Hans Pechar

Der Sozialstaat als Totengräber der Universitäten?

10. November 2009, 19:44
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    foto: apa

    Tod durch Fremdverschulden evident, "Hacklerregelung" auf der Fahndungsliste, Alibi brüchig.

So berechtigt die Kritik an den "Auswüchsen" des Austro-Wohlfahrtssystems auch ist: Hohe Standards sozialer Sicherheit und eine angemessene Bildungsfinanzierung sind kein Widerspruch an sich - Ein Modellvergleich

In mehreren Kommentaren zu den Studentenprotesten hat Hans Rauscher die falsche Prioritätensetzung bei den öffentlichen Ausgaben kritisiert. Zugespitzt: die Unsummen, die die Regierung für die Hacklerregelung und andere Auswüchse eines reformresistenten Sozialstaats aufwendet, fehlen ihr bei der Hochschulfinanzierung. Das stimmt, allerdings hat Rauschers Argumentation eine generelle Schlagseite gegen den Sozialstaat. Ein Blick auf unterschiedliche Modelle zeigt aber, dass hohe Standards sozialer Sicherheit mit einer angemessenen Finanzierung der Bildung durchaus vereinbar sind. Nicht der Sozialstaat an sich steht einem Um- und Ausbau tertiärer Bildung im Wege, sondern eine bestimmte, in Österreich dominierende Variante.

Die in der vergleichenden Politikforschung einflussreichste Typologie sozialer Sicherungssysteme stammt vom dänischen Soziologen Gøsta Esping-Andersen. Er unterscheidet "liberale" (die angelsächsische Welt), "konservative" (die meisten Länder des europäischen Kontinents) und "universalistische" (die nordischen Länder Europas) "Wohlfahrtsregime". Das liberale Modell betont individuelle Verantwortung und betrachtet Sozialleistungen als Armenhilfe, die den Lebensstandard oberhalb der Respektabilitätsgrenze nicht sichern kann. Es vertraut darauf, dass soziale Wohlfahrt primär durch die unsichtbare Hand des Marktes hergestellt wird.

Die beiden anderen Modelle bieten einen stärkeren Schutz gegen die Risiken des Marktes, freilich auf sehr unterschiedliche Art. Das konservative Wohlfahrtsregime sichert Statuserhalt in Risikolagen. Anrechte auf Leistungen werden primär über Erwerbstätigkeit erworben. Das Niveau sozialstaatlicher Leistungen ist hoch, aber statusbezogen, daher ist die Umverteilungswirkung gering. Das universalistische Wohlfahrtsregime strebt eine vom Markteinkommen unabhängige Sicherung der gesamten Bevölkerung auf hohem Niveau an. Anrechte auf sozialstaatliche Leistungen werden großteils über den Bürgerstatus erworben. Hier ist die Umverteilungswirkung am größten.

Diese Wohlfahrtsregime unterscheiden sich auch hinsichtlich der für die Wissensgesellschaft maßgeblichen Merkmale ihrer Bildungs- und Innovationssysteme. Bildet man etwa für die drei Ländergruppen aggregierte Pisa-Werte, dann schneiden das universalistische und das liberale Regime besser ab, als das konservative. Bei der tertiären Bildung setzt sich dieses Muster fort: Die konservativen Länder haben niedrigere Partizipations- und Absolventenquoten, als die beiden anderen Gruppen. Die Dominanz der angelsächsischen Universitäten in der Forschung wird man auch dann schwer bestreiten können, wenn man globale Rankings nicht für bare Münze nimmt. Wenn man diese Rankings nicht nach dem Muster "The Winner Takes All" interpretiert, sondern auf größere Reputationscluster achtet, wird auch das gute Abschneiden der nordischen Länder deutlich. Insgesamt haben sie (bei etwa der dreifachen Bevölkerung Österreichs) beim Shanghai Ranking sieben Universitäten unter den Top 100 (Österreich: null), beim Times Ranking elf Universitäten unter den Top 200 (Österreich: eine).

