In der Sackgasse

10. November 2009, 19:04

Obamas Kühle gegenüber Netanjahu wird Palästinenserchef Abbas nicht retten

Diesmal wird es auch die israelische Rechte schwer haben, den Besuch von Premier Benjamin Netanjahu bei Barack Obama als Fest der ungetrübten Freundschaft zu verkaufen, bei dem der US-Präsident vor laufenden Kameras eben ein bisschen wild tun muss, aber hinter den Kulissen aus dem Lächeln nicht mehr herauskommt. Die Beziehungen zwischen den USA und Israel sind angeschlagen. Dass Obama - warum auch immer - die Siedlungsstopp-Fahne nicht mehr vor sich herträgt, heißt nicht, dass er sich mit Netanjahus Politik abgefunden hat.

Und er ist das offenbar wieder zu zeigen bereit, im Gegensatz zu Außenministerin Hillary Clinton vor zehn Tagen in Jerusalem. Die New York Times schreibt, dass Clinton von Netanjahu verlangt habe, in die Richtlinien für die Verhandlungen mit den Palästinensern einen Hinweis auf die 1967er-Grenzen und Ostjerusalem aufzunehmen. Netanjahu verweigerte - und erntete dennoch öffentliches Lob von Clinton. Was den resignativen Tendenzen von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas den letzten Schub gegeben haben dürfte.

Aber auch bei anderen verfängt Netanjahus Beteuerung, dass Friedensverhandlungen sein allerinnigstes Anliegen sind, nicht so gut. Frankreich zeigt sich besonders erbittert, Außenminister Bernard Kouchner zweifelte am Dienstag Israels prinzipiellen Friedenswillen an. Sogar der unerschütterliche Freund Deutschland zeigt Ermüdung. Tatsächlich ist Netanjahus demonstrierter Verhandlungswille mit einer Reihe von A-priori-Neins gespickt. Alles, was hinter den Kulissen in den letzten Monaten der Bush-Regierung im sogenannten Annapolis-Prozess erreicht wurde, soll wieder vom Tisch sein. Sein "ohne Bedingungen" heißt, gar nichts gilt mehr - für Israel.

Noch immer laufen die Spekulationen, ob Abbas seine Ankündigung, bei Wahlen nicht mehr antreten zu wollen, rückgängig machen oder auch einfach die Wahlen absagen und Präsident bleiben könnte. Aber gleichzeitig taucht die Sorge auf, dass die Palästinenserbehörde als Ganzes kollabiert. Vielleicht möchten ja jene Personen aus dem Umkreis Abbas', die diese Möglichkeit in fast konzertierter Manier ansprechen, nur den Druck auf jene erhöhen, die auf Abbas nicht verzichten möchten. Aber ganz vom Tisch zu wischen ist das nicht.

Abbas ist eine Säule von Obamas Nahostpolitik, ein Ersatz ist schwer zu finden. Einem Teil der israelischen Regierung wird er nicht als der vielgepriesene Friedenspartner abgehen - nicht alle wollen einen solchen -, sondern vor allem als verlässliches Bollwerk gegen die Hamas. Da könnten in der Tat die Fronten in Bewegung geraten, wenn die alte Garde nicht mehr am Ruder ist.

Abbas erlebt sich selbst zunehmend als - unbelohnten - Garanten für einen Status quo. Wenn es nicht einmal dem US-Präsidenten gelingt, etwas mehr für ihn herauszuholen - statt eines Baustopps gibt es eine zeitlich begrenzte "großzügige Beschränkung" (so beschrieb ein israelischer Offizieller Netanjahus Botschaft an Obama) auf 3000 Wohnungen -, worauf sollte der alte Mann dann wirklich noch warten? Was soll er seinen Wählern sagen?

