29

es wäre nicht schlecht wäre wien zweisprachig, nur stellt sich die frage, wenn es sich so entwickelt hätte, würde das zusammenleben so reibungsfrei klappen, oder gäbe es in wien dann zwei lager (ok mittlerweile wohl 3 oder 4)

Jürgen Rembremerding
 
18.11.2009 08:09
Brüssel ist nur formal zweisprachig

Faktisch frankophon.

rooz
18.11.2009 18:04
Nein, das stimmt nicht.

Es gibt sogar noch eine dritte Sprache in Brüssel, wissen aber nur Menschen, die Brüssel gut kennen.

Jürgen Rembremerding
 
20.11.2009 08:08
Echte Frage:

Welche ist das?

Topfenbaby
18.11.2009 07:23
Was daran schlecht wäre?

Dann hätten wir vorgestern tschechisch lernen müssen, gestern serbokroatisch, heute türkisch und morgen müßten wir uns zusätzlich noch mit diversen afrikanischen Dialekten herumschlagen.

Für babylonische Sprachverwirrung besteht kein Bedarf.

H. C. Schnackerl
18.11.2009 10:17

stimmt: vielen österreichern ist die kompetenz, selbst nur eine einzige fremdsprache halbwegs zu beherrschen, kaum zuzutrauen.

Topfenbaby
18.11.2009 13:51
Genau so ist es!

Deswegen ist es mir lieber, wenn der durchschnittliche Österreicher statt böhmisch und türkisch anständig Englisch lernt.
Mit Englisch kann man sich wirklich fast überall verständigen, nicht nur in Kreuzberg, Ankara oder Prag.

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