Und schließlich - die Leistungsunterschiede fallen ja nicht vom Himmel - die Hochschulausgaben: sie sind bei den liberalen Ländern sehr hoch, vor allen in den USA (2,9 % des BIP) und Kanada (2,6 %). Auch die meisten nordischen Länder liegen deutlich über dem OECD-Schnitt (Dänemark und Finnland je 1,7 %). Die Ausgaben der konservativen Länder hingegen stagnieren um bzw. unter dem OECD-Durchschnittswert (Österreich: 1,3 %). Bei der Finanzierung springt zugleich der Unterschied zwischen der liberalen und der universalistischen Ländergruppe ins Auge: Erstere kombiniert durchschnittliche öffentliche Ausgaben mit hohen Studiengebühren. Letzterer erlaubt die hohe Steuerquote eine rein öffentliche Hochschulfinanzierung auf hohem Niveau.

Woher kommen die Schwierigkeiten der konservativen Wohlfahrtsstaaten, ihre Bildungs- und Innovationssysteme in Richtung Wissensgesellschaft umzustellen? Der Schlüssel liegt in ihrer statuserhaltenden Logik. Sie bieten Schutz vor Armutsrisiken, konservieren aber zugleich - stärker als die beiden anderen Modelle - historisch gewachsene Ungleichheiten in der sozialen Schichtung und der berufsständischen Gliederung. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle. Vor allem in den deutschsprachigen Ländern sind Schulen und Universitäten darauf ausgerichtet, der Bildungsschicht die Statusvererbung zu erleichtern. Auf der Sekundarebene halten wir an einer verfrühten Schultypendifferenzierung fest und auf der tertiären Ebene an Hochschulstrukturen, die nicht auf Massenpartizipation ausgelegt sind. Das Motto lautet: Schuster, bleib bei deinem Leisten (mit dem Zusatz: keine Angst, unser hohes sozialstaatliches Niveau sichert auch den bildungsfernen Schichten ein gutes Leben).

Mit dieser Philosophie sind wir in der Blüte des Industriesystems nicht schlecht gefahren. Doch die Umstellung auf die postindustrielle Wissensökonomie fällt uns schwerer, als den beiden anderen Wohlfahrtmodellen, in denen Bildung nicht in derselben Weise der Statusreproduktion dient. In den liberalen Ländern, weil der Markt vor Standesdünkel keinen Respekt kennt. In den universalistischen, weil Bildung stärker egalitär geprägt ist. Beide Modelle haben eine hohe Innovationsdynamik, die bei den liberalen Ländern freilich mit relativ hoher sozialer Ungleichheit einhergeht. Der konservative Wohlfahrtstypus hingegen kombiniert gute soziale Absicherung mit geringer Innovationskraft. Das drückt sich in den falschen Prioritätensetzungen aus, die Rauscher zu Recht kritisiert.

Wenn wir aus diesem Muster ausbrechen wollen, wird sowohl das konservative wie das sozialdemokratische Lager einige heilige Kühe schlachten müssen. (DER STANDARD-Printausgabe, 11.11.2009)

 

Zur Person:

Hans Pechar leitet das Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung an der Universität Klagenfurt.

Kommentar posten
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che flash
 
03
12.11.2009, 00:26
Ich schließe mich meinen Vorpostern an

Endlich mal eine vernünftige Argumentation. Nach dem, was diverse Uniprofs im Kommentar als Andere schon verzapft haben.

Umverteilung ist angesagt! Sicherheit fördert Innovation, nicht das Gegenteil, wie es uns die WK immer weis machen will.

derdon
03
11.11.2009, 22:35

Ausgezeichneter Kommentar, vielen Dank!

Animal Spirits
35
11.11.2009, 14:53
Endlich mal eine sachliche Wortmeldung zu diesem Thema.

Stefanie Haberl
019
11.11.2009, 13:28

äußerst interessante Gedanken. Vielen Dank!

Politicus1
153
11.11.2009, 13:15
bei Betrachtung der "AudimaRxisten"

...sehe ich vorwiegend künftige (oder auch schon derzeitige?) Sozial- und Notstandhilfebezieher vor mir.
An welcher Fakultät wird dieses Studium angeboten??