Fünfzehn Jahre ist die Palästinenserbehörde ihrerseits nun alt. Zu ihrem Scheitern haben viele - in einem großen Ausmaß auch sie selbst - beigetragen. Vor allem aber liegt ihm die prinzipielle Uneinigkeit darüber zugrunde, wozu sie geschaffen wurde - ob sie die Palästinenser in einen Staat führen sollte und in was für einen. Den berechtigten Fragen Israels zu den palästinensischen Absichten und Fähigkeiten stehen ebenso berechtigte palästinensische Fragen gegenüber. Abbas scheint sie für sich beantwortet zu haben. Obamas Kühle gegenüber Netanjahu wird daran auch nichts ändern.(Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 28
1 2
FloW ERlebnis
01
11.11.2009, 16:10
Der NYTimes-Friedman vertritt mittlerweile einen recht abrupten Standpunkt:


http://www.nytimes.com/2009/11/0... .html?_r=1

'If the status quo is this tolerable for the parties, then I say, let them enjoy it. I just don’t want to subsidize it or anesthetize it anymore. We need to fix America. If and when they get serious, they’ll find us. And when they do, we should put a detailed U.S. plan for a two-state solution, with borders, on the table. Let’s fight about something big.'

superloser
134
11.11.2009, 14:05
Sehr schön. Der steinige Weg zum holprigen Frieden muss kritisch begleitet werden!


Nur gerät die kritische Begleitung vom Kurs ab, wenn nicht auch die Friedenswilligkeit der Palästinenser mal etwas strenger unter die Lupe genommen wird - was vor allem bei Frau Harrer vermisst wird.
Die mörderischen Aktivitäten der Mörderbanden von Hamas und Fatah (in Form u.a. der Al-Aksa-Brigaden) werden im Gegenzug zu den Wohungsbauaktivitäten Israels in aller Regel mit Fingerspitzen und Samthandschuhen angefasst.

Erschlägt die Hamas im Gazastreifen Frauen, die unverschleiert und alleine durch die Straßen laufen, weiß Frau Harrer nichts zu sagen.
Verlegt hingegen Israel einen Teppich in Ostjerusalem oder tapeziert eine Wand, könnte man meinen, eine schlimmere völkerrechtliche Entgleisung ist nicht mehr möglich.

lewin-__-
12
11.11.2009, 08:47
toller artikel!

sehr gut, frau harrer. ich denke, die zeilen bringen die gegenwärtige stimmung sehr gut auf den begriff.

Ava Tar
68
11.11.2009, 06:20
Abbas

hat die gewählte Mehrheit von der Regierung abberufen und zugeschaut, wie Israel die Minister eingesammelt und ins Gefängnis gesteckt hat

Er hat amerikanische Waffen in den Gazastreifen verbracht um dort mit Gewalt seine Diktatur durchzusetzen

Er ist seit Jahresbeginn nicht mehr Präsident und tut so, als hüpfe die Verfassung seine Sperenzchen locker mit

Dieser Mann hat den Volkwillen ignoriert und das Gesetz gebrochen, und das weiß das Vahlvolk natürlich, die sind ja nicht blöd

Mag er Rückhalt bei Obama haben, bei Peres, Sarkozy - in der eigenen Bevölkerung gilt er als Verräter.

Pefo
22
11.11.2009, 15:39

Interessant, Ava Tar,

wäre zu wissen, woher Sie die Kenntnis über "den Volkswillen" der Palästinenser im WJL haben.
Könnten Sie mir bitte, so nebenbei, "den Volkswillen" der Österreicher kundtun?

superloser
11
11.11.2009, 21:33

Das ist halt das Dilemma mit den antiimperialistischen Freunden des Volkswillens und -empfindens. Ob Haider oder Ava Tar - im Endeffekt die selbe Soße.

Ava Tar
00
11.11.2009, 18:39

Nehmen Sie das jeweils letzte Wahlergebnis, Pefo, so wie die Verfassung es vorsieht

und fragen Sie immer gern, wenn Sie etwas nicht verstehen

Pefo
00
12.11.2009, 07:45

Also, Ava Tar,

ich bewundere Sie, denn es ist tatsächlich ein Kunsstück, in einem Posting von knapp 2 1/2 Zeilen so viele Fehler unterzubringen.
Palästina hat keine Verfassung. Was Sie meinen könnten ist eine Resolution der PLO noch unter Arafat, die nicht einmal dem Parlament vorgelegt worden ist und Passagen enthält, die "unserem" ehemaligen Kriegsermächtigungsgesetz aus einer unglückseligen Zeit ähneln.
Die letzten Wahlergebnisse sind klar, die letzte Wahl zum Präsidenten gewann Abbas, die letzte Wahl zum Abgeordnetenhaus gewann im WJL die Fatah.
Jetzt erklären Sie bitte, was Ihr Posting hat aussagen sollen!

Ava Tar
00
13.11.2009, 05:22

Lieber Pefo,

wenn Sie auf Wikipedia "Palästinensische Autonomiebehörde" gucken, denn finden Sie

1) das letzte gültige Wahlergebnis (2006, Mehrheit Hamas)
2) unten einen Link zur palästinensischen Verfassung (englisch)

Wenn Sie leugnen, daß
1) das die letztgültige Wahl war
2) es eine Verfassung gibt
3) das Mandat der Wahl des Herrn Abbas lange abgelaufen ist

dann ist das wieder mal die übliche Geschichtsfälschung von euch ewiggestrigen Burschen hier im Forum

Schönen Tag noch^^

meanAngus
00
11.12.2009, 20:38

Jeder der hirnlos Wikipedia zitiert, nicht weiß wann eine Verfassung eine Verfassung ist (Stichwort Ratifizierung) und in einer fanatisierten Hamas-Gesellschaft mit pseudoromantischem Geschwätz über den Volkswillen aufwartet kann einfach nur ein Vollidiot sein

Pefo
00
13.11.2009, 17:09

Ich kenne, Ava Tar,

diese "Verfassung", sie wurde aber nie ratifiziert, somit ist sie nicht mehr wert als der Nichtangriffspakt zwischen Stalin und Hitler war.

Hätten Sie mein Schreiben gelesen, hätte Ihnen auffallen müssen, daß ich vom WJL sprach- und dort hatte Abbas die Mehrheit.

Vielleicht sollten Sie recherchieren, bevor Sie Verdächtigungen aussprechen.
Wenn jemand ewiggestrig ist, dann wohl derjenige, der für Gewalt eintritt, also Sie.

Com Pirx
11
10.11.2009, 22:05

Abbas will nicht gerettet werden. Er will in Pension gehen und die Aufgabe an die nächste Generation weiterreichen.

De Gaulles Diktum, wonach die Friedhöfe voll sind mit unersetzlichen Menschen, wäre ein passender Sinnspruch für alle, die jammern, dass Abbas das große unvollendete Werk doch jetzt nicht so einfach allein lassen könne.

vrbovan
26
10.11.2009, 19:51
"Angeschlagen"? Keineswegs sagt Emanuel

Kaum ist Gudrun Harrers Kommentar über die “angeschlagenen” Beziehungen zwischen den USA und Israel erschienen, hat Obamas Stabschef Rahm Emanuel vor 3000 Vertretern der jüdischen
Gemeinschaft der USA auch schon dementiert. Die Beziehungen sind „unerschütterlich“ und die USA werden Israel auf dem Wege zum Frieden „Schritt für Schritt“ beistehen. Ein Beweis dafür : die ersten der F-35 Kampfflugzeuge waren gerade unterwegs nach
Israel. Die Verschwiegenheit, der Mangel an Medialärm um das Obama-Netanyahu-Treffen hatte einen anderen Grund: man wolle Indiskretionen vermeiden. Und Bibi bestätigte : die Atmosphäre
war freundlich wie eh und je , die Bedeutung des Treffens wird erst später sichtbar werden.

Com Pirx
00
11.11.2009, 12:27

Naja, die israelischen Medien schreiben mittlerweile, dass die Begegnung eher ziemlich frostig verlaufen sein muss.

Georg Schütt
65
10.11.2009, 23:18
"Ein Beweis dafür : die ersten der F-35 Kampfflugzeuge waren gerade unterwegs nach Israel."

Unsinn.

Die F-35 ist nicht einmal in den USA einsatzbereit. Sie UASF bekommt im nächsten Jahr die ersten Flugzeuge.