Protagoras v. Abdera
12
11.11.2009, 16:11
In der Fakultät "vita activa"

The Dark
12
11.11.2009, 15:45
sagen wir eher so

es gibt jetzt schon genung Leute mit Uniabschluss die dann als Taxifahrer enden. Diese Zahl wird sich dann halt noch erhöhen falls man wirklich die Akademikerquote extrem erhöht.

Wir haben jetzt auch in unserer Firma wieder eine mit abgeschlossenem Französischstudium in der Buchhaltung sitzen. Verdient jetzt etwas mehr als eine Handelsschülerin...

derbrain
00
19.11.2009, 00:25

Ja und? Sie hat eine Sprache studiert, die ihr gefällt. Das nennt sich Bildung (statt Ausbildung) und ist ja einer der Kernpunkte der Proteste.
Mal anders rum gesehen: Der Arbeitsmarkt ist in gewissen Bereichen ohnehin gesättigt. Wir haben zu wenig Lehrstellen, 400.000 Arbeitslose, schicken massiv Beamte in die Frühpension, aber fordern von den Studierenden "geht's was arbeiten"??? Was denn bitteschön? Diese Situation wird sich in Zukunft noch verschärfen, Stichwort Automatisierung, Rationalisierung und Effizienzsteigerung.
Wir können froh sein, dass diese 300.000 Studis nicht zusätzlich den Arbeitsmarkt belasten.

/. nerd
 
23
11.11.2009, 13:09
Zu viel Weitsicht für österreichische Verhältnisse

Abgesehen von Pechar wird die Debatte zwischen den Polen "Humboldt für alle" und "selektiv, selektiver, Elitenvererbung durch Zugangsbeschränkungen und Gebühren" geführt.

Die einen weigern sich zuzugeben, dass das Humboldt-Ideal nur unter der Bedingung einer gesamtgesellschaftlich irrelevanten Universität mit verschwindend geringen Studierendenzahlen und hochprivilegierten Absolventen funktionieren kann.

Die anderen sind ebenfalls Humboldt-Fans, stellen aber weniger den emanzipatorischen, sondern den Prestigeeffekt in den Vordergrund. Dieses Prestige muss durch künstliche Verknappung erzeugt werden. Mit "Leistung"-Rhetorik wird aus immer härterer Disziplinierung - Wissenserwerb irrelevant - ein Anspruch auf spätere Privilegien hergeleitet

/root
45
11.11.2009, 12:44

hans pechar zitiert PISA und diverse rankings als wären diese wissenschaftlich seriös.

somit verbleiben wir...
51
11.11.2009, 16:02

ändert nichts daran, dass:
- unsere unis qualitativ am sand und überlaufen sind
- unsere schüler im internationalen vergleich abloosen

graeslein
 
01
14.11.2009, 03:24

abloosen, welch interessanter Neologismus..

Sollte er von "to lose" kommen, also "verlieren", "einbüßen", wäre dieses Wort mit einem "O" zu schreiben, wobei ich nicht wirklich weiß, was "abverlieren" bedeuten soll. "Abverlieren" ist ja ein Widerspruch in sich, denn "ab" im Sinne von "weg" würde in diesem Fall einer doppelten Negation gleichkommen und daher "Nichtverlieren" bedeuten...

"To loose" mit 2 "O" bedeutet auf Deutsch "losen" und ergäbe überhaupt keinen Sinn.

So viel zu Pisa ;-)

/root
00
11.11.2009, 16:44

die unis sind nur dann "überlaufen", wenn wir die zahl der lehrkräfte als die höchstmögliche ansetzen. wir brauchen mehr lehrkräfte und mehr e-learning.

M.M
 
02
11.11.2009, 15:44
wie GENAU diese rankings sind...

...sei dahingestellt, allerdings kann es kein ZUFALL sein dass oesterreich's universitaeten bzw die oesterreichische schulbildung in ALLEN rankings total schlecht abschneiden...

/root
12
11.11.2009, 15:57

natürlich ist das kein zufall. es liegt daran, was wie gezählt und gereiht wird. und die gängigen methoden bevorteilen sehr gut ausgestattete, großteils angloamerikan. unis, die sich auf die forschung konzentrieren, nicht auf die lehre. ich kann jederzeit eine ähnlich seriöse ranking-methode basteln, durch die österreichische unis hoch gereiht werden. siehe auch PISA. finnland, bei PISA hoch gereiht, hat selbst auf die eklatanten schwächen der PISA-studien hingewiesen.

M.M
 
00
11.11.2009, 16:04
damit moegen sie definitiv...

...einen punkt getroffen haben - und ich stimme ihnen zu. Diese studien, die angloamerikanische unis bevorzugend bewerten, fokusieren anscheinend eher auf bildung und wissenschaft, wo doch unsere unis eher auf ausbildung spezialisiert sind.
Die frage die man sich stellen dann stellen koennte: ist das, was wir von unseren unis erwarten? eine ausbildung? ist das der urspruenliche gedanke der unis?

/root
02
11.11.2009, 16:15

diese "studien" fokussieren auf output: möglichst viele veröffentlichungen in sogenannten high impact journals, eingeworbene drittmittel etc. an unseren unis gibt es faule säcke, die überdies den nachwuchs behindern, stimmt, aber es geht soviel zeit für lehre, studibetreuung, gremien, intrigen etc. auf, daß für forschung oft zu wenig zeit bleibt. die neuen studienordnungen verschlimmern diese situation.
die unis brauchen mehr geld für mehr personal für bessere studibetreuung (und vielleicht geht das tatsächlich nicht ohne studiengebühren). wenn noch die nachweislich faulen, und womöglich intriganten säcke zugunsten von leuten ausscheiden würden, die für wissenschaft brennen, dann wäre sehr viel gewonnen.

somit verbleiben wir...
50
11.11.2009, 16:04

was du betreibst ist die totale augenauswischerei. es geht nicht um die studien sondern darum, dass dringender handlungsbedarf besteht. aber ihr konservativen wollt ja immer nur alles bewahren, deswegen polemisiert ihr auch immer gegen studien, deren ergebnis reformen fordern würden.

/root
00
11.11.2009, 16:50

ja, es besteht dringender handlungsbedarf. welche reformen möchten sie denn?
ich - ein konservativer! :D das muß ich meinen studis erzählen.
ich habe den eindruck, ihnen liegt nichts an wissenschaftlicher seriosität.

Radio Eriwan
00
11.11.2009, 15:13
Danken Sie Claudia, die hat PISA in ein Gesetz schreiben lassen

Und damit die freien (österreichischen) Universitäten aus dem (Bildungsforschungs)Rennen geworfen.

/root
13
11.11.2009, 15:32

die mißachtung wissenschaftlicher seriosität findet sich bei allen parteien und möglicherweise in allen ministerien. relativ neu ist, diese mißachtung zur öffentlichen befriedigung masochistischer bedürfnisse zu nutzen.

Dr. Muffel
22
11.11.2009, 14:27

Bin ganz Ihrer Meinung.

nebelwischer nebelwischer
06
11.11.2009, 12:17

Danke! Ein sehr interessanter Artikel, über den man viel nachdenken kann.

Orakel1
62
11.11.2009, 11:54
Herr Pechar liefert keine hervorragende Analyse.

Er betreibt eine selektive Auswahl von allgemein nachlesbaren Aussagen. Mit dem Ziel, ein Resultat für seine Ideologie zu liefern. So vergißt er, dass mehr als die Hälfte der amerikanischen Ausgaben private Mittel sind. Und alle Ausgaben nicht kaufkraftbereinigt sind. Das sind gravierende Mängel, die den Wert der Aussagen wesentlich mindern. Auf jeden Fall von Objektiviät ist Herr Pechar weit entfernt

The Dark
00
11.11.2009, 14:34
und was spricht dagegen

dass auch in Österreich Ausgaben von Privaten getragen werden?

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