Israel möchte 75 F-35 erwerben; die ersten 25 Maschinen sollen 2014 geliefert werden.

Georg Schütt
96
10.11.2009, 19:43
Ein vorzüglicher Artikel! - Es stellt sich aber die Frage, warum in den Friedensbemühungen fast ausschließlich Israel angesprochen wird, wo doch beide seiten berechtigte Anliegen haben und Fehler machen.

Liegt es daran, dass man lediglich bei Israel eine gewisse beeinflussbarkeit sieht, so dass man meint, nur dort etwas ändern zu können?

Abbas als Pfeiler der Obama-Politik zu betrachten heißt ja nichts anderes als zu gestehen, dass Politik dort nur an Personen, nicht aber an Institutionen und Verfahren geknüpft ist. Das ist doch die entscheidende Schwäche: dass auch nach 15 Jahren keine arbeits-, also kein politikfähiger Palästinenserführung und -organisation besteht. Das muss man nun den Palästinensern ankreiden.

Obama erkennt eine Schwäche - aber er setzt nicht dort an. Solange man aber ausschließlich Israel ansprcht, wenn die Palästinenser ihre politisch-organisatorischen Hausaufgaben nicht machen, wird´s nicht vorangehen können.

Com Pirx
36
10.11.2009, 22:53

Sie sind also der letzte Mohikaner, der immer noch glaubt, dass die Autonomiebehörde nicht handlungsfähig ist. Im Gegensatz zu Ihnen fürchten die Israelis mittlerweile den umtriebigen palästinensischen Premierminister Fayyad und dessen Plan, innerhalb von zwei Jahren die internationale Anerkennung für einen einseitig ausgerufenen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 herbeizuführen.

Georg Schütt
62
11.11.2009, 07:01
Ich bin sicher, dass die Palästinenser ohren Staat nicht ausrufen werden - weil sie sich nicht einigen können, welche Grenzen er denn haben soll.

Wären es die Grenzen von 1967, müsste nämlich Israel anerkannt werden - und das ist bisher nie geschehen, und es gibt viele, die das nicht tun werden.

Beanspruchen sie das gesamte Gebiet, stellen sie sich politisch so sehr ins Abseits, wie es die Hamas 2006 tat, als sie die Anerkennung Israels verweigerte und dadurch international isoliert wurde.

Verstehen Sie jetzt, was es heißt, seine Hausaufgaben zu machen?

Juergen Hoffmann
 
00
11.11.2009, 18:11

Es gibt keine Grenzen von 1967, nur eine Waffenstillstandslinie, die 'Purpurnen Linie'! Dass Frau Harrer das nicht weiß, ok geschenkt, aber Sie? Sie wissen sicherlich, was ich meine.

Com Pirx
03
11.11.2009, 12:13

Die Autonomiebehörde will einen Staat in den Grenzen von 1967.

Es geht nicht darum, was die Hamas oder sonst eine Terrorgruppe sich alles wünscht. Die sind völkerrechtlich ein Niemand.

Georg Schütt
50
11.11.2009, 16:03
Nein.

Sie regieren in Gaza, und gegen die Hamas kommt keine Lösung zustande; selbst dann nicht, wenn sie bei den Wahlen ihre Mehrheit verlören.

Com Pirx
00
11.11.2009, 19:22

Fayyad kann sein Ding vor der UNO durchziehen, ganz egal was die Hamas in Hamastan macht oder nicht macht.

Georg Schütt
10
12.11.2009, 11:13
Sind Sie witklich so naiv?

Warum sollte sich Israel auf so etwas einlassen, wenn man nicht die Gewissheit hat, in Zukunft nicht mehr bekämpft zu werden?

Cogito Ergo Dumm
00
11.11.2009, 09:27
Die Fatah, bereits unter Arafat,

hat zugesagt Israel anzuerkennen. Nur die Hamas weigert sich und träumt vom Urzustand...

Herzerzog Johann
72
11.11.2009, 06:33
Es kann keinen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 geben, weil ...

... es 1967 keinen solchen gab.

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